Archiv für September 2009

Twitter-Marathon: Ein Feldversuch

Montag, 21. September 2009

Der finale Tweet

Über den Langstreckenlauf ist schon viel geschrieben worden, allerdings meistens erst nach dem Laufen. Beispiele für eine zeitgleiche schriftliche Aufarbeitung der Eindrücke und Empfindungen beim Absolvieren längerer Laufstrecken sind eher selten, und zwar aus naheliegenden praktischen Gründen. Das Hantieren mit Stift und Notizblock setzt in der Regel stationäre Bedingungen voraus, weil man das Gekraxel hinterher sonst nicht mehr entziffern kann. Die gängige Kompromisslösung besteht im Mitführen eines Tonbandgeräts, mit dessen Hilfe man seine ins Mikrofon gekeuchte Kommentare anschließend auf Papier oder in den Computer übertragen kann.

Wir leben aber in einem neuen, dem Twitter-Zeitalter, und da sind neue Kommunikations- und Ausdrucksformen gefragt. Weshalb sich der Autor dieser Zeilen am gestrigen Sonntag zu einem ungewöhnlichen Selbstversuch entschloss, der sich am besten mit dem Begriff: „Twitter-Marathon“ umschreiben lässt. Nein, es ging nicht darum, einen Rekord im Absetzen möglichst vieler 140 Zeichen-Nachrichten innerhalb einer bestimmten Zeit aufzusetzen. Die Absicht war vielmehr, eine Art „Live Tweet-Feed“ von der 36ten Ausgabe des legendären Berlin-Marathons abzusetzen und damit ein neues Feld für die digitale Spontankommunikation zu eröffnen und damit meinen „Followers“ sozusagen die Gelegenheit zu einer digitalen Verfolgungsjagd zu geben.

Um zu prüfen, ob es überhaupt möglich ist, beim Laufen zu twittern, habe ich während des Abschlusstrainings entlang der Isarauen versuchsweise meiner Frau ein SMS geschickt, was erstaunlich gut gelang. Ich verwendete dazu mein Standard-Handy, ein Palm Centro, das über eine Minaturtastatur (vulgo: „Mäuseklavier“) nach dem deutschen QWERTY-Schema verfügt. Als langjähriger Tastaturverwender bin ich in der Lage, Texte auf einem normalgroßen Tastenfeld weitgehend blind einzugeben. Beim Winzling dagegen ist eine ständige Sichtüberprüfung der Eingabe erforderlich, weil man häufig zwei oder sogar drei Tasten gleichzeitig erwischt, was zu oft interessanten, für den Empfänger aber kaum verständlichen Ergebnissen führt.

Die ersten Testergebnisse waren durchwachsen, und ich dachte anfangs daran, das Problem der mobilen Dateneingabe sozusagen per Delegation zu umgehen, etwa die Texte per Telefon an meine mich nach Berlin begleitende Ehefrau durchzugeben, die sie dann per Laptop an Twitter absetzen könnte. Doch ein solcher Medienbruch, so meine Überlegung, würde die gewünschte Unmittelbarkeit des Kommunikationsvorgangs unterbrechen und wurde deshalb am Ende fallen gelassen.

Ich beschloß also am Sonntag mit dem Handy in der Hand an den Start zu gehen, gemeinsam mit rund 40.000 anderen Menschen, die mit dünnen Kurzarmhemden und Läufer-Shorts bekleidet und finster entschlossen waren, zu Fuß und gemeinsam eine Strecke von 42,195 Kilometer durch die Straßen der Hauptstadt in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen.

Eigentlich hatte mein Twitter-Marathon schon am Vortag begonnen, als ich auf dem Weg zum Münchner Flughafen folgende halbverschlafene Meldung absetzte:

„Frühflieger nach Berlin (gähn!). Grauer Himmel in München. Hoffentlich scheint in B die Sonne – aber bitte nicht zu heiss… #berlinmarathon“.

