Archiv für März 2010

Für wen schreiben wir?

Freitag, 19. März 2010

Blogs sind Worte im Wind, ziellos in die endlose Freiheit des Netzes entlassene Gedankenfetzen, von der wir hoffen, dass sie wie Brieftauben irgendwann und irgendwie zum Empfänger gelangen. Doch wie groß ist die Chance? Etwa eins zu drei, wenn man der jüngsten Studie der Initiative D21 und TNS-Infratest glauben darf. Demnach sind bislang nur 26 Prozent der Deutschen “in der digitalen Alltagswelt angekommen”, wie es in der einschlägigen Pressemitteilung heißt. 30 Prozent zählen sich zu den “Gelegenheitsnutzern”. Und die bei weitem größte Gruppe – 35 Prozent – haben mit Internet & Co. überhaupt nichts am Hut. Sie bezeichnen die Studienschreiber als “digitale Außenseiter”.

Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Kommt wohl auf den Standpunkt an. Das ist so wie die Sache mit den Optimisten und den Pessimisten: Der Optimist sieht beim Schweizer Käse den Käse, der Pessimist die Löcher. Die gute Nachricht lautet doch: Wir Blogger können mit 56 Prozent der Deutschen erreichen, allerdings nur mit etwas Glück und viel Rückenwind. Ein Drittel von ihnen sind – auch wieder eine Frage des Standpunkts – ausgeschlossen oder wehren sich erfolgreich gegen die digitale Aufdringlichkeit.

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32 Millionen für die Online-Gauner

Mittwoch, 17. März 2010

Eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Kreditkartenbranche wurde gestern Abend ganz nebenbei auf einer Informationsveranstaltung in München gelüftet. Monika Kummer, Abteilungsleiterin Risikomanagement bei der Bayern Card-Service GmbH (eine Tochter der Bayerischen Landesbank und der Bayerischen Sparkassen) bezifferte auf einem Infroabend für Journalisten den Schaden, den Kartenbetrüger Jahr für Jahr anrichten, auf zwischen 0,2 und 0,3 Prozent vom gesamten Kartenumsatz. Dieser betrug bei BCS 2009 rund 16 Milliarden Euro. Gauner haben also rund 32 Millionen Euro erbeutet – Peanuts, könnte man meinen, jedenfalls aus Sicht der Bankenwelt.

Weit gefehlt! Die Banken verbuchen ja nur einen kleinen Teil des großen Umsatzkuchens als Provision, nämlich etwa 1,2 Prozent. Den Rest der Provisionen (zwischen 3 und 6 Prozent, je nach Kartengesellschaft und Verztragsmodell des Händlers) kassieren so gennannte Acquirer, die direkt mit dem Händler abrechnen und später mit den Banken abrechnen. Im Klartext heißt das: Mindestens ein Fünftel ihres Provisionsumsatzes verlieren Banken und Sparkassen durch Kartenbetrug! Ernüsse sehen anders aus.

Als wäre das noch nicht schlimm genug, stehen die Banken unter massivem Druck der Europäischen Union, ihre Bankgebühren bei grenzüberschreitenden Kartenzahlungen, die so genannten “Interchange Fees”, drastisch abzusenken. Bereits im Dezember 2007 hatte die EU-Kommission millionenschwere Gebühren von Mastercard gekippt und den Konzern unter Androhung eines Bußgeldes zur Vorlage eines neuen Gebührenmodells verdonnert. Im März 2008 war Visa an der Reihe: Die Kommission eröffnete gegen sie eine Kartelluntersuchung, an deren Ende ein saftige Bußgeld hätte stehen können.

Im April 2009 senkte schließlich Mastercard ihr Interbankenentgelt bis zur abschließenden Klärung des Streits durch den Europäischen Gerichtshof. Im Gegenzug verzichtete die Kommission einstweilen darauf, ein Verfahren gegen die Kreditkartenfirma zu eröffnen. Es dürfte jedoch klar sein, dass die Banken hier weitere Einbußen werden hinnehmen müssen. Sagen wir ein Prozent? Dann aber legen sie nach Abzug der Betrugsverluste sogar drauf beim Kartengeschäft.

