Wer baut das Auto von Morgen?

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Deutschland steht und fällt mit seinen Autobauern. Aber was ist, wenn sie die Ausfahrt Richtung Zukunft verpassen und gegen die Wand fahren? Wo bleibt dann Deutschland?

Wer sich Sorgen um den Wirtschaftsstandort macht, dem müssen heute Morgen die Haare zu Berge gestanden sein, als er die Nachricht las, dass Tesla gerade Ford und General Motors in der Börsenbewertung abgehängt hat. Die Aktie des Branchenneulings von Quereinsteiger Elon Musk überstieg kurzzeitig die Marke von $312, was eine Kapitalisierung von $50,9 Mrd. bedeutete. Ford lag zur gleichen Zeit nur bei $45,6 Mrd., GM bei knapp $50 Mrd.

Noch haben die deutschen Autobauer einen komfortablen Vorsprung. Daimler liegt bei ca.€71 Mrd., VW trotz der Verluste aus Dieselgate noch bei €68 Mrd. Aber wie lange noch? Denn die deutsche Autowirtschaft ist gerade dabei, die Zukunft zu verschlafen.

Man muss kein Hellseher sein, um genau zu sagen, wo diese Zukunft liegt: Elektroautos werden Benziner und Diesel eines Tages verdrängen – aber wann? Von dieser richtigen Beantwortung dieser Frage hängt die Existenz der deutschen Automobilwirtschaft ab, aber sie scheinen die Zeichen völlig falsch einzuschätzen. Oder es fehlt ihnen einfach die Fantasie, sich eine Welt ohne Otto und Diesel vorzustellen.

Daimler und VW sind jedenfalls überzeugt, dass sie noch jede Menge Zeit haben. Dieter Zetsche trat zwar auf dem Pariser Autosalon gewohnt forsch vor die Presse und verkündete, das neue Motto des ältesten Autobauers der Welt sei jetzt „liberté, egalité, e-mobilité“. Aber außer ein paar E-Smarts und dem Prototypen einer künftigen „Generation EQ“ konnte er nichts wirklich Habhaftes auffahren. Und sein endlich aus Altergründen (!) ausscheidender Entwicklungsvorstand Thomas Weber faselte von 2025 und davon, dass in der Batterietechnologie in den nächsten zwei, drei Jahren sowieso „nichts Signifikantes“ mehr passieren wird.

Vielleicht sollte Herr Weber noch eine allerletzte Dienstreise machen nach Nevada. Dort baut Tesla gerade die größte Fabrik der Welt, die Gigafactory, die ab nächstes Jahr in der Lage sein wird, bis zu 500.000 Autobatterien allerneusten Standes auszuspucken. Damit will Tesla-Chef Musk den Preis seines neuen Mittelklassen-Modells Tesla E auf $35.000 drücken, umgerechnet rund €33.000.

Anders ausgedrückt: Spätestens 2017 ist das eAuto voll konkurrenzfähig und auf dem Markt – allerdings ohne Zutun der deutschen Automobilwirtschaft. Die darf dann Tesla hinterherwinken. Während die Gas gegen, stellte VW-Chef Herbert Diess kürzlich nur einen „seriennahen“ Prototypen vor, der vielleicht 2025 richtige Stückzahlen erreichen werde.  Eine Million Elektroautos im Jahr wolle VW bauen – aber erst Mitte des kommenden Jahrzehnts!

Ähnlich weit zurück liegen die deutschen Hersteller, wenn es um die nächste Revolution im Autobau geht, nämlich fahrerloses Fahren. Das Project Google Driverless Car liegt im Plan: Firmengründer Sergey Brin hat wiederholt versprochen, die ersten kommerziellen Modelle 2017 auf den Markt zu bringen, was nach der Auslagerung der Entwicklung in die eigenständige Tochter Waymo immer wahrscheinlicher aussieht. Wobei das Businessmodell „Transportation as a Service“ heißen wird: Kunden in Kalifornien werden nächstes Jahr selbstfahrende Autos per Handy ordern können, um Besorgungsfahrten zu machen, sich zur Arbeit bringen und abholen oder nach durchzechter Nacht sicher nach Hause bringen zu lassen.

In Deutschland dagegen haben erst einmal die Bürokraten das Sagen. Verkehrsminister Alexander Dobrindt will das „modernste Straßenverkehrsrecht der Welt“ erlassen und darin die Gleichstellung von Mensch und Computer am Steurer festschreiben. Einen konkreten Zeitplan nannte er aber nicht. Wahrscheinlich muss er erst den Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof wegen der geplanten Pkw-Maut unfallfrei überstehen.

Der Automobilbau in Deutschland ist – in absoluten Kategorien betrachtet – immer noch die Nummer eins bei Beschäftigung, bei Wertschöpfung, Anlageinvestitionen, Exporten/Importen, bei Direktinvestitionen und bei den Aktivitäten in Innovation sowie Forschung und Entwicklung. Zu diesem Schluss kommt das Zentrum für Wirtschaftsforschung (ZEW) in einem Bericht über „Die Bedeutung der Automobilindustrie für die deutsche Volkswirtschaft im europäischen Kontext“. Laut Statista lag der Umsatz der deutschen Automobilindustrie im Jahr 2014 bei rund 368 Milliarden Euro. Die Beschäftigtenzahl in der Branche lag 2014 bei etwa 745.000 Personen.

Was würde passieren, wenn dieser gigantische Industriezweig die Zukunft verpennt? Dann ist Deutschland ganz schnell ein Drittweltland – das bislang prominenteste Opfer der Digitalen Disruption. Was können wir tun, um dieses Schicksal noch ganz schnell abzuwenden? Viel Zeit haben wir jedenfalls nicht mehr.

Bei der Firma enbw in Karlsruhe durfte ich diese Woche ein Seminar leiten, und es ging genau um diese Frage, nämlich wie sich der Energieversorger für die Zukunft rüsten könnte. Mein Rat lautete: „Kauft Euch drüben in Wörth ein großes Grundstück, baut darauf eine Gigafactory und stellt Autobatterien her! Und richtet E-Tankstellen ein, und zwar möglichst viele…“

Tesla sucht übrigens noch Partner: Elton Musk glaubt, dass 100 solcher Fabriken nötig sein werden, um den weltweiten Bedarf für eAutos zu stillen. Da nicht einmal er die nötige Kohle hat, um sie selbst zu bauen, such er Verbündete. „Wenn die großen Industrieunternehmen in China, den USA und Europa sich zusammentun, können wir den Umstieg auf erneuerbare Energieformen erheblich beschleunigen.“

Nur dazu müssten die deutschen Unternehmen über ihren Schatten springen und Tesla & Co. endlich ernst nehmen. Wie wahrscheinlich ist das?

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