Mit ‘Demokratie’ getaggte Artikel

Kindepornos und Hundekämpfe: Wie sich die Bilder gleichen

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Seltsamerweise liest man in deutschen Zeitungen und Blogs so gar nichts über ein Thema, das in Amerika gerade für Furore sorgt, und dass auch in Deutschland Relevanz hat angesichts der Diskussion um Internet-Sperren für Kinderpornos.

Gut, es geht vordergründig um ein ganz anderes Thema, nämlich um Videos von Hundekämpfen, aber das Prinzip ist das gleiche.

Das oberste Gericht der USA verhandelt gerade unter reger Anteilnahme der Öffentlichkeit den Fall eines gewissen Robert J. Stevens aus Virginia, der solche Filme unter dem Titel “Pit Bull Training” übers Internet verkauft hat, worauf es natürlich ein paar besonders brutale Szenen auf YouTube geschafft haben. Der Kerl wurde daraufhin von Tierschützern angezeigt und aufgrund eines Bundesgesetzes aus dem Jahr 1999, das die Abbildung von Tierquälerei verbietet, verurteilt. Er ging in die Berufung und wurde freigesprochen, weil er sich auf die Meinungsfreiheit berief.

Und nun müssen die Damen und Herren in den langen Roben entscheiden, ob Stevens ins Gefängnis muss oder nicht. Und sie tun sich mit der Entscheidung sehr, sehr schwer. Das Argument der Tierschützer ist, dass solche Filme zur Nachahmung anstiften. Stevens Anwalt bestreitet das und verweist auf ähnliche Filme, die von Tierschützern gedreht  worden sind und die teilweise noch viel grausamere Szenen enthalten.  Außerdem habe Stevens seine Filmszenen teilweise aus Ländern bezogen, in denen Hundekämpfe legal oder zumindest nicht ausdrücklich verboten seien, wie Japan oder Russland.

Richter Samuel A. Alito hat gestern in der Verhandlung eine, wie ich finde, sehr interessante Frage in diesem Zusammenhang gestellt, nämlich die, ob man in Amerika einen “Menschenopfer-Kanal” verbieten müsste, wenn es einen solchen gäbe. Angenommen, so Alito, irgendwo auf der Welt sei es Sitte, Menschen bei lebendigem Leibe das Herz heraus zu schneiden und es dem Sonnengott zu opfern (wie jahrhundertelang in Mexiko üblich), und jemand würde darüber Filme drehen? Würden sich die Leute das anschauen. Klar würden sie es! Sei würden sogar dafür bezahlen, und einer könnte ja auf die Idee kommen, einen Bezahlsender aufzumachen, auf dem solche Streifen ausgestrahlt werden. Dürfte man das verbieten? Aus den Mienen der Richter war abzulesen, das ihre Antwort vermutlich “nein” gelautet hätte. Und selbst der Anklagevertreter sah sich genötigt zuzugeben, dass die Verfassung ein solches Verbot nur dann rechtfertigen würde, wenn solche Filme nachweislich zur Nachahmung anstiften würden.

Nicht, dass ich hier Hundekämpfe verherrlichen will. Ich finde die Bilder genauso widerlich wie Sie. Der ganze Streit dreht sich aber letztlich um die Frage, ob der Staat das Recht hat, Abbildungen (eine Form von Meinungsausdruck) zu verbieten, nur weil sie von einigen (oder sogar von sehr vielen) als anstößig empfunden werden. Oder muss nicht zuerst der Kausalzusammenhang mit tatsächlichem Rechtsbruch (Tierquälerei, Kindermissbrauch, etc.) nachgewiesen werden?

So lange die Bilder sozusagen für sich stehen, also niemandem unmittelbar weh tun oder ihm sonstigen konkreten Schaden zufügen, darf man sie nahc vorherrschendem Rechtsverständnis in den USA nicht verbieten. Alles andere wäre Paternalismus, also der staatlich verbordenete Schutz des Einzelnen vor sich selbst. Und das kann nicht Aufgabe eines liberalen Rechtsstaats sein.

