Mit ‘Twitter’ getaggte Artikel

Maulkörbe im Cyberspace

Mittwoch, 21. November 2012

Einmal zu oft geliked

Im Internet kann jeder seine Meinung sagen, richtig? Falsch: In China kommste dafür in den Bau, in Russland ins Arbeitslager. Aber wenigstens in den demokratisch regierten Ländern, da stimmt es doch, richtig? Nochmal falsch: Da kann es sogar sein, dass man für Dinge, die man online sagt, bestraft wird, über die sich im richtigen Leben kein Mensch aufregen würde.

Nehmen wir doch mal Indien, das sich stolz als die „größte Demokratie der Welt“ bezeichnet. In Mumbai sind, wie die New York Times berichtet, zwei junge Frauen wegen eines Facebook-Eintrags von der Polizei abgeholt und eingelocht worden. Nein, sie haben nicht zum Sturz der Regierung aufgerufen oder Anleitungen zum Bombenbasteln veröffentlicht. Sie haben sich nur darüber echauffiert, dass in ihrer Heimatstadt Mumbai das ganze Geschäftsleben zum Erliegen gekommen ist, weil ein greiser Politiker namens Bal Thackeray verstorben war.

Das Blöde ist nur: Der Mann war Chef einer als politische Partei getarnten Schieberbande, die sich „Shiv Sena“ („Krieger Shivas“) nennen und die wie eine Art Mafia über Mumbai herrscht.  (weiterlesen …)

Porto ergo sum

Mittwoch, 26. September 2012
Kein Schwein schreibt ihm eine Mail
Kein Schwein mailt ihn an

Von Max Rabe sind viele Werke mit schönen Titeln überliefert, zum Beispiel „Klonen kann sich lohnen“, vor allem aber mein Lieblingssong von ihm: „Kein Schwein ruft mich an“. Ich musste neulich an ihn denken, als mir eine Bekannte von ihrer Chefin erzählte, die eine kleine Agentur betreibt. Eines Tages war es besonders still in der Firma, kein Telefonklingeln, kein Kundenbesuch. Und auf einmal steckt die Chefin den Kopf durch die Tür und sagt: „Du, würdest du mir bitte schnell eine E-Mail schreiben. Ich glaube, das Internet funktioniert nicht mehr, ich habe heute Morgen noch keine einzige Mail bekommen…“

Ja, E-Mail hat manchmal etwas Zwanghaftes an sich: Ich erwische mich selbst auch dabei, wie ich alle zehn Minuten den Smartphone rausziehe und meine Mailbox checke. Apropos: Ich habe ein Mauspad auf meinem Schreibtisch, auf dem mehrere Mäuse zu sehen sind, die gerade in einer Bäckerei arbeiten. Einer zieht einen Zettel aus einer Schublade, auf der „Mehl“ draufsteht, und sagt zu den anderen: „Hey, da ist ja Post in unserer Mehlbox!“ (weiterlesen …)

Twitter-Spiele mit Hindernissen

Mittwoch, 01. August 2012

 

Es sollten die ersten „conversational games“ werden, wie die Organisatoren der Olympischen Spiele in London anfangs stolz behauptet haben. Dank Twitter & Co. sollten Spieler und Zuschauer aus aller Welt zusammenrücken und sich gegenseitig austauschen: Völkerverständigung 2.0, sozusagen.

Doch es kam ganz anders. Statt sich gegenseitig aufzumuntern haben zumindest einige Athleten die Sozialen Medien vorwiegend dazu verwendet, die andere Seite madig zu machen, was die Ober-Olympikonen mit einem unerbittlichen Bannstrahl geahndet haben: (weiterlesen …)

Pinklen und Posten

Mittwoch, 25. Januar 2012

Jetzt hab’ ich’s auch verstanden!

Twitter als Unterrichtsfach?

Freitag, 24. Juni 2011

Wie lang ist lang genug? Goethes „Faust“ kommt in der Dünndruckausgabe auf 646 Seiten. Der dickste (9cm) Einzelband in meinem Regal, „Das neue Naturheilverfahren“ von F.E. Bilz aus dem Jahr 1894, bringt 1916 Seiten. Wer bietet mehr?

Am anderen Ende der Skala steht heute Twitter, das dem nach Verbreitung Gierenden nur 140 Zeichen Platz lässt. Irgendwo dazwischen liegt Facebook, wo die Länge eines „personal status message“ neulich von 160 auf 420 Zeichen herausgesetzt wurde.

Junge Menschen wachsen in dieser Welt der Kurznachrichten auf, aber in der Schule ist offenbar eher Masse als Klasse gefragt. Über Google kam ich auf ein Diskussionsforum namens „Freundeskreis netter Leute mit schlauen Kids – Anlaufstelle für Leute mit Hochbegabten Ableger“, wo unter anderem die Frage gestellt wurde: „Wie lang muss ein Schulaufsatz sein?“ Ein bis zwei Seiten, so der Tenor der meisten Antworten, es dürfen aber auch drei oder mehr sein. DIN-A4-Seiten, versteht sich.

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Nicht ohne mein Facebook!

Freitag, 22. Oktober 2010

Überraschung! Die Digital Natives wollen nicht ohne Facebook & Co. sein! Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage des Düsseldorfer Systemintegrators Damovo unter Studenten. Gut die Studenten stammten aus München, wo die Uhren vielleicht etwas anders ticken. Und es waren auch nur 200 von ihnen, die geantwortet haben. Aber wir müssen ja froh sein, endlich mal statistische Unterstützung für unser Bauchgefühl zu bekommen, die uns sagt, dass Kids anders kommunizieren als alte Säcke, und dass sie das auch im Berufsleben tun wollen (oder wollen werden, wenn sie erst mal… – na, Sie verstehen schon, was ich meine).

Das CIO-Magazin zitierte am 19. Oktober folgendermaßen aus der Studie: “Demnach erwarten 71 Prozent der Befragten, dass ihnen im Job die gleichen Tools zur Verfügung stehen, die sie auch privat nutzen. Im Einzelnen heißt das: 44 Prozent der jungen Leute wollen nicht auf Facebook verzichten. Für 36 Prozent gehört auch Skype zum Alltag. Elf Prozent halten Xing für unabdingbar. Danach dünnt es aus: Auf Twitter wollen sechs Prozent nicht verzichten, auf die Lokalisten fünf Prozent und auf StudiVZ vier Prozent.”

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Bye bye Blogger

Donnerstag, 04. Februar 2010

Bloggen ist inzwischen das Uncoolste, was man im Internet machen kann. Das behauptet jedenfalls Nick Carr, der Mann, dem wie die legendäre Frage verdanken: „Does IT matter?“ Er beruft sich auf eine Studie von Pew Internet, wonach die Zahl der Jugendlichen Blogger seit 2006 dramatisch abgestürzt ist. Damals gaben 28 Prozent der Teenager und jungen Erwachsenen noch an, Blogs zu schreiben. Heute sind es nur noch 14 Prozent. Sie kommentieren auch die Blogs von anderen viel seltener als früher. Vor vier Jahren hinterließen noch 76 Prozent der jüngeren Internet-Nutzer Anmerkungen unter dem, was andere online abgesondert haben. Heute sind es nur noch 52 Prozent.

Nicht, dass die Kids dem Internet den Rücken kehren würden – im Gegenteil! 73 Prozent der amerikanischen Teens geben an, regelmäßig in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Im November 2006 waren es nur 55 Prozent. Aber die Beliebtheit bestimmter Features von Facebook & Co. hat sich verändert. Und sie sind offenbar auch unkommunikativer geworden.

