Mit ‘New York Times’ getaggte Artikel

Was WikiLeaks über Amerika sagen würde

Montag, 20. Dezember 2010

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende damit zubringen, meine jüngsten Eindrücke von Amerika, dem Land, in dem ich geboren wurde und dessen Bürger ich geblieben bin trotz mehr als 40 Jahre Aufenthalt in Deutschland, in Blogform aufzuarbeiten. Ich bin gestern nach vier Wochen, in denen meine Frau und ich in Boston gewohnt haben, zurückgekehrt und bin zutiefst verunsichert und enttäuscht von vielen Dingen, die man bei einem flüchtigen Besuch als Urlauber oder Geschäftsreisender sonst nicht richtig sieht, und das Blogschreiben ist für mich die beste Möglichkeit die es gibt, meine Gedanken zu ordnen und für mich selbst eine Perspektive zu eröffnen, die mir hilft, ein informiertes Urteil zu bilden.

Und dann schlug ich die Wochenendausgabe der „International Herald Tribune“ auf und merkte, dass ich mir die Mühe sparen kann. Denn Thomas Friedman, der brillante Kolumnist, Essayschreiber und Buchautor („The World Is Flat“) hat mir die Arbeit abgenommen. Unter der Überschrift „From WikiChina“ hat er schonungslos und treffsicher genau die Punkte aufgegriffen, die ich in meinem Kopf herumtrage, und er hat es auf eine sehr witzige Weise getan, indem er die jüngste Veröffentlichung hochgeheimer amerikanischer Diplomatenpost durch die Website WikiLeaks zum Anlass nahm, eine fiktive Depesche der chinesischen Botschaft in Washington verfasste und sich vorstellt, wie es wäre, wenn auch sie unverhofft an die Öffentlichkeit geraten würde.

Statt selbst etwas zu schreiben, habe ich deshalb beschlossen, seinen Text ins Deutsche zu übersetzen und ohne Rücksprache mit ihm oder den Anwälten der „New York Times“, die vermutlich das Copyright an seinen Texten besitzen, hier als „befreites Dokument“ zu veröffentlichen. Ob ich deshalb, wie WikiLeaks-Gründer Julian Assange in den Untergrund abtauchen muss, wird sich zeigen…

Von: Botschaft der Volksrepublik China in Washington

An: Außenminsterium

GEHEIMSACHE

Thema: Amerika heute

Es läuft gut hier für China. Amerika ist weiterhin ein politisch zutiefst gespaltenes Land, was sicher hilfreich ist für uns und unsere Ziel, die USA als die mächtigste Volkswirtschaft und Nation der Welt zu überholen. Aber wir sind vor allem deshalb optimistisch, weil die Amerikaner wegen der falschen Dinge gespalten sind.

Es liegt hier etwas mutwillig Selbstzerstörerisches in der Luft, als hätte Amerika so viel Zeit und Geld wie es braucht, um sie mit politischer Kleinkrämerei zu vergeuden. Sie streiten über Dinge wie (wir haben das übrigens nicht frei erfunden) wie und wo ein Flughafen-Sicherheitsangestellter sie berühren darf.

Wir freuen uns, berichten zu können, dass sie über den jüngster Vertrag mit Russland über den Abbau atomarer Waffen. Die Republikaner scheinen so scharf darauf zu sein, Präsident Obama zu schwächen, dass sie bereit sind, einen Vertrag zu torpedieren, der womöglich dazu beigetragen hätte, die Beziehungen zwischen den USA und Russland in Fragen wie Iran zu verbessern. Und da alles, was Russland und Amerika dazu bringen würde, aufeinander zuzugehen, uns am Ende isolieren würde, sind wir Senator Jon Kyl aus Arizona dankbar dafür, dass er unsere Interessen denen Amerikas voran stellt und die Ratifizierung des Vertrags durch den US-Senat blockiert. Der Botschafter hat Senator Kyl und seine Frau zum Abendessen in Mr. Kao’s Chinese Restaurant eingeladen um ihn für seine Standhaftigkeit beim Beschützen von Amerikas (sprich: unserer) Interessen zu danken.

Amerikaner haben gerade das hinter sich, was sie eine „Wahl“ nennen. Soweit wir es verstanden haben geht es dabei darum, dass ein Kongressabgeordneter versucht, mehr Geld als der andere einzusammeln (von den Unternehmen, die sie eigentlich überwachen sollen) damit er im Fernsehen häufiger größere Lügen über den anderen Kerl erzählen kann bevor der der andere es mit ihm macht. Das hinterlässt bei uns ein Gefühl der Erleichterung. Es bedeutet, dass Amerika nichts Ernsthaftes unternehmen wird, um seine strukturellen Probleme zu lösen: ein aufgeblähtes Staatsdefizit, ein zunehmend schwächelndes Bildungssystem, eine zerbröselnde Infrastruktur und schwindende Immigration von neuen Talenten.

Der Botschafter reiste kürzlich mit dem, was die Amerikaner ein Schnellzug nennen – die „Acela“ – von Washington nach New York. Unsere Bullet Trains von Bejing nach Tianjin legen die gleiche Strecke in 90 Minuten zurück. Seiner brauchte drei Stunden – so stand es auch im Fahrplan! Unterwegs benützte der Botschafter sein Handy, um in seinem Botschaftsbüro anzurufen, und in einer Stunde brach die Verbindung zwölfmal zusammen. Wir möchten nochmals betonen, dass wir das alles nicht erfunden haben.

Wir haben hier in der Botschaft einen Witz: „Wenn dich jemand aus China anruft, klingt es so, als säße er nebenan. Und wenn dich einer von nebenan in Amerika anruft, klingt es, als riefe er aus China an!“ Diejenigen von uns, die in Chinas Botschaft in Zambia gearbeitet haben, berichten, dass der Mobilfunkdienst in Afrika besser funktioniert als in Amerika.

Aber die Amerikaner kriegen davon nichts mit. Sie reisen selten ins Ausland, und sie merken deshalb nicht, wie weit sie zurückgefallen sind. Deshalb finden wir es hier in der Botschaft witzig, wenn die Amerikaner darüber streiten, wie „außergewöhnlich“ sie sind. Nochmal: Das ist nicht alles erfunden! Auf der Vorderseite der Washington Post stand am Montag ein Artikel, in dem es hieß, die Republikaner Sarah Palin und Mike Huckabee würden Obama dafür verdammen, dass er die „Außergewöhnlichkeit Amerikas“ in Frage stelle. Die Amerikaner haben aufgehört, daran zu arbeiten, außergewöhnlich zu sein, und reden lieber darüber, wie außergewöhnlich sie sind. Sie scheinen nicht zu verstehen, dass man sich nicht selbst für „außergewöhnlich“ erklären kann – nur andere können einem dieses Adjektiv verleihen.

In der Außenpolitik können wir nicht erkennen, wie Obama die US-Streitkräfte aus Afghanistan  befreien könnte. Er weiß, dass die Republikaner ihn einen Weichling nennen werden, wenn er es tut. Also werden die Amerikaner weiterhin jeden Tag 190 Millionen Dollar dort versenken. Das bedeutet, dass Amerika die militärischen Mittel fehlen werden, um uns irgendwo anders Paroli zu bieten, besonders in Nordkorea, wo unsere geistesgestörten Freunde nach wie vor alle sechs Monate Amerika erneut an der Nase herumführen, bis den Amerikanern nichts übrig bleibt, als zu uns zu kommen und darum zu betteln, die Sache abzukühlen. Bis die Amerikaner es aus Afghanistan herausgeschafft haben, werden die Afghanen sie sicher so sehr hassen, dass es den chinesischen Minenfirmen, die heute schon dort tätig sind, ein Leichtes sein sollte, die restlichen seltenen Bodenschätze Afghanistans aufzukaufen.

Die meisten Republikaner, die gerade ins Abgeordnetenhaus gewählt worden sind, glauben nicht, was ihre Wissenschaftler ihnen über die von Menschen verursachte Klimaveränderung sagen. Amerikanische Politiker sind Rechtsanwälte (nicht Ingenieure oder Wissenschaftler wie unsere Politiker ), und sie werden weiterhin verrückte Dinge über die Wissenschaft erzählen, und keiner wird ihnen widersprechen. Das ist gut so. Es bedeutet, dass sie niemals ein Gesetz unterstützen werden, das die Innovation in saubere Energieformen unterstützt – etwas, das im Mittelpunkt unseres jüngsten Fünfjahresplans steht. Und das stellt sicher, dass unsere Bemühungen, die Vorsprung bei Windkraft, Solartechnik, Atomenergie und elektrischen Autos von den Amerikanern gefährdet ist.

Schließlich weisen wir darauf hin, dass derzeit eine Rekordzahl amerikanischer Studenten dabei ist, Chinesisch zu lernen. Das sichert uns einen stetigen Nachschub an billigen Arbeitskräften, die unsere Sprache sprechen. Wir können derweil unsere 2,3 Billionen an Dollarreserven dazu verwenden, in aller Ruhe die Fabriken der USA aufzukaufen. Unterm Strich lässt sich sagen, dass die Dinge in Amerika derzeit sehr gut laufen für China.

Was für ein Glück, dass die Amerikaner unsere Diplomatenpost nicht lesen können.

Dem ist wohl nichts hinzu zu fügen.

Das Ende der Unschuld

Mittwoch, 18. März 2009

Das jüngste Opfer des Internet könnte das alte angelsächsische Rechtssystem werden. Und schuld ist unter anderen Twitter, der Blackberry und vor allem Google.

Vergangene Woche platzte in Florida ein großer Drogenprozess, weil ein Geschworener zugegeben hatte, Einzelheiten zu dem Fall im Internet recherchiert zu haben. Als der Bundesrichter, ein gewisser William J. Zloch, nachbohrte, stellte sich heraus, dass acht weitere Juroren ebenfalls die Beweislage online überprüft hatten. Da aber seit 1000 Jahren ehernes Gesetz ist, dass die Juroren nichts außer den ihnen im Gerichtssaal präsentierten Fakten und Beweisanträgen bei ihrer Urteilsbildung heranziehen dürfen, blieb Richter Zloch nichts anderes übrig, als die Geschworenen nach Hause zu schicken und einen neuen Prozesstermin anzuberaumen.