Abends folgte die Meldung: „Sitze mit @pundp im “Pan degli Angeli” in B-Charlottenburg – Pasta bis zum Abwinken! #berlinmarathon“. Das aber waren nur leichte Fingerübungen, die zudem unter normalen Umeltbedingungen (fester Untergrund) zustande kamen.

Der erste Tweet am nächsten Morgen fand schon unter verschärften Versuchsbedigungen statt, nämnlich aus dem wartenden Pulk der Mit-Läufer in Block „G“ am „Kleinen Stern“ zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, wo ich tippte:

„Start zum Marathon0- wird schon schief gehen. 40000 unterwegs – und icke mittendrin. Erste rempler. Twitterrer eher sekten.“

Als Leser könnten man sich hier gefragt haben, ob es beim Marathonstart womöglich schon Sekt zur Antriebsunterstützung gibt. In Wirklichkeit liegen eben die Buchstaben „l“ und „k“ nebeneinander, was zum ersten wirklich verständniserschwerenden Typo des Tages führte. Ihr folgte gleich nach dem Start die nächste, als ich nämlich schrieb:

„Ssiegessauele! Nur noch de.f km“

Der Sinngehalt der Botschaft erschließt sich erst, wenn einem klar wird, dass beim Palm zum Umschalten zwischen Buchstaben und Zahlen eine spezielle Taste gedrückt werden muss, was in diesem Fall verabsäumt wurde, sonst hätte es „41,5 km“ geheißen.

Es folgten mehr oder weniger gelungen abgesetzte Meldungen über Beobachtungen rechts und links der Strecke, wie beispielsweise:

„G:dc die ersteñmachen pinkelpause #twittermarathon“

Wieder das Zahlen-Problem: Eigentlich sollte es „6:48“ heißen sollen. Und auch die Nachricht:

„km t – heute wirds heiss!“

Ist nur durch Ersetzen von „t“ durch „3“ vollinhaltlich zu verstehen. Ich bilde mir aber ein, dass der eigentliche Inhalt der Botschaft durchaus angekommen ist – nämlich dass sich bereits kurz nach dem Start Temperaturen abzeichneten, die eher dem Langstreckenlauf unzuträglich sind (was später dazu führen sollte, dass Berlin-Dauersieger Haile Gebrselassie den eigenen Weltrekord doch nicht, wie erwartet, unterbot, sondern „nur“ nach 2:06:08 ins Ziel kam).

Es folgten mehr oder weniger erhellende – und entzifferbare – Momentaufnahmen wie:

„Wurde etade von nein 2 meter-mann im nonnenkostuem ueberholt #twittermarathon“

Gelegentlich aber führte die Kombination von dauernder Erschütterung und der Notwendigkeit, den dichten Läuferverkehr um mich herum im Auge zu halten, zu echten Rätseltexten wie dieser;

„Rc:0d mir kommt eib “geiszerlaeufer” entgegen. Ixj sag “da gehts lang”. rr lacht und kaeuft weiter in die falsche richtung.“

Hier sei deshalb die Übersetzung nachgeliefert: „28:04 mir kommt ein ‚Geisterläufer‘ entgehen. Ich sag „da geht’s lang“. Er lacht und läuft weiter in die falsche Richtung.“

Die Tweets von den ersten Kilometern durch Alt-Moabit und durch das Regierungsviertel zeugen noch von einem unbeschwerten Läufervergnügen und der Fähigkeit, auch an andere Dinge als an den Zustand des eigenen Gehapparats zu denken, etwa:

„Kanzleramtk ob angie rausgucktn wir sind das laeufer-volk!“

Auch Texte wie:

„#twittermarathon: 10 km, 1?03 – und ich bin noch frisch wie der junge tag (keusch)“

Zeugen noch von einer gewissen Unbekümmertheit. Doch schon kurz darauf die erste Warnung:

„#twittermarathon: rechtes knie sagt: mach langsam. Schnauze!“

Es sollte ein Dauerthema werden, denn ungefähr ab Kilometer 15 machten sich Beschwerden im rechten Knie bemerkbar, die mich bis ins Ziel begleiten und die sowohl den Spaß wie auch die Endzeit deutlich dämpfen sollten. Gut: Schmerzen sind der ständige Begleiter des Langstreckenläufers, und man hat mit den Jahren gelernt, die Zähne zusammen zu beißen. Aber es gibt solche Schmerzen und solche, und diese waren eindeutig diese. Aufgeben wäre vielleicht vernünftiger gewesen (bin gespannt, was der Arzt morgen sagt; ich habe gleich heute früh einen Untersuchungstermin vereinbart), aber Aufgeben ist für den echten Marathonläufer keine wirkliche Option…

Gut, dass die Berliner so ein tolles Publikum sind. Mehr als eine Million von ihnen säumen ja jedes Jahr die Strecke und feuern die Läufer mit aufmunternden Zurufen („Gib‘ alles!“) und zahlreichen musikalischen Darbietungen an. Wie wichtig solche psychologische Unterstützung ist, zeigt folgender Tweet, der irgendwo vor Kilometer 20 abging:

„#twittermarathon: big band sound in der yorckstrasse. kann ich jetzt gut bauchen.“

Doch kurz darauf ist der Twitterer nur noch mit sich selbst, beziehungsweise mit seinem nunmehr wichtiugsten Körperteil beschäftigt:

„#twittermarathon: halbzeit! (21 km) das rechte knie will nicht mehr. Lauf halt auf dem linken weiter…“

Aber immer wieder schaffen es die Zuschauer, den drohenden „Tunnelblick“ durch eine plötzlich aufblitzende Impression aufzuhellen, wie beispielsweise kurz nach der „Halbzeit“ (Kilometer 21), als ein hochgehaltendes Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich zog und zu folgendem digitalen Kommentar führte:

„#twittermarathon: hrosses schild;lauf, berti, lauf! ich fuehl mich angefeuert. Komisch: ich heiss doch gar nicht berti…“

Die inzwischen brütende Berliner Hitze begann sich langsam ernsthaft auf die Läuferschaft auszuwirken, aber das ist man in Berlin bereits gewohnt, und man hat entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Ich habe noch nie so viele Labestationen auf einer Marathonstrecke erlebt, und folgender Tweet zeugt von der Dankbarkeit, die wir Läufer für die Berliner Feuerwehren empfanden, die immer wieder ihre Schläuche auf die Vorbeilaufenden richteten und damit für vorübergehende Abkühlung sorgten:

„#twittermarathon: achtung – feuerwehrdusche voraus!“

Die Mischung aus Hitze und Schmerz begann sich offenbar auf meine Konzentration auszuwirken, denn kurz darauf folgende Schreckensnachricht:

„#twittermarathon: fast #twitterunfall gebaut. Handy fiel aus der tasche. Blieb stehen, um aufzuheben – bad idea!“

Tatsächlich hat ein Läuferfeld beim Marathon große Ähnlichkeit mit einer durchgebrochenen Rinderherde in alten Westernfilmen, und gnade Gott demjenigen, der plötzlich und unvermittelt mitten im Pulk anhält. Nun, irgendwie habe ich das fallengelassene Gerät wieder ergattert, und der Twitter-Marathon konnte weitergehen. Allerdings unter zunehmender Pein: Ungefähr ab Kilometer 30 fühlte sich das Knie an, als ob es auf die Größe eines Basketballs angeschwollen wäre. An jeder Labestation kippte ich 2 bis 3 Becher kaltes Wasser drüber, und irgendwie ging es weiter. Die per Twitter geäußerten Gedanken allerdings werden ab diesem Zeitpunkt zum teil ziemlich wirr. Oder was soll das hier eigentlich heißen:

„#twittermarathon: km 29 “es tut weh” -&63 1@?1 !)?61052&). “ws faengt erst an weh zu tun…” sag ich. Siérkt verunsichert.“

Keine Ahnung. Dafür müssen aber meine oleofaktorischen Funktionen noch in Ordnung gewesen sein, wie folgender Kommentar aus der Schlußphase des Laufs beweist:

„#twittermarathon:roseneck: ob ich auch so muffel wie der haarige0typ vor mir“

Zunehmend aber wird die Doppelbelastung von Laufen und Twittern zur Qual, was schließlich zu der angsterregenden Meldung führt:

„#twittermarathon: 35 km: ich kann nichtmehr (twittern – laufen schon) #twitterpause

Danach herrscht 5 Kilometer lang Funkstille, die endlich unterbrochen wird von dem getwitterten Freudensschrei:

„#twittermarathon: km 40 – Mitte. Jetzt pack’ ich’s!“

Und nun beginnt sich die von körpereigenen Rauschstoffen induzierte Euphorie, die der wahre, selbstinduzierte Lohn des Langstreckenläufers sind, auch digital durchzuschlagen, zum Beispiel in:

„#twittermarathon: brandenburger tor in sicht! #runnershigh

Und am Ende gipfelt alles in einem hastig, aber dafür erstaunlich fehlerfreien Tweet:

„#twittermarathon: WOW! ‚Chariots of Fire‘ beim Zieleinlauf. Dagegen ist Fliegen nix (von Sex wollen wir gar nicht reden…)“

Danach ist erst mal Schweigen, denn nach 42 Kilometern will der Marathonläufer nur eines: Sich an ein Gitter lehnen und schnaufen, schnaufen, schnaufen! Auf wackeligen Beinen geht’s dann Richtung Ausgang, wo man die Medaille um den Hals gehängt bekommt und wo die liebreizendste Gattin der Welt, wie es inzwischen unsere gute Marathon-Familientradition ist, mit einem randvollen Glas Weißbier steht und mich empfängt. Und hier, endlich, bricht sich die Gefühlsaufwallung wieder digitale Bahn in dem tiefempfundenen Abschieds-Tweet:

„#twittermarathon: In Berlin gibt’s das beste Bier der Welt. Keine Ahnung, welche Marke. Aber nach 42 km ist JEDES Bier das beste!“

Einen grundsätzlichen Nachteil hat diese Form des Twitter-Marathons per Handy natürlich schon: Der Läufer ist zwar auf Sendung, kann aber nichts empfangen. So erklärt sich auch die von irgendwo unterwegs geäußerte bange Frage (”ob wohl jemand mitliest?”) mit der noch größeren Einsamkeit des Langstreckenläufers, sobald er die zusätzliche Dimension des Cyberraums betritt.

Dass die Angst völlig unbegründet war, erschloss sich erst am Abend, als ich am Flughafen Tegel wieder wie gewohnt per Laptop online gehen und bei Twitter nachschauen konnte. Das Ergebnis war geradezu überwältigend: eine Flut von digitalen Anfeuerungsrufen, Durchhalteparolen und Gratulationen wie dieser von einem gewissen @Paniker:

“@TCole1066  Super! Komm gut ins Ziel! Dran bleiben!”

Offenbar hatte sich das Twitter-Projekt wie ein Lauffeuer herumgesprochen, unter anderem angestoßen von Tweets wie diesen von @pundp:

“Unbedingt mitlesen: Toller Twitter-Livestream vom Berlin-Marathon von Mitläufer @TCole1066  #Twittermarathon“

Meine Twitter-Freundin @PickiHH, die offenbar ständig online ist, meldete sich gleich zu Beginn mit:

“@TCole1066  Du läufst mit und twitterst dabei? Super! Durchhalten!! #berlinmarathon”

Vom fernen Rhein meldete sich chrisvollmert  mit:

“@TCole1066  hi tim – durchhalten … sind ja nur noch ein paar meter … grüße aus köln und viel erfolg …”

heidischall  gratulierte per Twitter ausdrücklich allen, die mitgelaufen waren:

“@TCole1066  zum Zieleinlauf beim Berlin Marathon und verneigt sich vor allen, die eine solche Leistung vollbringen. Bravo!”