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Tödliches Twittern

Sonntag, 08. November 2009

“Twittern beim Autofahren! Jetzt kann man sogar mündlich zwitschern!” Das teilte ein guter Freund neulich der staunenden Umwelt in seinem Blog mit. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er denn noch ganz bei Trost sei. „Du hattest gleich zweimal Glück mit deinem Auto-Tweet. Erstens, dass du keinen Unfall gebaut hast und zweitens, dass du nicht in Großbritannien bist“, habe ich ihm gesagt. Er hat den Zusammenhang aber nicht sofort verstanden.

Es geht um das Thema „Smsen und Twittern am Steuer“. Tatsächlich beobachte ich immer mehr Leute im Straßenverkehr, die entweder an der Ampel oder – schlimmer noch! – beim Fahren versuchen, empfangene Kurznachrichten auf dem Minibildschirm ihrer Mobiltelefone zu entziffern oder sogar Texte über die winzige Handy-Tastatur einzugeben.

In den angelsächsischen Ländern ist das Thema “texting while driving” in der öffentlichen Diskussion etwa auf die gleiche emotionale Ebene angelangt wie “drinking and driving”. Erst kürzlich wurde eine 22jährige Frau zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie während der Fahrt auf der Autobahn A40 eine SMS geschrieben und dabei ein liegengebliebenes Fahrzeug übersehen hatte. Das Ergebnis war eine Tote und mehrere total demolierte Autos. Die Staatsanwaltschaft hielt das Urteil übrigens für viel zu mild und kündigte Berufung an. Sie will die Texterin für  5 bis 7 Jahre hinter Gitter bringen.

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Twitter-Marathon: Ein Feldversuch

Montag, 21. September 2009

Der finale Tweet

Über den Langstreckenlauf ist schon viel geschrieben worden, allerdings meistens erst nach dem Laufen. Beispiele für eine zeitgleiche schriftliche Aufarbeitung der Eindrücke und Empfindungen beim Absolvieren längerer Laufstrecken sind eher selten, und zwar aus naheliegenden praktischen Gründen. Das Hantieren mit Stift und Notizblock setzt in der Regel stationäre Bedingungen voraus, weil man das Gekraxel hinterher sonst nicht mehr entziffern kann. Die gängige Kompromisslösung besteht im Mitführen eines Tonbandgeräts, mit dessen Hilfe man seine ins Mikrofon gekeuchte Kommentare anschließend auf Papier oder in den Computer übertragen kann.

Wir leben aber in einem neuen, dem Twitter-Zeitalter, und da sind neue Kommunikations- und Ausdrucksformen gefragt. Weshalb sich der Autor dieser Zeilen am gestrigen Sonntag zu einem ungewöhnlichen Selbstversuch entschloss, der sich am besten mit dem Begriff: „Twitter-Marathon“ umschreiben lässt. Nein, es ging nicht darum, einen Rekord im Absetzen möglichst vieler 140 Zeichen-Nachrichten innerhalb einer bestimmten Zeit aufzusetzen. Die Absicht war vielmehr, eine Art „Live Tweet-Feed“ von der 36ten Ausgabe des legendären Berlin-Marathons abzusetzen und damit ein neues Feld für die digitale Spontankommunikation zu eröffnen und damit meinen „Followers“ sozusagen die Gelegenheit zu einer digitalen Verfolgungsjagd zu geben.

Um zu prüfen, ob es überhaupt möglich ist, beim Laufen zu twittern, habe ich während des Abschlusstrainings entlang der Isarauen versuchsweise meiner Frau ein SMS geschickt, was erstaunlich gut gelang. Ich verwendete dazu mein Standard-Handy, ein Palm Centro, das über eine Minaturtastatur (vulgo: „Mäuseklavier“) nach dem deutschen QWERTY-Schema verfügt. Als langjähriger Tastaturverwender bin ich in der Lage, Texte auf einem normalgroßen Tastenfeld weitgehend blind einzugeben. Beim Winzling dagegen ist eine ständige Sichtüberprüfung der Eingabe erforderlich, weil man häufig zwei oder sogar drei Tasten gleichzeitig erwischt, was zu oft interessanten, für den Empfänger aber kaum verständlichen Ergebnissen führt.