Auf Zensurula und der Stoppschilder im deutschen Internet übertragen hiesse das, solche Sperren wären nur dann legal, wenn dadurch nachweislich die Vergewaltigung von Minderjährigen unterbunden würde. Was aber Blödsinn ist, denn erstens liegen die Taten naturgemäß in der Vergangenheit, ein Bilderverbot würde sie nicht ungeschehen machen. Und zweitens ist die gottseidank Ex-Familienministerin bislang den Beweis für ihre Behauptung schuldig geblieben, Kinderpornos würden die Betrachter zu Päderasten machen. Das ist Blödsinn, wie seriöse Studien u.a. des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD)  des Kantons Zürich bewiesen haben. Man kann sogar im Gegenteil argumentieren, die Sperre schütze die Kinderschänder, denn sie erschwert die Fahndungsarbeit der Polizei. Frau von der Layen und alle, die mit ihr gestimmt haben, haben sich damit sozusagen zu Mittätern künftiger Kindervergewaltigungen gemacht. Ob sie sich ihrer Schuld bewußt sind? Wohl kaum.

Ich finde es bedenklich, und für das Demokratieverständnis in Deutschland bezeichnend, dass ein so tiefer Eingriff in die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit, von der Freiheit des Internet gar nicht erst zu reden, mehr oder weniger Widerspruchslos (389 Ja- zu 128 Nein-Stimmen im Bundestag) geduldet wird. Vielleicht sollten wir uns Amerika mal wieder zum Vorbild nehmen. Wir in den demokratischen Ländern haben Jahrhunderte gebraucht, um den Machthabern gewisse Grundrechte abzutrotzen wie die der Freiheit, das zu sagen und abzubilden, was wir wollen.

Andererseits: Die Bundestagswahl ist ja nun gelaufen. Wäre es nicht an der Zeit, ans Aufräumen zu gehen? Und beispielsweise das aus kurzsichtig populistischen Motiven heraus eingeführte Unrechtsprinzip der Internet-Sperren dorthin zu befördern, wohin es gehört: in den Mülleimer der Geschichte!

Ist Rassismus demokratiefähig?

Dienstag, 31. August 2010

Zur Causa Sarrazin ist eigentlich alles gesagt worden in den letzten Tagen. Dass der Mann ein Rassist ist, weiß nun jeder. Wahrscheinlich empfindet er das  sogar als Auszeichnung. Man könnte also eigentlich zur Tagesordnung übergehen und hoffen, dass die ganze Aufregung ebenso schnell wieder abklingt wie die um das Buch seines geistigen Verwandten Frank Schirrmacher, der ihn in der FAZ am Sonntag als „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“ in Schutz nimmt. Nun, FS weiß, wovon er redet. Allenfalls wird er sich darüber ärgern, dass jemand anderer ihm diesen Ruf streitig macht.

Die Diskussion um Dinge wie das „Juden-Gen“ und die angeborene Dummheit gewisser Migrantengruppen schlägt jedoch in dem Aufsatz von Thomas Steinfeld in der heutigen Ausgabe der „Süddeutschen“ auf einmal ins Nachhaltige um, wenn dieser den Begriff des „demokratischen Rassismus“ einführt und schreibt:

„Es ist unangenehm, ja sogar peinlich, sich Rechenschaft abzulegen darüber, dass es einen demokratischen Rassismus gibt. Aber es gibt ihn, in allen Parteien, in weiten Teilen der Bevölkerung, überall, wo überhaupt die Vorstellung einer natürlichen Staatsangehörigkeit auftaucht. Und es mag schädlicher sein, diesem Ressentiment nur verhohlen nachzugeben, als es offen auszusprechen.“
Denn damit hat er etwas unter dem Teppich hervorgekehrt, dass sonst stets unausgesprochen bleibt: Was ist, wenn die Rassisten in einem Land keine gesellschaftliche Randgruppe, sondern eine heimliche Mehrheit sind? Oder anders gefragt: Kann man gleichzeitig Rassist und Demokrat sein?