Die Kreditkarte sei in Deutschland “immer noch ein Produkt der Zukunft”, sagte gestern Abend Günther Tittel, Direktor des Sparkassenverbands Bayern. Schuld daran ist neben der Doppelgleisigkeit des deutschen Systems – Bankleute sprechen von der “Zweikarten-Strategie”, also Girocard und Kreditkarte von ein und derselben Bank – auch die Angst der Kunden vor angeblichen oder tatsächlichen Sicherheitslücken. Dass die meisten Horrormeldungen aus den USA stammen, wird geflissentlich übersehen, ebenso wie die Tatsache, dass Deutschland den Vereinigten Staaten ausnahmesweise weit voiraus ist. Hierzulande ist die Umstellung vom altmodischen Magnetstreifen, den Hacker heute im Handumdrehen auslesen können, auf moderne Chiptechnik weitgehen vollzogen. Nur die alten Kartenlesegeräte sind noch ein Problem, da sie nach wie vor die auf dem Magnet gespeicherten Informationen verwenden. In den USA sind Chipkarten ddagegen so gut wie unbekannt.

Wenn die Banken und Sparkassen allerdings kein Mittel finden, um auch bei uns den Abfluß ihrer Gewinne durch Kartenbetrug zu stoppen, wird ein Massenmarkt für Kreditkarten in Deutschland wohl noch eine Weile Zukunftsmusik bleiben. Dagegen haben Firmen wie BCS allerdings noch ein paar Pfeile im Köcher.

So erzählte Monika Kummer ganz und gar unbekümmert, dass ihre Organisation an einem System arbeite, das jeden Kartenbesitzer automatisch per SMS benachrichten wird, sobald er eine Zahlung in einer bestimmten Höhe getätigt haben soll. “Wenn es nicht stimmt, kann er sofort Einspruch einlegen”, sagte sie. Auf ein konkretes Einführungsdatum wollte sie sich allerdings noch nicht festlegen lassen.

Noch weiter geht ein Vorschlag der BCS, Zahlungen aus Risikoländern für einzelne Kunden ganz zu sperren, und zwar auf der Grundlage des índividuellen Zahlungsverhaltens. Der Kartenbesitzer soll selbst festlegen können, aus welchen Ländern die Kartengesellschaft Zahlungen akzeptieren soll und aus wlechen nicht. Wenn er nie im Leben vorhat, Kasachstan zu besuchen, dann können Belastungen, die aus diesem Land stammen ja eigentlich nur von Borat oder einem seiner Spießgesellen verursacht worden sind…

Angesichts der drohenden Kostenlawine durch steigenden Kartenbetrug wird klar, warum die Banken und Sparkassen diesem Thema einen so hohen Stellenwert einräumen. Wer macht schon gerne Geschäfte, bei denen er drauflegen muss?

Reinventing Privacy

Dienstag, 09. März 2010

Who’s pulling the cart on data protection? At least in Germany, that has traditionally been government’s role, and that has made the German regulatory environment one of the fiercest in the world for foreign enterprises and organizations. U.S. companies in particular are often reluctant to enter the German market for fear of running afoul of the strict laws, but the same actually goes for the EU as a whole. Witness Amazon Web Services decision to build two separate clouds, one (based in Dublin) for Europe and another for the rest of the world.

So it may come as a surprise to hear a voice raised in Germany demanding a whole new deal on data protection. Sven Gábor Jánszky is head on 2B Ahead, a think tank based in Halle, a backwoods town in the wilds of former East Germany. Presumably that gives him enough time to think deeply about serious issues such as Digital Identity.

His solution may sound simple – let business take care of it – but it isn’t. And especially coming from someone in the typically paternalistic Old Europe, it’s downright seditious.