Und der Münsteraner Michael Solder fasste das Resultat des Projekts auf unnachahmlich twitterhafte Art und Weise in weit weniger als die maximal zulässigen 140 Zeichen, nämlich:

“@TCole1066  das war eine saucoole Aktion”

Und damit wäre eigentlich alles gesagt…

Karriereknick dank Twitter

Freitag, 18. September 2009

Warum Twittern, wenn es einen den Job kosten könnte? Vor dieser Frage stehen neuerdings die Tester des “Guide Michelin” in New York: Einerseits leben sie und der Ruf ihres Restaurantführers vonihrer Anonymität. Aber andererseits will man ja mit der Zeit gehen, um nicht als altmodisch dazustehen. Der Kompromiss: Wenn ein Tester beispielsweise einen Tweet absetzen will wie: “Lunch at Jaiya, renovations stll under way, but looks good. Yummy spring roll”, dann landet diese zunächst bei einem Vorgesetzten in der Michelin-Zentrale, der ihn prüft und freigibt. Man fürchtet offenbar, dass andere Twitter-User, die ebenfalls in dem Lokal gegessen haben, sich uhtereinander abstimmen und ausknobeln könnten, wer der geheimnisvolle “Michelin inspector” war. Womit dessen Karriere abrupt zu Ende wäre.

Das plötzliche Interesse von Michelin an modernen Kommunikationsformen ist allerdings nicht nur auf den WUnsch zurückzuführen, den Muff von inzwischen 109 Jahren wegzupusten (der erste Michelinführer erschien im Jahr 1900 als Liste empfehlenswerter Hotels; der Reifenhersteller hoffte, die Autobesitzer würden dann mehr Kilometer zurücklegen und damit ihre Reifen schneller abnutzen). In Wahrheit ist es ein Schachzug gegen die übermächtige Konkurrenz des Restaurantführers “Zagat’s”, der als Platzhirsch den Markt in New York seit 30 Jahren beherrscht. Michelin brachte erst 2006 seine Erstausgabe “Michelin New York” heraus.

Während Zagat vor allem auf die Befragung von Restaurantgästen setzt, vergeben bei Michelin hauptberufliche “Inspektoren” Sterne und Gabeln. Sie buchen stets unter falschem Namen einen Tisch und benützen gegenüber Freunden und Bekannten eine erfundene Biografie. Michelin betont den Unterschied neuerdings auch in einer witzigen Anzeigenserie mit Bildern, auf denen ein vollbesetzte Gaststätte zu sehen ist und auf denen die Headline fragt: “Wer ist der bekanntlich anonyme Inspektor?” Im Lauftext kommt dann die Auflösung: “Sie werden es nie erfahren…”

Natürlich gibt es auch schon die dazugehörige Website (www.famouslyanonymous.com) mit einem Link zu den Twitter-Feeds der Tester (@MichelinGuideNY). Einer von ihnen hatte neulich gerade einen Artikel über die Aktion in den “New York Times” entdeckt und gleich aufreget hinausgetweetet: “Wow… Just read about us in the New York Times!! Check out the article at http://bit.ly/z4Mo5“.

Wenn ihn das nur nicht seinen Job kostet!

Computer lügen nie

Donnerstag, 17. September 2009

Mein Freund Franz-Peter ist heute 60 geworden. Ich habe ihm gratuliert, aber er war ganz erstaunt. Er dachte, er wäre 59 geworden. Ich konnte ihm jedoch den Beweis präsentieren in Form einer E-Mail, die mir des Internet-Portal “Xing.com” vor ein paar Tagen geschickt hat. Wir sind beide Mitglied bei Xing, und ich bekomme eine Menge solcher “Geburtstagserinnerung” mit den namen von Leuten, die ich eigentlich gar nicht lkenne, mit denen ich aber über Xing “vernetzt” bin. Ab und zu ist auch ein vertrauer Name darunter, und in diesem Fall habe ich deshalb ganz, ganz genau hingeschaut, und da steht klar und deutlich: “Franz-Peter Strohbücker, F.P.S!-Redaktionsbüro, 17.09.1950, Alter: wird 60″.

