Wir haben das Menschenmaß verloren

Sagen Sie’s nicht weiter, aber die „Göwikaz“ (größte Weltwirtschaftskrise aller Zeiten) ist vorbei. Zwei Drittel der 42 größten Aktienbörsen der Welt haben in den letzten sechs Wochen zugelegt, und zwar um mehr als 20 Prozent. Mein Freund Fritz strahlt wieder, wenn er mir von seinen jüngsten Wertpapierkäufen erzählt. In China zeigen die Indikatoren wieder nach oben, sogar der amerikanische Immobilienmarkt – dort, wo alles anfing – weist deutliche Anzeichen einer Wiederbelebung auf. Und laut Ifo-Index hat sich  die Stimmung in den Chefetagen im April überraschend kräftig aufgehellt: Es ist wieder Optimismus angesagt.

Das hat sich natürlich noch nicht bis zu den meisten deutschen Wirtschaftsjournalisten herumgesprochen, die ihren Lesern immer noch tägliche Horrorszenarien zum Frühstück auftischen. Nun, ich habe die Ahnungslosigkeit, mit der die Kollegen das Internet zunächst nach Leibeskräften aufgeblasen und kurz darauf als Quell allen Übels verteufelt haben, hautnah miterlebt und ich weiß: Wenn ein Wirtschaftsjournalist etwas von Wirtschaft verstünde, dann wäre er kein Wirtschaftsjournalist, sondern ein reicher Mann auf Mallorca. Womit sie übrigens große Ähnlichkeit aufweisen mit den Anlagenberatern. Und lassen Sie mich gar nicht erst über Wirtschaftspolitiker anfangen…

Das Geschäft von Wirtschaftsjournalisten besteht darin, die Erwartungen ihrer Leser zu befriedigen, also schreiben sie das, was die lesen wollen. Alle sind gut drauf? Die Börse kracht? Dann schreiben sie darüber, wie kinderleicht es ist, sich eine goldene Nase zu verdienen. Einfach blind mit dem Finger auf die letzte Kursliste tippen und das getroffene Papier als Geheimtipp in den Himmel loben. Kann ja nix schiefgehen. Und wenn alle plötzlich verunsichert und ängstlich sind, dann her mit den Hiobsbotschaften. Die sind ohnehin leichter zu formulieren als positive Nachrichten, wie jeder Theaterrezensent und Musikkritiker weiß.

Echte Profis wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman (der das Platzen der Immobilienblase schon vor fünf Jahren korrekt vorausgesagt und beschrieben hat) geben schon wieder Entwarnung, ebenso wie der IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard, den FTD heute mit den Worten zitiert: „Ich bin ziemlich überzeugt, dass wir eine Depression verhindert haben.“ Ja, er hat das gleich wieder eingeschränkt („…wir dürfen uns selbst nichts vormachen: Wir stecken immer noch in Schwierigkeiten“).

In seiner Titelgeschichte zeichnet der „Economist“ diese Woche ein hintersinniges Bild: Eine Schar von heringartigen Kleinfischen schwimmt auf eine hell strahlende Lichtquelle in der Tiefsee zu, das mittels einer Art Antenne verbunden ist mit dem Kopf eines riesigen Raubfisches mit klaffendem Maul, aus dem eine nadelscharfe Zahnreihe ragt. Headline: „Die Weltwirtschaft und die Gefahren des Optimismus“. Im Editorial gewarnt die nicht nur meiner Meinung nach beste Wirtschaftszeitung der Welt, vorzeitig das Ende der Krise auszurufen. Denn erstens kann man dadurch extreme Enttäuschung bei den Menschen auslösen, was aber nicht so schlimm wäre wie die andere Gefahr, nämlich dass wir nichts daraus lernen.

Das System ist krank, das ist im vergangenen Krisenwinter sonnenklar geworden. Das Finanzsystem ist aus dem Ruder gelaufen, die Reichen haben das Prinzip „Gier ist geil!“ zum Handlungsmaßstab erklärt, die Aufsichtsinstrumente haben sich – im Gegensatz zum Titelhelden des „Economist“ – als zahnlos erwiesen, die politische Führung hat versagt. Es wäre an der Zeit, aufzuräumen, und die Gelegenheit wäre günstig, denn der Machtelite ist der Hahnenkamm gestutzt worden, ihre Widerstandskraft gegen Reformen und gesellschaftliche Neuorientierung und Rückbesinnung vorübergehen geschwächt.

Aber nicht mehr lange. Laut „New York Times“ von heute haben die sechs größten Banken Amerikas im ersten Quartal dieses Jahres  zusammen 36 Milliarden Dollar an Rücklagen gebildet, um ihren Angestellten die ihnen angeblich wegen der plötzlichen Frühjahrsgewinne zustehenden Gehälter und Boni bezahlen zu können. Aufs Jahr hochgerechnet würden die Banker 2009 fast so viel verdienen wie im Rekordjahr 2007. Sie hat so tätige Reue und stille Einkehr aus?

Das Problem ist: Wir wissen eigentlich gar nicht, was wir wollen. Es fehlt eine Blaupause, ein Modell dafür, wie diese Gesellschaft nach der Krise aussehen soll, ein konsensfähiger Kompromiss zwischen Raubrittermentalität und Ehrbarem Kaufmann, ein ethisch-moralischer Kompass, an dem sich Bosse und kleine Gehaltsempfänger gleichermaßen orientieren können und das die ins Rutschen gekommene soziale Stabilität – ja, Gesine Schwann warnt mit Recht! – noch rechtzeitig so weit verfestigt, dass die sozialistischen Utop- und Populisten nicht die nächste Bundestagswahl gewinnt. Sie wollen eine Krise erleben? Dann lassen Sie mal den Oskar ran!

Beim Blättern in der „Süddeutschen“ bin ich heute morgen an völlig unvermuteter Stelle über die mögliche Lösung gestolpert, nämlich in der Beilage „Mobiles Leben.“ Dort, wo es sonst um flotte Flitzer und schnittige Rennjachten geht. Dort hat der Kölner Designprofessor Paolo Tumminelli das hohe Lied des Fiat Panda gesungen und beklagt, dass diejenigen, die heute Automobile entwerfen, sich in einem schleichenden Abstraktionsprozess immer mehr von dem zeitlosen Richtschnur der Menschenmaßlehre entfernt haben. Nein, Leonardo hat keine Autos gezeichnet, aber er hatte ein Gefühl für Proportionen, frei nach Andrea Palladio: „Das Auge misst, die Sinne erfahren, der Intellekt freut sich.“

„Das rechte Maß verloren“, lautete die Headline, und sie bezog sich eigentlich auf die Autoindustrie. In Wirklichkeit hat der Schreiber die augenblickliche Situation unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft auf den Punkt gebracht. Wir alle haben das rechte Maß verloren, sei es in der Frage der Managergehälter, sei es in dem ausufernden Anspruchsdenken des Normalbürgers, sei es in unserer „Nach mir die Sintflut“-Einstellung zur Umwelt. Wir müssen alle möglichen Messlatten kritisch in Augenschein zu nehmen und notfalls wieder auf das natürliche Menschenmaß zurück zu stutzen. Die Krise mag schon wieder vorbei sein, die sich aus ihr sich ergebende Chance nicht – noch nicht.

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