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Digitales Recycling

Dienstag, 09. März 2010

Mein Masseur kam gerade aus Vancouver zurück, wo er die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft betreut hat (nein, nicht die falsche Massagetechnik war an dem Debakel schuld, sagt er) und er zeigte stolz den USB-Stick, auf dem die IOK allen Teilnehmern die Informationsunterlagen überreicht hat. Es hat einen schönen Bändel mit bunten olympischen Ringen, damit man es um den Hals hängen und sich damit als echten Olympikonen ausweisen konnte. Und wir kamen ins Erzählen. Ich habe eine ganze Schublade voll mit solchen Sticks, denn inzwischen gibt es ja keine Pressemappen mehr aus Papier. Statt dessen bekommt man als Journalist bei jeder Pressekonferenz eine Stick, da sind alle Texte und Bilder drauf.

Natürlich löschen wir die gleich wieder, weil wir ja den USB-Stick für andere Dinge verwenden wollen. Mein Masseur hat es genauso gemacht: “Wir haben uns alle gegenseitig damit die Digitalfotos ausgetauscht, die wir bei Olympia gemacht haben”, meinte er. Was uns zweierlei lehrt: Erstens, dass nichts so vergänglich ist wie digitale Daten und zweitens, dass die Technik oft für Dinge verwendet wird, für die sie gar nicht gedacht war.

Vor allem erinnerte mich das alles an meine frühe Journalisten-Jugend bei der Rhein-Neckar-Zeitung in Heidelberg. Das heißt: Mich hat es in den hintersten Winkel von badisch Sibirien verschlagen, das “Madonnenländchen” rund um Buchen im Odenwald, der letzte Außenposten der RNZ, bevor man Feindesland betrat, nämlich das Verbreitungsgebiet der Main-Tauber-Post (ob es die noch gibt?). Wir schrieben damals unsere Texte auf der alten Olympia “Monika”, und wir schrieben sie auf der Rückseite von alten Pressemitteilungen, weil unser Verleger, der alte Dr. Hermann Knorr, das mal in einem Rundschreiben an alle Redakteure und Volontäre festgelegt hat. Er war eben ein sparsamer Mann, und neues Papier war teuer.

Der alte Knorr hat sich sogar selbst übertroffen: Ihm war aufgefallen, dass einige von uns ein ganzes Blatt benützten, um eine kurze Meldung zu schreiben. Das machte ihn wütend, und so kam eines Tages ein neues Rundschreiben, in dem wir gehalten wurden, ein halb vollgeschriebenes Blatt in der Mitte abzureißen und die unter Hälfte für die nächste Meldung zu verwenden. Wohlgemerkt: Es handelte sich um Papier, dass ihm die Pressestellen und Agenturen geschenkt hatten, indem sie uns darauf ihre Pressemeldungen schickten.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Geschichte eine Moral hat, aber sie fiel mir eben ein angesichts der unverhofften und vermutlich auch ungewollten Zweitverwendung der teuren Nachrichtenträger. Aber vielleicht die, dass Texter schon immer und lange vor dem Zeitalter von Blogs und Leser-Reportern mit unserer eigenen Vergänglichkeit leben mussten. Worin wurde früher Fisch eingewickelt? Na, klar: Mit der Zeitung von gestern…

Mein einziger Zeuge

Sonntag, 07. März 2010

Ein Leben für die Gerechtigkeit

Ich war letzte Woche in Hamburg. Eigentlich hätte ich die die Reise sparen können, denn ich habe diese Runde 0:1 verloren. Es hat sich aber trotzdem gelohnt, denn ich habe dadurch Rolf Schädike kennengelernt.

