Träumen Sie nicht manchmal auch davon, den Smartphone einfach mal auszuschalten und in aller Ruhe den Feierabend zu genießen? Dazu fehlt mir, ehrlich gesagt, die nötige Selbstdisziplin. Ich freue mich höchstens auf den Jahresurlaub im unberührten Südwestkreta. Dort in der „Wilden Svakia“ gibt es nur draußen auf der Landzunge vor dem Hotel Handyempfang. Man muss also eine Viertelstunde laufen, und dazu bin ich dann meistens viel zu faul. Vielleicht sollte ich mich bei Volkswagen bewerben. Die haben das Problem souverän gelöst: 30 Minuten nach Arbeitsschluss wird der firmeninterne Blackberry-Server einfach abgeschaltet. Eine entsprechende Betriebsvereinbarung betrifft rund 1.200 Tarifmitarbeiter und ist mit dem Betriebsrat abgestimmt. Offenbar waren einige Chefs in Wolfsburg der Ansicht, dass ihre Untergebenen rund um die Uhr per Mail erreichbar zu sein hatten. Damit ist jetzt Schluss. Die Telefonfunktion des Blackberry ist allerdings davon nicht betroffen. Es bleibt dem Chef also unbenommen, abends beim Mitarbeiter durch zu klingeln und ihm Dampf zu machen. Doch dagegen gibt es ja ein bereit bewährtes Mittel: den Ausschaltknopf…
Mit ‘E-Mail’ getaggte Artikel
Digitale Robinsonade
Montag, 13. Februar 2012
Nichts stört so sehr im Internet-Zeitalter als einer, der seine Mails nicht beantwortet, und zwar zügig! Am besten innerhalb weniger Minuten, aber wenigsten noch am selben Tag. Wer das nicht tut, den mag man eigentlich nicht, und im Fall eines Online-Händlers ist das natürlich tödlich: Der Kunde ist sauer und auch schon weg; da hilft es nichts, wenn zwei, drei Tage später doch noch eine Antwort reinschneit wie die letzten Schneeflocken im Frühling, denn da bin ich mit meinen Gedanken schon woanders.
Im Privatleben ist das ein bisschen anders, aber auch nur ein bisschen. Es gibt Leute, die meinen, im Urlaub sei die Zeit aufhoben: Sie wollen sich schließlich erholen, und dazu gehört es für sie auch, während der schönsten Wochen des Jahres nicht ins elektronische Briefkastl zu schauen. Dass für uns andere das Leben aber weitergeht, können oder – wahrscheinlicher – wollen sie nicht zur Kenntnis nehmen.

So warten wir dann ungeduldig, dass die digitale Robinsonade zu Ende ist und derjenige wieder im Lande der Lebenden auftaucht, ausgeruht und voller Tatendrang. Wenn man sie gut genug mag, verzeiht man ihnen, aber insgeheim bleibt doch ein fader Geschmack zurück. Schließlich gibt es auch am Hindukusch oder auf Mauritius Internet-Anschluss, und die paar Minuten am Tag habe ich immer, dass ich ein digitales Lebenszeichen von mir geben kann. Es nicht zu tun, zeugt von Egoismus und Eigenbrötelei: unsoziales Verhalten, und das im Zeitalter von Social Media!
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LDO, oder: Das Ende von E-Mail
Dienstag, 06. September 2011Meine Tochter schreibt keine Mails mehr. „Oh Papa, E-Mail ist doch so 20stes Jahrhundert“, meinte sie neulich. Stattdessen benützt sie Facebook, um mit ihren vielen „Freunden“ – oder das, was sie für Freunde hält – zu kommunizieren. Als sie kürzlich mit ihrem Freund Schluss machte, tat sie das sozusagen coram publico auf ihrer Facebook-Seite, unter reger Zuschauerbeteiligung: Die einen waren dafür, den Typ in die Wüste zu schicken, die anderen rieten ihr, es nochmal mit ihm zu probieren. Die Debatte endete eins zu null für die Wüste.
In der kleinen Analystenfirma, an der ich beteiligt bin, tobt gerade auch ein Streit darüber, ob E-Mail noch zeitgemäß sei. Eine Fraktion (und es sind diesmal komischerweise die Älteren) ist dafür, für die interne Kommunikation auf ein so genanntes „Microblogging“ namens Yammer umzustellen, das wie Twitter funktioniert, nur dass der Benutzerkreis auf die eigenen Mitarbeiter beschränkt bleibt. Wir schreiben uns zu viele Mails, meinen die Yammer-Anhänger, da hat man keine Übersicht mehr. Die Gegner (die Jüngeren, wie gesagt) scheuen vor der totalen Transparenz zurück: Da könne ja jeder alles lesen, da könne man ja niemandem mehr etwas im Vertrauen sagen. Das Ende der Debatte steht noch aus.
Darf man per E-Mail trauern?
Mittwoch, 02. Januar 2008Die Todesnachricht lag in meiner Mailbox, und ich habe darauf geantwortet. Hätte ich das tun dürfen?
Hartmut Dirks ist nicht alt geworden. Mit 53 Jahren ist er in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Emden gestorben. Das hat mir seine Frau Alice heute per E-Mail-Rundschreiben an alle Freunde und Verwandte mitgeteilt.
