Tödlicher Knochen

Das waren noch Zeiten!

Mein erstes Mobiltelefon war ein Motorola 3200, auch liebevoll der „Motorola-Kochen“ genannt. Er maß vom Fuß bis zur Spitze seiner langen Gummiantenne stolze 33 Zentimeter, ungefähr so hoch wie ein Maßkrug, und er war so stabil, dass es gerüchteweise hieß, man könne damit notfalls auch Zeltheringe einschlagen. Das war auch gut so, denn beim Versuch, ihn in meine Manteltasche zu stecken, fiel er mir mehrmals aus Hüfthöhe auf das Pflaster, funktionierte danach aber immer noch einwandfrei.

Das war so ungefähr 1992, also kurz nach der Freischaltung des „D-Netz“ in D-Land, und seitdem ist das Mobiltelefon mein ständiger Begleiter. Wenn es also stimmt, was die Strahlungsgegner sagen, müsste ich inzwischen einen Tumor vom Kaliber eines Hokaidokürbis am Ohr haben, was aber nicht der Fall ist. Der Grund ist klar: Handystrahlen verursachen keinen Krebs. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Physik: Zur Veränderung menschlicher DNA sind hochfrequente Gamma- oder Röntgenstrahlen nötig, und Handys funken nun mal ganz am anderen Ende des Frequenzspektrums, wo die Wellen viel zu schwach sind.

Das hindert gewisse Menschen natürlich nicht daran, weiterhin vor Handys zu warnen. Und sie haben Recht – wenn auch aus ganz anderen Gründen. Das Mobiltelefon ist tatsächlich tödlich, aber nur beim Autofahren. Britische Wissenschaftler haben in einer Studie der Royal Automobil Club Foundation festgestellt, dass die Reaktionsgeschwindigkeit beim Telefonieren langsamer ist als bei einer Trunkenheitsfahrt. Das gilt übrigens auch, wenn man eine Freisprecheinrichtung nutzt. Beim Telefonieren ist der Mensch eben im wahrsten Sinne des Wortes nicht ganz da. Ja, wo isser denn? Der Rock-Poet John Perry Barlow  hat mal behauptete, Cyberspace sei „der Ort, an dem du dich befindest, wenn du telefonierst.”

Ganz schlimm wird es aber, wenn einer glaubt, beim Autofahren sein schickes Smartphone dazu benützen zu müssen, E-Mails zu ziehen, sein Facebook-Konto zu pflegen oder Kurznachrichten per SMS oder Twitter abzusetzen. Solche Menschen sind natürlich Vollidioten und haben es redlich verdient, mit 100 Sachen gegen den Brückenpfeiler zu knallen. Leider suchen sie sich aber meistens andere Verkehrsteilnehmer als Prellbock aus. Texten am Steuer ist in Amerika inzwischen offiziell die Todesursache Nummer eins für Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren.

Aber selbst grundvernünftige Menschen in meinem Bekanntenkreis scheuen sich nicht, das Telefon mit einer Hand ans Ohr zu halten, während sie mit der anderen versuchen, ihr heiliges Blechle durch den innerstädtischen Verkehr zu lotsen. Telefonieren am Steuer gilt als Kavaliersdelikt. Das liegt daran, dass Telefonieren am Steuer leider immer noch bei vielen als „cool“ empfunden wird, sagt Deborah Hersman,  die Vorsitzende der Nationalen Verkehrssicherheitsbehörde in den USA. Sie fordert inzwischen ein totales Telefonierverbot im Straßenverkehr.

Na ja, es war auch mal cool , eine Kippe lässig aus dem Mundwinkel hängen zu lassen wie James Dean – den es am Ende ja auch erwischt hat, wobei niemand weiß, ob er damals in seinem Porsche eine Zigarette rauchte oder nicht, als es krachte.  Mobiltelefon  gab’s damals jedenfalls noch – nicht einmal den Motorola-Knochen.

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