Nochmal kurz zum Prozess: Es ging um eine Einstweiligen Verfügung, die Frank Schirrmacher gegen mich erwirkt hat wegen eines Zitates, das u.a. auf czyslansky.net erschien und in dem ich behauptet habe, seine in seinen Büchern und Artikeln verwendeten Methoden erinnerten mich an die großer Propagandamacher der deutschen Geschichte und insbesondere an die Instrumentalisierung der Juden während der Machtergreifung 1933. Schirrmacher fühlt sich dadurch von mir geschmäht, ich hätte ihn damit sittlich auf eine Stufe mit den Antisemiten gestellt, und die Richter der Pressekammer des Landgerichts sehen das auch so. Mein Anwalt. Prof. Gero Himmelsbach von der Kanzlei Romatka Partner in München, will erst noch die Urteilsbegründung abwarten, und dann entscheiden wir, ob wir vors Oberlandesgericht ziehen. Aber das ist jetzt nicht so wichtig.

Wichtig war der unscheinbare Mann mit den schütteren grauen Haaren und der großen Brille, der als Zuhörer in der Ecke saß und fleißig mitschrieb. Ich habe ihn nicht weiter beachtet, mich interessierte viel mehr das Reporterteam der BILD-Zeitung, die mit Fotografen angereist waren. Der Tipp sei “aus Berlin” gekommen, sagte mir die Kollegin. Dass Schirrmacher und BILD-Chef Kai Dieckmann dicke Freunde sind, ist bekannt.

Jedenfalls habe ich Rolf Schälike glatt übersehen, und darüber ärgere ich mich sehr. Denn Schädike ist der Erfinder von “buskeismus.de “, ein Blog, das sich mit der unter Juristen bekannten Tendenz gewisser Hamburger Richter auseinandersetzt, im Zweifel gegen die Meinungsfreiheit zu urteilen. Der Name leitet sich ab vom Vorsitzenden Richter Andreas Buske, und die Kammer nennt Schälike seit Jahren die “Zensurkammer”. Das wusste ich – ich wusste nur nicht, wie Rolf Schälike aussieht, was angesichts seiner vermutlich bewusst gepflegten Unscheinbarkeit vielleicht verzeihlich ist.

Umso erstaunter war ich, als gestern unter einem Beitrag, den ich auf meiner privaten Homepage, www.cole.de , geschrieben hatte, auf einmal ein kleiner Kommentar auftauchte, unter dem der Name “Rolf Schälike” stand. Ich habe ihm sofort eine Mail geschrieben, und bekam tags darauf eine ellenlange Antwort, die hier ganz wiederzugeben den Rahmen sprengen würde, aus der ich aber gerne folgendes zitieren will:

“Ich hoffe, Sie verzeihen mir. Ich habe Sie nicht angesprochen, weil die so genannten Qualitätsjournalisten – Niggemeier, Weinreich u.a. zu mir Distanz üben, und ich erst dabei bin, von denen ernst genommen zu werden. Ich wollte auch bei Ihnen keine Enttäuschung erleben.

Die Verhandlung erwies sich für mich als die Top-Verhandlung, denn Faschismus und zwar der gewöhnliche Faschismus ist mein zentrales Thema.

In Deutschland gibt es einige Tabu-Themen und Tabu-Wörter, dazu gehören auch Vergleiche mit der Nazizeit oder mit der Stasi. Es wäre schade, wenn Sie nicht weiter machen würden. Es wäre wichtig, das bis zum BVerfG durchzuklagen. Es muss doch Interessenten geben, welche dieses Thema auch finanzieren würden. Verlage und die Presse wird es nicht sein. Gehen Sie keinesfalls in Berufung. Warten Sie das Hauptsachverfahren ab. Sie haben Zeit. Inzwischen kann man die Solidarität ausbauen und sich Gedanken über die Finanzierung machen.

Bei den Zensurkammern zu verlieren dürfte keine Schande sein. Sehen die meisten allerdings anders. Sie vertrauen den Richtern und deren Rechtsprechung. Es ist zu verstehen, die Hörigkeit.

Ich propagiere öffentlich weniger Ihre Argumente als die Tatsache, dass der Herausgeber der FAZ  Zensur übt. Vielleicht ist das sogar gegen meine persönlichen Interessen, weil die FAS z.B. mich in den konservative Kreisen mit dem beiliegenden Artikel  hoffähig gemacht hat.”

