Mit ‘Schirrmacher’ getaggte Artikel

Digitaler Jungbrunnen

Freitag, 18. Juni 2010

Eine Uni zum Abheben

Der Mensch lebt schon immer in Symbiose mit seinen Werkzeugen. Indem er immer intelligentere Werkzeuge ersinnt und einsetzt, verändert er sich. Das ist ein natürlicher Vorgang, und er ist wertfrei. Der Fehler, den auch Schirrmacher begeht, besteht darin, diesem Vorgang ein Attribut zu geben. Ein typisches Beispiel ist die Vorstellung von “Fortschritt” (als ob der Mensch seit Anbeginn seiner Geschichte auf dem Weg zu einem klar definierten Endziel voran schreitet). Ein anderes ist die von durch Technik induzierte Degeneration, Frank Schirrmachers “vermanschtes” Gehirn.

Der Amerikaner Ray Kurzweil gehört zu den Vordenkern der digitalen Zukunft. Er ist erfolgreicher Serien-Firmengründer und hat deshalb genug Geld um sich leisten zu können, hauptberuflich darüber nachzudenken, wohin die Reise geht.

Kurzweil gehört zu den Begründer der so genannten Singularity-Bewegung. Die will nicht mehr und nicht weniger als den uralten Menschheitstraum vom Jungbrunnen Wirklichkeit werden lassen. Singularity beschreibt eine Welt, in der die Verschmelzung des Menschen mit seiner Technik eine überlegene Form von Intelligenz schafft, die unser Leben dominieren wird.
Kurzweil spielt ungefähr seit 1980 mit dem Gedanken an Singularität, seitdem er erstmals mit dem Moore‘schen Gesetz konfrontiert wurde. Der Mitbegründer von Intel, Gordon Moore, postulierte schon in den 60ern, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise, also so genannter Computer-Chips, etwa alle zwei Jahre verdoppelt.
Verdopplung, wie jeder Roulettspieler weiß, führt zu einer ungeheuren Beschleunigung. Bei linearem Wachstum haben Sie nach 30 Stufen 30 Mal mehr als am Anfang. Bei so genanntem exponentiellen Wachstum, also 30 Verdopplungsstufen, haben Sie eine Milliarde Mal mehr als am Anfang.

Kurzweil und die Anhänger der Singularität gehen davon aus, dass wir etwa um das Jahr 2030 so weit sein werden, den Inhalt unserer Gehirne auf computerartigen Geräten speichern zu können, also sozusagen ein Backup unseres Geistes zu machen, womit wir de facto unsterblich würden. Künstliche Zellen im Nanoformat werden Reparaturen an abgenutzten Körperteilen vornehmen können, so dass der Alterungsprozess gestoppt werden kann. Kurzweil schreibt: „Wenn die nichtbiologische Intelligenz erst einmal Eingang in unsere Gehirne gefunden hat (was sich heute schon durch neuronale Implantate abzeichnet), wird die künstliche Intelligenz unsere natürliche Intelligenz zu exponentiellem Wachstum verhelfen. Unsere Denkfähigkeit wird sich dann jedes Jahr mindestens verdoppeln.“

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Digitales Fasten

Mittwoch, 24. Februar 2010

Ich weiß nicht, warum ich nicht schon längst darauf gekommen bin. Die Lösung des Problems der digitalen Völlerei ist doch ganz einfach: digitales Fasten! Verzichten wir auf Surfen, Blogs und E-Mail, zumindest für ein paar Wochen im Jahr. Kein Twitter, kein Facebook. Stattdessen mal wieder ein richtiges Buch lesen. Und schon: Bingo! Keine Kognitivkrise mehr, keine Ich-Entfremdung. Das zermanschte Gehirn kann sich regenerieren, die verlorene Denkfähigkeit kehrt zurück und sogar Frank Schirrmachers Kopf kommt wieder mit. Einfach genial!

