Schwarze Löcher im Internet

Frei oder umsonst?

Frei oder umsonst?

In den USA tobte 2012 eine heftige Debatte über SOPA und PIPA, zwei Gesetzesvorlagen im US-Kongress, die Piraterie und Content-Klau verhindern sollten. Namhafte Technologiefirmen und Inhaltsanbieter wie Google oder Wikipedia griffen zu dem wohl äußersten Mittel, das ihnen zur Verfügung stand: sie schalteten ihre Websites einfach für ein paar Stunden ab! Die Schwarzen Löcher im Internet haben Wirkung gezeigt: Selbst Abgeordnete, die an der Formulierung der Gesetzesvorlagen mitgewirkt haben, sind inzwischen auf das Bremspedal getreten und wollen, wie Senator Marco Rubio von den Republikanern, ein Co-Autor von SOPA, das Ganze jetzt etwas langsamer angehen, um Zeit zum Nachdenken über mögliche negative Konsequenzen für die Meinungsfreiheit zu gewinnen.

In unserem neuen Buch, „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“ haben Ossi Urchs und ich versucht, das Modell des „free content“ mal zu Ende zu denken. Firmen (zum Beispiel Print- und Musikverlage oder Filmverleiher) sollen ermuntert werden, die zur Verfügung gestellten Informationen durch Dienstleistungen zu monetarisieren. Das gilt auch für Informationen, die von den Nutzern selbst zur Verfügung gestellt werden. Facebook tut das bereits im großen Stil: Es  durchforstet die Profilseiten und Postings von einer Milliarde Nutzern und verkauft diese „veredelten“, also mit Angaben über Vorlieben oder Konsumgewohnheiten der Nutzer angereicherten Informationen an werbungtreibende Unternehmen weiter, die damit wesentlich zielgenauere Werbekampagnen als je zuvor ersinnen können und hoffen, damit reich zu werden. Das passt den –zahlungsunwilligen – Nutzern aber auch nicht, denn sie fühlen sich ausspioniert und zu gläsernen Verbrauchern degradiert.

Was nun? Sollen sie, oder sollen sie nicht? Das ist inzwischen das große Dilemma des Internetzeitalters geworden: Wir alle wollen hochwertige Inhalte für lau, aber wenn die Wirtschaft darauf eingeht und tatsächlich anfängt, alternative Einnahmequellen zu erschließen, ist es uns auch wieder nicht recht.

Es gibt natürlich auch andere Geschäftsmodelle, etwa die des alten Huts, den man auf die Straße stellt: Inhalteanbieter sollen wie Straßenmusikanten die Vorübergehenden auffordern, ihnen bei Gefallen eine kleine Spende rüber zu werfen; wer gut ist, kann am Ende des Tages eine ganze Menge verdienen, und wer nur Katzenmusik produziert, geht leer aus. Das wird schon seit Jahren hier und da praktiziert, aber mal Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal im Internet gespendet? Und über dieses Missverhältnis kann auch der aktuelle Hype um „Crowdsourcing á la „Kickstarter“ und Konsorten nicht hinwegtäuschen

In den New York Times schreibt Jaron Lanier, der dreadlockige Vordenker der virtuellen Realität und vom Saulus zum Paulus gemendelter Internet-Kritiker: „Meine Freunde von der Internet-Bewegung muss ich fragen: Was habt Ihr gedacht, was passieren würde? Wir im Silicon Valley haben das Urheberrecht untergraben, um das Gewerbe zu zwingen, sich mehr um Service als um Content zu kümmern – mehr um unseren Code als um ihre Dateien. Das unvermeidliche Ergebnis war immer, dass wir dadurch die Kontrolle über unseren eigenen Content verlieren würden, unsere eigenen Dateien. Wir haben nicht nur Hollywood und die altmodischen Verleger geschwächt. Wir haben uns selbst geschwächt.“

Information will in frei sein, das stimmt. Aber umsonst? Das ist mehr als nur eine Frage der korrekten englischen Übersetzung.



[1] Jaron Lanier: Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht, Suhrkamp (2010)

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