Die ersten Testergebnisse waren durchwachsen, und ich dachte anfangs daran, das Problem der mobilen Dateneingabe sozusagen per Delegation zu umgehen, etwa die Texte per Telefon an meine mich nach Berlin begleitende Ehefrau durchzugeben, die sie dann per Laptop an Twitter absetzen könnte. Doch ein solcher Medienbruch, so meine Überlegung, würde die gewünschte Unmittelbarkeit des Kommunikationsvorgangs unterbrechen und wurde deshalb am Ende fallen gelassen.

Ich beschloß also am Sonntag mit dem Handy in der Hand an den Start zu gehen, gemeinsam mit rund 40.000 anderen Menschen, die mit dünnen Kurzarmhemden und Läufer-Shorts bekleidet und finster entschlossen waren, zu Fuß und gemeinsam eine Strecke von 42,195 Kilometer durch die Straßen der Hauptstadt in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen.

Eigentlich hatte mein Twitter-Marathon schon am Vortag begonnen, als ich auf dem Weg zum Münchner Flughafen folgende halbverschlafene Meldung absetzte:

„Frühflieger nach Berlin (gähn!). Grauer Himmel in München. Hoffentlich scheint in B die Sonne – aber bitte nicht zu heiss… #berlinmarathon“.

Abends folgte die Meldung: „Sitze mit @pundp im “Pan degli Angeli” in B-Charlottenburg – Pasta bis zum Abwinken! #berlinmarathon“. Das aber waren nur leichte Fingerübungen, die zudem unter normalen Umeltbedingungen (fester Untergrund) zustande kamen.

Der erste Tweet am nächsten Morgen fand schon unter verschärften Versuchsbedigungen statt, nämnlich aus dem wartenden Pulk der Mit-Läufer in Block „G“ am „Kleinen Stern“ zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, wo ich tippte:

„Start zum Marathon0- wird schon schief gehen. 40000 unterwegs – und icke mittendrin. Erste rempler. Twitterrer eher sekten.“

Als Leser könnten man sich hier gefragt haben, ob es beim Marathonstart womöglich schon Sekt zur Antriebsunterstützung gibt. In Wirklichkeit liegen eben die Buchstaben „l“ und „k“ nebeneinander, was zum ersten wirklich verständniserschwerenden Typo des Tages führte. Ihr folgte gleich nach dem Start die nächste, als ich nämlich schrieb:

„Ssiegessauele! Nur noch de.f km“

Der Sinngehalt der Botschaft erschließt sich erst, wenn einem klar wird, dass beim Palm zum Umschalten zwischen Buchstaben und Zahlen eine spezielle Taste gedrückt werden muss, was in diesem Fall verabsäumt wurde, sonst hätte es „41,5 km“ geheißen.

Es folgten mehr oder weniger gelungen abgesetzte Meldungen über Beobachtungen rechts und links der Strecke, wie beispielsweise:

„G:dc die ersteñmachen pinkelpause #twittermarathon“

Wieder das Zahlen-Problem: Eigentlich sollte es „6:48“ heißen sollen. Und auch die Nachricht:

„km t – heute wirds heiss!“

Ist nur durch Ersetzen von „t“ durch „3“ vollinhaltlich zu verstehen. Ich bilde mir aber ein, dass der eigentliche Inhalt der Botschaft durchaus angekommen ist – nämlich dass sich bereits kurz nach dem Start Temperaturen abzeichneten, die eher dem Langstreckenlauf unzuträglich sind (was später dazu führen sollte, dass Berlin-Dauersieger Haile Gebrselassie den eigenen Weltrekord doch nicht, wie erwartet, unterbot, sondern „nur“ nach 2:06:08 ins Ziel kam).