Angehängt war ein Artikel aus der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” von 28. Juni 2009, in dem es unter der Überschrift “Der einzige Zeuge ” um den Menschen Rolf Schälike ging und um seine Mission. Er sei der “Kammergeist”, schreibt Autor Birger Menke, und beschreibt die “regelrechte Furcht von Anwälten, ins Visier von Schädike zu geraten”. O-Ton FAS:

“Auf seiner Website veröffentlicht Schälike seine Gerichtsprotokolle, die freilich aufgrund einer Fülle von orthographischen und grammatikalischen Fehlern oft wenig seriös daherkommen. Hier macht die selbsternannte Pseudoöffentlichkeit die Verhandlungen öffentlich – und fuhrt viele Verfahren ad absurdum: Als etwa die Mörder des Schauspielers Walter Sedlmayr Onlinemedien verklagten, in deren Archiven weiterhin Berichte mit der vollen Namensnennung zu finden waren, berichtete Schälike über den Prozess – ohne zu anonymisieren. Beantragt ein Betroffener eine einstweilige Verfügung, muss er einplanen, dass Schälike über die Verhandlung schreiben wird und der Fall so weiter aufgebauscht wird. Ein publizistischer Judo-Trick: Oft schafft so erst die Klage selbst die Aufmerksamkeit für die Details, die die Kläger aus der Welt schaffen wollen.”

Auch mein Fall ist also jetzt zumindest “pseudoöffentlich” (hier der Link zu seinem Gerichtsprotokoll ). Er habe das getan, weil “es nicht einfach ist, den gewöhnlichen Faschismus konkret mit Namensnnennung und Denk- sowie Verhaltensweisen in Deutschland zu thematisieren”, schreibt Schälike. “Damit ist für mich  das Ganze mit dem Faschsmus- und Nazivergleich ein sehr politisches Thema. Die wissensachaftlichen und publizistischen Untersuchungen geraten an die Grenzen politischer Interessen (Manipulation und Wählerstimmen). Na ja…”

Herr Schädike hat mich gebeten, ihm die Einstweilige Verfügung zu schicken, die das Hamburger Landgericht gegen mich erwirkt hat. Er möchte es veröffentlichen, denn das darf er.

Rolf Schälike sei der “Michael Kohlhas der deutschen Juristerei”, sein Einsatz “so bewundernswert wie sein aufklärerisches Motiv”, schrieb die FAS. Rolf Biermann, für den sich der junge Rolf Schälike – aufmüpfiger Sohn strammer DDR-Kommunisten und selbst kurzzeitig bis zu seinem Rausschmiß SED-Mitglied – nannte ihn 2001, als man ihm den Georg-Büchner-Preis verlieh, in seiner Dankesrede einen “Schluck Wahrheit in den Wüsten der Lüge”.

Ob Herr Schirrmacher, der als Journalist selbst die “Zensurkammer” gegen einen Berufskollegen wie mich angerufen hat, das auch so sehen würde, wage ich zu bezweifeln. Aber er arbeitet ja für eine andere Zeitung. Die erscheint nur unter der Woche. Am Sonntag darf bei der Franfurter Allgemeinen dann die Wahrheit raus…

Aber eigentlich müßte ich ja Schirrmacher dankbar sein, denn durch ihn habe ich wenigstens einen flüchtigen Blick auf Rolf Schälike werfen dürfen.

 

Ich war letzte Woche in Hamburg. Eigentlich hätte ich die die Reise sparen können, denn ich habe diese Runde 0:1 verloren. Es hat sich aber trotzdem gelohnt, denn ich habe dadurch Rolf Schädike kennengelernt.

