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Vorwort:
König Kunde als Despot
Bei einer
richtigen Revolution rollen Köpfe. Insofern steht uns die wahre Internet-Revolution
erst noch bevor. In ihr werden sich Anbieter und Abnehmer gegenüberstehen,
Industrie und Verbraucher, Firmen und Kunden. Gewinnen werden die Kunden.
Das lässt sich jetzt schon vorhersagen. Dem Abnehmer einer Ware oder Dienstleistung
wächst dank Internet eine solche Machtfülle zu, dass er es am Ende sein
wird, der bestimmt, wo es lang geht. Er wird es sein, der aus dem weltweiten
Angebot heftigst miteinander konkurrierender Hersteller und Händler dasjenige
aussucht, das ihm gefällt. Und er wird selbst bestimmen, wie viel er dafür
zu bezahlen bereit ist. Schlimmer noch: Kunden werden sich zu kartellähnlichen
Ge-bilden zusammenschließen, um die Anbieterseite unter Druck zu setzen
- und kein Gesetz der Welt kann sie daran hindern. Wer bisher also schon
über harten Wettbewerb und niedrige Margen geklagt hat, dem kann man nur
raten, sich ganz warm anzuziehen. Im Zeitalter der totalen, globalen Vergleichbar-keit,
von Dingen wie Online-Auktionen, Power Shopping, elektronischen Preisagenten
und virtuellen Einkaufsnetzen ist der Kunde wirklich König. Und er wird
die neue Machtfülle wie ein echter Despot ausüben, konsequent und rücksichtslos.
Jeder, der davon träumt, sich ein Stück vom großen Kuchen der elektronischen
Märkte abzuschneiden, tut gut daran, dieses Phänomen genaust zu studieren.
Gerade diejenigen, die bereits über eine klassische Ausbildung in Wirtschaftswissenschaft
oder über umfangreiche praktische Erfahrung als Manager verfügen, werden
am meisten dazu- oder umlernen müssen, denn teilweise werden die Gesetze
der Sozialökonomie heute neu geschrieben. Viele Prozesse und Zusammenhänge,
die wir gerne als gegeben hinnehmen, werden durch die neuen Mög-lichkeiten
der weltweiten Vernetzung in Frage gestellt oder sogar ins Gegenteil verkehrt.
Unsere angebotsorientierte Wirtschaft ist dabei, sich in eine Bedarfsorientierte
zu verwandeln. Der Wert der Marke als Navigationshilfe des Verbrauchers
im unübersichtlichen Ange-botsdschungel wird abnehmen, statt dessen werden
Dinge wie Glaubwürdigkeit und Informationstiefe wichtig werden. Statt sich
dem Kunden aufzudrängen, wird es die Aufgabe von An-bietern sein, seine
Wünsche und Bedürfnisse vorausahnend zu befriedigen und ihn mit einem so
perfekten und umfassenden Serviceangebot zu bedienen, dass sich Loyalität
für den Ab-nehmer besser bezahlt macht als das Abwandern zu einem Konkurrenten.
Dem Kunden wird seine neue Machtfülle anfangs kaum be-wusst sein, aber das
wird sich schnell ändern, denn wo es um den eigenen Vorteil geht ist der
Mensch schnell lernfähig. Au-ßerdem wird ihm eine neue Unternehmergattung
dabei helfen, zu seinem Recht zu kommen, denn als Anwalt oder Agent des
Verbrauchers werden sich in Zukunft die besten Geschäfte überhaupt machen
lassen. Und was steht am Ende dieser Entwicklung? Wird es zur Hor-rorvision
kommen, einer ausschließlich über den -natürlich niedrigsten - Preis sich
differenzierten Anbieterseite, der die geschlossene Front der in Kunden-Kartellen
organisierten Verbraucher gegenübersteht? Oder wird am Ende auch hier das
kapitalistische Grundprinzip des Wettbewerbs zu einer Pluralität der Einkaufsnetze
führen, sozusagen zum Kampf der Kartelle? Und: Wie wird sich gerade die
mittelständige Wirtschaft in einem solchen System behaupten können? Etwa
indem sie sich selbst die Vorteile der Bedarfsbündelung nutzt, um sich von
Kostenblöcken zu befreien, um sich wieder konkurrenzfähig zu machen? Feiert
der Genossenschaftsgedanke, der bislang im "richtigen" Leben häufig an den
Hürden von Regionalität und Traditionalismus zu scheitern droht, im Internet
seine Aufer-stehung in Form von mächtigen, weltumspannenden, bran-chenübergreifenden
"Cyber-Genossenschaften"? Und: Wer wird am Ende als Gewinner dastehen? Droht
dem traditionellen Anbieter tatsächlich, wie mancherorts schon prophezeit
wird, im Online-Zeitalter der Verlust der Kunden-beziehung? Bedeutet das
Internet das Aus für den stationären Fachhandel? Wird eine neue Generation
von "Infomediären" - Handelsmittler, deren "Waren" die Information über
Angebote und Preise sind - die Wertschöpfungsketten aufbrechen und den Löwenanteil
des darin geschaffenen Mehrwerts an sich reißen? Alles faszinierende Fragen,
auf die dieses Buch versuchen wird, erste Antworten zu geben. Doch wie bei
jeder Revolution ist der Ausgang ungewiss. Es werden Köpfe rollen, soviel
ist sicher. Wohl dem, der dabei noch einen klaren Kopf bewahren kann.
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