Langlauf im Big Apple

Times-Square-NYCEine Bekannte sagte mir, dass sie nach New York fährt, und ich versprach ihr meinen ganz persönlichen New York-Führer zu schicken, das ich vor Jahren für ein Magazin namens „Platinum Style“ geschrieben habe. Dabei begann ich selbst nochmal zu lesen und bekam plötzlich ganz großes Heimweh…

Es gibt verschiedene Arten, die Stadt New York zu Fuß zu erkunden. Im November hetzen knapp 40.000 Marathonläufer keuchend und schwitzend durch die Schluchten des „Big Apple“. Aber es geht zum Glück auch viel gemütlicher.

Wo anfangen? Am besten dort, wo alles zusammen kommt: Am Times Square, direkt am Broadway, der „Great  White Way“, am besten an der Ecke zur 42sten Straße, wo sich früher Drogenhändler und Junkies die Kokaintüten in die Hand gaben. Heute hat Times Square die niedrigste Kriminalitätsrate der ganzen Stadt, seitdem der alte Bürgermeister Rudy Giuliani ernst gemacht hat mit seinem Versprechen, dort endlich aufzuräumen. Heute drängen sich die Touristen ins Virgin Megastore, dem größten Schallplattenladen der Welt, oder verschwinden zum Naschen ins „M&M Store“ oder werfen schon mal die erste Frühlingsrolle ein in Ruby Foo’s legendärem Chinarestaurant.

Wir schlendern aber erst mal nach Norden, vorbei an den großen Theatern, allen voran das „Broadway Theater“, das 1924 eigentlich als Kino aufmachte (Walt Disney’s erster Mickey Maus-Film, „Steamboat Willy“, hatte hier Premiere). In der 55sten Strasse biegen wir rechts ab und gehen einen Block hinüber zum Carnegie Deli, dem angesagten jüdischen Delikatessen-Restaurant, in dem es die besten (und dicksten) Pastrami Sandwiches der Stadt gibt und man von der dicklichen Kellnerin gutgemeint beschimpft wird, wenn man seinen Teller nicht aufisst. Bringen Sie etwas Zeit mit, denn die Schlange reicht hier gegen Mittag halb um den Häuserblock, aber das Warten lohnt sich. Gegenüber hat sich ein Konkurrent niedergelassen und wirbt mit einem großen Plakat: „Warum in der Schlange stehen, wenn Sie bei uns bereits ihren Sandwich essen könnten.“ Niemand schaut hinüber…

Eigentlich wollten wir ja New York zu Fuß erkunden, aber eine kleine Ausnahme sei erlaubt: Um das üppige Essen besser verdauen zu können, nehmen wir an der 59sten Straße eine Pferdekutsche und lassen uns im gemächlichen Schritttempo durch den Central Park fahren, vorbei am großen Teich („The Pond“) und dem Wollman Rink, auf dem im Winter die Schlittschuhläufer sich zu Tausenden tummeln. Am Metropolitan Museum of Art, dem „Louvre Amerikas“, steigen wir aus und statten der Tempelanlage Dendur (ca. 15 vor Chr.) einen Besuch ab, die Teil der größten Sammlung ägyptischer Kunst außerhalb von Kairo bildet.  Sie wurde 1965 vor den steigenden Fluten des Aswan-Staudamms gerettet und steht heute eben am Hudson und nicht mehr am Nil…

Wir sind ja gut zu Fuß, also lassen wir die Bushaltestelle vor der Met links liegen und marschieren stramm die Fifth Avenue hinunter nach Süden, mitten hinein ins Shopping-Herz von Manhattan. Hier sind sie alle, die Tiffanys, Cartiers, Guccis, Diors, Louis Vuittons, Pradas, Hermès, Bulgaris und Armanis. Dazwischen die großen Mode-Kaufhäuser wie Sak’s Fifth Avenue, Bergdorf Goodman sowie Abercrombie & Fitch. Die Damen sind damit bedient, die Herren der Schöpfung können inzwischen ja in dem halb unterirdischen Glaswürfel des „Apple Superstores“ die neusten iPods ausprobieren oder sich – in jedem Manne steckt bekanntlich noch ein Kind – den vielleicht schönsten Spielwarenladen der Welt, FAO Schwarz anschauen, der in 1862 von dem deutschen Auswanderer Frederick August Otto Schwarz gegründet wurde. Heute strahlen  dem Besucher im Foyer über 80.000 LED-Leuchten entgegen – die vermutlich größte Lightshow der Welt.

Noch ein paar Blocks weiter entlang Fifth Avenue, dann biegen wir rechts ab in die 53ste Straße und stehen vor dem „MOMA“, wie die New Yorker die Metropolitan Museum of Modern Art liebevoll nennen. Mit über 150.000 Werken von Malern des 19ten, 20sten und 21sten Jahrhunderts ist das MOMA weltweit einzigartig, was sich 2004 eindrucksvoll bewies, als mehr als eine Million Menschen Schlange standen, um nur die 200 „Best of MOMA“-Werke zu besichtigen, die während einer Renovierungspause nach Berlin verliehen wurden. Heute erstrahlt das MOMA in neuem Glanz, und am frühen Nachmittag ist meistens wenig los, so dass man in aller Ruhe das riesige „Seerosen“-Tryptichon von Monet, Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“, van Goughs „Sternennacht“ oder Andy Warhols „Campbell’s Soup Cans“ bewundern kann.

