Mit ‘Economist’ getaggte Artikel

Fresst sie und vergesst sie!

Samstag, 03. März 2012

Vor meinem Fenster klettert gerade ein Eichhörnchen kopfüber am Baumstamm nach unten, bleibt stehen und schaut sich ängstlich um. Ein anderer würde jetzt vielleicht an Novalis denken („O, Tierchen, das mit Munterkeit vor meines Mädchens Fenster springet …“). Ich denke: Abendessen?

Der „Economist“ hat gerade einen Artikel darüber gebracht, dass immer mehr Briten zu Hörnchenfressern mutieren. Ein gewisser Andrew Thornton wird zitiert, der einen Supermarkt in Crouch End nördlich von London leitet und der seit 2010 Eichkatzerfleisch verkauft, mit wachsendem Erfolg, wie er sagt.

Der Artikel erwähnt übrigens nicht, wo Mr. Thornton seinen Nachschub holt. Vermutlich nicht im Hyde Park, jedenfalls: Dort würde ihm sicher irgendeine rabiate alte Tierschützerin eins mit dem Regenschirm überbraten, wenn er sich an den niedlichen Tierchen vergreifen würde. Aber irgendwer muss sich wohl als Eichhorn-Lieferant betätigen, was angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen im Vereinigten Königreich sicher zu begrüßen ist. (weiterlesen …)

Was der “Economist” richtig macht

Freitag, 02. Oktober 2009

Was machen die richtig, was andere falsch machen?

In unserer Reihe zum Thema Qualitäts-, bzw. Print-Journalismus wollen wir uns heute wieder unserer Haus- und Hof-Tageszeitung, der “Süddeutschen”, zuwenden, die zwar manchmal Dubletten produziert (siehe “Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ”), manchmal aber auch richtig gute Einblicke in die Aufs und Abs der Medienlandschaft. Christine Brinck hat sich heute Lorbeeren verdient mit ihrer Analyse (“Homer Simpsons Wendepunkt”) des “Economist”, dem weltweit einzigen bedeutenden, wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin, das sich erfolgreich gegen den allgemeinen Anzeigen- und Leserschwund der letzten Jahre behauptet hat. Klartext: Während beispielsweise die Auflage von “Focus” von 800.0p00 auf gerade mal 656.000 geschrumpft ist und “Businessweek” angesichts einer Halbierung der Leserzahl gerade ganz aktuell den Rückzug aus dem Nachrichten-Business verkündet hat, steigt und steigt die Auflage des “Economist” (auf 1,7 Millionen), und auch die Anzeigeneinnahmen sind im vergangenen (Krisen-)Jahr um 25 Prozent gestiegen.

“Was macht der Economist richtig?”, fragt die Autorin, und liefert eine absolut korrekte Erklärung nach: Qualität! Während andere die Zahl der Korrespondentenbüros reduziert und den Schwerpunkt in Richtung Häppchenjournalismus und seichtem “Tittitainment” verlagert, bleiben die Macher der ältesten Wirtschafts-Wochenzeitung der Welt (erscheint seit 1843) stur bei ihren Leisten, nämlich einer Mischung aus bestechender Analytik, eine manchmal ans Esotherische grenzende Themenauswahl einem Tiefgang, der durch verspielten Witz geschickt getarnt bleibt. Ach ja, dann sind da diese seitenlangen Texte! Die wenigen mehr oder weniger willkürlich zwischengestreuten Bildchen sind mit Unterzeilen versehen, die mehr den Charakter von Suchrätseln haben (Beispiel aus der neuen Ausgabe, unter einem Foto von Erwin Schrödinger: “But what about the other eight lives?), und fast jede Headline löst beim Betrachter ein inneres Lächeln aus, wie “The end is nigh (again)” zu einem Artikel über die Zukunft der Aktienkurse.

Gut, die Kollegen vom “Economist” haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie schreiben in Englisch, ein Klavier, das der Sprache mehr und virtuosere Zwischentöne entlocken kann als irgendeine andere (Deutsch wirkt dagegen eine semantische Ziehharmonika). Außerdem sind die Redakteure fast ausnahmslos Produkte der Eliteuniversitäten von Oxford und Cambridge, wo Studenten, wie Frau Brinck sehr richtig beschreibt, “lernen, vor allem brillant zu argumentieren, ironisch zu sein, Wichtigtuerei zu vermeiden und einen intelligenten Snob-Appeal zu pflegen.”

Welches andere Wirtschaftsmagazin kann von sich behaupten, dass ihre Leser ein Jahr lang der nächsten Weihnachtsausgabe entgegenfiebern, wo die Redaktion sich ausdrücklich den Luxus leisten, Themen aufzugreifen, weil sie selber Spaß daran haben (und nicht, weil irgendwelche Marktforscher in endlosen Fokusgruppen herausgefunden haben, dass 0,7 Prozent der männlichen Linkshänder das Heft deswegen häufiger kaufen würden). Das Resultat sind beispielsweise Untersuchungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung von Weihnachtsmännern (“Is Santa a deadweight loss?”), über die evolutionsgeschichtliche Bedeutung des Musizierens (“Why music?”) oder über den urfranzösischen Comichelden Tintin (“A very European hero”). Und welches Blatt besitzt heute noch ein Redaktionsteam, das so sehr vom “esprit de corps” durchdrungen ist, dass sie auf jedweden Autorennachweis verzichtet, getreu dem Motto ihres langjährigen Chefredakteurs Geoffrey Crowther (der von 1938 bis 1956 amtierte): “What is written is more important than who writes it.”

Anders ausgedrückt: Der “Economist” ist das altmodischste Magazin der Welt – und gerade deshalb das erfolgreichste.

Woraus wir lernen: Jedes Medium hat seine Stärken, und bei denen sollte es möglichst bleiben. Der Versuch, durch Hochglanzdruck, Farbfotos und journalistische Selbstgefälligkeit Stilelemente von Konkurrenten wie Fernsehen oder das Internet zu übernehmen, bewirkt das Gegenteil. Zeitung ist Zeitung, Blog ist Blog, und Qualitätsjournalismus ist Qualitätsjournalismus, ob sie sich auf toten Bäumen oder auf dem Bildschirm präsentiert.

In sofern stimme ich Frau Brinck vollinhaltlich zu, die am Ende ihres Aufsatzes resümiert: “Analog geht. Es muss nicht alles digital sein, um vom Leser verschlungen zu werden.” Hoffentlich haben das viele Verleger und so genannte Medienprofis gelesen.

Wir haben das Menschenmaß verloren

Montag, 27. April 2009

Sagen Sie’s nicht weiter, aber die „Göwikaz“ (größte Weltwirtschaftskrise aller Zeiten) ist vorbei. Zwei Drittel der 42 größten Aktienbörsen der Welt haben in den letzten sechs Wochen zugelegt, und zwar um mehr als 20 Prozent. Mein Freund Fritz strahlt wieder, wenn er mir von seinen jüngsten Wertpapierkäufen erzählt. In China zeigen die Indikatoren wieder nach oben, sogar der amerikanische Immobilienmarkt – dort, wo alles anfing – weist deutliche Anzeichen einer Wiederbelebung auf. Und laut Ifo-Index hat sich  die Stimmung in den Chefetagen im April überraschend kräftig aufgehellt: Es ist wieder Optimismus angesagt.

Das hat sich natürlich noch nicht bis zu den meisten deutschen Wirtschaftsjournalisten herumgesprochen, die ihren Lesern immer noch tägliche Horrorszenarien zum Frühstück auftischen. Nun, ich habe die Ahnungslosigkeit, mit der die Kollegen das Internet zunächst nach Leibeskräften aufgeblasen und kurz darauf als Quell allen Übels verteufelt haben, hautnah miterlebt und ich weiß: Wenn ein Wirtschaftsjournalist etwas von Wirtschaft verstünde, dann wäre er kein Wirtschaftsjournalist, sondern ein reicher Mann auf Mallorca. Womit sie übrigens große Ähnlichkeit aufweisen mit den Anlagenberatern. Und lassen Sie mich gar nicht erst über Wirtschaftspolitiker anfangen…

Das Geschäft von Wirtschaftsjournalisten besteht darin, die Erwartungen ihrer Leser zu befriedigen, also schreiben sie das, was die lesen wollen. Alle sind gut drauf? Die Börse kracht? Dann schreiben sie darüber, wie kinderleicht es ist, sich eine goldene Nase zu verdienen. Einfach blind mit dem Finger auf die letzte Kursliste tippen und das getroffene Papier als Geheimtipp in den Himmel loben. Kann ja nix schiefgehen. Und wenn alle plötzlich verunsichert und ängstlich sind, dann her mit den Hiobsbotschaften. Die sind ohnehin leichter zu formulieren als positive Nachrichten, wie jeder Theaterrezensent und Musikkritiker weiß.

