Mit ‘Internet’ getaggte Artikel

Welches Wolkerl hätten Sie gerne?

Sonntag, 25. März 2012

Mein Freund Christoph Witte macht sich auf unserem gemeinsamen Meta-Blog, czyslansky.net, lustig über die Jungs von Gartner, die den ausufernden Hype rund um Cloud Computing noch eins draufgegeben haben, indem sie einen Trend zur “Personal Cloud” ausgerufen haben und dafür sogar ein eigenes Marktsegment eingeführt haben – obwohl es das noch gar nicht gibt. Unser Mit-Czyslansky Sebasian von Bomhard hat sich daraufhin Gedanken darüber gemacht, was noch so alles kommen könnte, zum Beispiel “Downclouding”, “Thin Cloud”, “Cloud 2.0″, oder “OpenCloud”.

Das ist alles nur der Anfang, denn das Wolkenthema ist schier unerschöpflich, wie jeder weiß, der je für den Pilotenschein büffeln musste und dabei gezwungen war, ach mit heißem Bemühn das Fach “Meteoroluegie” zu studieren.

Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass es demnächst auch Dinge geben wird wie “Cloudsourcing”. (weiterlesen …)

Ein Ticket in die Vergangenheit

Donnerstag, 22. März 2012

Das Digitalzeitalter hat uns manchen Fortschritt beschert. Wie mühsam war doch damals die Fliegerei, als man noch ein Papierticket brauchte, das man sich im Reisebüro oder bei der Fluggesellschaft besorgen musste. Und wenn er weg war, war er weg, meistens jedenfalls. Ich erinnere mich mit Schrecken an eine Rucksackreise nach Indonesien im Jahre des Heils 1980, wo man mir selbigen samt Pass, Bargeld, Reiseschecks und natürlich auch die Rückflugkarte klaute und ich bettelarm und reichlich hilflos im Büro der staatlichen Fluggesellschaft Garuda um Ersatz vorsprach. Nach mehreren Stunden – das Telefax-System in Jakarta streikte gerade, wie so oft – erbarmte sich meiner eine hübsche junge Angestellte und stellte mir, ohne dass sie dazu autorisiert war, sozusagen auf Verdacht einen Flugschein aus, bat mich aber innständig, mich gleich nach der Ankunft beim Ticketschalter in Singapur zu melden und die Sache klar zu stellen. „Wenn Sie das nicht tun, bin ich meinen Job los. Und an meinem Gehalt hier hängt meine ganze Familie – meine Kinder, meine Großeltern und meine Schwiegermutter“, sagte sie ängstlich.

Ich weiß nicht, was es ihr den Mut zu einem so tollkühnen Regelverstoß gab, aber ohne sie säße ich vielleicht immer noch in Fernost fest. Jedenfalls ging die Sache für uns beide gut aus: Ich gelangte wieder zurück in der Zivilisation, und sie konnte ihre Arbeitsstelle behalten. Heute wäre die Sache natürlich ganz einfach: Ich würde mir das eTicket einfach nochmal aufs Handy runterladen und es beim Einchecken der freundlichen Stewardess zeigen.

Ja, wir sind weit gekommen in der Zwischenzeit, jedenfalls  beim Fliegen. Als Konzertbesucher jedoch steckt man leider noch mitten in der digitalen Steinzeit. (weiterlesen …)

Ein Sieg für die Neutralität

Sonntag, 26. Juni 2011

Während die Telekom in Deutschland nach wie vor darüber nachdenkt, wie sie ein Zweiklassen-System im Internet realisieren kann, hat das Parlament in Holland die so genannte „Netzneutralität“ per Gesetz beschlossen: Ab sofort ist es den Netzwerkbetreibern im Oranjestaat bei Strafe verboten, Dienstebetreiber wie Skype auszuschließen oder zusätzliche Gebühren zu verlangen, wie es die Deutsche Telekom zum Beispiel für den Videodienst YouTube plant.

Damit ist Holland übrigens erst das zweite Land der Erde, in dem die Netzneutralität  Gesetzesrang besitzt. Das erste war – Sie haben es erraten: Chile! Und das schon 2010. Auch Frankreich arbeitet an einer entsprechenden Bestimmung. In Deutschland dümpeln dagegen Gesetzesvorlagen der Linken und der Grünen in den Ausschüssen, wo sie von der Regierungsmehrheit aus CDU/CSU und FDP blockiert werden. Und in den USA ist letztes Jahr ein Vorstoß des demokratischen Abgeordneten Henry Waxman am Widerstand der Republikaner gescheitert.

