Mit ‘Wired’ getaggte Artikel

Aufstand der Avatare

Mittwoch, 05. August 2009

Damit haben sie bei IBM bestimmt nicht gerechnet, wetten? Dass nämlich die Mitarbeiter virtuell auf die Straße gehen würden.

Ich kann mich noch gut an die stolzgeschwellten Brust erinnern auf der CeBIT, als mir einer der IBM-Oberen die Strategie erklärte, mit der sich der Big Blue ganz groß in der VR-Plattform „Second Life“ etablieren wolle. Auf den feinpixelig programmierten Bürotürmen virtueller Niederlassungen sollten künftig riesige IBM-Logos prangen, glückliche Mitarbeiter sollten durch die Office Parks zu virtuellen Meetings fliegen, wo sie sich unmittelbar, Avatar zu Avatar, gegenübersitzen und gewichtige Geschäftsentscheidungen treffen sollten, ohne dazu ein Flugzeug besteigen oder auch nur nach Nebenan in den Konferenzraum gehen zu müssen. Die schöne neue Welt der Arbeit war das, was sie mir in glühenden Farben ausmalten, und ich muss gestehen, dass mir bei dem Gedanken die Gänsehaut kam.

Nun, Second Life hat sich ja wohl als ziemliche Eintagsfliege erwiesen. Jedenfalls berichtet die Kultzeitschrift „Wired“ von leerem Luftraum, verwaisten Avataren und tapferen, aber einsamen Unbeirrbaren, die verloren durch die virtuelle Landschaft irren auf der Suche nach den vielen Millionen Gleichgesinnten, denen das hier und jetzt angeblich viel zu fad sei und die deshalb ins Land des ewigen Sonnenscheins und der unentwegten Interaktion ausweichen.

Ein bisschen Schadenfreude habe ich, ehrlich gesagt, bei der Lektüre schon empfunden, denn der Gedanke an den Nonstop-Cluburlaub im Cyberspace kam mir von Anfang an nicht besonders reizvoll vor. Meine eigenen Flugversuche mit dem Avatar endeten denn auch ziemlich bald, weil ich erstens nicht so recht den Anschluss fand und zweitens es im richtigen Leben so viel zu tun gab, dass ich wohl auch nicht den nötigen Zeitaufwand betreiben konnte.

Ich hatte das Thema Second Life also eigentlich innerlich abgehakt, bis ich auf einer Tagung am Tegernsee den Welf Schröter kennenlernte.  Welf ist Gewerkschaftler, Mitbegründer und Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung des DGB Baden-Württemberg und ein außerordentlich intelligenter und witziger Typ. Gäbe es mehr von seiner Sorte in Second Life, ich ginge wahrscheinlich auch wieder öfter hin. Er referierte über die kommende totale Flexibilisierung von Arbeitsplätzen, die seiner Meinung nach mit einer zunehmenden Entbetrieblichung der Arbeit einhergehen und damit womöglich zum Ende der Festanstellung führen wird, was wohl mit erheblichen sozialen Konsequenzen verbunden sein wird. Er warnt im übrigen davor, in der Diskussion um mobile Arbeit einfach das traditionelle Verständnis von Arbeits- und Arbeitsplatzverhältnissen aus dem 20sten Jahrhundert ins 21ste zu übernehmen und das Wörtchen „mobil“ davor zu setzen. Unter anderem wäre damit ein massiver Einflussverlust sowohl der Gewerkschaften als auch der A
rbeitgeberverbände verbunden. Der Mitarbeiter im virtuellen Raum wäre in der Lage, sich zu emanzipieren und sozusagen selbst für Rationalisierung seiner Arbeitswelt zu sorgen, statt immer nur umgekehrt.

Es war aber ein Nebensatz von ihm, der mich besonders faszinierte, denn er zeigte, dass die Zukunft wieder einmal bereits begonnen hat, bevor ich es überhaupt mitbekommen habe. IBM-Mitarbeiter in Italien haben nämlich Second Life als Mittel im Arbeitskampf entdeckt und gehen dort dieser Tage auf die virtuelle Strasse, um gegen eine von der Geschäftsleitung jüngst beschlossene Kürzung ihrer Gewinnbeteiligungen zu protestieren – und alle, alle sollen mitmachen!

Wer will, kann sich einfach einen virtuellen Körper überstülpen und sich den kunterbunten Demo-Gruppen anschließen, die den Bossen auf Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und vermutlich auch in jeder anderen gewünschten Sprache die Meinung sagen wollen und die Stimme gegen Ausbeuterei und soziale Ungerechtigkeit erheben wollen. Der internationale Gewerkschaftsbund hat sich solidarisch erklärt und bietet auf seiner Website sogar Anleitung und Aufmunterung für alle, die den Aufstand der Avatare unterstützen wollen.

