Verdrängen verboten

Traue bekanntlich keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Oder zumindest selbst ausgelegt. Diese alte Weisheit fiel mir wieder ein bei der Lektüre der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010, deren Ergebnis HR-Intendant Helmut Reitze, stellvertretender Vorsitzender der ARD/ZDF-Medienkommission, so zusammenfasste: „Sie zeigt, dass es keinen Verdrängungswettbewerb zwischen Fernsehen und Hörfunk einerseits und Internet andererseits gibt.“

Das ist erstens nur die halbe Wahrheit: Während die Fernsehnutzung, ausgedrückt in durchschnittlicher Nutzungsdauer pro Woche in Stunden, in den letzten 10 Jahren um 20 Prozent zuleget hat, hat das gute alte Dampfradio 10 Prozent verloren. Wer hier wen substituiert hat, bleibt offen.

Zweitens hat das Internet im gleichen Zeitraum um satte 453 Prozent zugelegt. Inzwischen verbringt der Durchschnittsdeutsche jede Woche sage und schreibe 77 Stunden vor dem Bildschirm. Wie es weitergehen wird, ist klar: Bleibt es bei diesen oder ähnlichen Wachstumsraten, dann werden wir alle in zehn Jahren rund um die Uhr vor dem PC (oder was auch immer für ein Gerät wir bis dahin verwenden, um online zu gehen) hocken. Für Fernsehen und Radio wird da gar keine Zeit mehr bleiben.

ARD und ZDF reagieren auf diese Herausforderung auf die eleganteste denkbare Art und Weise: Sie ignorieren sie. Im Gegenteil: Sie bestreiten, dass es überhaupt ein Verdrängungswettbewerb gibt (siehe oben).

Wenn man das Gesamtfazit der Fernsehmacher also eher unter Beschönigungsversuche ablegen kann, grenzt die zweite Schlussfolgerung an böswillige Täuschung. Es geht um das vielzitierte „Mitmach-Internet“, von dem die Studienschreiber behaupten, sie bleibe „weiterhin beschränkt auf eine kleine Gruppe von Aktiven, die publizieren und kommunizieren, was von vielen abgerufen werde.“

Zum Beweis präsentieren sie Berechnungen, wonach die Zahl derjenigen, die Blogs nutzen, schon wieder sinkt, was auch für Lesezeichensammlungen und Fotosammlungen im Web gilt. Dass dagegen Wikipedia beständig zulegt und inzwischen von 31 Prozent der Onliner regelmäßig, also zumindest einmal wöchentlich, genutzt wird, kehren sie mit dieser Behauptung ebenso unter den Tisch wie der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg ihres Todfeinds YouTube, das inzwischen von 30 Prozent regelmäßig und von 58 Prozent gelegentlich genutzt wird – Tendenz steigend!

Nun, bekanntlich kann ja nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf. Und so legen sich die Anstaltsinsassen ihre eigenen Zahlen so aus, wie es ihnen passt. Ist ja ihr gutes Recht. Ist ja verständlich, denn so können sie es sich weiterhin in ihren gebührenfinanzierten Elfenbeintürmen gemütlich machen und die Augen vor dem verschließen, was kommt – die totale Veränderung des Medienverhaltens, nämlich. In anderen Ländern ist man nicht so schlafmützig, siehe die BBC, die voll auf Crossmedia, digitale Produktion, IP-TV, On-Demand und Interaktives Fernsehen setzt.

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