Echte Profis wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman (der das Platzen der Immobilienblase schon vor fünf Jahren korrekt vorausgesagt und beschrieben hat) geben schon wieder Entwarnung, ebenso wie der IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard, den FTD heute mit den Worten zitiert: “Ich bin ziemlich überzeugt, dass wir eine Depression verhindert haben.“ Ja, er hat das gleich wieder eingeschränkt („…wir dürfen uns selbst nichts vormachen: Wir stecken immer noch in Schwierigkeiten”).

In seiner Titelgeschichte zeichnet der „Economist“ diese Woche ein hintersinniges Bild: Eine Schar von heringartigen Kleinfischen schwimmt auf eine hell strahlende Lichtquelle in der Tiefsee zu, das mittels einer Art Antenne verbunden ist mit dem Kopf eines riesigen Raubfisches mit klaffendem Maul, aus dem eine nadelscharfe Zahnreihe ragt. Headline: „Die Weltwirtschaft und die Gefahren des Optimismus“. Im Editorial gewarnt die nicht nur meiner Meinung nach beste Wirtschaftszeitung der Welt, vorzeitig das Ende der Krise auszurufen. Denn erstens kann man dadurch extreme Enttäuschung bei den Menschen auslösen, was aber nicht so schlimm wäre wie die andere Gefahr, nämlich dass wir nichts daraus lernen.

Das System ist krank, das ist im vergangenen Krisenwinter sonnenklar geworden. Das Finanzsystem ist aus dem Ruder gelaufen, die Reichen haben das Prinzip „Gier ist geil!“ zum Handlungsmaßstab erklärt, die Aufsichtsinstrumente haben sich – im Gegensatz zum Titelhelden des „Economist“ – als zahnlos erwiesen, die politische Führung hat versagt. Es wäre an der Zeit, aufzuräumen, und die Gelegenheit wäre günstig, denn der Machtelite ist der Hahnenkamm gestutzt worden, ihre Widerstandskraft gegen Reformen und gesellschaftliche Neuorientierung und Rückbesinnung vorübergehen geschwächt.

Aber nicht mehr lange. Laut “New York Times” von heute haben die sechs größten Banken Amerikas im ersten Quartal dieses Jahres  zusammen 36 Milliarden Dollar an Rücklagen gebildet, um ihren Angestellten die ihnen angeblich wegen der plötzlichen Frühjahrsgewinne zustehenden Gehälter und Boni bezahlen zu können. Aufs Jahr hochgerechnet würden die Banker 2009 fast so viel verdienen wie im Rekordjahr 2007. Sie hat so tätige Reue und stille Einkehr aus?

Das Problem ist: Wir wissen eigentlich gar nicht, was wir wollen. Es fehlt eine Blaupause, ein Modell dafür, wie diese Gesellschaft nach der Krise aussehen soll, ein konsensfähiger Kompromiss zwischen Raubrittermentalität und Ehrbarem Kaufmann, ein ethisch-moralischer Kompass, an dem sich Bosse und kleine Gehaltsempfänger gleichermaßen orientieren können und das die ins Rutschen gekommene soziale Stabilität – ja, Gesine Schwann warnt mit Recht! – noch rechtzeitig so weit verfestigt, dass die sozialistischen Utop- und Populisten nicht die nächste Bundestagswahl gewinnt. Sie wollen eine Krise erleben? Dann lassen Sie mal den Oskar ran!