Ob ich allerdings selber mit demonstrieren werde, weiß ich noch nicht. Das ist wie früher im Heidelberg der 68er, als wir uns in unserer Stammkneipe getroffen  und überlegten haben, ob wir  zur Demo gehen sollten oder lieber doch ins Kino. Merke: Es gibt im Leben immer attraktive Alternativen, im richtigen ebenso wie im zweiten.

Zum Teufel mit dem Waldkautz!

Samstag, 24. Mai 2008

Wenn wir den Klimawandel stoppen wollen, müssen wir uns vorher leider von ein paar grünen Grundideen verabschieden. Es gibt nämlich nur einen Weg, die globale Erwärmung zu bremsen, nämlich weniger Treibhausgase produzieren. Alles andere ist Nebensache.

Folgt man dieser Logik, dann sind die  LOHAS der größte Feind der Umwelt. Sie wissen ja: die Anhänger einer “Lifestyle of Health and Sustainability”, also die demografische Gruppe, die gerne organisch produzierte Bio-Produkte kauft, Hybridautos fährt, in Drittweltläden einkauft, sauber ihren Müll trennet und homäopathische Pillen schluckt. Früher sagte man abschätzig “Gutmenchen”, aber das ist unfair, denn diese Leute handeln tatsächlich aus einem oftmals recht vagen, aber echten Geühl der Verantwortung heraus. Sie drehen die alten Glühbirnen raus und ersetzen sie durch Energiesparlampen, weil sie wirklich glauben, damit etwas gegen die Klimakatastrophe zu tun. Sie bilden die Kernzielgrupppe der Bioindustrie und die Stammwählerschaft der Grünen.

Leider sind sie auf dem Holzweg.

Das gleiche gilt für die Atomgegner, die Anhänger genfreier Lebensmittel und die Naturschützer. Zum Teufel mit dem Waldkautz: Wir haben viel ernstere Probleme! Unser Planet ist dabei, sich wie ein Bratapfel aufzuheizen! Der Golfstrom droht zu kippen, und dann gute Nacht Europa! Unser Wetter spielt demnächst vielleicht so verrückt, dass wir uns nicht mehr vor die Tür trauen können! Falls wir überhaupt noch eine Tür haben, weil sie nämlich von irgendwelchen Mega-Hurricans weggepustet worden ist, und wir gleich mit dazu.

“Der Krieg gegen Treibhausgase ist viel zu wichtig, um ihn den Umweltschützern zu überlassen”, schrieb die amerikanische Kultzeitschrift “Wired” in ihrer jüngsten Ausgabe. Hauptargument der Autoren: Die Umweltbewegung kämpft an zu vielen Fronten, die meisten davon Nebenschauplätze. Wir müssen uns endlich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich die Aufheizung der Erde durch carbonhaltige Abgase.

Der Artikel besteht aus zehn ketzerischen Thesen, die in offenem Wiederspruch stehen zu einigen der Grundpfeiler grüner Glaubensbekenntnisse. Ein Beispiel: Atomkraft. “Keine Frage, dass Atomernergie die klimafreundlichste Form der industriellen Energiegewinnung ist”, schreibt das Blatt. Und sie haben recht: Alle Einwände gegen Atomstrom – Angst vor Reaktorunfällen, das Problem nuklearerer Abfallbeseitigung, das Potenzial für die unkontrollierte Ausbreitung von Atomwaffen, die hohen Kosten für Bau und Stillegung der Meiler – haben alle nichts mit der Erderwärmung zu tun. Watt für Watt produziert ein Kohlekraftwerk natürlich hundertmal mehr CO2 als ein Atomkraftwerk. Weltweit ist die Energiegewinnung, so Wired, für rund 26 Prozent der Treibhausgase zuständig. So gesehen haben die Autoren recht wenn sie schreiben, das schlimmste am Kyoto-Protokoll sei die unter dem Druck der Grünen zustandegekommene Bestimmung, wonach Drittweltstaaten keine Kohlenstoff-Gutschriften bekommen, wenn sie Atomkraftwerke bauen, was sie zwingt, auf abgasschleundernde Kohle- oder Ölkraftwerke zu setzen.

