Kapitalisten und andere Psychopaten

Neulich schrieb der angesehene amerikanische Kommentator und Literaturkritiker William Deresiewicz  in den New York Times ein bitterböses Stück, das er „Capitalists and other psychopaths“ nannte. Seitdem wird er in den US-Medien wahlweise als Volksheld oder als linker Spinner dargestellt. Eines hat er aber erreicht: Eine erneute Verschärfung in der gesellschaftlichen Debatte über Gierkapitalismus und Wege zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Da nicht jeder ein Abo der Times hat und vielleicht auch nicht ganz so fließend Englisch lesen kann, habe ich mir hier die Mühe (und das Vergnügen) gemacht, sein Stück ins Deutsche zu übersetzen.

In den Vereinigten Staaten wird seit einiger Zeit heftig über die Reichen diskutiert: Wer sie sind, welche Rolle sie wohl spielen und ob sie gut oder schlecht sind.

Nun, nehmen Sie nur das hier: Eine Studie im Jahr 2010 ergab, dass 4 Prozent der befragten Manager von großen Konzernen, klinisch gesehen, als Psychopaten zu bezeichnen seien. Beim Rest der Bevölkerung trifft das dagegen nur bei 1 Prozent zu. (Die Befragung war allerdings nicht repräsentativ, wie die Autoren der Studie angemerkt haben.) Eine andere Studie hat ergeben, dass Reiche eher dazu neigen zu lügen, zu betrügen und das Gesetz zu brechen.

Mich wundert dabei nur eines, nämlich wieso sich jemand über solche Behauptungen wundert. Wall Street ist Kapitalismus in seiner reinsten Form, und Kapitalismus basiert auf schlechtem Benehmen. Das sollte nichts Neues sein. Der englische Schriftsteller Bernard Manderville behauptete das schon vor 300 Jahren in seiner „Fabel von den Bienen“, einer Mischung aus  satirischem Gedicht und  philosophischer Abhandlung.

„Privates Laster, gesellschaftlicher Nutzen“ hieß die Unterzeile seines Buchs. Manderville war ein wirtschaftlicher Machiavelli, ein Mann, der uns die Dinge so zeigte wie sie sind, nicht wie wir sie gerne hätten. Sein Argument war, dass die Volkswirtschaft Wohlstand erzeugt, indem sie unseren natürlichen Neigung zu Betrug, Luxus und Stolz nutzbar macht. Mit „Stolz“ meinte Manderville Eitelkeit, mit „Luxus“ meinte er sinnliche Genusssucht. Diese erzeugen Nachfrage, wie jeder Werbeprofi weiß. Auf der Angebotsseite, wie wir heute sagen würden, gab es den Betrug, und er schrieb: „Jedermann und jeder Stand kennt solche List/keiner schafft es ohne den Beschiss“ (All Trades and Places know some Cheat,/No Calling was without Deceit“).

Anders ausgedrückt: Enron, BP, Goldman, Philip Morris, G.E., Merck, etc., etc. Bilanzbetrug, Steuerhinterziehung, Giftmüllskandale, gemeingefährliche Konsumgüter, Börsenmanipulation, überteuerte Rechnungen, Meineid, der Bestechungsskandal bei Walmart, News Corp, die Abhörskandale – schlagen Sie doch nur an einem x-beliebigen Tag den Wirtschaftsteil Ihrer Tageszeitung auf. Mitarbeiter werden hintergangen, Kunden übers Ohr gehauen, die Erde vergiftet. Und der Steuerzahler bekommt dafür die Rechnung. Das sind keine Anomalien: Das System arbeitet so. Du versuchst, möglichst ungestraft davon zu kommen, und wenn du doch erwischt wirst, versuchst du dich irgendwie durchzuwieseln.

Ich habe immer den Ausdruck „Wirtschaftsstudium“ komisch gefunden. Was bekommt man dort beigebracht? Witwen und Waisen ausrauben?  Arme ausbeuten? Doppelt gewinnen? Sich am öffentlichen Trog bedienen? Es gab vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm namens „The Corporation“ das versuchte, Konzerne mit Menschen zu vergleichen und in dem die Frage gestellt wurde: Was für Menschen wären sie? Die Antwort war ganz klar: Psychopaten – gleichgültig gegen andere, unfähig zu Schuldbewusstsein, ausschließlich auf ihre eigenen Interessen fixiert.

