Mit ‘Delhi’ getaggte Artikel

Sklaverei 2.0

Dienstag, 07. Oktober 2008

In Indien existiert die Leibeigenschaft offiziell seit 1843 nicht mehr, aber inoffiziell ist sie allgegenwärtig.

Vielleicht war es die Aja, das dicklich-gemütliche indische Kindermädchen, die in Delhi am Hotelpool auf zwei kreischende Buben aufpasste,, die mich auf den Gedanken gebracht hat. Die Mutter, eine offenbar wohlhabende und westlich geprägte Inderin, saß zehn Meter daneben im schicken Badeanzug, ließ sich vom Hotelboy ab und zu etwas Kühles reichen, las ein Buch und schaute während ich da war nicht ein einziges Mal zu ihrer Brut hinüber. Für sowas hat man schließlich seine Leute. Irgendwann wickelte die Aja die beiden Knaben in dicke Handtücher und verschwand mit ihnen in Richtung Hotelzimmer. Mama sprach kein Wort, sondern blätterte weiter.  Irgendwann sammelte auch ich meine Sachen und machte mich davon.

Ein paar Tage später in Agra musste ich wieder an die Memsahib und ihre Aja denken beim Anblick dieses Schildes, das an der Wand neben dem Eingang zum Schwimmbad hing. Neben allerlei Ge- und Verbote sind es vor allem zwei, die meine Aufmerksamkeit erregten, zumal sie direkt nebeneinander stehen. „Servants … not allowed“ und „pets not allowed“. Zu deutsch ist der Zutritt also für Diener und Haustieren gleichermaßen untersagt. Und irgendwie stehen beide in den Augen des Schildermachers mehr oder weniger auf einer Stufe. Na gut, die Bediensteten kommen zuerst, wenigstens das.

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Die Milane von Delhi

Samstag, 04. Oktober 2008

Vor unserem Hotelfenster in Delhi findet eine atemberaubende Flugshow statt. Wir sind gerade ein paar Minuten in unserem Zimmer im sechsten Stock des Taj Mahal Hotels in Delhi, da deutet meine Frau aufgeregt aufs Fenster und ruft: „Da, ein Adler!“

Tatsächlich kurvt draußen ein riesiger Raubvogel herum mit braunem Gefieder und einem ziemlich gefährlich aussehenden Schnabel. Leicht wie ein Segelflugzeug schwebt er auf unsichtbaren Luftzwellen umher, bewegt ab und zu kurz die Flügel, um Höhe zu gewinnen und starrt dabei mit stieren Blick nach unten, ob es denn etwas zum Erhaschen gibt.

Der Tuktuk-Fahrer, der uns knatternd und rüttelnd vom Bazar von Old Delhi nach Hause bringt, korrigiert allerdings: „No eagle – kite! Kite!“ Google gibt später wie immer Auskunft: Kites sind Gleitaare, von denen es sogar ein paar Dutzend Arten auf der Welt gibt, zum Beispiel Milane oder Schwebeweihe.

Als ornithologisch Unbedarfter wusste ich vorher gar nicht, dass es sowas gibt. Und jetzt stehe ich eine halbe Stunde lang mit offenem Mund am Fenster und schaue zu, wie diese Riesenvögel – der größte von ihnen hat sicher eine Spannweite von anderthalb Metern! – direkt vor meiner Nase eine Flugschau der Superklasse aufführen. So nahe kommt man nicht einmal mit dem Fernglas an einen solchen Vogel ran.

Gerade vor drei Wochen haben wir uns auf Kreta fast die Hälse verrenkt beim Versuch, einem Seeadler-Pärchen zuzuschauen, das in luftiger Höhe über unseren Köpfen ihre majestätischen Runden drehte. Und jetzt sehen wir einen ähnlichen Vogel sozusagen in Nahaufnahme und in Augenhöhe, vielleicht fünf Meter vorm Hotelfenster.

Man muss Indien einfach lieben…

Warum ich gerne Sikh wäre

Donnerstag, 02. Oktober 2008

Also, ich halte es ja nicht so mit der Religion. Aber wenn, dann wäre ich gerne Sikh.

Der Gurdwara von Delhi ist ein imposantes Bauwerk mit einer goldenen Kuppel, die ein bisschen an den Tempel von Amritsar erinnern soll, sozusagen der Petersdom der Sikhs. Gopal Singh, der Fahrer, der sich heute mit seinem Tuk-Tuk, in dem ich saß, eine halsbrecherische Fahrt durch die indischen Hauptstadt geleistet hat und dabei keine Miene in seinem weißbärtigen Gesicht verzogen hat, fand es wichtig, mich zuerst hierher zu führen, bevor er mir die anderen Sehenswürdigkeiten Delhis zeigte. Und am Ende sind wir so lange dort geblieben, dass ich für nichts anderes mehr Zeit hatte.

Es war Feiertag, und die Sikhs sind mit Kind und Kegel in die Gurdwara geströmt, um auf und ab zu flanieren, mit den Kindern über den Rasen zu tollen und sich mit Freunden zu treffen. Zwischendurch geht jeder in den Tempel, wo ein Granthi – eine Art Laienprediger, denn Priester kennt die Sikh-Religion nicht – aus dem Guru Granth Sahib, dem heiligen Buch, vorlas. Dazu spielten drei Musiker auf irgendwelchen indischen Instrumenten und sangen dazu mit leicht weinerlicher Stimme Hymnen, die bei ihnen Kirtan heißen, was so viel heißt wie “lobet den Herren”. Danach gehen sie hoch auf die Empore und lesen ein Kapitel aus dem Heiligen Buch und gehen dann hinunter an das große Reservoir, das die Ausmaße eines Fußballfelds hat und mit geweihtem Wasser gefüllt ist. Darin baden sie und füllen dann ein paar Flaschen davon ab, um es zu Hause zu trinken zwecks seelischer Reinigung. Nein, über Infektionsgefahr und Hygiene redet keiner, aber es scheint auch niemandem so richtig dreckig zu gehen. Außerdem schwimmen in dem Wasser Hunderte von Goldfischen, vielleicht beseitigen die ja das Schlimmste.