Hartmut war über die Jahre mein Streit- und Saufkumpan, ein Schwätzer vor dem Herren, vor dem ich – selber kein übler Schwätzer – neidlos den Hut ziehen musste. Klar, dass so einer – wie ich – die Journalistenlaufbahn einschlagen musste. Sprüche von ihm wie “ohne ‘n Korn ist ‘n Bier ja so trocken” werden mich mein Leben lang begleiten.
Warum er gestorben ist, weiß ich nicht, nur dass es wohl “plötzlich und unerwartet”, aber auch “schmerzlos” gewesen sein muss, wie mir seine Witwe schrieb. Die erste Mail im Neuen Jahr, und dann so was.
Ich war jedenfalls ziemlich fassungslos, als ich frühmorgens, noch ein bisschen verkatert und im Morgenmantel am Computer saß und die Mail las. Und ich habe das getan, was ich normalerweise bei Mails, die mich interessieren oder berühren, tue: Ich habe sofort geantwortet. Das gehört sich so im Internet-Zeitalter. Menschen, die endlos lange brauchen, bis sie antworten (oder die gar nicht antworten) mag ich eigentlich nicht.
Doch dann sind mir plötzlich Zweifel gekommen. War das richtig? Ist E-Mail das richtige Medium, um so persönliche und intime Inhalte zu kommunizieren wie Beileid, Bestürzung, Trauer? Was bist du doch für ein grober Klotz, dass du glaubst, einer armen Witwe gegenüber deine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben, indem du mal eben auf “senden” drückst? Wie weit sind wir gekommen in dieser kalten Welt des Browsers und des Mailers?
Gut, ich kannte die Dame ja nicht. Hardy hat sie erst geheiratet, als wir uns schon ein bisschen aus den Augen verloren hatten. Unser Kontakt bestand über die Jahre nur aus spontanen, aber meist sehr langen Telefongesprächen, in denen es um Gott und die Welt, um alles von Computerspiele bis zur Gesundheitsreform, um berufliche Erfolge und Misserfolge, um Hardys spätes Zweitstudium und unsere mit dem Alter zunehmende Unfähigkeit ging, wie früher bis zum Morgengrauen Jever und Korn zu kippen und trotzdem am nächsten Morgen noch wie Tiere zu arbeiten.
Natürlich habe ich mir inzwischen eine Rationalisierung zu Recht gelegt, die mir hilft, meine tief sitzende Unlust zu rechtfertigen, eine wildfremde Witwe anzurufen und persönlich die üblichen Trostformeln zu sprechen. Immerhin hat sie mir ein Rundschreiben geschickt. Wie unpersönlich kann man werden? Und außerdem ist es halt so: Wir leben nun mal in der Welt, in der wir leben, und E-Mail ist für Menschen wie mich inzwischen sogar zu der absolut wichtigsten Kommunikationsform überhaupt geworden. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass die Verteilung bei mir in etwa so aussieht: Telefonieren 20 Prozent, F2F (also mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht sprechen) 30 Prozent, E-Mail 50 Prozent.
Ein Beileidsbrief per E-Mail ist also absolut in Ordnung, weil zeitgemäß und zeitnah. Alice Dirks wird das genauso zur Kenntnis nehmen wie eine Karte oder ein paar gestammelte Worte von einem Unbekannten am Telefon. Ob es ihr mehr oder weniger weiterhilft als eine andere Form der Beileidsbezeugung, oder ob es ihr überhaupt hilft, weiß ich nicht.
Aber irgendwo ganz tief unten in meinem verborgenen Bewusstsein nagt noch immer so ein kleiner Zweifel. Vielleicht gibt es doch Dinge, die nicht in eine Mail gehören.
E-Mail vor dem Aus
Freitag, 02. Juli 2004Ich mache mir langsam richtige Sorgen um die Zukunft von E-Mail. Der Grund ist natürlich Spam, also die Flut von unverlangten und unerwünschten Werbe-Mails, die nach einer neuen Gartner-Studie inzwischen mehr als die Hälfte aller elektronischer Postsendungen im Internet ausmachen.
Mir geht es aber nicht einmal so sehr darum, dass ich mich ärgere, wenn ich morgens erst mals ein halbes Hundert Angebote für Viagra, Penisverlängerung oder Pornosites löschen muss. Viel schlimmer ist, dass ich mich nicht mehr darauf verlassen kann, dass meine Post beim Empäfnger ankommt, beziehungsweise dass ich alle wichtigen Sendungen erhalte, die an mich gerichtet sind.
Wie viele andere nehme ich inzwischen einen externen Anti-Spam-Dienst in Anspruch, der meine Mail sozusagen vorsortiert, offensichtliche Spams löscht und nur die „Guten“ durchlässt. Große Firmen haben längst selbst solche Spam-Filter installiert – aber er garantiert, dass sie nicht zu scharf eingestellt sind?
Jedenfalls häufen sich bei mir die Fälle, in denen wichtige Post irgendwo im Cyberspace auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Damit sinkt für mich aber der Wert des Internet als Kommunikationsmedium. Wir müssen aufpassen, dass wir in Sachen Spam nicht überreagieren – und damit das Kind mit dem Bade ausschütten.