Am Abend könnte man nebenan im museumseigenen Sternerestaurant „The Modern“, das vom Elsässer Spitzenkoch Gabriel Kreuther geführt wird, aufs feinste speisen, aber dafür ist es heute noch zu früh. Wir lassen es also bei schönem Wetter mit einem Latte im Dachgartencafè „Terrace 5“ bewenden und wandern weiter nach Süden die „Avenue of the Americas“, wie die Sechste etwas hochtrabend im Reiseführer genannt wird, vorbei an der Radio City Music Hall und dem Rockefeller Center bis zum Bryant-Park, mit 90.000 Quadratmetern die größte privat betriebene Grünanlage der Stadt, und nehmen Platz auf einer Bank gegenüber von den beiden steinernen Löwen, die den Eingang zur New York Public Library bewachen. Mehr als 20 Millionen Bücher, dazu unzählige Zeitungen, Magazine,  Landkarten und Videos, lagern angeblich in den Katakomben unter dem 1911 eröffneten Art-Decó-Gebäude, dessen Fassade aus reinem Marmor besteht.

Die Beine sind schon schwer nach unserem New York Mammut-Spaziergang, aber wir müssen uns noch einmal aufraffen, denn nach einem halben Dutzend Häuserblocks stehen wir vor dem majestätisch aufragenden Wahrzeichen dieser Stadt, die angeblich niemals schläft: Kein Besuch im Big Apple wäre ohne Fahrt an die Spitze des Empire State Building komplett.  er 101 Stockwerke hohe Wolkenkratzer war von seiner Fertigstellung 1931 an vierzig Jahre lang das höchste Gebäude der Welt, bis ihm 1972 der World Trade Center den Rang ablief. Heute ist er wieder der Größte in New York, eine Auszeichnung, auf die man gerne verzichtet hätte, wenn man dafür die Katastrophe des 11. September 2001 hätte abwenden können.

Im Erdgeschoss kauft man sein Ticket und steigt dann in den Fahrstuhl, der einem in sage und schreibe nur 80 Sekunden bis zur Aussichtsplattform im 86sten Stock emporschweben lässt. Es ist schon spät, also investieren wir ein paar Dollar extra in ein „Express Ticket“ und dürfen deshalb erhobenen Hauptes an der Warteschlange vorbei direkt zum Fahrstuhl gehen. Man gönnt sich ja sonst kaum etwas im Leben… Dafür ist die Aussicht von hier oben einfach atemberaubend, eine 360 Grad-Panorama von Manhattan, auf der einen Seite bis weit hinüber nach New Jersey, auf der anderen die schemenhaft aufsteigenden Flieger vom Kennedy-Airport. Früher konnte man noch aufsteigen bis zum 102ten Stockwerk, aber die „Observation Plattform“ da oben ist derzeit mal wieder wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, und keiner kann einem sagen, wann sie wieder aufgemacht wird. Typisch New York, eben!

Was gäbe es nicht alles noch zu tun: Ein Bummel durch Soho und Greenwich Village, ein Besuch bei Dean & Deluca, dem sagenhaften Gourmetladen in der Prince Street, die verwirrenden Szenen und Düfte von Chinatown, die nicht minder aufregenden Bilder am Hafen des South Street Seaport, von wo man hinauf starren kann zu den ehrwürdigen Säulen und Seilen der 1883 erbauten Brooklyn Bridge. Nein, New York ist an einem Tag nicht zu erfahren, und erst recht nicht zu erlaufen.

Wir gehen deshalb schön langsam zurück zur 42sten Straße, ein paar hundert Meter östlich von dort, wo heute alles am Times Square anfing. Im Grand Central Station, dem 1913 erbauten wuchtig-klassizistischen Hauptbahnhof von New York, wo  Züge aus dem gesamten Nordosten auf insgesamt 75 Gleisen ankommen und die Menschen zur Arbeit und Abends wieder nach Hause in die Vororte bringen, wartet unsere Belohnung für einen langen, anstrengenden Tag zu Fuß durch New York: Unten im Kellergeschoß dürfen wie die Beine endlich ausstrecken unter den mit Papiertüchern gedeckten Tischen der „Oyster Bar“ und das frischeste und schmackhafteste „Seafood“ der ganzen Stadt genießen. Ob Sie zwischen zehn verschiedenen Austernsorten oder zwölf verschiedenen Muschelarten, ob sie den fangfrischen „Bluefish“ New Englands oder einen soeben aus der Karibik eingeflogenen Mahi-Mahi vorziehen: Es ist ein würdiger Abschluss unseres ganz privaten New York Marathons.

Und ins Hotel leisten wir uns ein Taxi…


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