Es folgten mehr oder weniger erhellende – und entzifferbare – Momentaufnahmen wie:

„Wurde etade von nein 2 meter-mann im nonnenkostuem ueberholt #twittermarathon“

Gelegentlich aber führte die Kombination von dauernder Erschütterung und der Notwendigkeit, den dichten Läuferverkehr um mich herum im Auge zu halten, zu echten Rätseltexten wie dieser;

„Rc:0d mir kommt eib “geiszerlaeufer” entgegen. Ixj sag “da gehts lang”. rr lacht und kaeuft weiter in die falsche richtung.“

Hier sei deshalb die Übersetzung nachgeliefert: „28:04 mir kommt ein ‚Geisterläufer‘ entgehen. Ich sag „da geht’s lang“. Er lacht und läuft weiter in die falsche Richtung.“

Die Tweets von den ersten Kilometern durch Alt-Moabit und durch das Regierungsviertel zeugen noch von einem unbeschwerten Läufervergnügen und der Fähigkeit, auch an andere Dinge als an den Zustand des eigenen Gehapparats zu denken, etwa:

„Kanzleramtk ob angie rausgucktn wir sind das laeufer-volk!“

Auch Texte wie:

„#twittermarathon: 10 km, 1?03 – und ich bin noch frisch wie der junge tag (keusch)“

Zeugen noch von einer gewissen Unbekümmertheit. Doch schon kurz darauf die erste Warnung:

„#twittermarathon: rechtes knie sagt: mach langsam. Schnauze!“

Es sollte ein Dauerthema werden, denn ungefähr ab Kilometer 15 machten sich Beschwerden im rechten Knie bemerkbar, die mich bis ins Ziel begleiten und die sowohl den Spaß wie auch die Endzeit deutlich dämpfen sollten. Gut: Schmerzen sind der ständige Begleiter des Langstreckenläufers, und man hat mit den Jahren gelernt, die Zähne zusammen zu beißen. Aber es gibt solche Schmerzen und solche, und diese waren eindeutig diese. Aufgeben wäre vielleicht vernünftiger gewesen (bin gespannt, was der Arzt morgen sagt; ich habe gleich heute früh einen Untersuchungstermin vereinbart), aber Aufgeben ist für den echten Marathonläufer keine wirkliche Option…

Gut, dass die Berliner so ein tolles Publikum sind. Mehr als eine Million von ihnen säumen ja jedes Jahr die Strecke und feuern die Läufer mit aufmunternden Zurufen („Gib‘ alles!“) und zahlreichen musikalischen Darbietungen an. Wie wichtig solche psychologische Unterstützung ist, zeigt folgender Tweet, der irgendwo vor Kilometer 20 abging:

„#twittermarathon: big band sound in der yorckstrasse. kann ich jetzt gut bauchen.“

Doch kurz darauf ist der Twitterer nur noch mit sich selbst, beziehungsweise mit seinem nunmehr wichtiugsten Körperteil beschäftigt:

„#twittermarathon: halbzeit! (21 km) das rechte knie will nicht mehr. Lauf halt auf dem linken weiter…“

Aber immer wieder schaffen es die Zuschauer, den drohenden „Tunnelblick“ durch eine plötzlich aufblitzende Impression aufzuhellen, wie beispielsweise kurz nach der „Halbzeit“ (Kilometer 21), als ein hochgehaltendes Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich zog und zu folgendem digitalen Kommentar führte:

„#twittermarathon: hrosses schild;lauf, berti, lauf! ich fuehl mich angefeuert. Komisch: ich heiss doch gar nicht berti…“