Da ein Computer bekanntlich niemals lügt, muss Xing also Recht haben und Franz-Peter muss sich irren. Ich gebe zu, dass es schwer ist, den kindlichen Glauben an die Unfehlbarkeit des Elektronenrechner aufrecht zu erhalten angesichts des offensichtlichen Rechenfehlers: Wenn einer im Jahr 1950 geboren ist, und wir schreiben heuer das Jahr 2009, dann sind 2009 minus 1950 nach Adam Riese 59, nicht 60.

Eine Erklärung wäre, dass der Computer von Xing so schlau ist, dass er in die Zukunft blicken und voraussagen kann, was beispielsweise in einem Jahr sein wird. Denn dann würde es ja stimmen: “Wird 60″ bedeutet, Franz-Peter schafft es wirklich! Er wird nicht ein zweites Mal von einem vertrotttelten Autofahrer, der bei Rot über die Ampel fährt, gerammt, nur diesmal noch heftiger. Er wird nicht an der Schweinegrippe verenden oder über das Ausscheiden des VfB aus der Champions League so verzweifelt sein, dass er sich vom Stuttgarter Fernsehturm stürzt.

Aber halt, es gibt ja noch eine andere denkbare Erklärung. Wie war es doch damals zur Jahrtausendwende? Da haben doch jede Menge sehr ernsthafte Menschen glatt bestritten, dass wir im Jahr 2000 überhaupt das zweite Millenium feiern. “Ein Jahr zu früh!”,behaupteten sie. Wenn Christus im Jahre Null zur welt kam, dann wären erst 2001 die zweiten Tausend voll.

Nun, es sind dennoch am 1.1.2000 die Knallkörper und die Sektkorken geflogen wie nie, und die Computer sind auch nicht abgestürzt, allen Unkenrufen bezüglich des “W2K Bug” zum Trotz. Aber vielleicht wurde der Computer von Xing ja von einem Anhänger der “Mellenium plus eins”-Schule der Zeitrechnung programmiert. Denn es stimmt natürlich: Strenggenommen war der Tag, an dem Franz-Peter zur Welt kam, sein erster – strenggenommen sogar sein einziger – Geburtstag. Seitdem feiern wir ja nur die Wiederkehr dieses freudigen Ereignissen. Und Xing feiert mit. Aber eben ganz, ganz ganau – so wie die Computer eben sind.

Sykpes grosse Preisfrage

Montag, 07. September 2009

Für zwei Milliarden Dollar muss eine alte Frau lange stricken. Und selbst unbedarfte Beobachter des Verkaufs von Skype durch eBay haben sich verwundert gefragt: Wieso ist Skype noch so viel wert? Dass sich die ehemalige eBay-Chefin Meg Whitman 2005 von den Skype-Gründers Janus Friis und Niklas Zennstrom über den Tisch ziehen ließ, als sie ihnen 3,1 Milliarden für den Internet-Telefondienst gab, wusste außer ihr eigentlich jeder. Und dass die vier Jahre, in denen eBay eine Chance nach der anderen verpasste, den Sprach-Dienst sinnvoll ins eigene Geschäftsmodell zu integrieren, auch nicht gerade wertsteigernd waren, ergibt sich bei einigem Nachdenken fast von selbst.

Frau Whitman hat sich denn auch innerhalb von kürzester Zeit mit den beiden Skype-Buben überworfen, die nach zwei Jahren den Bettel hinwarfen und sich ihrem nächsten Projekt, joost.com, zuwandten (BTW: Was ist eigentlich daraus geworden – man hört so gar nichts…).

