Schirrmachers Feindbilder
Dienstag, 5. Januar 2010
Frank Schirrmacher mag es nicht, wenn man ihm vorwirft, in seinen Büchern mit primitive Feindbilder zu arbeiten, so wie das erfolgreiche Propagandisten in der Vergangenheit immer wieder getan haben.

Er mag es so sehr nicht, dass er sogar eine Einstweilige Verfügung gegen mich erwirkt hat, weil ich ihm genau dies vorgeworfen habe, und weil ich dazu ein Beispiel aus der jüngeren deutschen Geschichte bemüht habe, bei dem die Menschen in Deutschland ganz allgemein recht dünnhäutig sind, was sicher auch mit dem mangelnden Geschichtsbewußtsein und einem gewissen Unwillen zu tun hat, die eigene Geschichte wirklich zu verarbeiten.

Feindbilder hat es immer gegeben. Meistens handelt es sich um Menschen, die zufällig eine andere Nationalität, Glaubensrichtung, Hautfarbe, sexuelle Präferenz oder Einstellung haben.Auch Dinge können Feindbildcharakter besitzen, wie beispielsweise die Bilderstürmer in Deutschland oder die Ludditen in England an der Schwelle zum Industriezeitalter bewiesen haben.

Schirrmachers bemüht immer wieder neue Feindbilder, zum Beispiel die Jungen (im "Methusalem-Komplott"), das sozial entwurzelte Präkäriat (in "Minimum") und eben die Digitaltechnik im Allgemeinen und das Internet im Besonderen in seinem neuesten Machwerk, "Payback", Ihm ist es im Grunde egal, wenn es nur der Auflage seiner Bücher dienlich ist.

Feindbilder werden in der Regel aus niedrigen Motiven verwendet, meist politische. Bei Schirrmacher unterstelle ich hingegen eine Mischung aus Geltungsdrang und Profitgier, verkleidet als soziale Besorgnis. Alle paar Jahre so ein Buch, und du kannst das Gehalt von der FAZ in die Portokasse legen. Und man darf mit Jauch & Co. die Nase in die Kamera stecken oder der "BILD-Zeitung" ein Interview geben und dort sein wahres Niveau beweisen.

Da mein Feindbild-Vorwurf gegen Schirrmacher aber nun einerseits gerichtsnotorisch ist, er andererseits offensichtlich nicht verstanden hat, was ich damit gemeint habe (so wie einige andere, die den mittlerweilen unter Vorbehalt gelöschten Satz, um den es geht, teilweise heftig kritisiert haben), möchte ich aus der gestrigen "Süddeutschen " zitieren, wo auf Seite 2 der Berliner Historiker Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin unter der Überschrift "Der Feind in der Wiege" einen sehr lesenswerten Vergleich zwischen den Antisemiten des 19ten Jahrhunderts und den Islamkritikern des 21sten Jahrhunderts zieht und dabei eine Art Einführungsvorlesung in Geschichte und Funktion von Feindbilder gibt. Wollte, Herr Schirrmacher würde sie lesen. Benz schreibt:

Feindbilder bedienen verbreitete Sehnsüchte nach schlichter Welterklärung, die durch rigorose Unterscheidung von Gut (das immer für das Eigene steht) und Böse (das stets das Fremde verkörpert) sowie darauf basierender Ausgrenzung und Schuldzuweisung zu gewinnen ist. Feindbilder, die eine solche Welt beschwören, lindern politische und soziale Frustrationen und heben das Selbstgefühl.

Feindbilder sind Produkte von Hysterie. Sie konstruieren und instrumentalisieren Zerrbilder der anderen. Wenn wir Hysterien als weitverbreitete Verhaltensstörung definieren, die unter anderem durch Beeinträchtigung der Wahrnehmung, durch emotionale Labilität, durch theatralischen Gestus und egozentrischen Habitus charakterisiert ist, dann erklären sich Phobien gegen andere Kulturen oder ganz unterschiedliche Minderheiten in der eigenen Gesellschaft als Abwehrreflex.

Bausteine des Feindbilds sind Verallgemeinerung und Reduktion von wirklichen oder vermeintlichen Sachverhalten auf Negativa. Gerüchte, Unterbewusstes, Hörensagen, literarische und volkstümliche Überlieferung erheben sich zu 'Tatsachen' - die jedoch nur vom Glauben leben.


Mit genau diesen Methoden - Verallgemeinerung und Reduktion - arbeitet Frank Schirrmacher, etwa wenn er unbewiesene und unbeweisbare Tatsachenbehauptungen in den Raum stellt wie "Aufmerksamkeitsverlust und Blackouts kennt mittlerweile jeder", oder wenn er das krude Schreckgespenst der "Gehirnvermanschung" bemüht. Hauptsache Angstmachen, zum Beispiel mit Sätzen wie: "„Fast immer, wenn wir glauben, mit Menschen zu kommunizieren [treten wir] in Wahrheit in Wettbewerb mit den Maschinen", wo er geschickt die verborgenen Ängste vieler Leser anspricht, für die die „Machtübernahme durch die Maschinen“ ein uraltes Angstthema des Science Fiction ist, das nun durch Herrn Schirrmacher zu einer realen und präsenten Gefahr veredelt wird, rechtzeitig zum Kinmostart von "Avatar". Plumpe Volksverdummung, als besorgte Nachdenklichkeit verkauft: So, eine Damen und Herren, verkauft man Bücher!

Die Aufregung in den Blogs und Zeitungsspalten über Schirrmacher hat sich etwas gelegt, der Schaden, den er angerichtet hat, wird bleiben. Viele vor allem Ältere, die es gerade geschafft hatten, sich einigermaßen angstfrei in der für sie fremden Welt des Internet zu bewegen, werden sich entsetzt zurückziehen. Chefs werden ihren Mitarbeitern den Internet-Zugang beschneiden, Facebook verbieten, E-Mails wieder ausdrucken lassen und die anstehenden Investition in vernetzte Unternehmenssysteme und Geschäftsprozesse zurückstellen. Sie werden sich auf Schirrmacher und die Notwendigkeit von "Entschleunigung" berufen. Der Standort Deutschland, ohnenhin etwas wackelig auf den Beinen angesichts der unaufhaltsamen Globalisierung der Wirtschaft und des Konkurrenzdrucks aus den vormaligen Drittweltländern wie China, Indien oder Brasilien mit ihren Heerscharen von jungen, hungrigen und vor allem äußerst internet-affinen Menschen, wird weiter zurückfallen. Und Herr Schirrmacher kann ja dann in ein paar Jahren vielleicht ein neues Buch schreiben. Wie wär's mit "Abgefahren - Warum Deutschland den Zug der Zeit und den Anschluß an die Zukunft verpasst hat."

Ein Grund wird sein, weil Frank Schirrmacher ihnen davor Angst gemacht hat. Aber das wird er natürlich nicht reinschreiben. Er wird ein anderes Feindbild finden.
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Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 5. Januar 2010 )