Nochmal kurz zum Prozess: Es ging um eine Einstweiligen Verfügung, die Frank Schirrmacher gegen mich erwirkt hat wegen eines Zitates, das u.a. auf czyslansky.net erschien und in dem ich behauptet habe, seine in seinen Büchern und Artikeln verwendeten Methoden erinnerten mich an die großer Propagandamacher der deutschen Geschichte und insbesondere an die Instrumentalisierung der Juden während der Machtergreifung 1933. Schirrmacher fühlt sich dadurch von mir geschmäht, ich hätte ihn damit sittlich auf eine Stufe mit den Antisemiten gestellt, und die Richter der Pressekammer des Landgerichts sehen das auch so. Mein Anwalt. Prof. Gero Himmelsbach von der Kanzlei Romatka Partner in München, will erst noch die Urteilsbegründung abwarten, und dann entscheiden wir, ob wir vors Oberlandesgericht ziehen. Aber das ist jetzt nicht so wichtig.

Wichtig war der unscheinbare Mann mit den schütteren grauen Haaren und der großen Brille, der als Zuhörer in der Ecke saß und fleißig mitschrieb. Ich habe ihn nicht weiter beachtet, mich interessierte viel mehr das Reporterteam der BILD-Zeitung, die mit Fotografen angereist waren. Der Tipp sei “aus Berlin” gekommen, sagte mir die Kollegin. Dass Schirrmacher und BILD-Chef Kai Dieckman dicke Freunde sind, ist bekannt.

Ich habe ihn nicht weiter beachtet, mich interessierte viel mehr das Reporterteam der BILD-Zeitung, die mit Fotografen angereist waren. Der Tipp sei “aus Berlin” gekommen, sagten sie mir. Dass Schirrmacher und BILD-Chef Kai Dieckman dicke Freunde sind, ist bekannt.

Jedenfalls habe ich Rolf Schälike glatt übersehen, und darüber ärgere ich mich sehr. Denn Schädike ist der Erfinder von “buskeismus.dehttp://i.ixnp.com/images/v6.21/t.gif“, ein Blog, das sich mit der unter Juristen bekannten Tendenz gewisser Hamburger Richter auseinandersetzt, im Zweifel gegen die Meinungsfreiheit zu urteilen. Der Name leitet sich ab vom Vorsitzenden Richter Andreas Buske, und die Kammer nennt Schälike seit Jahren die “Zensurkammer”. Das wusste ich – ich wusste nur nicht, wie Rolf Schälike aussieht, was angesichts seiner vermutlich bewusst gepflegten Unscheinbarkeit vielleicht verzeihlich ist.

Umso erstaunter war ich, als gestern unter einem Beitrag, den ich auf meiner privaten Homepage, www.cole.dehttp://i.ixnp.com/images/v6.21/t.gif, geschrieben hatte, auf einmal ein kleiner Kommentar auftauchte, unter dem der Name “Rolf Schälike” stand. Ich habe ihm sofort eine Mail geschrieben, und bekam tags darauf eine ellenlange Antwort, die hier ganz wiederzugeben den Rahmen sprengen würde, aus der ich aber gerne folgendes zitieren will:

“Ich hoffe, Sie verzeihen mir. Ich habe Sie nicht angesprochen, weil die so genannten Qualitätsjournalisten – Niggemeier, Weinreich u.a. zu mir Distanz üben, und ich erst dabei bin, von denen ernst genommen zu werden. Ich wollte auch bei Ihnen keine Enttäuschung erleben.

Die Verhandlung erwies sich für mich als die Top-Verhandlung, denn Faschismus und zwar der gewöhnliche Faschismus ist mein zentrales Thema.

In Deutschland gibt es einige Tabu-Themen und Tabu-Wörter, dazu gehören auch Vergleiche mit der Nazizeit oder mit der Stasi. Es wäre schade, wenn Sie nicht weiter machen würden. Es wäre wichtig, das bis zum BVerfG durchzuklagen. Es muss doch Interessenten geben, welche dieses Thema auch finanzieren würden. Verlage und die Presse wird es nicht sein. Gehen Sie keinesfalls in Berufung. Warten Sie das Hauptsachverfahren ab. Sie haben Zeit. Inzwischen kann man die Solidarität ausbauen und sich Gedanken über die Finanzierung machen.