Wie John Schwartz von den “New York Times” berichtet ist das beileibe kein Einzelfall. Auch in der Heimat des “trial by jury” muss man sich inzwischen mit dem Problem herumschlage. Einer der Geschworenen in einem Vergewaltigungsprozess wurde überführt, seinen Blackberry für Internet-Recherchen verwendet zu haben, was zu einem Freispruch führte. Der oberste britische Strafrichter, Lord Igor Judge of Draycote , warnte kürzlich in einer Rede vor dem Oberhaus, dass Geschworenen zunehmend dazu neigen, “private Erkundigungen” übers Internet zu unternehmen, obwohl ihnen das vom Gericht explizit verboten werde.

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Zensur in Potterland

Freitag, 20. Juli 2007

Harry Potter stirbt nicht im letzten Band – dafür aber ein Stück Pressefreiheit schon.

Man muss es der Potter-Industrie schon lassen: Sie haben den Start des (hoffentlich) letzten Bands des siebenteiligen Mammutwerks zu einem Medienspektakel sonder Gleichen hochstilisiert. Schließlich ist Joanne K. Rowling noch nicht die reichste Frau der Welt, sondern lediglich von Großbritannien (immerhin hat sie die Queen in Sachen Privatvermögen inzwischen überholt).

Damit sie es doch werden kann, muss „Harry Potter and the Deathly Hallows“ alles bisher da gewesene in den Schatten stellen. Dazu muss die Spannung bis zum letzten Moment, nämlich 00:01 Uhr am morgigen Samstag, aufrecht erhalten werden. Das heißt vor allem: Niemand darf etwas verraten! Deshalb wurden alle am Entstehungsprozess Beteiligten – Setzer, Drucker, Distributoren, Händler – unter Androhung von Todesflüchen sowie substanzieller Schadensersatzforderungen zum Stillschweigen verpflichtet. 1,5 Millionen Dollar, so wird gemunkelt, sollen alleine für die Sicherungsverwahrung der bereits fertiggestellten Bände in einem Hochsicherheitslager aufgewendet worden sein.

Und da schlage ich doch am Freitagmorgen die „International Herald Tribune“ auf – und lese dort auf Seite eins die Ankündigung: „Buchbesprechung: Harry Potters episches Ende“.

Wie denn das? Hat man etwa doch Vorabexemplare an die Rezensenten verteilt?

Nein, Kollegin Michiko Kakutani von der „New York Times“ (die Mutterzeitung der IHT) ganz regulär bei einem Buchhändler gekauft. Dass sie offenbar vorher bereits einen Kurs im Schnelllesen gemacht hat die sie in die Lage versetzte, den 759 Seiten umfassenden Wälzer noch am Donnerstag zu lesen und rechtzeitig für die Freitagausgabe eine Besprechung 200 Zeilen lange Besprechung zu schreiben, ist fast noch erstaunlicher. Dass sie überhaupt das Buch in die Hand bekommen hat ist dagegen wohl auf  ganz normales menschliches Versagen beim Großhändler zurückzuführen.

Dass Rowlands Verleger, die Firma Scholastic, gleich eine Klage angekündigt hat, war natürlich zu erwarten. Nicht aber die Reaktion der Medien.

Das beginnt schon bei der ersten und einzigen Buchbesprechung selber: Zwar ergeht sich Frau Kakutani in schier endlosen Elegien über „Harrys endgültige Einführung in die Komplexität und Traurigkeit des Erwachsenwerdens“. Nur die einzige wirklich spannende Frage beantwortet sie nicht: Wer stirbt?

Dabei wissen das schon eine ganze Menge Leute, darunter auch Journalisten, denn seit ein paar Tagen tauchen immer wieder – offenbar hastig abfotografierte – Raubkopien des Buchs als PDF-Dateien im Internet auf. So seriöse Presseorgane wie „Die Zeit“ oder die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichten in ihren Online-Ausgaben auch darüber. Aber keiner von ihnen traut sich, die Katze aus dem Sack zu lassen.

Was ist das nun? Angst davor, als Spaßverderber dazustehen – oder freiwillige Selbstzensur?

In Wirklichkeit zeigt der ganze Potter-Wahnsinn nur, wie leicht sich die Medien einspannen lassen in die Marketing-Maschinerie. Indem sie sich freiwillig einen kollektiven Maulkorb auferlegt haben, spielen sie das Spielchen der Buchverleger.

Scholastic hat sich übrigens inzwischen melodramatisch an diejenigen gewandt, die schon Bescheid wissen: „Wir appellieren direkt an Harry Potter-Fans, die ihr Buch bei Deep-Discount bestellt haben und womöglich frühzeitig eine Ausgabe bekommen, dass sie die Pakete bis zum 21. Juli Mitternacht versteckt halten.“

Wetten, die meisten werden sich auch brav daran halten?