Valium um drei Uhr früh

Schlimmer Finger

Schlimmer Finger

Also, ich habe es mir tatsächlich angetan und den Wecker für 3 Uhr früh gestellt, um auf der Website von Fox-TV die Debatte zwischen den zehn republikanischen Präsidentschaftskandidaten als Video-Stream anzuschauen,. Ich hätte auch genauso gut weiterschlafen können, denn die zehn Kerle – natürlich waren es lauter Kerle, wir sind ja  bei den Republikanern – haben es schließlich auch getan. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass  sie zwischendrin alle im Stehen weggenickt sind. Sogar Donald („The Donald“) Trump war artig und hielt sich fast immer an die 30 Sekunden Redezeit, die ihm von der Fox-Regie zugestanden wurde, wie den anderen auch.

Es war also keine Debatte im eigentlichen Sinn, sondern eine Abfolge von „sound bites“ – kurze, einstudierte Wahlreden, in denen viel die Rede war davon, wie groß Amerika einmal war und wieder sein wird, wenn man nur sie wählen würde, wie böse Obama und Hilary seien und wie sie den Staat zugunde richten. Und ja, Gott kam mehrmals zu Wort, auch wenn der Texaner Ted Cruz, wie ich fand, sehr geschickt die Frage der eisblonde Moderatorin Megyn Kelly auswich, die mich übrigens an Cruela DeVil aus „101 Dalmatiner“ erinnerte, ob Gott persönlich zu ihm gesprochen und ihm Anweisungen für seine eventuelle Amtszeit als US-Präsident gegeben habe, mit der Bemerkung auswich, er lese jeden Tag in der Bibel, und das sei ja Gottes Wort…

Die ganz große Enttäuschung des Abends war natürlich Trump, dem man offenbar vor dem Auftritt massenweise Valium verabreicht haben muss. Jedenfalls gab es von ihm keine größeren Entgleisungen wie das Beschimpfen von Mexikanern oder Kriegsveteranen, keinen „train wreck“, den viele im Vorfeld prophezeit hatten. Selbst in der entscheidenden Frage – wird er oder wird er nicht? – blieb Trump untypisch vage. Ob er versprechen könne, nicht als unabhängiger Drittkandidat gegen seine eigene Partei anzutreten? Immerhin so viel könne er ihnen sagen, meinte der alte Fuchs: „Wenn ich nominiert werde, verspreche ich, nicht als Unabhängiger zu kandidieren.“

Für mich blieb ohnehin der – einzige – Highlight des Abends der Auftritt des schwarzen (!) Republikanerkandidaten Ben Carson, ein pensionierter Neurochirurg, der stolz Dinge auflistete, die er in seinem Leben als einziger aus dem ganzen Politikerhaufen gemacht hat: Er habe zum Beispiel schon mal einem Menschen das halbe Gehirn entfernt! Da hielt er dann kurz inne, um dann mit dem perfektem Timing eines Profipolitikers seine vermutlich uralte, aber an diesem Abend erfrischend ehrlich klingende Pointe zu servieren: „Wenn ich mich allerdings so in Washington umschaue, sieht es aus, als sei jemand anderer vor mir da gewesen…“

Gut, aber dafür hätte ich nicht um drei Uhr morgens aufstehen müssen.

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