Ja, es gibt ethische Konzerne und ehrbare Kaufleute, aber im Kapitalismus ist Ethik eine Option, kein Merkmal. Vom Markt Moral zu erwarten heißt, einen Kategorienfehler zu begehen. Kapitalistische Grundwerte sind nun mal das Gegenteil von christlichen Werten. (Wie die stimmgewaltigsten Christen es schaffen, gleichzeitig eine hemmungslose Marktwirtschaft zu fordern, mögen sie irgendwie mit ihrem Gewissen vereinbaren.) Kapitalistische Werte sind auch das Gegenteil von demokratischen Werten. Wie christliche Ethik verlangt das Prinzip einer republikanischen Regierungsform von uns, die Interessen anderer zu berücksichtigen. Der Kapitalismus, bei dem es einzig und alleine um Profitmaxmierung geht, versucht uns glauben zu machen, dass sich jeder selbst der Nächste sein darf.

Es ist in letzter Zeit viel die Rede gewesen von „Jobbeschaffern“. Den amerikanischen Begriff „job creators“ hat Frank Luntz geprägt, ein rechtskonservativer Propaganda-Guru im Geiste von Ayn Rand. Die Reichen haben unsere Dankbarkeit und auch alles andere verdient, sagt Luntz. Der Rest ist, mit anderen Worten, nur Neid.

Erstens mal: Wenn Unternehmer Arbeitsbeschaffer sind, dann sind Arbeiter Wohlstandsbeschaffer. Die Unternehmer setzen angeblich ihr Reichtum ein, um Jobs für Arbeiter zu schaffen. Die Arbeiter verwenden ihre Arbeitskraft, um Reichtum für Unternehmer zu schaffen. Der Produktivitätsüberschuss, also der Betrag, der die Kosten für Löhne und Lohnnebenkosten übersteigt, ist der Unternehmergewinn. Keines der Parteien hat das Ziel, dem anderen einen Vorteil zu verschaffen,  aber darauf läuft es heraus.

Das heißt also: Unternehmer und Reiche sind zwei verschiedene Kategorien, die sich nur zum Teil überlappen. Die meisten Reichen sind gar keine Unternehmer sondern Führungskräfte in etablierten Konzernen, andere institutionelle Manager, die wohlhabendsten Ärzte oder Anwälte, die erfolgreichsten Entertainer und Sportler, ganz einfach Leute, die ihr Geld geerbt haben, oder, ja, Leute die an der Wall Street arbeiten.

Vor allem: Weder Unternehmer noch Reiche besitzen ein Monopol auf Geist, Fleiß oder Risikobereitschaft. Es gibt Forscher (und Künstler und Wissenschaftler), die genauso intelligent sind wie der klügste Unternehmer, nur ziehen sie andere Formen der Entlohnung vor. Eine alleinerziehende Mutter mit einem Halbtagesjob, die nebenbei zur Schule geht, arbeitet mindestens so hart wie jeder Hedge Fund Manager. Wer eine Hypothek  aufnimmt,  wer ein Darlehen  fürs Studium oder wer ein Kind bekommt, weil er oder sie sich auf einen Job verlässt, der jeden Moment weg sein kann (vielleicht weil es sich so ein Arbeitsbeschaffer anders überlegt) geht ein mindestens genauso großes Risiko ein wie jemand, der ein Unternehmen gründet.

Wichtige politische Grundsatzentscheidungen hängen von diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen ab: wie viel Steuern wir verlangen werden, wie viel der Staat ausgeben soll, und für wen. Aber so neu der Begriff „Arbeitsbeschaffer“ sein mag: Die Bewunderung, die daraus spricht, (und die Verachtung, die er so deutlich signalisiert) ist es nicht. „Arme Amerikaner werden dauern aufgefordert, sich selbst zu hassen“, schrieb Kurt Vonnegut in seinem Roman „Schlachthaus 5“. Deshalb „verspotten sie sich selbst und glorifizieren die Bessergestellten.“ Die demoralisierendste Lüge sei es, fügte er hinzu, „dass es sehr leicht für jeden Amerikaner sei, Geld zu verdienen.“

Die Lüge geht weiter. Die Armen sind faul, dumm und verdorben. Die Reichen sind klug, mutig und gut. Sie lassen ihre Wohltaten auf uns anderen herabrieseln.

Manderville glaubte, das Streben nach dem eigenen Vorteil letzten Endes dem Wohl der Allgemeinheit diene, aber anders als Adam Smith ging er nicht so weit zu glauben, dass sie es von alleine schaffen werde. Bei Smith ist die Hand, die das Rad der Marktwirtschaft weiterdreht, unsichtbar. Manderville ging davon aus, dass dazu die „geschicktes Management durch erfahrene Politiker“ nötig sein würde. Oder um es in der heutigen Sprache zu sagen: Rechtsvorschriften, Aufsichtsfunktionen und Besteuerung. Oder, wie er reimte: „Laster wird als nützlich oft empfunden/wenn es durch das Recht beschnitten und gebunden“. („Vice is beneficial found/When it’s by Justice lopt, and bound“)

 

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