Gut, es gibt ein paar Probleme. Die Arbeit bleibt liegen, die Freunde sind verärgert, weil sie keine Antwort mehr auf ihre Mails bekommen, die Kunden beschweren sich beim Chef, weil die Bestellung liegen geblieben ist. Aber vielleicht liegt das Problem in der Wahl des religiösen Vorbilds! Überzeugte Katholiken fasten ja durchgehen von Aschermittwoch bis Ostern, verzichten sieben Wochen lang auf Fleischspeisen sowie auf Tanzveranstaltungen und gedenken damit des 40-tägigen Fastens Ihres Vorbilds Jesus, mit der er sich laut Matthäus und Lukas auf sein öffentliches Wirken vorbereitete.

Das ist hart – zu hart, wie ich finde. Da lobe ich mir die Muslims, die während des Ramadan lediglich tagsüber auf Fleisch oder sogar auf jeden fleischlichen Genuss. Abends ist dann Sause angesagt! Sobald in Kairo die Kanone offiziell den Sonnenuntergang verkündet, bleiben die Autofahrer mitten auf der Straße stehen und eilen in die umliegenden Kneipen, um den ersten Heißhunger zu stillen. Nachts werden dann Schafe am Spieß gebraten und auch sonst ganz schön über die Stränge geschlagen. Das könnten wir doch auch übernehmen: Tagsüber am besten im Bett bleiben, dafür abends surfen, bis der Arzt kommt!

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Digitales Wa

Montag, 08. Februar 2010

„Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, klagt Deutschlands bekanntester Kulturpessimist, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem populistischen Bestseller „Payback“, wo er das Gespenst der endgültigen Fremdbestimmung des Menschen durch das beschwört, was er unter dem Begriff „Algorithmus“ versteht: Computercode, Handlungsvorschrift, Turingmaschine, Determinismus . So mischt er sich munter ein mechanistisches Weltbild zusammen aus Versatzstücken der Psychologie, der Frankfurter Schule und des Science Fiction, Und er macht vor allem eines: Angst! Hat sich Google schon meiner Gedanken bemächtigt? Ist Microsoft dabei, meine neuronalen Kanäle umzuprogrammieren? Bin ich überhaupt noch ich, oder bin ich das, was die Digitaltechnik aus mir macht? „Produziert digitales Lesen digitale Gehirne?“, fragt mein Freund Norbert Bolz in seinem Einleitungsbeitrag zu dieser Diskussion – bleibt die eindeutige Antwort aber seltsamerweise schuldig, was sonst so gar nicht seine Art ist.

Man kann die Diskussion über Flow Control, also über das Behalten oder die Wiedererlangung der Selbstkontrolle im Digitalzeitalter, natürlich auf der theoretischen, kulturkritischen Ebene führen. Ich selbst ziehe eine eher kulturempiristische Vorgehensweise vor, nämlich durch Beobachtung und Erfahrung die Erkenntnis suchen. Locke statt Descartes, Hume statt Habermas. Was mich sofort als Internalisten entlarvt; als einen, der glaubt, dass sich Denkprozesse nicht externalisieren lassen, sondern im abgeschlossenen System des menschlichen Gehirns abspielen, dem fons et origo aller Erkenntnis und damit der Selbstbestimmung.

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Der wildgewordene Algorithmiker

Montag, 08. Februar 2010

Frank Schirrmacher ist ein Sensibelchen, aber er wird es mir sicher nicht übel nehmen wenn ich sage, dass er kein Informatiker ist (eher das Gegenteil). Er verwendet den Begriff “Algorithmus” deshalb nicht wie ein Computertheoretiker, also im Sinne einer Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, sondern im philosophischen Sinn (das hat er schließlich gelernt) als ein Wortverwandter des Determinismus.

Der Mensch ist in seiner Vorstellungswelt ein fremdgesteuertes Wesen, das sich mehr oder weniger beliebig durch Außeneinflüsse manipulieren lässt. Dies ist eine zutiefst menschenverachtende Sichtweise, eine elitäre Überheblichkeit, die er in der Frankfurter Schule aufgeschnappt hat (“durch rationales Handeln die Kontrolle über Gesellschaft und Geschichte zurückzugewinnen”). Aber er hätte bei Habermas genauer hinhören sollen, der dem Einzelnen durchaus eine verantwortliche Urheberschaft für mentale Verursachung zuordnete.

Der größte Vorwurf, den man ihm machen kann, ist das er offenbar die Evolution nicht verstanden hat. Der Mensch hat sich von Anfang an stets einer sich verändernden Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen müssen. Das gelingt ihm auch immer wieder erstaunlich gut. Schirrmachers Vorstellung von einer durch Informationsüberflutung ausgelösten Rückbildung des Gehirns. Je nachdem, vor welchem Publikum er gerade spricht, drückt er das mehr oder weniger vornehm aus, spricht wahlweise von der “kognitiven Krise” oder sagt: “unsere Gehirne werden zermanscht”.

Das ist blanker Unsinn! Das Gehirn bildet sich nicht zurück, es bildet sich weiter. Die Evolution kennt kein Ziel, also kennt es weder Fort- noch Rückschritt. Die Mythen, die Schirrmacher bedient, wie dass Multitasking Körperverletzung sei oder der Computer kein Medium, sondern ein Akteur, gebiert sich anders als Adorno und Horkheimer nicht als Apostel der Aufklärung, sondern als ihr Totengräber, wie mein Freund Michael Kausch (ebenfalls ein Produkt der Frankfurter Schule) auf czyslansky.net so treffend formulierte.

Ich selbst halte es eher mit David Gelernter, auf den sich Schirrmacher fälschlicherweise beruft, der sagte:  “Everything is up for grabs. Everything will change. There is a magnificent sweep of intellectual landscape right in front of us.” Gelernter ist Optimist (obwohl ihm eine Briefbombe die Hand zerfetzte) und er ist ein kluger Mann, auch wenn ich mit seiner “lifestream of cyberspace”-Vorstellung auch so meine Probleme habe.

Schirrmacher dagegen bohrt, an ihm gemessen, nur dünne Bretter.

Der Newton lässt grüssen!

Donnerstag, 28. Januar 2010

Das wird Frank Schirrmacher gefallen: Das neue Wundergerät von Apple, der “iPad”, kann kein Multitasking! Und da Multitasking ja nach Ansicht des “wilden Mannes vom Main” (Hans-Olaf Henkel) bekanntlich Körperverletzung ist, können wir alle den Tafel-PC, den Steve Jobs gestern Nacht so stolz in die Höhe hob, durchaus auch als einen großen Schritt nach vorne in der Verbrechensbekämpfung ebenso wie im Gesundheitswesen feiern.

Ansonsten quälen sich nicht nur die Schreiber von “Chip” mit der Frage herum: Was soll das Ganze? Ist der iPad nun einMacBook mit Touchscreen, ein erweiterter Newton oder eine völlig neue Evolutions-Stufe des iPhones? Vor allem der Newton-Kommentar erfüllt mich mit banger Vorahnung. Schließlich war ich auch einer der Allerallerersten, die sich 1993 von dem legenadären beligischen Schlitzohr Gastron Bastiaens (er kam später als Chef von Lernout & Houspie in Belgien wegen milliardenfacher Luftbuchungen in den Knast) von dem backsteingroßen Schreib-Gerät begeistern ließ. Was habe ich stundenlang gesessen und versucht dem Ding meine Handschrift beizubringen? Am Ende habe ich ihn in den Mülleimer befördert, aber vorher habe ich erst mal versucht, alle meine Freunde zu Newtonianer zu bekehren. Die waren aber klüger als ich.