Beim Blättern in der „Süddeutschen“ bin ich heute morgen an völlig unvermuteter Stelle über die mögliche Lösung gestolpert, nämlich in der Beilage „Mobiles Leben.“ Dort, wo es sonst um flotte Flitzer und schnittige Rennjachten geht. Dort hat der Kölner Designprofessor Paolo Tumminelli das hohe Lied des Fiat Panda gesungen und beklagt, dass diejenigen, die heute Automobile entwerfen, sich in einem schleichenden Abstraktionsprozess immer mehr von dem zeitlosen Richtschnur der Menschenmaßlehre entfernt haben. Nein, Leonardo hat keine Autos gezeichnet, aber er hatte ein Gefühl für Proportionen, frei nach Andrea Palladio: „Das Auge misst, die Sinne erfahren, der Intellekt freut sich.“

„Das rechte Maß verloren“, lautete die Headline, und sie bezog sich eigentlich auf die Autoindustrie. In Wirklichkeit hat der Schreiber die augenblickliche Situation unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft auf den Punkt gebracht. Wir alle haben das rechte Maß verloren, sei es in der Frage der Managergehälter, sei es in dem ausufernden Anspruchsdenken des Normalbürgers, sei es in unserer „Nach mir die Sintflut“-Einstellung zur Umwelt. Wir müssen alle möglichen Messlatten kritisch in Augenschein zu nehmen und notfalls wieder auf das natürliche Menschenmaß zurück zu stutzen. Die Krise mag schon wieder vorbei sein, die sich aus ihr sich ergebende Chance nicht – noch nicht.

Unified Communications Joins The Firm

Donnerstag, 25. September 2008

Managers today have two powerful communications tools at their disposal – the telephone and the computer. Unfortunately, for practical purposes, these two remain worlds apart, at least until now. But that is slowly changing and the benefits promise to be enormous. Unified Communications, or UC, actually has the potential to alter the way we work in the 21st century in the way PCs did in the last two decades of the 20th.

Imagine a system that knows where you are and what you’re doing and can figure out the best way to contact you, depending on how important the message is and what kind of device you have at your disposal to receive and answer it.

A call is routed to your laptop where it leaves a text message for you to read at your leisure.  An important e-mail is read to you as you drive to work, leaving both hands free for the wheel.  Or say you need certain information for an important bid, and you need it now! UC can locate and reach the expert you need even if he or she happens to be in a meeting or at home mowing the lawn. You can not only reach that person, but you can do it in the way that will be least disruptive. Maybe he or she is online. Then you can just drag and drop information into the call so it pops up on the screen of that person’s PC, Blackberry or Portable Internet Device.

Now, instead of two powerful tools, you have many – and many new ways to get in touch whenever you need to.

Businesses today are still trying to cope with an inefficient mix of voice and data systems. As communication moves between the two worlds, vital information often gets lost in transition.

Just think: besides real-time voice (phone), real-time data (Instant Messaging, or IM), asynchronous data (e-mail), electronic written communication (fax) and multimedia (video) businesspeople increasingly rely on collaborative media such as wikis, portals or whiteboards in everyday communication with colleagues and business partners.

How they use their communications mix depends to a large degree on where they are at the moment. Location is becoming a crucial factor and must be figured into any good UC strategy.

Finally, the range of devices that must be part of that strategy stretches from fixed-line phones through mobiles, SmartPhones, videophones, PCs,  laptops, handhelds and an ever-evolving list of more and more specialized digital devices.

UC should provide a context-sensitive, location-aware communications system that offers a full choice between all these types of communication in a way that is both seamless and offers the most convenience to the user.

IP – Internet Protocol – is the key to true Unified Communication. As long as voice and data are carried over different networks using different technologies, there always was a gap. Thanks to VoIP (Voice over IP) telephony, calls can be handled like any other kind of digital data. They can be stored, manipulated, translated into text and back again and delivered in any desired format to a wide range of communications device, along with just about every other kind of digital data.

Sounds complicated, but it isn’t, really. Today’s VoIP-enabled communication architectures like those supplied by Siemens free you from the old world of voice and data silos to provide fully transparent and versatile communications systems. And since everybody understands IP, it’s easy to integrate these systems into existing communications architectures or to build a UC environment using components from various vendors.

However, experts agree that a UC system developed separately and cobbled together can cause your system administrators sleepless nights. Siemens’ offering covers the complete UC value chain and provides intelligent migration concepts to ensure that you aren’t left with a jumble of disjointed components which may prove difficult and expensive to implement, manage and upgrade. All this, of course, at very reasonable total cost of ownership.

