Piloten und andere Menschen

Der Pilot von Airfrance Flug 447, der am 1 Juni 2009 über dem Atlantik abstürzte und alle 216 Passengiere und 12 Besatzungsmitglieder mit in den Tod riss ist, hat nach allem, was wir nach Auswertung des Flugschreiber wissen, so ziemlich den dämlicsten Anfängerfehler gemacht, den es gibt: Er hat, als die Geschwindigkeitsanzeige ausfiel, am Steuerknüppel gezogen und damit das Flugzeug nach oben gezogen. Am Ende ragte die Nase mit 40 Grad in die Luft. Folge: Die Strömung am Flügel ist abgerissen, die Maschine ist über einen der beiden Flügel abgeschmiert und ist in einen Zustand geraten, den Flieger „Trudeln“ nennen. Als der Flieger nach 11.000 Metern Sturzflug auf der Wasseroberfläche, die bei dieser Geschwindigkeit in etwa die Konsistenz von Beton hat, aufschlug, hatte er den Knüppel immer noch krampfhaft nach hhinten gezogen.

Ich bin kein Linienpilot, aber ich war Sichtflugpilot, durfte also kleine Sportmaschinen vom Typ Cessna oder Piper bei schönem Wetter zum Kaffeetrinken irgendwo hin steuern. Und ich erinnere mich an die Warnungen meiner Ausbilder, bitteschön niemals, aber auch wirklich niemals in eine Wolke zu geraten, weil ich nach ungefähr 45 Sekunden tot wäre. Nicht, weil die Maschine gleich abstürzen würde, sondern weil ich ohne Sichtbezug zum Horizont und ohne eine Ahnung, wie man die Angaben der Fluginstrumente richtig deuten muss, spätestens zu diesem Zeitpunkt ein für allemal die Kontrolle über das Flugzeug verlieren würde. Entsprechende Untersuchungen im Flugsimulator hätten das ein ums andere Mal bewiesen. Nur, wer im Instrumentenflug ausgebildet sei, könne sowas wagen.

Nun, die Piloten von Airfrance 447 waren entsprechend ausgebildet. Sie mussten sogar immer wieder in den Simulator, um genau diesen Fall zu trainieren: Staurohr vereist, Speed-Anzeige spinnt, jetzt bloß nicht in Panik geraten, sondern ganz ruhig die Notfallmaßnahmen ergreifen, die wir dir eingetrichtert haben. David Robert, 37, der Kopilot, der wohl im Augenblick des Absturzes am Steuer saß und der mehr als 6.500 Stunden Flugerfahrung besaß, hat gezogen und gezogen und gezogen, bis er nicht mehr ziehen konnte und er am Ende seinem Kollegen die vielleicht tragikomischen letzten Worte zuraunte, die je ein Pilot dem Tonband seines Flugschreibers anvertraut hat: „Ich verstehe gar nichts!“ (Normalerwiese lautet das letzte Pilotenwort, das die Auswerter zu hören bekommen: „shit!“)

Meine erste Reaktion, als ich diese Geschichte in der „International Herald Tribune“ las, lässt sich ungefähr so beschreiben: „Das darf doch nicht wahr sei – war der Kerl völlig bescheuert? Und so einem Idioten vertraue ich mich jedes Mal an, wenn ich in die Maschine steige und über den großen Teich fliege? Sogar ich hätte gewusst, was ich tun muss: Drücken, um Speed aufzubauen, Maschine stabilisieren und dann gaaaanz langsam aus dem Sturzflug raus leiten, damit mir die Flügel nicht über dem Kopf zusammenklappen.“

Ich habe das auch so meiner Frau erzählt, die aber die Sache ganz anders sah: „Vielleicht war der Mann an dem Tag schlecht drauf. Vielleicht war er müde oder überreizt oder er hatte privaten Ärger. Und dann kam er in eine Situation, mit der er nicht mehr fertig wurde.“

Okay, sagte ich, aber das darf er nicht. Dafür wird er bezahlt: Nicht, um von A nach B zu fliegen – das kann mit einer modernen Verkehrsmaschine mit Autopilot und GPS-Navigation heute auch ein dressierter Affe. Der einzige Grund, weshalb es überhaupt noch einen Piloten an Bord gibt, ist ja gerade, weil er in einer Notsituation übernehmen und das tun soll, das Menschen am besten können: improvisieren.

Der Mensch sei keine Maschine, sagte meine Frau. Und sie hat natürlich recht. Trotzdem kann ich meinen Ärger nicht ganz unterdrücken. Er hätte richtig reagieren müssen, der Kerl – egal wie gut er gerade drauf war. Wenn nicht, was wird dann aus mir?

Nein, das ist nicht sehr rational. Aber Rationalität ist angesichts dieser menschlichen Grenzsituation vielleicht auch nicht die naheliegendste Reaktion. Ich werde jedenfalls den nächsten Transatlantikflug (in einer Woche) zum ersten Mal seit Jahren mit einem leichten Herzklopfen antreten.

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