Tödlicher Bärlauch

Gestern habe ich zum zweiten Mal in diesem Jahr Geburtstag gefeiert, Und Schuld daran ist Allium ursinum.

Alle Jahre wieder, wie Weihnachten und Geburtstag, kommt die Zeit, da die ersten Sonennstrahlen vom Nahen des Sommers künden und die Herzen der Jünglinge ebenso wie die von bösen alten Männern wir mir sich mit einem schmerzenden Sehnen füllen nach Allioideae. Genauer nach einer Unterart dieser zur Unterklasse der Lilien-, der Familie der Lauch- und der Ordnung der Spargelgewächse gehörenden Pflanze namens Bärlauch (Allium ursinum), der ähnlich penetrant stinkt wie sein Vetter Allium sativum, der Knoblauch, aber ungleich feiner schmeckt.

Dieses Jahr habe ich den unverwechselbaren Duft zum ersten Mal auf dem Wiener Naschmarkt verspürt, wo ein findige Händler sich frühzeitig mit den in der Regel zwei bis fünf Zentimeter langen langgestielte Laubblättern, offenbar aus südländischer Produktion, eingedeckt hatte und diese zu echten Apothekerpreisen an Suchtkranke wie mich verkaufte. Wieder daheim in München habe ich mich gleich zum Viktualienmarkt aufgemacht, aber da war der Frühling noch nicht ausgebrochen. Aber ein paar Tage später juckte die Nase plötzlich beim morgendlichen Dauerlauf durch den Englischen Garten. Und siehe da: An einem abseits gelegenen, ziemlich dunklen und offenbar auch feuchten Hang lugten kleine, lanzettenförmige Blattspitzen zwischen dürrem Herbstlaub hervor. Keine Frage: Ich hatte eine ganze Bärlauch-Plantage entdeckt! Die meisten Blätter waren zwar noch winzig, aber einige reckten schon kühn die Köpfe in die Höhe, und diese begann ich zu sammeln.

Nun hat der gemeine Jogger aber in der Regel keine Tragetasche bei sich, was anfangs ein gewisses Problem darstellte. Aber zum Glück hatte ein achtloser Hundebesitzer just an dieser Stelle eine dieser markanten roten Plastiktüten fallen lassen, die das fürsorgliche Gartenbauamt der Stadt an den Parkeingängen in Spendern bereitstellt, auf dass Waldis Besitzer darin die Verdauungsprodukte seines Haustiers einsammeln und entsorgen möge, da ihn widrigenfalls Bannstrahl und Geldbuße der Ordnungsbehörde trifft. Die Tüte war unbenutzt, die Gelegenheit günstig, also habe ich rasch einige Handvoll junger Bärlauchblätter eingesammelt, dann machte mich auf den Heimweg.

Unterwegs kam ich an einem sonnigen Waldstück vorbei, und siehe da: Noch mehr Bärlauch! Nur war dieser deutlich größer als die schmalbrüstigen Blättchen in meiner dunklen Kuhle. Und da ich ja noch etwas Platz in meiner Tüte hatte, habe ich rasch eine Menge davon gepflückt.

Daheim präsentierte ich die Ausbaute stolz meiner Frau, die sich sofort aufmachte, Pinienkerne zu kaufen, während ich den Küchenmixer rausholte, Olivenöl, Meersalz und Pfeffermühle in Griffnähe aufstellte und leere Marmeladengläser aus dem Schrank klaubte. Der Massenfertigung von Bärlauch-Pesto, die Antwort der Teutonen auf welsche Baslikum/Knoblauch-Mixturen, konnte beginnen.

Als ich gerade den Berg frischer Bärlauchblätter in der Salatscheulder wässerte, klingelte die Nachbarin und brachte uns unseren „Stadt-Enkel“. Er ist nicht unser wirkliche Enkel (unsere Tochter denkt noch längst nicht daran, uns den Gefallen zu tun), aber da wir mit Patrizia und Markus gut befreundet sind, kennen wir Finn, wie der Bengel heißt, sozusagen von der Stunde seiner Geburt an. Er ist gerade anderthalb und macht seine ersten Gehversuche, Die führen ihn häufig zu uns rüber, weil er hier Sachen machen kann, die es zu Hause nicht gibt: Klavierspielen, unsere Stereoanlage verstellen, stundenlang das Licht aus- und einschalten, solche Dinge eben.

Natürlich habe ich Patrizia stolz meine Bärlauch-Beute gezeigt. Sie war gebührend beeindruckt, und ich habe ihr auch gleich mehrere Gläschen Pesto versprochen. Da fragt sie auf einmal:

„Du weißt schon, dass bist auch sicher, dass das keine Maiglöckchen sind?“

Ich war geradezu entrüstet:

„Maiglöckchen gibt’s im Mai. Deswegen heißen sie so. Jetzt haben wir April. Und überhaupt, für wie dämlich hältst du mich denn, dass ich Bärlauch nicht erkennen kann?“

Aber sie insistierte. Sie habe im Fernsehen eine Sendung gesehen in dem es hieß, junge Maiglöckchen sehen fast genauso aus wie Bärlauch. Und im Übrigen seien Maiglöckchen hochgiftig, sogar tödlich!

So ein Blödsinn, dachte ich. Aber ich habe mich trotzdem später an den Computer gesetzt und – wen wohl? Google gefragt. Und siehe da: Auf der Wikipedia-Seite, auf die mich die Suchmaschine verwies, hieß es laut und deutlich: „Bärlauch wird beim Sammeln immer wieder mit dem Maiglöckchen, den im Frühjahr austreibenden Blättern der Herbstzeitlosen oder den meist ungefleckten Blättern jüngerer Pflanzen des Gefleckten Aronstab verwechselt. Alle diese drei Pflanzen sind äußerst giftig, die Vergiftungen können tödlich sein.“. Und es waren ein paar Bilder zu sehen. Die Maiglöckchen sahen tatsächlich genauso aus wie Bärlauch, nur waren sie größer und kräftiger. Genau wie die Dinger, die ich in dem Sonnenwäldchen gepflückt hatte…

Zum Glück hatte Wikipedia ein Patentrezept parat: „Am sichersten erkennt man den Bärlauch am charakteristischen Geruch beim Zerreiben der Blätter.“ Fazit: „Eine Pflanze, deren Blätter nicht nach Knoblauch riechen, ist kein Bärlauch.“

Ich habe daraufhin ein paar Blätter aus meinem großen Haufen geholt und daran gerieben. Und entweder war meine Nase inzwischen vor lauter Bärlauch taub geworden – oder es roch tatsächlich nach – eigentlich gar nichts.

Mir blieb am Ende also nichts anderes übrig, als den ganzen schönen Armvoll Blätter in den Mülleimer zu befördern und nochmal loszuziehen. Zum Glück hatte immer noch niemand meine dunkle Bärlauch-Wiese an der Isar entdeckt. Und es war wirklich Bärlauch: Der Knoblauchgeruch war schon von weitem nicht zu verwechseln.

Vor drei Tagen habe ich meinen 59sten Geburtstag begangen. Gestern habe ich ihn nochmal gefeiert. Mit einem schönen Stück gerösteten Weißbrots, dick mit selbstgemachtem Bärlauch-Pesto bestrichen. Danke, Patrizia. Dein Sohn darf meine Stereoanlage so oft verstellen, wie er will…

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