Unified Communications is one of hottest topics going right now, and it is bound to get even hotter. Commfusion, a consultancy, expects total revenues for UC components to grow worldwide from $9.52 billion in 2007 to $15.9 billion in 2012, a compounded annual growth of 51.5%!

Wireless and mobility are the two keys to this truly astonishing increase.  As hot spots proliferate and new technologies such as 3G wireless networks or WiMax pick up steam, business professionals will change the way they communicate. Today, the typical road warrior carries a collection of adapters, chargers, gadgets and devices for each separate mode of communication with him on the road. Convergence and increased availability will allow him to shed most of this load, opting instead for small, simple, light-weight intelligent devices that connect to whatever kind of communication network they encounter in any given environment. This, according to the Economist, will eventually produce a new generation of “techno-Bedouins” who travel the globe like an Arab rides his camel through the desert – without the need to carry his water with him because he knows where he will find the next well or oasis.

Real mobility will be achieved when it allows us to fully communicate with whatever device we happen to have handy. It will give us a new degree of freedom and increase not only our accessibility but our ability to find the people we need quickly and easily.

Ultimately, Unified Communications will combine with video which enriches communications by engaging an additional important sense – sight. Until now, video conferencing is a complicated, high-maintenance tool that remains tied to special rooms or stationary systems. While the use of video communications is proliferating rapidly, it will not become a part full-fledged of UC until it is more widely adopted in the corporate world.

Video allows us to meet and interact on a more personal level than simple voice or data communications.  In order to make this vision become reality, we will need new technologies providing support for a range of resolutions, low latency and greater tolerance for network disruptions and dips in speed.

As video telephony and UC converge and come of age, they will change the way managers do business, cutting down on travel time and freeing them up to do what they are best at – namely their business.

As Unified Communications joins the firm, look out for intense, more personal and more productive communications unburdened by the restraints of space and time.  Also, expect new and innovative technologies to crop up in the near future to further expand the wealth of possibilities Unified Communications will bring. In the famous words of Al Jolson in “The Jazz Singer”, the world’s first “talking movie”: Boy, you ain’t seen nothing yet!

Deutschland allzeit E-bereit? Von wegen!

Donnerstag, 06. September 2007

Die Deutschen und das Internet – ein Drama in vielen Akten. So richtig warm geworden sind die beiden ja nie, und jetzt sieht es sogar so aus, als ob die Deutschen gegenüber dem Rest der Welt zurückfallen in ihrer Bereitschaft, Nutzen aus der modernen ITK-Technik zu ziehen. Schade um den schönen Standort…

Seit dem Millenniumsjahr 2000 untersucht die britische Wirtschaftszeitschrift „Economist“ regelmäßig den Stand der „E-Bereitschaft“ der Länder dieser Erde und stellt sie in einem Ranking dar, dem so genannten „e-readiness index“. Deutschland hat in dieser Tabelle noch nie besonders gut abgeschnitten, rangierte immer irgendwo um Platz 12 oder 13 – doch was 2007 herauskam, gleicht geradezu einem Absturz aus großer Höhe. Platz 19 ist für ein Land, das sich gerne als Hightech-Standort  gibt, schlicht und einfach eine Katastrophe!

Dass die Dänen, wie seit langem, auf Platz eins sonnen dürfen, also noch vor dem Land der Internet-Erfinder, USA, mag ja noch angehen. Und dass die frechen Österreicher nun erstmals deutlich am großen Nachbarn vorbeigezogen und auf Platz elf gelandet sind, können wenigstens diejenigen noch irgendwie zu einem deutschen Teilerfolg umdeuten, die in der Alpenrepublik ohnehin nur das 17te Bundesland oder einen abgespaltenen Teil Bayerns sehen. Aber Bermuda (Platz 15)?

Auch im direkten Vergleich mit den Hauptkonkurrenten um den Titel „Export-Weltmeister“ schneidet Deutschland ziemlich mies ab: einen Rang hinter Japan, die letztes Jahr noch irgendwo bei Platz 27 herumkrebsten, zwei hinter Taiwan (2006: Platz 23). Südkorea ist von Platz 18 auf Platz 16 vorgeprescht, Hongkong gar von Platz zehn auf vier enteilt. Nun könnte man als Berufsoptimist ja noch Trost aus der Tatsache ziehen, dass Deutschland in Wirklichkeit die europäische Mittelklasse markiert. Die Skandinavier sind ja eh als Internet-Freaks verschrieen, was sollen die auch an den langen Winterabenden sonst machen als sich Online-Pornos anschauen? Und die Schweizer (Platz 5) hocken in ihren engen Tälern und kommen nur per Computer irgendwie mal raus. Wenigstens konnten wir Frankreich (Platz 22) schlagen, ebenso wie Malta (24), Italien (25), Spanien (26), Portugal (27) und Griechenland (32). Und von den Beitrittsländern wie Estland (28), Slowenien (29) oder Polen (40) war im Grunde noch nicht viel zu erwarten.

Wem die Zukunft Deutschlands aber wirklich am Herzen liegt, der muss schon schlaflose Nächte verbringen beim Betrachten der Feinauswertung 2007. Der „Economist“ fällt sein Urteil erst nach eingehender Untersuchung von  insgesamt sechs unterschiedlichen Kriterien, die von „Geschäftsklima“ bis „Rechtsumfeld“ oder „technische Infrastruktur“ reichen. Und da wird sehr schnell klar, wo hierzulande der Schuh drückt.

Bremsfaktor Nummer eins ist die Politik. Es gibt zwar keinen Landesvater, der nicht irgendeine E-Initiative („Bayern online“) verkündet hat. Aber was ist daraus geworden? Ein föderaler Flickerlteppich aus sinnlosen und/oder schlecht gemachten Online-Auftritten selbstverliebter Landesfürsten. Ich durfte 2005 bei der hoffnungsfrohen Eröffnung von Kurt Becks „Landesportal Rheinland-Pfalz“ eine Festrede halten. Neulich war ich wieder dort – und fand neben Schwaden von Selbstweihrauch („Beck: Gerechte Löhne für gute Arbeit“) vor allem einen an zentraler Stelle platzierten Link zur „Staats-Zeitung“. Wenigstens nicht auf Papier, sondern als PDF…

An den Noten des „Economist“ lässt sich die Misere der politischen Führungskultur in Sachen Internet ziemlich genau ablesen. Während die Differenz in den Einzelnoten zwischen Deutschland und dem jeweiligen Spitzenreiter bei „Nutzung durch Verbraucher“ mit 0,95 Punkten noch erträglich schien, betrug sie bei „Regierungspolitik & Vision“ satte zwei Zähler – ein Armutszeugnis. Zumal die Politik nicht nur in den Augen der britischen Redakteure als Dreh- und Angelpunkt für die E-Bereitschaft eines Landes gilt: „Nein anderer Wachstumsfaktor für die Wirtschaft eines Landes hat eine derartige Fähigkeit, gleichzeitig an mehreren Stellen als Katalysator für digitale Transformation zu wirken“, schreiben sie. Zum Beispiel die Fähigkeit, die Bereitschaft zu fördern, in Technologie zu investieren und damit eine zeitgemäße Infrastruktur zu schaffen. Da liegt in Deutschland nämlich auch einiges im Argen: Beim Kriterium „connectivity & technical infrastructure“ klafft zwischen der Bundesrepublik und Weltmeister Schweiz eine gä
hnende Lücke von 2,4 Punkten. Selbst Belgien schneidet da besser ab!

Die britische Studie beweist eigentlich nur, was ich als langgedienter Internet-Beobachter in Deutschland seit einiger Zeit schon instinktiv spüre: Die Internet-Begeisterung in diesem Land ist vor allem dort inzwischen deutlich abgekühlt, wo sie am dringendsten benötigt würde: In den Chefetagen von Politik und Wirtschaft. Da sitzen Leute, die keine Ahnung haben (Wolfgang „Bundestrojaner“ Schäuble) oder sich immer noch verweigern (Chefs, die keine E-Mails lesen, sondern das von der Sekretärin machen lassen). Firmen, deren Internetseite seit fünf Jahren nicht mehr aktualisiert worden sind oder die gar keine haben. Schulen, in denen sich zehn und mehr Schüler einen PC teilen müssen, und der steht auch noch die meiste Zeit im abgeschlossenen Klassenzimmer der „Computer AG“.  Und da wundert sich noch einer, wenn der ITK-Branchenverband BITKOM händeringend den Mangel an Fachkräften beklagt? Mich wundert, dass es überhaupt so viele von ihnen gibt in diesem Land!