Die inzwischen brütende Berliner Hitze begann sich langsam ernsthaft auf die Läuferschaft auszuwirken, aber das ist man in Berlin bereits gewohnt, und man hat entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Ich habe noch nie so viele Labestationen auf einer Marathonstrecke erlebt, und folgender Tweet zeugt von der Dankbarkeit, die wir Läufer für die Berliner Feuerwehren empfanden, die immer wieder ihre Schläuche auf die Vorbeilaufenden richteten und damit für vorübergehende Abkühlung sorgten:

„#twittermarathon: achtung – feuerwehrdusche voraus!“

Die Mischung aus Hitze und Schmerz begann sich offenbar auf meine Konzentration auszuwirken, denn kurz darauf folgende Schreckensnachricht:

„#twittermarathon: fast #twitterunfall gebaut. Handy fiel aus der tasche. Blieb stehen, um aufzuheben – bad idea!“

Tatsächlich hat ein Läuferfeld beim Marathon große Ähnlichkeit mit einer durchgebrochenen Rinderherde in alten Westernfilmen, und gnade Gott demjenigen, der plötzlich und unvermittelt mitten im Pulk anhält. Nun, irgendwie habe ich das fallengelassene Gerät wieder ergattert, und der Twitter-Marathon konnte weitergehen. Allerdings unter zunehmender Pein: Ungefähr ab Kilometer 30 fühlte sich das Knie an, als ob es auf die Größe eines Basketballs angeschwollen wäre. An jeder Labestation kippte ich 2 bis 3 Becher kaltes Wasser drüber, und irgendwie ging es weiter. Die per Twitter geäußerten Gedanken allerdings werden ab diesem Zeitpunkt zum teil ziemlich wirr. Oder was soll das hier eigentlich heißen:

„#twittermarathon: km 29 “es tut weh” -&63 1@?1 !)?61052&). “ws faengt erst an weh zu tun…” sag ich. Siérkt verunsichert.“

Keine Ahnung. Dafür müssen aber meine oleofaktorischen Funktionen noch in Ordnung gewesen sein, wie folgender Kommentar aus der Schlußphase des Laufs beweist:

„#twittermarathon:roseneck: ob ich auch so muffel wie der haarige0typ vor mir“

Zunehmend aber wird die Doppelbelastung von Laufen und Twittern zur Qual, was schließlich zu der angsterregenden Meldung führt:

„#twittermarathon: 35 km: ich kann nichtmehr (twittern – laufen schon) #twitterpause

Danach herrscht 5 Kilometer lang Funkstille, die endlich unterbrochen wird von dem getwitterten Freudensschrei:

„#twittermarathon: km 40 – Mitte. Jetzt pack’ ich’s!“

Und nun beginnt sich die von körpereigenen Rauschstoffen induzierte Euphorie, die der wahre, selbstinduzierte Lohn des Langstreckenläufers sind, auch digital durchzuschlagen, zum Beispiel in:

„#twittermarathon: brandenburger tor in sicht! #runnershigh

Und am Ende gipfelt alles in einem hastig, aber dafür erstaunlich fehlerfreien Tweet:

„#twittermarathon: WOW! ‚Chariots of Fire‘ beim Zieleinlauf. Dagegen ist Fliegen nix (von Sex wollen wir gar nicht reden…)“

Danach ist erst mal Schweigen, denn nach 42 Kilometern will der Marathonläufer nur eines: Sich an ein Gitter lehnen und schnaufen, schnaufen, schnaufen! Auf wackeligen Beinen geht’s dann Richtung Ausgang, wo man die Medaille um den Hals gehängt bekommt und wo die liebreizendste Gattin der Welt, wie es inzwischen unsere gute Marathon-Familientradition ist, mit einem randvollen Glas Weißbier steht und mich empfängt. Und hier, endlich, bricht sich die Gefühlsaufwallung wieder digitale Bahn in dem tiefempfundenen Abschieds-Tweet:

„#twittermarathon: In Berlin gibt’s das beste Bier der Welt. Keine Ahnung, welche Marke. Aber nach 42 km ist JEDES Bier das beste!“

Einen grundsätzlichen Nachteil hat diese Form des Twitter-Marathons per Handy natürlich schon: Der Läufer ist zwar auf Sendung, kann aber nichts empfangen. So erklärt sich auch die von irgendwo unterwegs geäußerte bange Frage (”ob wohl jemand mitliest?”) mit der noch größeren Einsamkeit des Langstreckenläufers, sobald er die zusätzliche Dimension des Cyberraums betritt.

