Zensur in Potterland

Harry Potter stirbt nicht im letzten Band – dafür aber ein Stück Pressefreiheit schon.

Man muss es der Potter-Industrie schon lassen: Sie haben den Start des (hoffentlich) letzten Bands des siebenteiligen Mammutwerks zu einem Medienspektakel sonder Gleichen hochstilisiert. Schließlich ist Joanne K. Rowling noch nicht die reichste Frau der Welt, sondern lediglich von Großbritannien (immerhin hat sie die Queen in Sachen Privatvermögen inzwischen überholt).

Damit sie es doch werden kann, muss „Harry Potter and the Deathly Hallows“ alles bisher da gewesene in den Schatten stellen. Dazu muss die Spannung bis zum letzten Moment, nämlich 00:01 Uhr am morgigen Samstag, aufrecht erhalten werden. Das heißt vor allem: Niemand darf etwas verraten! Deshalb wurden alle am Entstehungsprozess Beteiligten – Setzer, Drucker, Distributoren, Händler – unter Androhung von Todesflüchen sowie substanzieller Schadensersatzforderungen zum Stillschweigen verpflichtet. 1,5 Millionen Dollar, so wird gemunkelt, sollen alleine für die Sicherungsverwahrung der bereits fertiggestellten Bände in einem Hochsicherheitslager aufgewendet worden sein.

Und da schlage ich doch am Freitagmorgen die „International Herald Tribune“ auf – und lese dort auf Seite eins die Ankündigung: „Buchbesprechung: Harry Potters episches Ende“.

Wie denn das? Hat man etwa doch Vorabexemplare an die Rezensenten verteilt?

Nein, Kollegin Michiko Kakutani von der „New York Times“ (die Mutterzeitung der IHT) ganz regulär bei einem Buchhändler gekauft. Dass sie offenbar vorher bereits einen Kurs im Schnelllesen gemacht hat die sie in die Lage versetzte, den 759 Seiten umfassenden Wälzer noch am Donnerstag zu lesen und rechtzeitig für die Freitagausgabe eine Besprechung 200 Zeilen lange Besprechung zu schreiben, ist fast noch erstaunlicher. Dass sie überhaupt das Buch in die Hand bekommen hat ist dagegen wohl auf  ganz normales menschliches Versagen beim Großhändler zurückzuführen.

Dass Rowlands Verleger, die Firma Scholastic, gleich eine Klage angekündigt hat, war natürlich zu erwarten. Nicht aber die Reaktion der Medien.

Das beginnt schon bei der ersten und einzigen Buchbesprechung selber: Zwar ergeht sich Frau Kakutani in schier endlosen Elegien über „Harrys endgültige Einführung in die Komplexität und Traurigkeit des Erwachsenwerdens“. Nur die einzige wirklich spannende Frage beantwortet sie nicht: Wer stirbt?

Dabei wissen das schon eine ganze Menge Leute, darunter auch Journalisten, denn seit ein paar Tagen tauchen immer wieder – offenbar hastig abfotografierte – Raubkopien des Buchs als PDF-Dateien im Internet auf. So seriöse Presseorgane wie „Die Zeit“ oder die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichten in ihren Online-Ausgaben auch darüber. Aber keiner von ihnen traut sich, die Katze aus dem Sack zu lassen.

Was ist das nun? Angst davor, als Spaßverderber dazustehen – oder freiwillige Selbstzensur?

In Wirklichkeit zeigt der ganze Potter-Wahnsinn nur, wie leicht sich die Medien einspannen lassen in die Marketing-Maschinerie. Indem sie sich freiwillig einen kollektiven Maulkorb auferlegt haben, spielen sie das Spielchen der Buchverleger.

Scholastic hat sich übrigens inzwischen melodramatisch an diejenigen gewandt, die schon Bescheid wissen: „Wir appellieren direkt an Harry Potter-Fans, die ihr Buch bei Deep-Discount bestellt haben und womöglich frühzeitig eine Ausgabe bekommen, dass sie die Pakete bis zum 21. Juli Mitternacht versteckt halten.“

Wetten, die meisten werden sich auch brav daran halten?

Dieser Beitrag wurde unter Quo vadis Qualitätsjournalismus? abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen