Marathon-Betrug

Ich gestehe: Ich habe beim Marathon abgekürzt. Und ich bin damit offenbar in bester Gesellschaft.

42 Kilometer sind lang, sehr lang sogar. Das spürst du jeden Meter in den Oberschenkeln und wünscht dir sehnlich, es wären ein paar weniger. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich in langen Kurven auf die Innenseite wechsele oder bei scharfen Abbiegungen ganz dicht an die Zuschauerreihe entlang renne. Es sind vielleicht nur Zentimeter, die ich dabei spare, aber die summieren sich im Laufe von vier und ein paar zerquetschte Stunden ja vielleicht doch. Hoffe ich, jedenfalls.

Ich gebe sogar zu, dass ich mich unterwegs ab und zu frage, wie man es am besten anstellen könnte, mal so richtig abzukürzen: Zum Beispiel so zu tun, als ob ich pinkeln müsste, mir irgendwas überstreifen oder die Startnummer abnehmen und dann in einer U-Bahn-Haltestelle verschwinden, um mich an der nächsten Station wieder in den Pulk zu schmuggeln. Oder irgendwo im Englischen Garten, wo ich täglich trainiere und mich deshalb besonders gut auskenne, ein Fahrrad abstellen und damit ans andere Ende des Parks zu radeln.

Dass ich nicht alleine bin mit meinen heimlichen Abkürzungsphantasien bin, weiß ich auch. In der Zeitung stehen immer wieder Stories eine Geschichte über Marathon-Mogler, die disqualifiziert worden sind, weil sie beim Schummeln erwischt wurden. Neben der U-Bahn-Nummer gibt es noch den Trick mit dem Chip-Tausch: Bei den großen Stadtläufen trägt jeder eine kleine Funk-Erkennungsmarke am Schuh, die die Zeit festgehalten, wenn man damit über eine mit Elektrodendrähten bespickte Matte läuft. Es gibt solche Matten an Start und Ziel sowie alle zehn Kilometer, um die Zwischenzeiten aufzuzeichnen.

Und weil man inzwischen weiß, dass manchmal auch Betrüger mitlaufen, gibt es meistens neben den offiziellen Zeiterfassungsstellen ein paar nicht angekündigte Kontrollstellen irgendwo entlang der Strecke. Wer da nicht drüber läuft, fliegt aus der Wertung raus. Sonst könnte einer ja einem Komplizen seinen Chip zustecken, der damit zum nächsten Kontrollpunkt radelt und ihn über die Matte trägt, während der Läufer eine Abkürzung nimmt und den Chip später wieder in Empfang nimmt.

Ich gebe zu, da gehört eine ganze Menge krimineller Phantasie dazu, sich solche Mogel-Szenarien auszumalen, und wie sonst im Leben auch sind die Bösewichte in der Regel den Ordnungshütern einen Schritt voraus (in diesem Fall sogar mehrere Schritte…). Manchmal aber ist der Betrüger der Dumme. So zum Beispiel der Mexikaner Roberto Madrazo, der beim Berlin-Marathon soeben disqualifiziert worden ist, weil er auf besonders dreiste Art und Weise betrogen hat. Der Schnauzbartträger kam am Brandenburger Tor mit einem strahlenden Lächeln und einer Fabelzeit von 2:41:12 an, womit er seine Alterklasse (55+) überlegen gewonnen hätte. Wenn den Offiziellen nicht aufgefallen wäre, dass er zwei Kontrollpunkte ausgelassen hatte und deshalb rein rechnerisch eine Teilstrecke von etwas mehr als 14 Kilometern Länge in 21 Minuten zurückgelegt hatte, was vor ihm noch kein Mensch geschafft hat: Der Weltrekord über 15.000 Meter liegt derzeit bei 41 Minuten.

Madrazo ist übrigens Politiker, hat sogar mal erfolglos für das mexikanische Präsidentenamt kandidiert, weshalb sich in seiner Heimat keiner darüber gewundert hat, dass er gemogelt hat. Schließlich gehört er der ehemaligen Regierungspartei PRI an, die in Mexiko geradezu als ein Sinnbild für Korruption und Gaunereien gilt. Und man kann sogar ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen für sein Tatmotiv: Madrazo wirbt seit Jahren in seinen Wahlkämpfen mit Plakaten, auf denen er als verschwitzter Ausdauertyp zu sehen ist. So was bringt Stimmen.

Madrazo ist überhaupt ein ziemlich schräger Vogel. Er wurde mal wegen illegaler Wahlkampfspenden im Millionenhöhe verklagt. Mitten in dem Verfahren wurde er angeblich gekidnappt und von seinen Entführern gefoltert. Allerdings wurden die Ermittlungen später eingestellt, weil die Polizei keine Spuren fand.

Erfindungsreich ist er also, der gute Roberto. Und vielleicht brauchte er wirklich ein neues Foto für sein nächstes Wahlkampfplakat. Aber was für eine Ausrede haben die anderen Marathonis? „Das ist ja schlimmer als beim Golfen“, sagte meine Frau, als sie das hörte. Ja, dass beim Kampf mit der kleinen weißen Kugel gelogen wird, bis sich die Balken biegen, ist bekannt. Aber offenbar liegt es in der Natur des Menschen, die eigene Leistung anderen gegenüber schönen zu wollen, nach dem Motto: mehr sein als scheinen. „Heute wieder das Handicap um drei unterspielt“ klingt am Stammtisch gut, da erheben die anderen ehrfurchtsvoll das Glas und denken insgeheim: „der alte Lügenbold…“

Offenbar gehen Marathonläufer auch zum Stammtisch. Oder sie stellen sich zur Wahl. Und da helfen Abkürzungen vielleicht weiter.

Ich selbst laufe gegen einen Gegner, den ich sehr, sehr ernst nehme und der mich und vor allem jeden Meter kennt, den ich zurücklege oder auch nicht. Deshalb nehme ich keine Abkürzungen – oder wenn, dann nur ganz, ganz kleine…

Ich gestehe: Ich habe beim Marathon abgekürzt. Und ich bin damit offenbar in bester Gesellschaft.

 

42 Kilometer sind lang, sehr lang sogar. Das spürst du jeden Meter in den Oberschenkeln und wünscht dir sehnlich, es wären ein paar weniger. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich in langen Kurven auf die Innenseite wechsele oder bei scharfen Abbiegungen ganz dicht an die Zuschauerreihe entlang renne. Es sind vielleicht nur Zentimeter, die ich dabei spare, aber die summieren sich im Laufe von vier und ein paar zerquetschte Stunden ja vielleicht doch. Hoffe ich, jedenfalls.

 

Ich gebe sogar zu, dass ich mich unterwegs ab und zu frage, wie man es am besten anstellen könnte, mal so richtig abzukürzen: Zum Beispiel so zu tun, als ob ich pinkeln müsste, mir irgendwas überstreifen oder die Startnummer abnehmen und dann in einer U-Bahn-Haltestelle verschwinden, um mich an der nächsten Station wieder in den Pulk zu schmuggeln. Oder irgendwo im Englischen Garten, wo ich täglich trainiere und mich deshalb besonders gut auskenne, ein Fahrrad abstellen und damit ans andere Ende des Parks zu radeln.

 

Dass ich nicht alleine bin mit meinen heimlichen Abkürzungsphantasien bin, weiß ich auch. In der Zeitung stehen immer wieder Stories eine Geschichte über Marathon-Mogler, die disqualifiziert worden sind, weil sie beim Schummeln erwischt wurden. Neben der U-Bahn-Nummer gibt es noch den Trick mit dem Chip-Tausch: Bei den großen Stadtläufen trägt jeder eine kleine Funk-Erkennungsmarke am Schuh, die die Zeit festgehalten, wenn man damit über eine mit Elektrodendrähten bespickte Matte läuft. Es gibt solche Matten an Start und Ziel sowie alle zehn Kilometer, um die Zwischenzeiten aufzuzeichnen.

