Shakespeare würde bloggen

Was uns Blog heißt, wie es auch hieße, würde lieblich durften.

Würde er noch leben, wäre Shakespeare heute sicher auch ein „Blogger“. Was die interessante Frage aufwirft: Was ist überhaupt ein Blog?

Nun, dass sich der Begriff aus der Verkürzung von „Web Log“ ableitet, kann ich ja bei Wikipedia nachschlagen. Aber ist ein Blog deswegen auch ein Logbuch? Das hat für mich so was Nautisches. In einem Logbuch trage ich Dinge ein, die geschehen sind, und zwar in der Reihenfolge, in der sie geschehen sind, damit ich hinterher nachschlagen kann oder mich im Fall, dass ich mit meinem Schiff versehentlich gegen ein Riff fahre, rechtfertigen kann. „Hohes Seegericht, ich habe alles getan, was ein Seemann tun kann. Schauen Sie nur in mein Loggbuch!“.

Eine Zeitlang habe ich in meinen Vorträgen den Begriff des „Online-Tagebuchs“ verwendet, um meinen Zuhörern zu beschreiben, was ein Blog ist. Aber das hat wiederum etwas Jungmädchenhaftes, so wie ein Poesiealbum. Echte Kerle essen keine Quiche. Sie haben auch keinen Blog!

Neulich sprach ich mit meinem Kollegen Ulrich („Pfaffi“) Pfaffenberger von EditorNetwork, wie ich ein alter Journalisten-Hase, und er erzählte, dass er schon vor Jahren einen Blog gehabt habe, und zwar lange, bevor es das Wort überhaupt gab. Er war bei einem Verlag in Augsburg beschäftigt, die hatten eine Website, und da hat er einmal pro Woche einen Text über irgendein aktuelles Thema verfasst, das er seine „Online-Kolumne“ nannte.

Das hat für den Journalisten etwas Altvertrautes, damit kennen wir uns aus. Die vielleicht schönste Kolumne der Welt ist ja das „Streiflicht“ in der Süddeutschen Zeitung, deren herausragende Bedeutung schon daran abzulesen ist, dass sie auf der Seite eins links oben steht. So, wie wir Westler lesen, nämlich von links nach rechts und von oben nach unten, bedeutet das sozusagen Pole Position. Und deshalb lesen Menschen wie ich ja auch das Steiflicht morgens zu allererst.

Nun schreibe ich ja nicht nur diesen etwas unregelmäßigen Blog, sondern auch regelmäßige Monatskolumnen in Zeitschriften. Die älteste erscheint in Profits , das Unternehmer-Magazin der Sparkassen, und hieß früher „Mein Alltag im Internet“. Irgendwann, als sich dann jeder täglich im Internet herumtrieb, wurde sie in „eScout“ umgetauft. Profits hat schon manche Konzeptänderung (neudeutsch: „relaunch“) erlebt und selbst sogar schon den Titel gewechselt (sie hieß früher „Geschäftswelt“). Das einzige, was immer überlebt hat, war meine Kolumne, und das schon seit fast 15 Jahren. Also auch lange, bevor es den Begriff „Blog“ gab.

Eine andere Kolumne erscheint immerhin schon seit fast fünf Jahren in dem von mir sehr geschätzten Wirtschaftsmagazin ProFirma , das in Freiburg im Haufe-Verlag erscheint. Chefredakteur Dieter Römer leistet sich jeden Monat den Luxus, eine ganze Seite zu opfern für eine nachdenkliche und hintersinnige Betrachtung der meist schwierigen und oft schreiend komischen Beziehung des Menschen zu seiner Technik. Ich darf nich auf dieser Seite als Journalist und Wortschmied so richtig austoben, was ich natürlich sehr genieße. Meine Leser, hoffe ich, auch.

Solche Biotope des Geistes sind rar geworden im deutschen Journalismus, wo vor allem Wirtschafts- und Fachmagazine krampfhaft bemüht sind, so viel „Nutzwert“ wie möglich in ihre Seiten zu pressen, bis sie sich wie Gebrauchsanleitungen lesen und so viel intellektuellen Kitzel bieten wie ein Vortrag über Kautschukproduktion.

„Cole’s Corner“ mag nicht das „Streiflicht“ sein, aber irgendwie verwandt sind sie doch. In beiden Fällen beweist eine Redaktionsleitung damit den Mut und, wie ich finde, auch das Einfühlungsvermögen, Leser nicht nur über das Stammhirn anzusprechen, sondern auch über das eher Irrationale, das nun mal auch in jedem Menschen wohnt.

Jetzt schickte mir Peter Steinmüller, der als Chef vom Dienst jahrelang schon meine Kolumnen in ProFirma mit großem Feingefühl und Witz bearbeitet und druckreif macht, einen Themenvorschlag für eine der nächsten Ausgaben, und ich finde seine Wortwahl bemerkenswert. Notabende: Steinmüller ist ein Mann des Wortes, und er verwendet nie eines ohne Bedacht.

Er schrieb: „Ihre Thesen zum Techno-Beduinen haben mich auf die Idee gebracht, ob Sie daraus nicht für Ihre Kolumne ein Essay formen könnten? ′Die Zukunft des Selbstständigen als Techno-Beduine′ (ist der Ausdruck eigentlich politisch korrekt?).“

Nebenbei bemerkt: Ist es nicht wunderbar, von solchen Leuten solche Mails zu bekommen, über die man meist kurz nachdenken und über die man fast immer kurz lächeln muss. Und nicht laufend diese verkürzten, eingedampften Kommandozeilen-Mails („unbed. Txt bis Frtg?“).

Jedenfalls entnahm ich seiner Mail, dass meine Kolumne, zumindest redaktionsintern, inzwischen offenbar den Status des „Essays“ erlangt hat, was ich als eine echte Beförderung empfinde! Als Kunstform ist das Essay schließlich so etwas wie der Olymp! Da wohnen die Unsterblichen der Schreiberzunft, die Voltaires, die Montaignes, die Macauleys, Orwells, Jüngers, Manns, Shaws, Shelleys und natürlich auch Virginia Woolf.

Ich überlege schon, ob ich mir nicht neue Visitenkarten drucken lasse. „Tim Cole, Internet-Essayist“ stünde dann drauf. Das klingt jedenfalls ganz anders als „Cole – der Blogger“.

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