Auch die These, wonach die Europäer endlich ihren bornierten Widerstand gegen genetisch veränderte Lebensmittel aufgeben müssen, macht Sinn, wenn man sie vor dem Hintergrund der globalen Erwärmung betrachtet. Gentechnisch optimierte Pflanzen brauchen weniger Düngemittel, und Kunstdünger ist zweifellos eines der größten Klimakiller überhaupt. Laut Greenpeace ist die Herstellung von Stickstoffdünger energieintensiv und verursacht hohe CO2-Emissionen, nämlich zwischen 300 und 600 Millionen Tonnen CO2e im Jahr – zwischen 0,6 und 1,2 Prozent der gesamten weltweiten Treibhausgase. Die US-Firma Arcadia Biosciences hat angeblich eine Reissorte entwickelt, die ohne Kunstdünger auskommt und deren Anbau umgerechnet etwa 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid sparen würde. Auch hier haben sämtliche Argumente gegen “Frankenfood” wie Abhängigkeit der Bauern von teuren Importen von Saatgut und den assozierten Pestiziden, sinkende Biodiversität, unbeabsichtigte Freisetzung nicht zugelassener Nutzpflanzen oder mögliche Gesundheitsrisiken alle nichts mit der globalen Erwärmung zu tun – das eigentliche Thema Nummer eins.

Einihe der Thesen sind so kontraintuitiv, dass der unbedarfte Leser sie zunächst für ausgemachten Blödsinn halten muss. Zum Beispiel, dass Klimaanlagen gut sind für das Klima.

Is Paid the new free?

Mittwoch, 21. November 2007

Im Internet ist (fast) alles umsonst, aber jeder Schwabe weiß: Was nichts kostet, das ist auch nichts.

Kein Slogan aus den Frühtagen des Internet klang so revolutionär wie jenes “Information wants to be free”, das wie ein Schlachtruf durch die Korridore der Medienkonzerne hallte. Gestandene Verleger, Platten- und Filmbosse fühlten sich wie weiland die Römer, als die Barbaren an den Toren hämmerten. Ihre Geschäftsmodelle – und damit ihre Existenz – waren in Gefahr, das Prinzip des geistigen Eigentums in Frage gestellt. Raubkopieren? Ein Kavaliersdelikt – wenn nicht gar ein Menschenrecht. Für Inhalte bezahlen? Niemals!

Ich habe schon vor vielen Jahren als Muttersprachler über die Doppeldeutigkeit des Wortes „free“ in diesem Kontext geschrieben und darüber, dass „frei“ und „umsonst“ keineswegs das Gleiche sei. Man könne also durchaus die Demokratisierung, wenn nicht gar als Befreiung der Information befürworten, ohne deshalb gleich deren Sozialisierung zu betreiben. Auch ich habe so meine Bedenken, ob das Prinzip des Urheberrechts, wie es in den westlichen Ländern seit Jahrhunderten praktiziert wird, auch heute noch volle Gültigkeit besitzen soll. Aber ich bin Schreiber, Redner, Moderator, und die Vorstellung, dass das, was ich tue, im Internet keinen inhärenten Wert haben soll, hat mich schon immer etwas beunruhigt.

Nun hat sich Jaron Lanier in der „New York Times“ zu Wort gemeldet („Pay Me For My Content“) und von einem inneren Damaskusgang berichtet, der ihn vom Saulus eines Aktivisten für „free information“ Aktivisten zum Saulus eines Freundes von „paid content“ berichtet. Jaron ist ja das alter Ego des deutschen Internet-Gurus Ossi Urchs (ich habe die beiden vor Jahren zusammen auf einer Konferenz in Kalifornien erlebt; sie sehen wirklich aus wie rundbrillige Zwillinge mit rotblonden Dreadlocks!), und die geistige Verwandtschaft ist auch nicht zu leugnen. Ossi und ich tragen ja unseren freundschaftlichen Zwist über Bedeutung und Nachhaltigkeit des so genannten Web 2.0 (er hält es tatsächlich für eine neue Evolutionsstufe in der Online-Gesellschaft, ich halte es für einen alten Marketing-Hut) ja schon länger auch in unseren Blogs aus, und ich bin mal gespannt, wie er Jarons seltsames Outing beurteilt.

Er habe sich geirrt, schreibt Jaron, weil er gedacht habe, die Internet-Piraterie würde langfristig neue Chancen und neuartige, indirekte Verdienstmöglichkeiten für Kreativschaffende hervorbringen. „Es gibt in Silicon Valley einen fast religiösen Glauben, dass es schlecht sei, für Inhalte Geld zu verlangen. Der einzige erkennbare Business Plan ist immer mehr Werbung.“ Er warte jetzt seit über zehn Jahren darauf, dass irgend jemand ihm einen Teil dieses Werbekuchens abgibt, aber statt dessen würden immer nur die neuen Machthaber, nennen wir sie ruhig „Medienbosse 2.0“ wie Google, Facebook oder MySpace, zunehmend aber auch Firmen wie Apple und Microsoft, die Sahne abschöpfen, indem sie mit den Inhalten, die andere in idealistischer „Mitmach“-Euphorie hergegeben haben, dicke Profite scheffeln.