Internet und ITK sind die Lebensadern der globalisierten Wirtschaft. Mit Autos und Werkzeugmaschinen lässt sich der Export bei uns noch eine Weile künstlich am Leben halten. Irgendwann ist aber Schluss. Aber bis dahin ist Deutschland im Ranking des Economist ja vielleicht im „e-readiness index“ endgültig abgerutscht auf das Niveau von Azerbajan (Platz 68) oder Iran (Platz 69).

Demokratischer Fachismus

Sonntag, 23. April 2006

Als in Deutschland lebender Amerikaner gerate ich häufig in Erklärungsnotstand. Ich halte Amerika nämlich nach wie vor für das demokratischste Land der Erde. Und ich halte George W. Bush für einen Faschisten.

Also was nun, fragen mich meine Freunde bei solchen Gelegenheiten. Wenn das demokratisch gewählte Staatsoberhaupt des Landes ein Faschist ist, dann sind doch mindestens die Hälfte der Wähler auch Faschisten, oder?

Nun, das mit der Demokratie ist eine verzwickte Sache. Und mit Vernunft hat sie nicht immer etwas zu tun. Oder glaubt denn wirklich jemand, dass die Mehrheit der Palästinenser wirklich Hamas-Anhänger sind? Trotzdem sind die Terroristen dort demokratisch legitimiert.

Ich hasse das, was Bush und seine Kumpanen im Namen Amerikas machen. Sie haben das eigene Volk belogen, einen ungerechten Krieg vom Zaun gebrochen, unschuldige Menschen ohne Anklage und Möglichkeit zur Verteidigung über Jahre hinweg gefangengehalten und der Weltmeinung dabei die Nase gezeigt. Sie haben die Steuern für die Reichen gesenkt und geholfen, die Armen ärmer zu machen. Sie haben innerhalb von wenigen Jahren einen Haushaltsüberschuß in einen Schuldenberg verwandelt, an dem ihre eigenen Urenkel noch werden abzahlen müssen, und sie zerstören aus Raffgier den Planeten. Schlimmer geht es doch gar nicht, oder? Und der Cole verteidigt ein solches System auch noch?

Ich gebe zu, dass mich das selbst verwirrt – und trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut wenn ich lese: “Wir halten diese Wahrheit für offensichtlich, dass nämlich alle Menschen gleich geschaffen sind, und dass sie von ihrem Erschaffer mit bestimmten unveräußerlichen rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freitheit und die Jagd nach dem Glück.”

Wie kann man ein Land nicht lieben, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung als höchstes Gut gilt, in dem jeder – ob Nazi, Fundamentalist oder Spinner – wirklich sagen darf, was er denkt? Wie wollen Deutsche oder Österreicher den Amerikanern Demokratieunterricht geben, wenn bei ihnen Holocaustleugner vor Gericht gestellt werden? Ich hasse David Irvings Ansichten, aber ich verteidige mit ganzem Herzen sein Recht, sie zu äußern.

Manchmal glaube ich selber, schizophren zu sein. Aber dann kommt gerade noch rechtzeitig die “Economist” daher und bringt das auf den Punkt, was ich schon immer instinktiv gefühlt habe. In einer Besprechung des Buchs “Politics Lost: How American Democracy Was Trvialised by People Who Think You’re Stupid” schreibt der Rezensent folgenden gedankenschweren Satz, der genau das ausdrückt, was ich meine: “Dieses Buch ist durchdrungen von einer mächtigen Zuneigung für das Versprechen amerikanischer Politik und Verzweiflung über ihre Realität.”

Ja, das ist es. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Ideale, auf denen das amerikanische politische System gründen, zum Edelsten und Wirkungsvollsten zählen, was Menschen erdacht haben. Aber da es Menschen sind, die diese Ideale in die tägliche Politik umsetzen, ist das Ergebnis oft schrecklich.

Die Kraft dieser Ideale hat zweieinhalb Jahrhunderte überdauert und haben Amerika die längste demokratische Tradition der Welt beschert. Das muss uns erst mal einer nachmachen.

Ich hoffe, dass diese Tradition stark genug sein wird, selbst einen George W. Bush zu überstehen.