Nun, ich bin jetzt auch 20 Jahr älter und erfahrener, vielleicht sogar ein bisschen weiser. Und so schnell lasse ich mir von den Gauklern aus Cupertino kein Flachstück mehr andrehen. Und denjenigen, die gestern Nacht aufgeblieben sind, um die Präsentation nicht zu verpassen, wünsche ich viel Spaß. Genießt es – denn die Ernüchterung wird folgen…

Online-Panthersprung nach Agadir

Sonntag, 06. Dezember 2009

Als das Kanonenboot „Panther“ seiner Majestät, des Kaisers, 1911 als politische Geste kolonialer Machtansprüche in die verschlafene Hafenstadt an der marokkanischen Südküste eindampfte, dauerte es Wochen, bis die Nachricht davon die Welt erreichte und einen politischen Sturm entfacht, das letztlich in den Ersten Weltkrieg mündete. Wer glaubt, es habe sich seitdem etwas geändert, der irrt sich gewaltig. Kommunikationsmäßig steckt Agadir noch im frühen 20sten Jahrhundert.

Ja, ich bin unfair. Aber das Leben ist unfair, und ich bin sauer, weil ich vier Tage lang in einem 5-Sterne-Luxusschuppen, dem „Royal Atlas Hotel“, festgefangen war und nur einmal, für etwa drei Minuten, ins Internet gekommen bin. Dabei verfügt das Haus durchaus über ein modernes Drahtlosnetzwerk. Ich konnte es sogar sehen. Es schien mich tagelang auszulachen, denn wenn ich versucht habe, mich einzuwählen, vermeldete das Gerät stets brav: „Verbindung hergestellt“. Nur rührte sich in meinem Web-Browser nichts, und an mein elektronisches Postfach kam ich auch nicht ran.

Was das alles mit Frank Schirrmacher und seiner Erfindung der „digitalen Ermüdung“ zu tun hat? Nun, in den Schlusskapiteln seines Buches „Payback“ empfiehlt er ja den Perspektivenwechsel als Ausweg aus der dauernden Überforderung des Internets. Ich bin seiner Empfehlung also gefolgt und habe mich in den Flieger gesetzt, um drei Tage lang unter südlicher Sonne Golf zu spielen, und zwar auf Einladung des Königlich Marokkanischen Tourismusministeriums.

Die wollen die Region um Agadir, in der angeblich das ganze Jahr Frühling herrscht, zur neuen Algarve machen, also der Vorzugsdestination für wintermüde Mitteleuropäer mit einer Vorliebe für das Spiel mit dem weißen Ball. Was Mallorca kann, können wir schon lange, sagen sich die Nachkommen der Maghrebs.

Dass Agadir 1960 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht und praktisch dem Erdboden gleichgemacht wurde, ist aus Sicht der Tourismusprofis eher ein Vorteil, denn so ließ sich am Rande der Atlantikküste eine richtige Retortenstadt aus dem Wüstenboden stampfen, komplett mit kilometerlangen, kerzengeraden Palmenalleen, die durch noch leere Neubaugebiete führen. Die so genannte Stadt besteht dagegen hauptsächlich aus Betonwürfeln, wahlweise für Wohnzwecke reserviert oder Heimstatt von unzähligen Billig-Restaurants, die sich wahlweise spanisch, französisch, deutsch oder italienisch geben, aber alle das gleiche miese marokkanische Touristenessen servieren. An dem „British Pub“ ist das Neonschild so ziemlich das einzig Britische. Alles andere hätte aus einem Karl-May-Roman stammen können.

Perspektivenwechsel satt, also, und ich hätte eigentlich mit gereinigtem digitalen Dankkanal nach Hause fahren können – wäre da nicht diese wichtige E-Mail gewesen, auf die ich wartete, weil daran ein Sprechertext hängen sollte, den ich übersetzen sollte, damit wir nach meiner Rückkunft am Montag ins Tonstudio gehen konnten. Also hatte ich schlechten Gewissens meinen treuen Thinkpad mit auf die Reise genommen und versuchte, mich im Hotel ins Net einzuloggen, aber vergebens, wie gesagt.

