Mit der Kamera gegen die Armut

Weena Yamini ist eine resolute junge Dame, die ganz genau weiß, was sie will. Sie sitzt mir in einem grellgrünen Sari auf der Terrasse des Gemeideszentrums von Anthaved gegenüber, einem typischen südostindischen Dorf im Herzen des „Coconut Country“ des Bundesstaates Andra Pradesch unweit des Golfs von Bengalen. Sie spricht davon, wie man die beiden mächtigsten Medien der Menschheitsgeschichte – Fernsehen und das Internet – gemeinsam nutzen könnte, um das Los der Landfrauen in diesem abgelegenen Zipfel Asiens zu verbessern.

Konkret spricht sie davon, wie man diese Frauen dazu bekommen kann, ihre eigenen Geschichten mit Hilfe von selbstgedrehten Fernsehfilmen zu erzählen und damit ihre eigene Situation und die ihrer Nachbarinnen zu vrbessern. Wenn man ihr zuhört ahnt man, dass es gar nicht so leicht ist, was sie sich vorgenommen hat, denn indische Frauen sind erstens ungeheuer traditionsbewusst und zweitens ungeheuer schüchtern. „Zuerst müssen wir sie überhaupt dazu bekommen, das Haus zu verlassen“, sagt sie Erst dann könne man sie dazu überreden, ihre Geschichte zu erzählen.

Die Geschichten handeln vom Alltag im „rural India“, dem ländlichen Indien, in dem immer noch die große Mehrheit aller Inder leben, auch wenn es viele von ihnen heute in die aufblühenden Metropolen wie Mumbai, Delhi, Hyderabad oder Bangalore zieht. Sie erzählen von Hygienemangel und von täglichen stundenlangen Stromausfällen, von Dreck und von Staub, von der Schwierigkeit, die Kinder richtig zu ernähren oder überhaupt satt zu kriegen. Sie handeln davon, wie würdelos es ist, immer morgens vor Sonnenaufgang oder Abends bei Dunkelheit aus dem Haus schleichen zu müssen, um in den Wald ungestört ihre Notdurft verrichten zu können und davon, wie es sich anfühlt, den ganzen Tag über die eigenen Verdauungsprozesse zu unterdrücken. Sie erzählen von ihren Männern die häufig kein Verständnis haben oder kein Zartgefühl mehr, die sie beschimpfen oder sogar schlagen, wenn das Essen nicht auf dem Tisch steht oder die Kinder schreien, und sie erzählen davon wie es ist, kein eigenes Geld zu haben und keine Perspektive, nur endlos schuften in der brütenden Hitze Südostindiens, bis sie alt und ausgelaugt sind und kein Arzt da ist, um ihnen etwas zu geben gegen den schmerzenden Rücken oder die arthritischen Hände und Füße.

Weena Yamini will diesen Frauen helfen, ihre Geschichten im Lokalfernsehen zu erzählen. Und sie hilft ihnen gleichzeitig, Lösungen zu finden und diese mit ihren Zuschauerinnen zu teilen. Sie zeigt ihnen, wie man eine Videokamera bedient, wie man die Datei auf den PC im Dorfzentrum überspielt. Sie schneidet mit ihnen die Bilder zu Filmen und Filmchen zusammen. Sie sagt ihnen aber auch, wie sie Regierungszuschüsse bekommt für den Bau einer „ISL“, einer „Individual Sanitary Latrine“, wie es im abkürzungswütigen Beamtenindisch heißt. Umgerechnet 50 Euro kostet ein  solches – Klohäuschen mit Sichergrube, der Staat steuert 45 Euro als Zuschuss, die Bauersfamilie muss fünf Euro aufbringen – viel Geld in Anthaved. Viele gehen deshalb lieber weiter in den Wald, nur haben die Bürgermeister in den Dörfer neulich Anweisung bekommen, streng gegen ODF vorzugehen – noch so eine Abkürzung, diesmal für „Open Defecation“ – öffentliches Kacken, zu deutsch.

Die Filme, die die Dorffrauen mit Hilfe von Weena Yamini drehen, zeigen wie man vitaminreich kocht und das Haus sauber hält, wie man als Frau besser auf seine Gesundheit achten kann und was zu tun ist, wenn der Ehemann rabiat wird. Und den Filmen kommen Fachleute zu Wort, Ärzte, Hygieniker, Ernährungswissenschaftler, Familienberater und Regierungsbeamte. Gearbeitet wird mit einfachsten Mitteln, mit einer Amateur-Videokamera ohne Stativ, zum Beispiel, weshalb die Bilder häufig wackeln. Sie werden oft einfach hart aneinander geschnitten wie damals in Opas Urlaubsfilmen auf Super-8. Aber sie erzählen authentische Geschichten – Geschichten, die das Leben im Hinterland Indiens schreibt, das Leben der Frauen, die zugleich die Zuschauerinnen sind, und deren Leben sich mit Hilfe dieser Filme langsam aber sicher zu verändern beginnt.

Das Gemeindezentrum von Anthaved hat Internet-Anschluss und die Frauen sind häufig online, um Fakten für ihre Filme zu recherchieren. „One of the biggest problems here is information poverty“, sagt Weema Yamini, Informationsarmut, die genauso schlimm sein könne wie wirtschaftliche Armut. Der könne man wenigstens mit harter Arbeit oder wenigstens mit Spendengeldern begegnen, aber wer nichts weiß, weiß auch nicht, was ihm wirklich fehlt oder was ihm gut täte.

Neulich beim Surfen ist eine der Frauen über eine seltsame Website namens „YouTube“ gestolpert. Und siehe da: In den oft amateurhaft zusammengestückelten Clips hat sie sich selbst wieder erkannt und festgestellt: Die sind auch nicht besser wie wir. Die Dorffrauen wollen deshalb demnächst mal eines ihrer eigenen Filme, mit englischen Untertiteln versehen, ins Internet stellen um zu sehen, was passiert. Vielleicht kommen sie ja in Kontakt mit anderen Frauen – oder mit anderen Filmemachern.  Was auch immer passieren wird, es wird sie weiterbringen, davon sind sie überzeugt.

Die Frauen von Anthaved drehen ihre Filme ohnehin in einer Bildsprache, die gut zum Internet passt. Die Themen sind ganz nahe beim Zuschauer, die Szenen für sie oft geradezu banal, für Zuschauer in anderen Ländern aber vermutlich ungeheuer exotisch, mit den Kokospalmen und Wasserbüffeln im Hintergrund. Vielleicht werden diese Frauen eines Tages als die Pioniere einer neuen Form von Bildkommunikation dastehen, von echter Konvergenz zwischen Amateurfilm und Mitmach-Internet – eine demokratisierende Kunstform, die das Fernsehen und damit den Medienmarkt unter Umständen neu aufmischen und in eine aufregende neue Richtung deflektieren könnte.

Und inzwischen werden die Frauen von Anthaved das tun, was sie schon immer getan haben hinten in West-Godawary: Kinder kriegen und großziehen, das Haus in Ordnung halten, in die Reisfelder gehen, Wäsche im braunen Flusswasser waschen, Essen auf den Tisch bringen und versuchen, den Ehemann irgendwie bei Laune zu halten. Aber sie werden es mit einem neuen Selbstverständnis tun – und mit einem neuen Selbstbewußtsein.

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