Dass die Angst völlig unbegründet war, erschloss sich erst am Abend, als ich am Flughafen Tegel wieder wie gewohnt per Laptop online gehen und bei Twitter nachschauen konnte. Das Ergebnis war geradezu überwältigend: eine Flut von digitalen Anfeuerungsrufen, Durchhalteparolen und Gratulationen wie dieser von einem gewissen @Paniker:

“@TCole1066  Super! Komm gut ins Ziel! Dran bleiben!”

Offenbar hatte sich das Twitter-Projekt wie ein Lauffeuer herumgesprochen, unter anderem angestoßen von Tweets wie diesen von @pundp:

“Unbedingt mitlesen: Toller Twitter-Livestream vom Berlin-Marathon von Mitläufer @TCole1066  #Twittermarathon“

Meine Twitter-Freundin @PickiHH, die offenbar ständig online ist, meldete sich gleich zu Beginn mit:

“@TCole1066  Du läufst mit und twitterst dabei? Super! Durchhalten!! #berlinmarathon”

Vom fernen Rhein meldete sich chrisvollmert  mit:

“@TCole1066  hi tim – durchhalten … sind ja nur noch ein paar meter … grüße aus köln und viel erfolg …”

heidischall  gratulierte per Twitter ausdrücklich allen, die mitgelaufen waren:

“@TCole1066  zum Zieleinlauf beim Berlin Marathon und verneigt sich vor allen, die eine solche Leistung vollbringen. Bravo!”

Und der Münsteraner Michael Solder fasste das Resultat des Projekts auf unnachahmlich twitterhafte Art und Weise in weit weniger als die maximal zulässigen 140 Zeichen, nämlich:

“@TCole1066  das war eine saucoole Aktion”

Und damit wäre eigentlich alles gesagt…

Das Ende der Unschuld

Mittwoch, 18. März 2009

Das jüngste Opfer des Internet könnte das alte angelsächsische Rechtssystem werden. Und schuld ist unter anderen Twitter, der Blackberry und vor allem Google.

Vergangene Woche platzte in Florida ein großer Drogenprozess, weil ein Geschworener zugegeben hatte, Einzelheiten zu dem Fall im Internet recherchiert zu haben. Als der Bundesrichter, ein gewisser William J. Zloch, nachbohrte, stellte sich heraus, dass acht weitere Juroren ebenfalls die Beweislage online überprüft hatten. Da aber seit 1000 Jahren ehernes Gesetz ist, dass die Juroren nichts außer den ihnen im Gerichtssaal präsentierten Fakten und Beweisanträgen bei ihrer Urteilsbildung heranziehen dürfen, blieb Richter Zloch nichts anderes übrig, als die Geschworenen nach Hause zu schicken und einen neuen Prozesstermin anzuberaumen.

Wie John Schwartz von den “New York Times” berichtet ist das beileibe kein Einzelfall. Auch in der Heimat des “trial by jury” muss man sich inzwischen mit dem Problem herumschlage. Einer der Geschworenen in einem Vergewaltigungsprozess wurde überführt, seinen Blackberry für Internet-Recherchen verwendet zu haben, was zu einem Freispruch führte. Der oberste britische Strafrichter, Lord Igor Judge of Draycote , warnte kürzlich in einer Rede vor dem Oberhaus, dass Geschworenen zunehmend dazu neigen, “private Erkundigungen” übers Internet zu unternehmen, obwohl ihnen das vom Gericht explizit verboten werde.

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