Wie sehr sich Whitman hat düpieren lassen, wurde allerdings ernst mit der Zeit klar. Die schlauen Nordlichter hatten ihr nämlich offenbar verschwiegen, dass die Basistechnologie von Skype eigentlich gar nicht Skype gehört, sondern einem anderen Unternehmen der beiden namens JoltID. Friis und Zennstrom hatten ja schon einmal für Furore in der Branche gesorgt mit Kaaza, einer Musik-Tauschbörse, die so lange als “Piratensender” von der internationalen Musikindustrie, bis die beiden die Lust verloren und die Firma verscherbelten. Vorher haben sie aber die Patente für den Kaaza-Code in JoltID ausgelagert. Und dort blieben sie, auch als das Finnen-Duo Skype ins Leben riefen, das in seinem Kern auf der alten Kaaza-Technologie basiert. So lange die beiden selber Eigentümer von beiden Firmen waren, fiel das niemandem weiter auf, in den ersten beiden Jahren der anfangs harmonischen eBay-Ehe auch nicht. Aber als der Hausfrieden zerbrach und die beiden weg waren, ging der Streit los. Ergebnis: Inzwischen ist in London ein Rechtsverfahren anhängig, das aller Voraussicht nach 2010 zur Verhandlung kommen wird. Und wenn die Sache dumm läuft, kann Skype danach den Laden zumachen. So, wie sich die Beteiligten ineinander verhakt haben, ist wohl kaum von einer gütlichen Einigung auszugehen.

Die große Preisfrage lautet nun: Haben Netscape-Gründer Marc Andreessen und seine Mitstreiter von Index Ventures, Silver Lake Partners und der kanadische Pensionsfond, keine Zeitungen gelesen? Dass es im Falle einer Verurteilung von Skype ans Eingemachte gehen wird, stand längst zumindest in obskuren Branchendiensten und Blogs. Gut, Andreessen ist kein ganz armer Mann: Seine Venture Capital-Firma verwaltet 300 Millionen Dollar, da ist sein persönlicher Anteil am Skype-Deal in Höhe von 50 Millionen vielleicht noch zu verkraften. Aber wie ist es mit den kanadischen Rentnern und den anderen Anlegern?

Und so wird jetzt kräftig spekuliert. Wissen Andreessen & Co. vielleicht etwas, das wir nicht wissen? Zum Beispiel, dass Friis und Zennstrom ihr Einlenken bereits signalisiert haben? Da ist es interessant zu erfahren, dass Michelangelo Volpi, ein ehemaliger Cisco-Manager, seit kurzem im Verwaltungsrat von Index Ventures sitzt. Liest man in seiner Biographie weiter, erfährt man, dass er auch schon im Aufsichtsrat von Skype saß. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Allem Anschein aus den vergangenen Krisenmonaten zum Trotz sind Investmentbanker in der Regel keine Zocker. Und so können wir getrost davon ausgehen, dass die Anleger, die sich mit zwei Milliarden Scheinchen an Skype beteiligt haben, gewusst haben, was sie taten. Ob es wirklich so ist, werden wir anderen erst wissen, wenn es so weit ist.

Politik durch den Sehschlitz

Dienstag, 01. September 2009

Nur das Fehlen eines echten Wahlkampfs hat uns in Deutschland bislang vor einem Aufflammen der Diskussion um einen Verbot des Burka bewahrt, wie er gerade in Frankreich tobt. Nicolas „Sarko“ Sarkosy, der kleinste französische Staatschef seit Napoleon, macht sich dafür groß und sagt: „Die Burka ist auf dem Gebiet der französischen Republik nicht willkommen.“

Der konservative dänische Politiker Naser Khader, selbst syrisch-palästinensischer Herkunft, stößt ins gleiche Horn und will das Tragen einer Burka in der Öffentlichkeit verbieten lassen. In der Schweiz, in Holland, und in Großbritannien schwelt der Streit seit Jahren, wobei es interessanterweise einen „Channel Gap“ zu geben scheint, wie Frans Timmermans, der niederländische Sozialdemokrat und Europaminister, undlängst konstatierte: In Frankreich gelte es als “links”, für ein Burkaverbot einzutreten, während dies in Großbritannien als “rechts” bewertet werde. Diesseits des Ärmelkanals gehe es darum, in republikanischer Tradition die Religion aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, Jenseits davon, werde der Religionsfreiheit und der individuellen Entscheidung der Vorrang eingeräumt.

