| Schirrmachers Feindbilder |
| Dienstag, 5. Januar 2010 | ||||||
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Frank Schirrmacher mag es nicht, wenn man ihm vorwirft, in seinen Büchern mit primitive Feindbilder zu arbeiten, so wie das erfolgreiche Propagandisten in der Vergangenheit immer wieder getan haben.
Er mag es so sehr nicht, dass er sogar eine Einstweilige Verfügung gegen mich erwirkt hat, weil ich ihm genau dies vorgeworfen habe, und weil ich dazu ein Beispiel aus der jüngeren deutschen Geschichte bemüht habe, bei dem die Menschen in Deutschland ganz allgemein recht dünnhäutig sind, was sicher auch mit dem mangelnden Geschichtsbewußtsein und einem gewissen Unwillen zu tun hat, die eigene Geschichte wirklich zu verarbeiten. Schirrmachers bemüht immer wieder neue Feindbilder, zum Beispiel die Jungen (im "Methusalem-Komplott"), das sozial entwurzelte Präkäriat (in "Minimum") und eben die Digitaltechnik im Allgemeinen und das Internet im Besonderen in seinem neuesten Machwerk, "Payback", Ihm ist es im Grunde egal, wenn es nur der Auflage seiner Bücher dienlich ist. Feindbilder werden in der Regel aus niedrigen Motiven verwendet, meist politische. Bei Schirrmacher unterstelle ich hingegen eine Mischung aus Geltungsdrang und Profitgier, verkleidet als soziale Besorgnis. Alle paar Jahre so ein Buch, und du kannst das Gehalt von der FAZ in die Portokasse legen. Und man darf mit Jauch & Co. die Nase in die Kamera stecken oder der "BILD-Zeitung" ein Interview geben und dort sein wahres Niveau beweisen.
Mit genau diesen Methoden - Verallgemeinerung und Reduktion - arbeitet Frank Schirrmacher, etwa wenn er unbewiesene und unbeweisbare Tatsachenbehauptungen in den Raum stellt wie "Aufmerksamkeitsverlust und Blackouts kennt mittlerweile jeder", oder wenn er das krude Schreckgespenst der "Gehirnvermanschung" bemüht. Hauptsache Angstmachen, zum Beispiel mit Sätzen wie: "„Fast immer, wenn wir glauben, mit Menschen zu kommunizieren [treten wir] in Wahrheit in Wettbewerb mit den Maschinen", wo er geschickt die verborgenen Ängste vieler Leser anspricht, für die die „Machtübernahme durch die Maschinen“ ein uraltes Angstthema des Science Fiction ist, das nun durch Herrn Schirrmacher zu einer realen und präsenten Gefahr veredelt wird, rechtzeitig zum Kinmostart von "Avatar". Plumpe Volksverdummung, als besorgte Nachdenklichkeit verkauft: So, eine Damen und Herren, verkauft man Bücher! Die Aufregung in den Blogs und Zeitungsspalten über Schirrmacher hat sich etwas gelegt, der Schaden, den er angerichtet hat, wird bleiben. Viele vor allem Ältere, die es gerade geschafft hatten, sich einigermaßen angstfrei in der für sie fremden Welt des Internet zu bewegen, werden sich entsetzt zurückziehen. Chefs werden ihren Mitarbeitern den Internet-Zugang beschneiden, Facebook verbieten, E-Mails wieder ausdrucken lassen und die anstehenden Investition in vernetzte Unternehmenssysteme und Geschäftsprozesse zurückstellen. Sie werden sich auf Schirrmacher und die Notwendigkeit von "Entschleunigung" berufen. Der Standort Deutschland, ohnenhin etwas wackelig auf den Beinen angesichts der unaufhaltsamen Globalisierung der Wirtschaft und des Konkurrenzdrucks aus den vormaligen Drittweltländern wie China, Indien oder Brasilien mit ihren Heerscharen von jungen, hungrigen und vor allem äußerst internet-affinen Menschen, wird weiter zurückfallen. Und Herr Schirrmacher kann ja dann in ein paar Jahren vielleicht ein neues Buch schreiben. Wie wär's mit "Abgefahren - Warum Deutschland den Zug der Zeit und den Anschluß an die Zukunft verpasst hat." Ein Grund wird sein, weil Frank Schirrmacher ihnen davor Angst gemacht hat. Aber das wird er natürlich nicht reinschreiben. Er wird ein anderes Feindbild finden.
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| Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 5. Januar 2010 ) | ||||||