Mein Langes Telegramm

Die Welt – oder zumindest ich – hält den Atem an in Erwartung des immer wahrscheinlicher werdenden russischen Angriffs auf die Ukraine, aber seltsamerweise sind alle um mich herum ganz ruhig. Mein Freund Franz sagte heute beim Mittagessen, es sei „unlogisch“ anzunehmen, dass Vladimir Putin das Risiko eingehen wird, einen potenziellen Dritten Weltkrieg auszulösen. Und in den Medien lese ich dauern, Putin sei ein „Schachspieler“, also jemand, der die Folgen seiner Handlungen kalt durchrechnet und genau abwägt, welchen Zug er als nächstes machen wird.

Keiner scheint in Betracht zu ziehen, dass Putin ein Wahnsinniger ist. Und das erinnert mich fatal an George Brennan und sein „Langes Telegramm“.

Studenten der Geschichte des Kalten Kriegs werden sich erinnern, dass Brennan, ein  langjähriger Geschäftsträger in der amerikanischen Botschaft in Moskau und ein intimer Kenner der russischen Führungselite unter Stalin, im Februar 1946 ein langes Telegramm an das Außenministerium in Washington schickte, in dem er vor Stalins Expansionsplänen warnte. Zur Erinnerung: Zu diesem Zeitpunkt waren Russen, Amerikaner, Briten und Franzosen als so genannte „Siegermächte“ noch enge Verbündete, und der US-Präsident Franklin D. Roosevelt rühmte sich einer „empathischen“ Verbindung zum Sowjetischen Diktator Joseph Stalin.

Das lange Memorandum begann mit der Behauptung, die Sowjetunion könne sich keine „dauerhafte friedliche Koexistenz“ mit dem Westen vorstellen. Diese „neurotische Sicht des Weltgeschehens“ sei Ausdruck des „instinktiven russischen Gefühls der Unsicherheit“. Infolgedessen waren die Sowjets allen anderen Nationen gegenüber zutiefst misstrauisch und glaubten, dass ihre Sicherheit nur in einem „geduldigen, aber tödlichen Kampf um die totale Vernichtung der rivalisierenden Mächte“ zu finden sei. Kennan war davon überzeugt, dass die Sowjets versuchen würden, ihren Einflussbereich auszuweiten, und er nannte den Iran und die Türkei als die wahrscheinlichsten unmittelbaren Krisengebiete. Darüber hinaus glaubte Kennan, dass die Sowjets alles tun würden, um „die Macht und den Einfluss der Westmächte auf koloniale rückständige oder abhängige Völker zu schwächen“. Glücklicherweise war die Sowjetunion zwar „unempfindlich gegenüber der Logik der Vernunft“, aber „sehr empfindlich gegenüber der Logik der Gewalt“. Daher würde sie sich zurückziehen, „wenn sie an irgendeinem Punkt auf starken Widerstand stößt“. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten, so seine Schlussfolgerung, würden diesen Widerstand leisten müssen.

Wer nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Und ich fürchten die heutige Generation von Politikern im Westen sind gerade dabei, genau die gleichen Fehler in ihrer Einschätzung eines russischen Führers zu machen wie ihre Vorgänger im Jahr 1946.

Damals war die Folge der Ausbruch des Kalten Kriegs. Dieses Mal werden die Folgen viel unmittelbarer sein. Es hat keinen Sinn, die Sache schön zu reden: Russland wird die Ukraine angreifen, weil Putin von der Wahnvorstellung besessen ist, er könne die Uhr zurückdrehen und die  Sowjetunion in alter Kraft und Herrlichkeit wiederauferstehen lassen. Der Westen wird hilflos zusehen, wie Hunderttausende von russischen Truppen bis an die EU-Grenze vorstoßen, und Putin wird über Nacht einen willfährigen Puppendiktator in Kiew installieren, den er ähnlich wie Alexander Lukaschenko in Bellarus nach Belieben manipulieren kann. Da die Ukrainer ein stolzes Volk sind und hart im Nehmen, werden sie einen Guerillakrieg gegen die sowjetischen Besatzer anzetteln, den Putin mit brutaler Gewalt versuchen wird niedergeschlagen.

Die USA wird mit drakonischen Sanktionen reagieren. Russlands Zugang zu westlicher Hochtechnologie wird über Nacht gekappt, die Russen werden auf ihre geliebten Smartphones und Laptops, das russische Militär auf modernste elektronische Waffensysteme verzichten müssen. Möglich, wenn auch weniger wahrscheinlich, dass die USA Russland vom internationalen Bankensystem abschneiden, aber soviel Cojones traue ich Joseph Biden nicht zu.