Bis auf ein leises Grummeln aus Wiesbaden, wo Roland Koch vor zwei Jahren eine „Geisterdebatte“ um den Ganzkörperschleier vom Zaum brach, ist es bislang in Deutschland still geblieben zu diesem Thema. Das könnte sich vielleicht ändern, wenn Angela Merkel und die CDU angesichts der multiplen Wahlschlappen vom Sonntag plötzlich beschließen sollten, vor dem 27. September doch noch Wahlkampf machen zu wollen (statt zuzuschauen, wie die SPD sich selbst ein Messer nach dem anderen in die Brust rammt). Deshalb wollen wir an dieser Stelle vorsorglich darauf hinweisen, dass es zumindest in Frankreich beim Burka-Verbot gar nicht um die Burka (laut Wikipedia eigentlich Burqu, aus arabisch ‏برقع‎; in Pakistan auch als Barq) geht, sondern um den Niqab, der auf Türkisch peçe heisst und meist in Verbindung mit einem Tschador, dem Çarşaf oder einem anderen, zumeist schwarzen Gewand getragen wird. Im Gegensatz zum Burka lässt der Niqab einen Sehschlitz frei, durch den die Augen der Trägerin zu erkennen sind, während beim Burka das Sichtfenster durch eine Art Gitter aus Stoff oder Rosshaar verdeckt ist.

Beide Kleidungsstücke sind keineswegs traditionelle islamische Gewänder. Der Niqab kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Regierungszeit des reaktionären Sultan Abdülhamid II. (1876-1908) in der Hauptstadt Konstantinopel auf, um westliche Einflüsse abzuwehren, und setzte sich von dort vor allem in entlegenen Landesteilen des damaligen Osmanischen Reiches wie etwa dem Jemen durch. Der Burka wurde von Frauen in Afghanistan ursprünglich nur in der Stadt getragen, im Dorf gingen sie dagegen unverschleiert. Erst die Taliban machten das Tragen der Burka Mitte der 90er Jahre zur Pflicht.

Im Übrigen sollte die Auseinandersetzung um den Ganzkörperschleier nicht mit dem ähnlich gelagerten Streit um ein etwaiges Kopftuchverbot verwechselt werden. Als Frau den Kopf zu bedecken, ist nämlich keineswegs eine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein Tuch oder eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch. Und bei einer Papstaudienz werden Frauen grundsätzlich nur mit Kopfbedeckung oder Schleier empfangen.

Burka, Niqab und Kopftuch werden hierzulande von Islamkritikern gerne als Mittel zur Unterdrückung beschrieben. Von manchen Frauen dagegen heißt es, sie hätten gar nichts dagegen, verhüllt herumzulaufen; ja, sie empfänden die Tuchbarriere sogar als Schutz ihrer Persönlichkeit. Andere sehen darin sogar einen „Fashion Statement“. Na ja, über Modegeschmack lässt sich ebenso wenig streiten wie über irgendeinen anderen. Und ich erinnere mich an eine Dame aus meiner Bekanntschaft hat mal die Anonymität des Internet als den „digitalen Burka“ bezeichnet. Sie empfand das durchaus als Erleichterung und Befreiung im Umgang mit Mitgliedern des anderen Geschlechts. Konkret meinte sie: „Wenn der Kerl beim Chatten anfängt, unangenehm zu werden, dann kann ich ihn wegklicken.“

Zum Glück ist uns der Stich ins dieses ganze Wespennest zumindest im aktuellen (Nicht-)Wahlkampf erspart geblieben. Sollte er aber doch noch aufflammen, dann wäre es hilfreich, wenn wir wenigstens alle über das Gleiche reden würden, wenn wir über einen Verbot von diesem oder jenem Kleidungsstück streiten.