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Demokratischer Fachismus

Sonntag, 23. April 2006

Als in Deutschland lebender Amerikaner gerate ich häufig in Erklärungsnotstand. Ich halte Amerika nämlich nach wie vor für das demokratischste Land der Erde. Und ich halte George W. Bush für einen Faschisten.

Also was nun, fragen mich meine Freunde bei solchen Gelegenheiten. Wenn das demokratisch gewählte Staatsoberhaupt des Landes ein Faschist ist, dann sind doch mindestens die Hälfte der Wähler auch Faschisten, oder?

Nun, das mit der Demokratie ist eine verzwickte Sache. Und mit Vernunft hat sie nicht immer etwas zu tun. Oder glaubt denn wirklich jemand, dass die Mehrheit der Palästinenser wirklich Hamas-Anhänger sind? Trotzdem sind die Terroristen dort demokratisch legitimiert.

Ich hasse das, was Bush und seine Kumpanen im Namen Amerikas machen. Sie haben das eigene Volk belogen, einen ungerechten Krieg vom Zaun gebrochen, unschuldige Menschen ohne Anklage und Möglichkeit zur Verteidigung über Jahre hinweg gefangengehalten und der Weltmeinung dabei die Nase gezeigt. Sie haben die Steuern für die Reichen gesenkt und geholfen, die Armen ärmer zu machen. Sie haben innerhalb von wenigen Jahren einen Haushaltsüberschuß in einen Schuldenberg verwandelt, an dem ihre eigenen Urenkel noch werden abzahlen müssen, und sie zerstören aus Raffgier den Planeten. Schlimmer geht es doch gar nicht, oder? Und der Cole verteidigt ein solches System auch noch?

Ich gebe zu, dass mich das selbst verwirrt – und trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut wenn ich lese: “Wir halten diese Wahrheit für offensichtlich, dass nämlich alle Menschen gleich geschaffen sind, und dass sie von ihrem Erschaffer mit bestimmten unveräußerlichen rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freitheit und die Jagd nach dem Glück.”

Wie kann man ein Land nicht lieben, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung als höchstes Gut gilt, in dem jeder – ob Nazi, Fundamentalist oder Spinner – wirklich sagen darf, was er denkt? Wie wollen Deutsche oder Österreicher den Amerikanern Demokratieunterricht geben, wenn bei ihnen Holocaustleugner vor Gericht gestellt werden? Ich hasse David Irvings Ansichten, aber ich verteidige mit ganzem Herzen sein Recht, sie zu äußern.

Manchmal glaube ich selber, schizophren zu sein. Aber dann kommt gerade noch rechtzeitig die “Economist” daher und bringt das auf den Punkt, was ich schon immer instinktiv gefühlt habe. In einer Besprechung des Buchs “Politics Lost: How American Democracy Was Trvialised by People Who Think You’re Stupid” schreibt der Rezensent folgenden gedankenschweren Satz, der genau das ausdrückt, was ich meine: “Dieses Buch ist durchdrungen von einer mächtigen Zuneigung für das Versprechen amerikanischer Politik und Verzweiflung über ihre Realität.”

Ja, das ist es. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Ideale, auf denen das amerikanische politische System gründen, zum Edelsten und Wirkungsvollsten zählen, was Menschen erdacht haben. Aber da es Menschen sind, die diese Ideale in die tägliche Politik umsetzen, ist das Ergebnis oft schrecklich.

Die Kraft dieser Ideale hat zweieinhalb Jahrhunderte überdauert und haben Amerika die längste demokratische Tradition der Welt beschert. Das muss uns erst mal einer nachmachen.

Ich hoffe, dass diese Tradition stark genug sein wird, selbst einen George W. Bush zu überstehen.