Nur einmal, für ein paar Minuten, rührte sich was im Cyberraum. Da begann sich auf einmal der kleine Querbalken rechts unten in meinem Outlook zu regen, und ein offenbar recht dünner Datenstrom begann zu fließen, denn es dauerte ewig, bis die erste von 98 wartenden Nachrichten durchkam.

Und die war ausgerechnet von Frank Schirrmacher! Und zwar von einem wütenden Frank Schirrmacher, der sich fürchterlich über meinen Verriss seines Buchs aufregt, weil ich ihn darin angeblich als Antisemiten beschimpft haben soll, indem ich seine Methode, Feindbilder aufzubauen, mit denjenigen verglich, die zwischen den Weltkriegen in Deutschland die Judenlüge erfanden, um von Wirtschaftsnot und Versailles-Schmach abzulenken. Ich finde das nach wie vor einen legitimen historischen Vergleich, zumal ich auch andere Beispiele („Dolchstoßlegende“) verwendet und ausdrücklich dazu geschrieben habe, dass ich ihn nicht für einen Nazi halte, sondern nur für jemanden, der mit Methoden arbeitet, die sich in der Propaganda (ja, auch der nazionalsozialistischen, aber eben auch vieler anderer) immer wieder bestens bewährt haben.

Mag grenzwertig sein, der Vergleich, aber wer wie Schirrmacher austeilen kann, sollte auch einstecken können. Finde ich, jedenfalls.

Aber eigentlich geht es mir hier um etwas ganz anderes, nämlich um den wirklich mehr als seltsamen Zufall. Herr Schirrmacher und seine Thesen beschäftigen mich in diesen Tagen sehr, und ich habe noch nie von ihm eine Mail bekommen. Und dann sitze ich unweit von Casablanca, und mir kommt der unsterbliche Satz von Boggie in den Kopf: Of all the gin joints in all the towns in all the world, she walks into mine.“ Tja, in der langen Warteliste der vielen Mails, die ich aufgrund meiner nicht ganz freiwilligen Entschleunigung nicht lesen konnte, drängt sich ausgerechnet der große Gegner der digitale Reizüberflutung ganz nach vorne – und kommt als Einziger durch.

Da muss doch irgendein tieferer Sinn dahinter stecken! Aber was will das Schicksal mir damit bloß sagen?

Schirrmachers Dolchstoß

Donnerstag, 26. November 2009

Nichts ist langweiliger, als die Pointe eines Witzes erklären zu müssen. Aber da mein Satz über Dolchstoßlegenden und Judenlügen, der auf Frank Schirrmacher und sein schreckliches Buch “Payback” gemünzt war, offenbar doch bei einer beträchtlichen Anzahl von vorwiegend deutschen Menschen auf Unverständnis gestoßen ist, werde ich es doch tun. Obwohl es eigentlich kein Witz war, sondern mein bitterer Ernst.

Also: Als historisch Denkender bin ich stets bemüht, wiederkehrende Muster im Ablauf des großen Schauspiels namens Menschheitsgeschichte zu erkennen. Und es ist nun mal Fakt, dass der Aufbau von Feindbildern in der Vergangenheit immer wieder ein probates Mittel gewesen ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und den “gesunden Volkszorn” gegen Unschuldige zu richten.

Ich habe in “Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt” zwei Beispiele genannt. Die erste ist die unsägliche “Dolchstoßlegende”, die von wertkonservativen Nationalisten dazu verwendet wurde, von der Kriegsschuld Deutschlands 1914 abzulenken und den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gegen das Dekret von Versailles zu kanalisieren. Ganz bestimmt haben diese Leute nicht beabsichtigt, Hitler zur Macht zu verhelfen, aber sie haben es leider doch getan.

Etwas anders liegt der Fall bei der Judenverfolgung, als unter dem Schlachtruf “die Juden sind unser Verderben” Tausende von ansonsten unbescholtenen Normalbürgern billigend in Kauf nahmen, dass zunächst Synagogen niedergebrannt, jüdische Läden boykottiert, ihre Mitbürger mosaischen Glaubens zum Tragen eines gelben Davidsterns genötigt wurden und ebendiese Menschen, bis dato ihre friedlichen Nachbarn, nachts abgeholt und “irgendwohin” gebracht wurden. Nein, die große Mehrheit hätte den Genozid vermutlich abgelehnt, weshalb sich die Nazis auch um Geheimhaltung über den wahren Zweck der Vernichtungslager bemühten, die wie in Dachau teilweise am Rande friedlicher deutscher Kleinstädte errichtet wurden. Was dort vorging, wollte man am besten gar nicht wissen. So mächtig ist Propaganda.

Man könnte die Beispiele fortspinnen. Die Verteufelung ist in der Politik stets ein wirksames Werkzeug  gewesen. Nur richtete sie sich in der Vergangenheit in der Regel gegen anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Technologie zum Feindbild aufgebaut wurde, etwa die Anhänger von Ned Ludd, die englische Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Bedrohung der Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung aufwiegelten. Auch in Deutschland kam es zwischen 1830 und 1847 zu Maschinenstürmen, allerdings (wie der entsprechende Wikipedia-Eintrag richtig feststellt) in geringerem Umfang, “so dass hier besser von ‘Maschinenprotest’ als Maschinensturm zu sprechen ist.”

Der Mechanismus, nach dem Feindbilder funktionieren, besteht darin, die wahrgenommene Welt als zweigeteilt darzustellen und die “andere Seite” mit grundsätzlich negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen zu verbinden. Dies ist die Methode, die Frank Schirrmacher zur wahren Meisterschaft geführt hat, sei es im “Methusalem-Komplott” (Alt gegen Jung), sei es in “Minimum” (Gemeinschaft gegen Individualisten) oder eben auch in “Payback” (Internet gegen Mensch).

So, um nun die Pointe meiner gar nicht witzig gemeinten Bemerkung zu erklären: Ich behaupte nicht, dass Schirrmacher ein Nazi ist. Er ist auch kein Monarchist, Idealist, Fundamentalist oder Terrorist. Aber er verwendet Methoden, die in der Vergangenheit von den Anhängern solcher Extrembewegungen gerne aufgegriffen und verwendet wurden, um ihre fragwürdigen Ziele zu erreichen. Man kann ihm also geringsten falls vorwerfen, sich zum Handlanger zu machen. Journalisten sind dafür besonders anfällig, weil sie gelernt haben, zu verknappen, zu verdichten und dann damit zu polarisieren.

Das ist der von mir beschriebene Boulevardjournalist in Schirrmacher – eine Beschreibung, die komischerweise bisher keinen Kommentator dieses Blogs gestört hat, obwohl es für einen Mann wie Schirrmacher, dessen “FAZ” ja als Eisbergspitze des Qualitätsjournalismus in Deutschland gilt, vermutlich noch ehrenrühriger ist als Vorwurf des Propagandamachens. Aber – und da hat Mike Godwin  natürlich vollkommen recht – der Nazivergleich wird gerade in Deutschland fast reflexartig abgelehnt , weil damit angeblich irgendeine moralische Grenze überschritten wird.

Ich sehe das anders. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu allererst und vor allem eine Meisterleistung der Meinungsmacherei. Sauberes Handwerk, könnte man als Medienprofi sagen. Nur darf man das nicht, weil man das in Deutschland nicht darf.