 

Und weil man inzwischen weiß, dass manchmal auch Betrüger mitlaufen, gibt es meistens neben den offiziellen Zeiterfassungsstellen ein paar nicht angekündigte Kontrollstellen irgendwo entlang der Strecke. Wer da nicht drüber läuft, fliegt aus der Wertung raus. Sonst könnte einer ja einem Komplizen seinen Chip zustecken, der damit zum nächsten Kontrollpunkt radelt und ihn über die Matte trägt, während der Läufer eine Abkürzung nimmt und den Chip später wieder in Empfang nimmt.

 

Ich gebe zu, da gehört eine ganze Menge krimineller Phantasie dazu, sich solche Mogel-Szenarien auszumalen, und wie sonst im Leben auch sind die Bösewichte in der Regel den Ordnungshütern einen Schritt voraus (in diesem Fall sogar mehrere Schritte…). Manchmal aber ist der Betrüger der Dumme. So zum Beispiel der Mexikaner Roberto Madrazo, der beim Berlin-Marathon soeben disqualifiziert worden ist, weil er auf besonders dreiste Art und Weise betrogen hat. Der Schnauzbartträger kam am Brandenburger Tor mit einem strahlenden Lächeln und einer Fabelzeit von 2:41:12 an, womit er seine Alterklasse (55+) überlegen gewonnen hätte. Wenn den Offiziellen nicht aufgefallen wäre, dass er zwei Kontrollpunkte ausgelassen hatte und deshalb rein rechnerisch eine Teilstrecke von etwas mehr als 14 Kilometern Länge in 21 Minuten zurückgelegt hatte, was vor ihm noch kein Mensch geschafft hat: Der Weltrekord über 15.000 Meter liegt derzeit bei 41 Minuten.

 

Madrazo ist übrigens Politiker, hat sogar mal erfolglos für das mexikanische Präsidentenamt kandidiert, weshalb sich in seiner Heimat keiner darüber gewundert hat, dass er gemogelt hat. Schließlich gehört er der ehemaligen Regierungspartei PRI an, die in Mexiko geradezu als ein Sinnbild für Korruption und Gaunereien gilt. Und man kann sogar ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen für sein Tatmotiv: Madrazo wirbt seit Jahren in seinen Wahlkämpfen mit Plakaten, auf denen er als verschwitzter Ausdauertyp zu sehen ist. So was bringt Stimmen.

 

Madrazo ist überhaupt ein ziemlich schräger Vogel. Er wurde mal wegen illegaler Wahlkampfspenden im Millionenhöhe verklagt. Mitten in dem Verfahren wurde er angeblich gekidnappt und von seinen Entführern gefoltert. Allerdings wurden die Ermittlungen später eingestellt, weil die Polizei keine Spuren fand.

 

Erfindungsreich ist er also, der gute Roberto. Und vielleicht brauchte er wirklich ein neues Foto für sein nächstes Wahlkampfplakat. Aber was für eine Ausrede haben die anderen Marathonis? „Das ist ja schlimmer als beim Golfen“, sagte meine Frau, als sie das hörte. Ja, dass beim Kampf mit der kleinen weißen Kugel gelogen wird, bis sich die Balken biegen, ist bekannt. Aber offenbar liegt es in der Natur des Menschen, die eigene Leistung anderen gegenüber schönen zu wollen, nach dem Motto: mehr sein als scheinen. „Heute wieder das Handicap um drei unterspielt“ klingt am Stammtisch gut, da erheben die anderen ehrfurchtsvoll das Glas und denken insgeheim: „der alte Lügenbold…“

 

Offenbar gehen Marathonläufer auch zum Stammtisch. Oder sie stellen sich zur Wahl. Und da helfen Abkürzungen vielleicht weiter.

 

Ich selbst laufe gegen einen Gegner, den ich sehr, sehr ernst nehme und der mich und vor allem jeden Meter kennt, den ich zurücklege oder auch nicht. Deshalb nehme ich keine Abkürzungen – oder wenn, dann nur ganz, ganz kleine…

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