Zumindest in Europa dürfte die Sache allerdings bald klar sein: Dem Vernehmen nach will die zuständige EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes die Netzneutralität per Ordre de Mufti zum Prinzip erklären und die Telcos mit saftigen Strafen zwingen, alle Anbieter von Internetdiensten gleich zu behandeln.

Was Netzneutralität angeht, bin ich absolut parteiisch: Wir brauchen sie! Und auch wenn es wie ein Widerspruch klingt: Ich halte den Vorstoß der Holländer für einen Sieg für die Neutralen.

Ach wie gut, dass niemand weiß…

Mittwoch, 08. September 2010

Ich habe keinen Blackberry, und ich bin eher selten in den Vereinigten Emiraten, aber wenn ich dort hin müsste, hätte ich ein Problem. Die Behörden dort haben RIM, den Hersteller der digitalen Schwarzbeere, massiv unter Druck gesetzt, weil sie Zugang zu den verschlüsselten Daten wollen, die sich Blackberry-Besitzer regelmäßig zuschicken (der gesamte E-Mail-Verkehr der Geräte ist beispielsweise routinemäßig verschlüsselt). Sie wollen sehen, ob sich Terroristen gegenseitig Bombenpläne zuschicken oder sich zu Attentate verabreden, wogegen ich natürlich etwas habe. Aber ich habe noch mehr dagegen, dass man in meiner elektronischen Post herumspioniert oder mitloggt, was ich so im Internet mache.

Anonymität ist kein ganz unumstrittenes Thema in Internet-Kreisen. Die einen halten es für ein Menschenrecht, die anderen sagen: „Wer nichts zu verbergen hat, braucht das nicht.“ Aber wenn die Ereignisse am Persischen Golf ein Indikator sind, dann wächst gerade der Druck in vielen Staaten mit, weniger ausgeprägter demokratischer Kultur als wir, die Nase in die digitalen Angelegenheiten von Bürgern und Besuchern des Landes zu stecken. Indien hat sich auch schon bei RIM gemeldet. Und China betreibt bekanntlich schon seit Jahren die „Great Firewall“, hinter der nur Dinge im Internet zu sehen sind, die den Machthabern in Beijing in den Kram passen.

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Alice darf nicht sterben!

Donnerstag, 24. Juni 2010

…und nun geht sie doch dahin.

Sie ist das Pinup-Girl der deutschen IT, die schöne Fee mit den blonden Locken und dem kurzen Kleidchen, die so aufreizend unbekümmert barfuß durch die virtuellen Lande hüpft, stets von einem wallenden roten Band umschwebt, der digital Darling, die Traumfrau aller Nerds – aben Alice, das Mädchen aus der DSL-Werbung von Hansanet. Der Hamburger Provider hat sie von der Stunde Null an als Werbeträger eingesetzt, hat die Großflächen in den Innenstädten mit ihr vollgekleistert und sie zum optischen Blickpunkt unzähliger Spots und Anzeigen gemacht. Eine Welt ohne Alice – man mag sie sich eigentlich gar nicht vorstellen.

Und doch: Alice muss jetzt sterben! Finstere Hidalgos aus Iberien können mit diesem Abbild nordischer Schönheit und Anmut (vergessen wir mal, dass die schöne Vanesse Hessler eigentlich Italienerin ist…) nichts anfangen und wolllen sie einfach verschwinden lassen.

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Für wen schreiben wir?

Freitag, 19. März 2010

Blogs sind Worte im Wind, ziellos in die endlose Freiheit des Netzes entlassene Gedankenfetzen, von der wir hoffen, dass sie wie Brieftauben irgendwann und irgendwie zum Empfänger gelangen. Doch wie groß ist die Chance? Etwa eins zu drei, wenn man der jüngsten Studie der Initiative D21 und TNS-Infratest glauben darf. Demnach sind bislang nur 26 Prozent der Deutschen “in der digitalen Alltagswelt angekommen”, wie es in der einschlägigen Pressemitteilung heißt. 30 Prozent zählen sich zu den “Gelegenheitsnutzern”. Und die bei weitem größte Gruppe – 35 Prozent – haben mit Internet & Co. überhaupt nichts am Hut. Sie bezeichnen die Studienschreiber als “digitale Außenseiter”.

Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Kommt wohl auf den Standpunkt an. Das ist so wie die Sache mit den Optimisten und den Pessimisten: Der Optimist sieht beim Schweizer Käse den Käse, der Pessimist die Löcher. Die gute Nachricht lautet doch: Wir Blogger können mit 56 Prozent der Deutschen erreichen, allerdings nur mit etwas Glück und viel Rückenwind. Ein Drittel von ihnen sind – auch wieder eine Frage des Standpunkts – ausgeschlossen oder wehren sich erfolgreich gegen die digitale Aufdringlichkeit.

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40 Jahre und ein bisschen weise

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Hat sie, oder hat sie nicht? Die Blogosphere ist heute voll von Posts zum Thema „40 Jahre Internet“.  Am 29. Oktober 1969 vernetzten US-Forscher erstmals zwei Computer per Fernverbindung über Modem und Telefonstandleitung. Damit war das Arpanet geboren – „der direkte Vorläufer des Internet, wie silicon.de vermeldete.

Ich möchte ja niemandem das Fest verderben, aber so richtig nach Feiern ist mir irgendwie auch nicht zumute. Erstens gab es vorher schon Verbindungen zwischen Computern. Lawrence G. Roberts und Thomas Merrill haben bereits 1965 den legendären TX-2 am MIT in Boston per Telefonleitung mit dem Q-32 am UCLA in Kalifornien verbunden (siehe ISOCs „History of the Internet“.

Als eigentliche zumindest theoretische Geburtsstunde des Internet finde ich ohnehin den August 1962 geeigneter. Damals hat MIT-Forscher J.C.R. Licklider, der  später der erste Chef von DARPA wurde, mehrere Memos verfasst, in denen er das Konzept eines „Galactic Network“ beschrieb, ein soziales Netzwerk, das die meisten Eigenschaften des heutigen Internets vorwegnahm. Man könnte sogar noch ein Jahr weiter zurückgehen bis zum 1. Juli 1961, als Leonard Kleinrock am MIT die erste wissenschaftliche Arbeit über die so genannte Paketvermittlung veröffentlichte. „Packet switching“ ist das eigentliche Herz des Internets. Allerdings dauerte es bis 1973, ehe Vinton Cerf und Bob Kahn das entsprechende Protokoll, TCP/IP, erfanden und damit den entscheidenden Startschuss zur globalen Vernetzung und der daraus sich ergebenden totalen Veränderung von Wirtschaft und Alltag gaben.

Dass diese Veränderung danach geradezu zwangsläufig war, hat mir Cerf vor ein paar Jahren einmal am Rande der CeBIT zu erklären versucht, und er hat dazu ein ganz einfaches Beispiel verwendet. „Stell dir einen Kühlschrank mit Internet-Anschluss vor“, sagte er, und er beeilte sich zu sagen, dass es solche Kühlschränke auch damals schon längst gibt. Sie werden etwa seit dem Jahr 2000 von Firmen wie LG in Korea oder Samsung in Japan gebaut, und sie verfügen über einen kleinen eingebauten Computer, einen Web-Server und einem Scanner, mit dem er die Barcodes an den Lebensmittelpackungen lesen kann um beispielsweise festzustellen, ob die Milch schon sauer ist. Der Besitzer kann seinen Kühlschrank programmieren und ihm sagen, was er alles gerne vorfinden möchte, wenn er abends heimkommt. Der Kühlschrank kann die gewünschten Dinge per Internet beim Supermarkt um die Ecke bestellen. Und in Ländern, in denen die Servicekultur etwas ausgeprägter ist als hier bei uns, da werden die Waren ins Haus geliefert und sogar, wenn das gewünscht wird, in den Kühlschrank geräumt.

So weit, so gut. Das ist keine Science Fiction, sondern längst Realität, auch wenn die wenigsten unter den geneigten Lesern vermutlich schon einen solchen Kühlschrank in der Küche stehen haben. Aber was wäre, fragte Cerf, wenn es eine Personenwaage mit Internetanschluss gäbe. Vorstellbar wäre sowas ja: Krankhaft übergewichtige Menschen könnten sich morgens drauf stellen, und die Waage würde das Gewicht an den behandelnden Arzt übermitteln, der daraufhin die Medikamentierung entsprechend einstellen oder den Patienten in die Praxis bestellen könnte.

Was aber, wenn der Internet-Kühlschrank auf einmal anfangen würde, mit der Internet-Waage zu kommunizieren? Was käme dabei heraus? Schwer zu sagen. Vielleicht fände der Besitzer abends lauter Diätkost im Kühlschrank vor, oder vielleicht ließe sich die Kühlschranktür eine Zeitlang nicht mehr öffnen, weil die beiden das so beschlossen haben. Sicher ist nur: Es wäre nicht mehr alles so wie früher. „Und warum?“, fragte Cerf und lächelte triumphierend. „Weil die Vernetzung automatisch immer auch Veränderung bedeutet. Egal was Sie vernetzen oder wie sie das tun. Es kommt am Ende etwas anderes heraus, etwas Unvorhergesehenes, etwas Überraschendes!“

Wenn man bedenkt, dass wir seit Jahrzehnten dabei sind, die Wirtschaft zu vernetzen, darf es eigentlich niemanden überraschen, wenn dadurch ständig massive Veränderungen in den Unternehmen, in den Behörden, in den Schulen und Wohnzimmern der Welt in ausgelöst werden. Ungelöst ist für mich dagegen nach wie vor die Frage, wann das alles anfing – und wann wir deshalb die Champagnerkorken knallen lassen sollten. Heute jedenfalls – leider – nicht.

Im Internet und auf hoher See ist der Mensch alleine

Dienstag, 04. August 2009

Sich wie ein Seemann auf Landgang aufführen war früher schon sprichwörtlich. Doch heute haben die armen Schweine von den Containerriesen nicht einmal mehr Zeit, sich ordentlich voll laufen zu lassen.

So ein Riesenpott ist schon eine imposante Erscheinung. Gestern Abend standen wir – Teilnehmer einer hochinteressanten Kundenveranstaltung von HansaCom – auf der Terrasse des vornehmen Hamburger Restaurants „Tafelhaus“ und schauten champagnernippend zu, wie die „Cosco Guangzhou“ aus dem Umschlaghafen hinaus Richtung Nordsee geschleppt wurde, an Bord rund 4.500 Container, jedes davon 12 Meter lang, die sich bis auf Brückenhöhe stapeln. Einer der Gäste ein Einheimischer, überraschte die Runde mit der Feststellung, dass zum vollständigen Ent- und Beladen eines solchen Trumms (die „Cosco Guangzhou“ war für kurze Zeit das größte Containerfrachtschiff der Welt, bis sie im letzten September von dem noch viel größeren „Emma Maersk“ überholt wurde) nur ganze vier Stunden benötigt werden. Danach geht es – Zeit ist Geld, gerade auf hoher See – wieder weiter Richtung anderes Ende der Welt.

Unsere Gruppe erging sich in der Folge in Spekulationen darüber, wie es den Seeleuten wohl ergehen muss, denen nur ein kurzer Blick auf ihren Heimathafen vergönnt ist. Mehr als ein kurzer Einkaufstrip zum Supermarkt und ein Anruf bei den Lieben daheim sei da wohl kaum drin, wurde gemutmaßt. Auf keinen Fall bleibe da genügend Zeit für eine ordentliche Nummer im Puff von St. Pauli, geschweige denn für ein richtiges Besäufnis. Tja, so geht er hin, der Jugendtraum vom wilden Seemannsleben. Der Alltag auf einem Containerfrachter dürfte demnach ungefähr so aufregend sein wie der eines Controllers bei MAN.

Und wie die Gespräche an einem solchen Abend manchmal seltsame Wendungen nehmen kamen wir gleich darauf auf „Second Life“, wo Menschen angeblich ein erfülltes und befriedigendes Zweitleben in der Welt hinter dem Bildschirm führen. Und zum ersten Mal hatten einige bei uns am Tisch das Gefühl zu verstehen, was zumindest manchen Zeitgenossen dazu bringen könnte, eine digitale seiner analogen Wirklichkeit vorzuziehen. Mit der möglichen Ausnahme des Puffbesuchs sei ja fast jede Form der zwischenmenschlichen Interaktion auch per Avatar denkbar. Den Einwand, ein virtuelles Bier schmecke nicht, konnte ich kontern mit einem Hinweis auf die seit vielen Jahren erfolgreich durchgeführten virtuellen Weinproben, zu denen sich Menschen in verschiedenen Erdteilen verabreden: Alle besorgen sich eine Flasche des gleichen Weins, öffnen sie zur vereinbarten Zeit (Achtung: Zeitunterschied beachten!) und tauschen beim Trinken ihre Geschmackserfahrungen aus.

Ich finde das Beispiel sehr erhellend. Denn immer noch herrscht bei vielen die Fehlannahme vor, übermäßige Internet-Nutzung führe direkt in die Vereinsamung. Das Gegenteil ist der Fall, zumindest auf hoher See: Die armen Schweine sind diejenigen, die dort keinen Online-Anschluss haben.

Das Internet ist schuld an der Finanzkrise!

Dienstag, 28. Oktober 2008

Was wir im Augenblick durchleben ist die erste echte Finanzkrise im Zeitalter des Internet. Vergessen Sie die Dotcom-Blase – das war, um Alan Greenspan zu zitieren, nichts als „irrationaler Überschwang“. Heute ist das Internet ein Teil des Problems. Vielleicht ist es auch ein Teil der Lösung.

Auslöser der Finanzkrise (nicht der möglicherweise daraus entstehenden Wirtschaftskrise) sind zwei Dinge: Einmal immer kompliziertere und selbst für Fachleute nicht mehr zu überblickende Finanzprodukte wie Derivate, Credit Swaps, Subprime-Hypothekenfonds und „asset-backed securities“, und zum anderen die immer raffinierteren elektronischen Trading-Systeme, über die Kapitalflüsse in Milliarden völlig unreguliert um den Globus gelenkt werden können. Sie möchten einen Credit Swap von $100 Millionen aufsetzen? Ein Instant Message an einen Hedge Fund auf den Caymans genügt.

Derivate sind heute, wie Paul Kedreosky in „Newsweek“ treffend schreibt, heute „eine Art Kreuzung zwischen Dorfklatsch und Videospiel“: Triviale Konversationen über Blackberry mutieren plötzlich zu Transaktionen, unbeaufsichtigt, unkontrolliert, aber am Schluss mit einem Smiley signiert.

Das globale Finanzsystem wird durch die Technology der New Economy in atemberaubendem Tempo beschleunigt, die weltweiten Regulierungssysteme und Bürokratien hängen immer noch im Analogzeitalter. Jeder Amateur-Investor mit einem Online-Maklerkonto und einem Breitband-Anschluss kann heute ein Global Player sein. Aber unsere Möglichkeiten, in potenziell hochtoxischen Finanzprodukten zu handeln hat unsere Möglichkeiten, sie zu verstehen, längst hinter sich gelassen. Ja, das Internet hat die Informationen im Finanzmarkt demokratisiert. Analysten haben keinen Zeitvorsprung mehr vor dem Anleger. Elektronische Handelsplattformen haben die Maklerkommissionen gegen Null gedrückt. Wir können per Laptop oder SmartPhone von jedem Ort der Erde Order platzieren. Investor-Communities sind eine Fundgrube von Insider-Tipps. Alles gut und schön.

Gleichzeitig hat uns das Internet so mit Informationen zugemüllt, dass selbst Profis längst den Überblick verloren haben. Wie sonst lässt sich die Hypothekenkrise in den USA erklären: Alles stand seit Jahren schon im Internet! Wieso sind wir alle so überrascht worden?

Weil der Mensch sich vor der Informations-Flut gerne in ruhige Nischen verzieht, in enge Affinitäts-Gemeinschaften, Communities mit Tunnelblick, denn nur dort hat er noch das Gefühl zu verstehen, was los ist. Statt den Blick fürs große Ganze zu öffnen setzt das Internet uns Scheuklappen auf. Besagter Alan Greenspan war es, der davon schwärmte, das Internet ermögliche es der Finanzwelt, „Risiko zu verteilen“ und „komplexe Finanzprodukte zu schaffen, zu bewerten und zu handeln“. Was er und seine Anhänger leider völlig übersehen haben ist das so genannte „Agentur-Problem“: Sobald die Komplexität einer Transaktion oder eines Finanzprodukts zu groß wird (wie beispielsweise bei den in immer feinere Scheiben zerteilten und wie Salatblätter vermischten Einzelhypotheken), neigt der Durchschnittsmensch dazu, sich nicht mehr selbst darum zu kümmern – er delegiert die Verantwortung an einen Intermediär. Auf den ist er dann angewiesen – auf Gedeih oder Verderb.