Nun, als Amerikaner habe ich ohnehin ein etwas anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Und als studierter Historiker sehe ich im historischen Vergleich ein unverzichtbares Mittel, um Klarheit zu schaffen und Warnungen zu formulieren. Wie sagte es doch George Santayana: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

Schirrmachers Dolchstoß

Donnerstag, 26. November 2009

Historische Vergleiche sind manchmal unangenehm. Aber sind sie deshalb tabu?

Nichts ist langweiliger, als die Pointe eines Witzes erklären zu müssen. Aber da mein Satz, “In einem anderen Zeitalter haben Leute wie er Dolchstoßlegenden erfunden oder Juden als die Ursache allen Übels ausgemacht”, der auf Frank Schirrmacher und sein schreckliches Buch “Payback” gemünzt war, offenbar doch bei einer beträchtlichen Anzahl von vorwiegend deutschen Menschen auf Unverständnis gestoßen ist, werde ich es doch tun. Obwohl es eigentlich kein Witz war, sondern mein bitterer Ernst.

Also: Als historisch Denkender bin ich stets bemüht, wiederkehrende Muster im Ablauf des großen Schauspiels namens Menschheitsgeschichte zu erkennen. Und es ist nun mal Fakt, dass der Aufbau von Feindbildern in der Vergangenheit immer wieder ein probates Mittel gewesen ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und den “gesunden Volkszorn” gegen Unschuldige zu richten.

Ich habe in “Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt” zwei Beispiele genannt. Die erste ist die unsägliche “Dolchstoßlegende”, die von wertkonservativen Nationalisten dazu verwendet wurde, von der Kriegsschuld Deutschlands 1914 abzulenken und den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gegen das Dekret von Versailles zu kanalisieren. Ganz bestimmt haben diese Leute nicht beabsichtigt, Hitler zur Macht zu verhelfen, aber sie haben es leider doch getan.

Etwas anders liegt der Fall bei der Judenverfolgung, als unter dem Schlachtruf “die Juden sind unser Verderben” Tausende von ansonsten unbescholtenen Normalbürgern billigend in Kauf nahmen, dass zunächst Synagogen niedergebrannt, jüdische Läden boykottiert, ihre Mitbürger mosaischen Glaubens zum Tragen eines gelben Davidsterns genötigt wurden und ebendiese Menschen, bis dato ihre friedlichen Nachbarn, nachts abgeholt und “irgendwohin” gebracht wurden. Nein, die große Mehrheit hätte den Genozid vermutlich abgelehnt, weshalb sich die Nazis auch um Geheimhaltung über den wahren Zweck der Vernichtungslager bemühten, die wie in Dachau teilweise am Rande friedlicher deutscher Kleinstädte errichtet wurden. Was dort vorging, wollte man am besten gar nicht wissen. So mächtig ist Propaganda.

Man könnte die Beispiele fortspinnen. Die Verteufelung ist in der Politik stets ein wirksames Werkzeug  gewesen. Nur richtete sie sich in der Vergangenheit in der Regel gegen anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Technologie zum Feindbild aufgebaut wurde, etwa die Anhänger von Ned Ludd, die englische Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Bedrohung der Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung aufwiegelten. Auch in Deutschland kam es zwischen 1830 und 1847 zu Maschinenstürmen, allerdings (wie der entsprechende Wikipedia-Eintrag richtig feststellt) in geringerem Umfang, “so dass hier besser von ‘Maschinenprotest’ als Maschinensturm zu sprechen ist.”

Der Mechanismus, nach dem Feindbilder funktionieren, besteht darin, die wahrgenommene Welt als zweigeteilt darzustellen und die “andere Seite” mit grundsätzlich negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen zu verbinden. Dies ist die Methode, die Frank Schirrmacher zur wahren Meisterschaft geführt hat, sei es im “Methusalem-Komplott” (Alt gegen Jung), sei es in “Minimum” (Gemeinschaft gegen Individualisten) oder eben auch in “Payback” (Internet gegen Mensch).

