Muss ich Euch kennen?

Facebook-Friends

Was mir übrigens tierisch auf den Senkel geht sind Leute, die sich mit mir befreunden und das als Gelegenheit nutzen, mir Schleichwerbung für ihre Firmen oder Aktivitäten unterzuschieben. Ich werde solche Leute künftig „unfriended“ und ihre Werbeposts sofort löschen – egal, ob ich sie eigentlich gut finde oder nicht! Das ist unerzogenes Benehmen, sonst nichts!!! Vorher fragen, okay?

Diese Zeilen habe ich in vollem Brass auf meine Facebook-Seite knallt, weil mir schon wieder irgendeine Immobilien-Tussi so eine halbseitige Werbeanzeige reingeknallt hat. Das heißt: Sie hat sich erst einmal bedankt dafür, dass ich auf ihre Freundschaftsanfrage reagiert habe. Das ist ja so weit in Ordnung, auch wenn mir ein „Daumen hoch!“ schon genügt hätte.

Das Problem ist die Friends-Inflation, und daran bin ich natürlich selber schuld. Jeder muss ja für sich die Frage beantworten: Wen will ich überhaupt auf Facebook als Freund haben. Oder wie der alte Hermann Kock, Chef der Reisemobilabteilung von Karmann, es in einem meiner früheren Leben so wunderbar von oben herab sagen konnte, wenn er jemandem vorgestellt wurde, der ihm offenbar unsympathisch war: „Muss ich Sie kennen?“

Ich habe neulich die „Schallmauer“ von 1000 FB-Freunden genommen, weil ich mir vor Jahren angewöhnt habe, Anfragen anzunehmen von Leuten, mit denen ich viele Freunde teile. Ich habe keine feste Untergrenze, aber wenn wir 20 oder 30 gemeinsame Bekannte auf Facebook haben, dann kann das doch eigentlich gar kein schlechter Mensch sein, oder?

Kann er doch! Weil meine Freunde offenbar genauso dämlich sind wie ich und einfach irgendwelche dahergelaufenen Fremden befreunden, wahrscheinlich auch nur, weil sie irgendwelche andere Freunde mit der gleichen Nummer dazu gebracht haben, sie anzufreunden, und so weiter.

Wenn ich klug wäre, würde ich jeden einzelnen vorher recherchieren, also am besten anklicken und mich mal auf seiner FB-Seite durchscrollen um zu sehen, was der sonst so von sich gibt. Tue ich nicht, weil ich ein fauler Mensch bin und an das Gute glaube. Selber schuld!

Der oben zitierte Post hat übrigens eine teilweise sehr witzige, auf jeden Fall aber aus meiner Sicht überfällige Diskussion ausgelöst darüber, was man auf Facebook tun darf und was nicht, an der sich auch einige Czyslansky-Freunde beteiligt haben.

Die älteren von uns werden sich noch an die großen „Netiquette“-Diskussionen erinnern, die wir in den 90er Jahren geführt haben. Es muss so ähnlich gewesen sein in den Frühtagen der Französischen Revolution, als jeder, der dabei sein wollte, seine ganz persönliche Version der „droites de l’homme“ zu Papier brachte und man sich überschlug darin, noch gewagtere Definitionen dessen zu liefern, was das natürliche Recht des Menschen sei. Ganz Mutige forderten sogar ein Wahlrecht für Frauen (sacre bleu!).

Auch ich habe damals meinen Katalog von „digitalen Menschenrechten“ verfasst, und ich habe sie neulich mal wieder auf meiner Festplatte gefunden, wo sie den mehrfachen Umzug von Computer zu neuem Computer überlebt haben. Ach, was habe ich damals alles so erträumt! „Netiquette – die Benimmregeln des Internet“, nannte ich die Liste, und ich habe sie unterteilt in Regeln für E-Mail, für „elektronische Kommunikation“ (das war offenbar damals noch etwas anderes als E-Mail, aber ich habe den Unterschied inzwischen vergessen…), für „Anonymous FTP“ und für „Mailing Lists und Diskussionsgruppen“.

E-Mailern habe ich damals ins Stammbuch geschrieben: „Jeder Benutzer ist selbst für Inhalt und Pflege seines elek­tronischen Briefkastens verantwortlich. Ein paar Tipps: Schauen Sie jeden Tag nach Ihrer elektronischen Post und überschreiten Sie nicht das Ihnen zugeteilte Spei­chervolumen. Und löschen Sie unerwünschte Nachrichten sofort, da sie nur Speicherplatz blockieren.“ Tja, Festplatten waren teuer, und 20 MB war damals das Höchste der Gefühle, da hieß es haushalten!

