Lasst uns Läufer sterben!

Die Marathon-Saison ist in vollem Gange, und die Kritiker laufen wieder mal zur Hochform auf. Weil es immer wieder Todesfälle auf Laufveranstaltungen zu beklagen gilt (in diesem Jahr angeblich schon acht Stück!) fordert Dr. Winfried Kindermann, Chefmediziner der deutschen Olympiamannschaft, einen Gesundheitspass für Hobbyläufer. Andere Länder sind da schon einen Schritt eiter: Wer sich heuer online zum Rom-Marathon anmelden wollte, musste vorher einen ärztlichen Attest einreichen. Bequemerweise gab es ein entsprechendes Formular zum Herunterladen, das nur noch vom Hausarzt unterschrieben werden musste.

Blödsinn, sage ich! Lasst die Läufer sterben! Schließlich wissen sie, was sie tun, denn sie eifern einem großen historischen Vorbild nach: Der allererste Marathonläufer, Pheidippides, der 490 v.Chr. die Nachricht vom Sieg gegen die Perser nach Athen im Laufschritt sowie in voller Rüstung bei brütender Hitze überbrachte (über seine Schlusszeit schweigt sich Herodot allerdings aus), brach bekanntlich auch am Ziel zusammen.

Im Ernst: Ein Marathon zu laufen ist eine ungeheurere körperliche Anstrengung, für viele die größte ihres Lebens. Ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich bislang mit einer Bestzeit 4:13 eher zu den „Marathon-Gehern“ gehöre.  Aber ich weiß genau, was ich tue: Ich laufe um mein Leben! Als mein Arzt mir extremen Bluthochdruck sowie erste sichtbare Arterienveränderungen attestierte, habe ich die Konsequenz gezogen und bin losgelaufen.

Hätte ich es nicht getan, wäre ich vielleicht schon tot. Aber das war und ist meine ureigene Entscheidung. Wer sich darin einmischt, nimmt mir etwas von dem, wofür ich laufe, nämlich meine Entscheidungsfreiheit. Und wenn ich es eines Tages mit dem Leben bezahlen muss: Sterben muss ich so oder so. Einen schöneren Tod aber als einen aus vollem Lauf heraus kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.

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