Das Internet ist also schuld an dem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte – aber es ist auch ein Teil der Lösung. Der einzige Grund, weshalb wir (noch) keine Weltwirtschaftskrise haben, gegen die 1929 wie eine Sommerfrische wirkt, ist weil das Prinzip der Vernetzung funktioniert hat! In Ermangelung von verbindlichen Regeln und wirksamen Kontrollinstanzen hat sich insbesondere die Finanzwelt in den letzten Wochen wie ein Social Network verhalten. Politiker, Zentralbanker, Finanzbehörden und Verbände haben unabhängig voneinander reagiert. Sie haben sich aber auch in einem Tempo ausgetauscht und sich auf Lösungen geeinigt, das früher unvorstellbar gewesen wäre. Sie sind sozusagen dem Modell des Internet gefolgt, wo es keine zentralen Instanzen gibt, wo aber die Gruppenintelligenz in beinah idealer Weise zur gemeinsamen Problembehandlung fokussiert werden kann.

Das Internet ist schuld an der globalen Finanzkrise, weil sie die systematischen Verfehlungen mit „cyberspeed“ wie ein Pestvirus rund um den Globus verbreitet hat. Sie hat es aber zugleich den Verantwortlichen ermöglicht, schneller und abgestimmter als jemals zuvor darauf zu reagieren – so, als hätten sie alle in einem Raum gesessen, sich gegenseitig in die Bücher geschaut und in enger Abstimmung gehandelt.

Es gibt Lehren zu ziehen aus der ersten globalen Finanzkrise des Internet-Zeitalters. Wir brauchen Online-Systeme, die in der Lage sind, selbst komplexeste Finanzinformationen so darzustellen, dass sie ein Mensch verstehen kann. Wir müssen den Wildwuchs des „rogue trading“ per Instant Messaging und anderer Kommunikationssysteme begrenzen, die heute noch außerhalb jeglicher Compliance-Aufsicht stehen. Wir müssen Systeme schaffen, die Händler besser überwachen und Transparenz im Markt schaffen – damit wir nicht wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden. Wenn und das gelingt, wird uns das Internet – mit etwas Glück – helfen, eine Wiederholung der finanziellen Kernschmelze der letzten Monate zu vermeiden. Technologie kann die Finanzmärkte sicherer, stabiler und überschaubarer machen. Wir müssen es als Anleger und als Bürger nur laut genug fordern.

Gedankenflug von Dubai nach Kiel

Sonntag, 28. September 2008

Es ist zwei Uhr morgens in Dubai, aber die Lichter im Flughafenterminal gehen niemals aus. Mir gegenüber in der Lounge übt eine junge Asiaten offenbar eine selbstersonnene Version von Tai Chi, die man im Sitzen ausführen kann. Im Food Court gibt es McDonald’s, Fast Food à la francais, arabische Pizza und Murg Massala. Die Kassiererinnen im Duty Free Shop stammen aus Korea, der Kellner im Restaurant ist Indonesier. Durch das weite Dach der Abfertigungshalle schwirren deutsche, englische, russische, japanische, chinesische und arabische Sprachfetzen.

Dies ist der erste einer losen Folge von Blog-Einträgen von einer Reise, die mich in ein indisches Dorf, in ein Dachgartenlokal mit Blick auf den Taj Mahal, ins Herz eines der größten IT Service-Unternehmen des Subkontinents und an die Stufen führen wird, die in Varanassi (das frühere Benares) zum Ganges hinunter führt und wo der Geruch verbrannter Leichen so allgtegenwärtig ist wie der von gebrannten Mandeln auf dem gerade stattfindenden Oktoberfest daheim in München.

Bevor ich abflog, hatte ich am Freitag noch etwas in Kiel zu erledigen: Dort feierte der Fachbereich Medienproduktion der Fachhochschule Zehnjähriges, und man veranstaltete zur Feier des Tages ein Symposium zum Thema “Hirn aus – Internet an?”. Ich habe dort über die unsägliche Titelgeschichte des “Spiegel” (“Macht das Internet doof?”) geredet und über den digitalen Generationenkonflikt. Marshall McLuhan sagt ja, die Medien, die wir konsumieren, prägen unser Medienverhalten; wer sich von Sendern berieseln lässt, wir zeitlebens ein passiver Konsument bleiben, wer mit Interaktion, Dialogmedien und Mitmach-Internet aufwächst, der macht auch sonst eher mit als das Leben einfach über sich ergehen zu lassen.

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