Zur elektronischen Kommunikation im Allgemeinen fiel mir damals ein: „Schreiben Sie kurze Absätze und halten Sie Ihre Nach­richten kurz und bündig. Beschränken Sie sich auf ein Thema pro Nachricht.“ Oh, dass man damals auf mich gehört hätte!

FTP war ja früher die einzige Möglichkeit, die wir hatten, Daten von einem Rechner auf den anderen zu schaufeln. „Verschieben Sie größere Downloads, vor allem solche mit ei­ner Größe von über einem Megabyte, möglichst auf die ört­lichen Abendstunden sowie auf eine Zeit, in der es beim an­gerufenen FTP-Server Nacht ist“, habe ich damals geraten – aus gutem Grund. Wer zur Unzeit FTPte, schaute manchmal stundenlang auf den blinkenden Cursor, aber es tat sich nix im Cyberspace! Und da Speicherplatz auf der Festplatte kostbar war (siehe oben), habe ich noch diesen Tipp auf Lager gehabt: „Kopieren Sie heruntergeladene Dateien auf Ihren eigenen Rechner oder auf Disketten, um die Grenzen Ihrer Spei­cherzuteilung nicht zu überschreiten.“

Das, was heute Facebook ist, waren damals Ende der 90er die „Mailinglists“. Man musste sich kompliziert anmelden mit Kommandozeilen wie <Listname>-REQUEST@<Hostname> oder <Listname-OWNER@Hostname>, und es galt als unhöflich, wenn man in der Gruppe angemeldet blieb, aber nichts hineinschrieb. „Don’t hog the bandwidth“, lautete das Motto. Weshalb ich anderen damals auch riet: „Wenn Sie länger als eine Woche unterwegs sind, melden Sie sich entweder aus der Gruppe ab oder lassen Sie Ihre Mitgliedschaft solange ruhen.“ Das wäre doch eine sehr nützliche neue Facebook-Funktion, finden Sie nicht? Sollten wir denen mal vorschlagen.

Ich habe das damals alles nicht aus purer Besserwisserei aufgeschrieben (okay, auch das…), sondern aus Idealismus. Nur so kann ich mir diesen Satz des jungen Cole erklären: „Sinn und Zweck der Netiquette ist einzig und allein, allen im unübersichtlichen Datendschungel der Netze das Leben und die Kommunizieren zu erleichtern. Da das In­ter­net bis heute auf eine weisungsbefugte Zentralinstanz und verbindliche Vorschriften verzichten konnte, müssen sich alle Beteiligten um einen möglichst reibungslosen Ab­lauf der Datenkommunikation kümmern.“

Andererseits lag ich damit vielleicht gar nicht so daneben. Jedenfalls täte es uns allen, die wir uns auf Facebook treffen, ganz gut, wenn wir uns auf ein paar einfache Grundregeln einigen würden. Wir brauchen sie auch gar nicht aufzuschreiben, sondern nur merken. Zum Beispiel: „Poste keine Schleichwerbung auf die Seite eines anderen, ohne ihn vorher gefragt zu haben!“

Ich denke, das Zusammenleben im Social Web wäre damit um einen möglichen Aufreger ärmer, und das wäre gut so.

 

PS: Zu diesem Thema haben meine Freunde und ich eine ausführliche Diskussion und weitere Blogposts auf www.czyslansky.net gestartet. Das wird sicher lustig!

Dieser Beitrag wurde unter Digitale Aufklärung, Internet & Co. abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Muss ich Euch kennen?

  1. Hans-Ulrich Dietz sagt:

    Lieber Tim,

    ich erlebe die Versuche unerwünschter Freundschaften derzeit auf XING. Diverse Personen wollen sich mit mir verbandeln. Aber sie haben noch nicht einmal den Anstand, den Grund des Verbandelns anzugeben. Diese Personen lehne ich – falls nicht persönlich bekannt und wert, mein Kontakt zu sein. – ohne Begründung ab. Auch wenn ich dann als arrogant bezeichnet werde.

    Meine Freunde – dazu gehörst Du mit Deiner Gattin – möchte ich mir selber aussuchen.

    Gruss

    Ulli

Kommentar verfassen