So, um nun die Pointe meiner gar nicht witzig gemeinten Bemerkung zu erklären: Ich behaupte nicht, dass Schirrmacher ein Nazi ist. Er ist auch kein Monarchist, Idealist, Fundamentalist oder Terrorist. Aber er verwendet Methoden, die in der Vergangenheit von den Anhängern solcher Extrembewegungen gerne aufgegriffen und verwendet wurden, um ihre fragwürdigen Ziele zu erreichen. Man kann ihm also geringsten falls vorwerfen, sich zum Handlanger zu machen. Journalisten sind dafür besonders anfällig, weil sie gelernt haben, zu verknappen, zu verdichten und dann damit zu polarisieren.

Das ist der von mir beschriebene Boulevardjournalist in Schirrmacher – eine Beschreibung, die komischerweise bisher keinen Kommentator dieses Blogs gestört hat, obwohl es für einen Mann wie Schirrmacher, dessen “FAZ” ja als Eisbergspitze des Qualitätsjournalismus in Deutschland gilt, vermutlich noch ehrenrühriger ist als Vorwurf des Propagandamachens. Aber – und da hat Mike Godwinhttp://i.ixnp.com/images/v6.16/t.gif natürlich vollkommen recht – der Nazivergleich wird gerade in Deutschland fast reflexartig abgelehnt , weil damit angeblich irgendeine moralische Grenze überschritten wird.

Ich sehe das anders. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu allererst und vor allem eine Meisterleistung der Meinungsmacherei. Sauberes Handwerk, könnte man als Medienprofi sagen. Nur darf man das nicht, weil man das in Deutschland nicht darf.

Nun, als Amerikaner habe ich ohnehin ein etwas anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Und als studierter Historiker sehe ich im historischen Vergleich ein unverzichtbares Mittel, um Klarheit zu schaffen und Warnungen zu formulieren. Wie sagte es doch George Santayana: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

 

Gedankenflug von Dubai nach Kiel

Sonntag, 28. September 2008

Es ist zwei Uhr morgens in Dubai, aber die Lichter im Flughafenterminal gehen niemals aus. Mir gegenüber in der Lounge übt eine junge Asiaten offenbar eine selbstersonnene Version von Tai Chi, die man im Sitzen ausführen kann. Im Food Court gibt es McDonald’s, Fast Food à la francais, arabische Pizza und Murg Massala. Die Kassiererinnen im Duty Free Shop stammen aus Korea, der Kellner im Restaurant ist Indonesier. Durch das weite Dach der Abfertigungshalle schwirren deutsche, englische, russische, japanische, chinesische und arabische Sprachfetzen.

Dies ist der erste einer losen Folge von Blog-Einträgen von einer Reise, die mich in ein indisches Dorf, in ein Dachgartenlokal mit Blick auf den Taj Mahal, ins Herz eines der größten IT Service-Unternehmen des Subkontinents und an die Stufen führen wird, die in Varanassi (das frühere Benares) zum Ganges hinunter führt und wo der Geruch verbrannter Leichen so allgtegenwärtig ist wie der von gebrannten Mandeln auf dem gerade stattfindenden Oktoberfest daheim in München.

Bevor ich abflog, hatte ich am Freitag noch etwas in Kiel zu erledigen: Dort feierte der Fachbereich Medienproduktion der Fachhochschule Zehnjähriges, und man veranstaltete zur Feier des Tages ein Symposium zum Thema “Hirn aus – Internet an?”. Ich habe dort über die unsägliche Titelgeschichte des “Spiegel” (“Macht das Internet doof?”) geredet und über den digitalen Generationenkonflikt. Marshall McLuhan sagt ja, die Medien, die wir konsumieren, prägen unser Medienverhalten; wer sich von Sendern berieseln lässt, wir zeitlebens ein passiver Konsument bleiben, wer mit Interaktion, Dialogmedien und Mitmach-Internet aufwächst, der macht auch sonst eher mit als das Leben einfach über sich ergehen zu lassen.

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