Gopal Singh führte mich anschließend hinter den Tempel, und dort habe ich ein Schauspiel erlebt, ds mich wahnsinnig beeindruckt hat. Dort betreibt die Sikh-Gemeinde unter einem Wellblechdach eine riesige öffentliche Garküche, der Pangat. Es sitzen Männer im Turban und Frauen in bunten Sari auf dem Boden und kneten mit den Händen Teigbällchen, die zu Fladen ausgebreitet und auf einem heißen Stein ausgebacken werden. Andere bereiten riesige Zuber voll Reis und Dal, einer köstlichen schmeckenden Brei aus Linsen und Gewürzen. Vorne an der Ausgabe schöpft ein dicker Sikh großzügige Portionen auf Blechteller und reicht sie in die wartenden Hände, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Ansehen, Religion oder Neigung. Wer da ist, bekommt zu essen – punkt. Das ist für jeden gottesfürchtigen Sikh ein selbstverständlicher Teil seiner Religionsausübung, denn “Sikhtum besteht aus praktischem Leben, aus Dienst an der Menschheit, aus dem Stiften von Toleranz und brüderlicher Nächstenliebe”. So steht es in der Broschüre “What is Sikhism?”, das ich am Ausgang überreicht bekomme, wo ich meine Schuhe wieder anziehe und das orangefarbe Kopftuch zurückgebe, mit dem ich während meines Besuchs im Tempelbezirk mein Haupt weisungsgemäß verhüllt habe.

Der Gründer der Sikh-Konfesion, Guru Nanak, der 1469 in einem kleinen indischen Dorf namens Talwandi geboren wurde, soll sich schon in früher Kindheit gegen die sinnlosen Rituale, Aberglauben und Dogmen der Religionen aufgelehnt haben, die er überall vorfand. Er predigte stattdessen, dass einen einzigen Gott gäbe, der in uns wohnt und der sich vor allem im Verstand offenbart. Sie Sikhs kennen keine Altare, keine Gottesbilder und keine Kasten. Ihre Frauen tragen keinen Schleier und sind gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft. Mitgifte (doweries) sind ihnen fremd, aber dafür gibt es auch keine Scheidung bei den Sikhs. Dennoch haben es Sikh-Frauen offenbar besser als ihre Hindu- oder Moslem-Schwestern. Jedenfalls behaupteten das die Frauen, mit denen ich mich unterhalten habe.

Ich muss gestehen, dass mir Religiosität grundsätzlich fremd ist, obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich ein evangelischer Pfarrerssohn bin. Aber wenn ich in mir den Wunsch verspüren würde, mich einer Religionsgemeinschaft anzuschließen, dann könnte ich eine schlechtere Wahl treffen, als Sikh zu werden. Eine Religion, die menschliche Vernunft in den Mittelpunkt stellt, die Toleranz predigt und Nächstenliebe täglich praktiziert, die den Armen zu essen gibt und die Frauen als gleichberechtigt anerkennt, die erklärtermaßen Pessimismus ablehnt und Optimismus zu einem Glaubengrundsatz erhebt, die keine Priester kennt und die vor allem jedem offen steht, der ihre Prinzipen akzeptiert, sich ihrem Verhaltenskodex unterwirft und sich taufen lässt, die hat schon wieder so etwas Progressives an sich, dass man darüber vielleicht sogar solche Anachronismen übersehen könnte wie die Pflicht des Mannes, stets ein Schwert bei sich zu tragen und niemals Haupt- oder Barthaare schneiden zu lassen oder eben auch das Scheidungsverbot – Dinge, die junge Sikhs ohnehin inzwischen zunehmend beiseite schieben.

Wie gesagt: Wenn schon, dann so eine Religion. Oder vielleicht könnten andere Religionen sich mal eine Scheibe davon abschneiden…

Mit der Kamera gegen die Armut

Mittwoch, 01. Oktober 2008

Weena Yamini ist eine resolute junge Dame, die ganz genau weiß, was sie will. Sie sitzt mir in einem grellgrünen Sari auf der Terrasse des Gemeideszentrums von Anthaved gegenüber, einem typischen südostindischen Dorf im Herzen des “Coconut Country” des Bundesstaates Andra Pradesch unweit des Golfs von Bengalen. Sie spricht davon, wie man die beiden mächtigsten Medien der Menschheitsgeschichte – Fernsehen und das Internet – gemeinsam nutzen könnte, um das Los der Landfrauen in diesem abgelegenen Zipfel Asiens zu verbessern.

Konkret spricht sie davon, wie man diese Frauen dazu bekommen kann, ihre eigenen Geschichten mit Hilfe von selbstgedrehten Fernsehfilmen zu erzählen und damit ihre eigene Situation und die ihrer Nachbarinnen zu vrbessern. Wenn man ihr zuhört ahnt man, dass es gar nicht so leicht ist, was sie sich vorgenommen hat, denn indische Frauen sind erstens ungeheuer traditionsbewusst und zweitens ungeheuer schüchtern. „Zuerst müssen wir sie überhaupt dazu bekommen, das Haus zu verlassen“, sagt sie Erst dann könne man sie dazu überreden, ihre Geschichte zu erzählen.

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