Bei den Zensurkammern zu verlieren dürfte keine Schande sein. Sehen die meisten allerdings anders. Sie vertrauen den Richtern und deren Rechtsprechung. Es ist zu verstehen, die Hörigkeit.

Ich propagiere öffentlich weniger Ihre Argumente als die Tatsache, dass der Herausgeber der FAZ  Zensur übt. Vielleicht ist das sogar gegen meine persönlichen Interessen, weil die FAS z.B. mich in den konservative Kreisen mit dem beiliegenden Artikel  hoffähig gemacht hat.”

Angehängt war ein Artikel aus der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” von 28. Juni 2009, in dem es unter der Überschrift “Der einzige Zeugehttp://i.ixnp.com/images/v6.21/t.gif” um den Menschen Rolf Schälike ging und um seine Mission. Er sei der “Kammergeist”, schreibt Autor Birger Menke, und beschreibt die “regelrechte Furcht von Anwälten, ins Visier von Schädike zu geraten”. O-Ton FAS:

“Auf seiner Website veröffentlicht Schälike seine Gerichtsprotokolle, die freilich aufgrund einer Fülle von orthographischen und grammatikalischen Fehlern oft wenig seriös daherkommen. Hier macht die selbsternannte Pseudoöffentlichkeit die Verhandlungen öffentlich – und fuhrt viele Verfahren ad absurdum: Als etwa die Mörder des Schauspielers Walter Sedlmayr Onlinemedien verklagten, in deren Archiven weiterhin Berichte mit der vollen Namensnennung zu finden waren, berichtete Schälike über den Prozess – ohne zu anonymisieren. Beantragt ein Betroffener eine einstweilige Verfügung, muss er einplanen, dass Schälike über die Verhandlung schreiben wird und der Fall so weiter aufgebauscht wird. Ein publizistischer Judo-Trick: Oft schafft so erst die Klage selbst die Aufmerksamkeit für die Details, die die Kläger aus der Welt schaffen wollen.”

Auch mein Fall ist also jetzt zumindest “pseudoöffentlich” (hier der Link zu seinem Gerichtsprotokollhttp://i.ixnp.com/images/v6.21/t.gif). Er habe das getan, weil “es nicht einfach ist, den gewöhnlichen Faschismus konkret mit Namensnnennung und Denk- sowie Verhaltensweisen in Deutschland zu thematisieren”, schreibt Schälike. “Damit ist für mich  das Ganze mit dem Faschsmus- und Nazivergleich ein sehr politisches Thema. Die wissensachaftlichen und publizistischen Untersuchungen geraten an die Grenzen politischer Interessen (Manipulation und Wählerstimmen). Na ja…”

Herr Schädike hat mich gebeten, ihm die Einstweilige Verfügung zu schicken, die das Hamburger Landgericht gegen mich erwirkt hat. Er möchte es veröffentlichen, denn das darf er.

Rolf Schälike sei der “Michael Kohlhas der deutschen Juristerei”, sein Einsatz “so bewundernswert wie sein aufklärerisches Motiv”, schrieb die FAS. Rolf Biermann, für den sich der junge Rolf Schälike – aufmüpfiger Sohn strammer DDR-Kommunisten und selbst kurzzeitig bis zu seinem Rausschmiß SED-Mitglied – nannte ihn 2001, als man ihm den Georg-Büchner-Preis verlieh, in seiner Dankesrede einen “Schluck Wahrheit in den Wüsten der Lüge”.

Ob Herr Schirrmacher, der als Journalist selbst die “Zensurkammer” gegen einen Berufskollegen wie mich angerufen hat, das auch so sehen würde, wage ich zu bezweifeln. Aber er arbeitet ja für eine andere Zeitung. Die erscheint nur unter der Woche. Am Sonntag darf bei der Franfurter Allgemeinen dann die Wahrheit raus…

Aber eigentlich müßte ich ja Schirrmacher dankbar sein, denn durch ihn habe ich wenigstens einen flüchtigen Blick auf Rolf Schälike werfen dürfen.