Jetzt hat er das Warten satt – und plädiert für die Wiedereinführung der Bezahlung von Inhalten. Dass es schwierig sein wird, den Würgegriff der Kostenlos-Kultur, die er für einen Wildwuchs hält, zu brechen, räumt er ein. Es müsse aber doch einer Branche, die über so viel technische Kompetenz verfüge, möglich sein, Systeme zu erfinden, die es dem User ganz einfach mache, zumindest ein bisschen was für Dinge zu bezahlen, die sie online hunterladen und genießen. „Damit Schreibern und Künstlern online überleben können, müssen Software-Entwickler und Internet-Evangelisten dringend die Macht, die sie als Designer besitzen, in Spiel bringen. Information ist nur deshalb im Internet umsonst, weil wir das System so geschaffen haben. Wir könnten genauso gut Informationssysteme entwickeln, in denen die Menschen für Inhalte bezahlen – damit jeder die Chance bekommt, ein vielgelesener Autor zu werden und trotzdem bezahlt zu werden. Informationen sollten frei zugänglich sein, aber nicht umsonst, sondern nur erschwinglich.“

Dass es auch heute schon innerhalb ganz bestimmter Ökosysteme funktioniert, dafür zieht Jaron das Beispiel von Second Life als Beweis heran. Dort würden die Leute ja auch für virtuelle Kunst, Kleider und andere Dinge bezahlen. Warum also nicht auch für Musik in einem Ökosystem wie dem iPod?

Nun, Jaron erwähnt vermutlich ganz bewusst nicht, dass man in Second Life mit virtuellen Geld („Linden Dollars“) bezahlt. Außerdem ist es um den „Avatar-Friedhof“, wie „Wired es nannte, inzwischen merklich still geworden. Trotzdem: Er hat recht. Das neue Internet-Motto sollte lauten: „Information wants to be free – and affordable.“

Natürlich hat Jaron Recht, wenn er die Frage stellt: Wenn wir für Inhalte nichts mehr verlangen können, womit sollen wir unser Geld verdienen?

Gar nicht, lautete die Antwort der Horden vor dem Tor. Stattdessen soll eine Heerschar von Idealisten – Blogger, Hobby-Musiker, Video-Amateure – die Inhalte generieren, mit denen das Internet das Machtmonpol der Verlage und Labels gebrochen werden sollten. Da dank Internet die Kosten der Produktion und Distribution von Inhalten gegen Null sinken, brauche man solche Intermediäre nicht mehr. Eine Art fröhlicher Kreativ-Anarchie würde eine Ära ungekannter Vielfalt einläuten und damit auch den ausgefallensten Geschmack befriedigen. Kein Verleger, Platten- oder Filmboss sollte sich mehr am  schöpferischen Bemühen anderer bereichern können.

Profi-Musiker wie die „Holes“-Gründerin und Kurt-Cobain-Witwe Courtney Love beschwören das Bild des Straßenmusikers, der seinen Hut aufs Trottoir stellt und hofft, Passanten würden seine Musik so gut finden, dass sie etwas hineinwerfen. Wenn sie recht hat, dann lautet das neue Motto im Internet: „Paid is the new free.”

Gibt es bald eine Internet-Blase?

Sonntag, 14. Juli 1996

Wie bewertet man eine Firma, die Produkte für das Internet macht? Diese Frage stellt sich in den letzten Wochen immer wieder, weil viele junge Hightech-Unternehmen an die Börse drängen, ausgestattet mit viel Begeisterung und guten Ideen, aber leider ohne Geld.

Netscape machte vor einem halben Jahr den Anfang, bot seine Aktien für 24 Dollar an und erlebte, wie sich der Kurs innerhalb von vier  Stunden verdreifachte. Damals habe ich nicht gekauft und bereue es bitterlich. Nun frage ich mich, ob ich bei “Wired” zuschlagen soll, der Kult- und Szene-Zeitschrift aus San Francisco, die inzwischen mehr als 300.000 Hefte im Monat verkauft und eine tolle Web-Seite unterhält .

Mich machen nur ein paar Zahlen aus dem Prospekt zum Börsengang stutzig: Bei einem Ausgabekurs von zwölf Dollar wäre der gesamte Aktienbestand 495 Millionen Dollar wert – 18mal mehr als der derzeitige Jahresumsatz. Nein, ich glaube nicht, dass ich zu dem Preis einsteige. So hoch wachsen nicht einmal im Internet die Bäume in den Himmel.