Putin wird die Gas-Karte ziehen. Über Nacht wird Europa kein Erdgas mehr aus Russland bekommen, was sofort zu einer Energiekrise führen wird, die jene vom Jahr 1973 im Westen, als bei uns nichts mehr ging, wie ein Kindergeburtstag aussehen lassen wird. Wenn, wie ich annehme, Putin in den nächsten Wochen zuschlägt, werden wir im tiefen Winter stecken. Fernheizungen werden erkalten, Kraftwerke stillstehen. In Europa werden die Lichter ausgehen.

Erinnern wir uns: Europa begann in den 1970er Jahren, Erdgas aus der Sowjetunion zu importieren, und in den letzten Jahren hat es sich auf Russland verlassen, um etwa 40 Prozent seines Erdgasbedarfs zu decken, so die Zahlen der EU. Doch Russland, das etwa die Hälfte dieser Gaslieferungen im Rahmen langfristiger Verträge verkauft, hat weitere Lieferungen über den Spotmarkt seit Beginn der Ukraine-Krise praktisch eingestellt. Infolgedessen sind die europäischen Erdgaspreise bereits heute auf das Sechs- oder Siebenfache ihres üblichen Niveaus gestiegen. Auch ohne Einmarsch der Russen.

Aufgrund dieser zurückhaltenden Lieferungen sind die in Europa gespeicherten Erdgasmengen – der Puffer, der dem Kontinent helfen kann, Herausforderungen bei der Energieversorgung zu überstehen – nach Angaben der Handelsgruppe Gas Infrastructure Europe auf dem niedrigsten Stand für diese Jahreszeit seit 2011. Selbst ohne Unterbrechungen wird die Versorgung im nächsten Vierteljahr knapp sein, da Europa noch seinen langen Winter hinter sich bringen muss.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs sind bereits jetzt darüber zerstritten, wie viel sie für die Ukraine opfern sollten – und dabei ist noch gar kein Schuss gefallen. Die Russen stehen Gewehr bei Fuß, um diese politischen Streitereien auszunutzen. Russland hat der Ukraine in der Vergangenheit bereits zweimal, nämlich 2006 und 2009, in Momenten geopolitischer Spannungen kurzzeitig den Gashahn zugedreht, was zu Engpässen in Europa führte, und das, obwohl es nie ein langfristiges Embargo verhängt hat.

Die EU muss befürchten, dass Russland die Energielieferungen nach Europa kappen könnte, um Länder wie das mächtige Deutschland zu spalten, die sich in ihrer Unterstützung für die Ukraine zurückhaltender gezeigt haben. Deutschland ist mehr als der Rest Westeuropas von russischem Gas abhängig und importiert mehr als die Hälfte seiner Lieferungen aus Russland. Das Land wird von einer neuen und unerprobten sozialdemokratischen Koalition geführt, einer Partei, die in der Vergangenheit freundschaftliche Beziehungen zum Kreml gepflegt hat.

Der neue deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz – erst seit Dezember im Amt – hat gemischte Aussagen darüber gemacht, ob er die bereits gebaute Gaspipeline Nord Stream 2 endgültig genehmigen wird, falls Russland in die Ukraine einmarschiert. Dieses Projekt, das Deutschland und Russland unter der Ostsee hindurch verbindet, würde die Möglichkeiten Russlands, Gas direkt nach Deutschland zu liefern, verdoppeln. Viele andere europäische Länder lehnen das Projekt ab, weil es die Energieabhängigkeit Deutschlands von Russland verstärkt und sie selbst der Gefahr aussetzt, von Russland durch Kürzen oder Abstellen der Gaslieferungen zu erpressen.

Wenn das Gas aufhört zu fließen, werden die verwöhnten EU-Bürger einen Sturm der Entrüstung über ihre Regierenden losbrechen lassen. Traut irgendjemand einem Olav Scholz oder einem Karl Nehammer, noch ein Neuling an der Spitze eines wichtigen europäischen Landes, wirklich das Rückgrat zu, an Sanktionen gegen Putin festzuhalten, wenn ihre frierenden Wähler vor dem Bundeskanzleramt oder der Hofburg aufmarschieren und nach freiem Gas für freie Bürger schreien?

Ich weiß, dass ich hier Kassandra spiele, und dass auch auf mich keiner hören wird. Genau wie niemand 1946 auf den guten George Brennan hören wollte. Betrachtet also diese Zeilen bitte als mein eigenes nicht ganz so langes Telegramm.

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