Archiv für Juli 2012

Warum laufen Sie eigentlich, Herr Cole?

Dienstag, 31. Juli 2012

“Das Laufen ist Gelegenheit, zu sich zu kommen und Dinge zu realtivieren, die einen aufregen oder beschäftigen. Aber vor allem bringt es einem dieses unbeschreibliche Runner’s High: Du biegst um die Ecke und siehst das Ziel. Plötzlich ist die ganze Müdigkeit weg, die ganzen Schmerzen. Der Körper beginnt, sein eigenes Rauschgift zu produzieren. Du scheinst die letzten paar Meter wie auf einer Wolke zu schweben. Okay, hinterm Ziel brichst du antürlich ein bisschen zusammen, aber da wartet ja schon die Ehefrau mit dem Bier…”

(O-Ton aus dem Interview, das ich im Ziel beim Müchner STadtlauf 2012 gegeben habe und das inzwischen aufYouTube zu sehen ist.

Jeezebel ist vorübergegend nicht erreichbar

Dienstag, 31. Juli 2012

Für Charles Wilson und seine Braut Te’Andrea sollte es der schönste Tag in ihrem Leben werden. Sie wollten sich am Altar des First Baptist Church in ihrer Heimatstadt Crystal Springs im US-Bundesstaat Mississippi, wo sie seit vielen Jahren jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen, das Jawort geben. Sie hatten schon die Einladungen gedruckt und verschickt, die Gäste waren angemeldet, der Tisch im Lokal für die Brautfeier gebucht. Aber am Tag vor der Trauung rief ihr Pfarrer, Dr. Stan Weatherford, an und sagte ab. Sie mögen sich bitte einen anderen Ort für ihre Trauung aussuchen. Wenn er ein schwarzes Paar in seiner Kirche trauen würde, dann wäre er seinen Job los.

Ich schäme mich als Amerikaner, diese Zeilen schreiben zu müssen. Aber ich bin stolz auf das, was dann kam: Es brach ein Sturm der Entrüstung über die kleine Kirche aus rotem Backstein herein, wie ihn höchstens seinerzeit Jonas erleben durfte, als Gott sauer auf ihn war und die Elemente so lange wüten ließen, bis ihn die Seefahrer über Bord und geradewegs ins Maul des Walfischs warfen, woraus sich die Wogen schlagartig wieder glätteten. Pass bloß auf, wenn du ans Wasser gehst, Pater Weatherford! (weiterlesen …)

Nur Bares ist Wahres – oder?

Freitag, 20. Juli 2012

Wo bleibt mein Caramel Mocha Frappuccino?

Eine Bekannte erzählte mir, sie habe neulich aus einer Laune heraus einer Freundin in einer anderen Stadt einen Brief geschrieben, und zwar mit der Hand! Das habe sie seit Jahren nicht mehr getan, und auch die Freundin war wohl überrascht; jedenfalls bedankte sie sich am Telefon ganz, ganz herzlich. Es sei halt doch eine andere Qualität der Kommunikation.

Am gleichen Tag las ich inder New York Times einen Artikel mit der Überschrift: „Pay by app: No cash or card needed.“ In den USA, so der Technikredakteur der NYT, David Pogue, zeichne sich langsam das Ende von Bargeld ab. Nun sind meine Landsleute ja schon lange ausgewiesene Kartenzahler: Man bezahlt auch schon längst in New York am Zeitungskiosk per Karte für seine Times-Ausgabe. Aber bislang war das eine recht einseitige Sache, denn nur Händler, die mit einer Kartenfirma einen Vertrag hatten, konnten Plastikgeld kassieren. Wer beispielsweise seinen Babysitter bezahlen musste, tat das mit Münzen und Scheinen. Zumindest in Amerika hat jeder Taxifahrer einen Kartenleser, aber der freundliche Hotelportier, der einem beim Aussteigen aus dem Taxi half, erwartete sein Trinkgeld in bar. (weiterlesen …)

Pinchas Problem

Freitag, 13. Juli 2012

Klarer Fall von geistiger Vorhautverengung

Der Europäische Rabbinerrat hat gegen das Kölner Beschneidungsurteil protestiert und indirekt mit einem Exodus aller Juden aus Deutschland gedroht, wenn sich diese Rechtsauffassung durchsetze. Das sei ein „fundamentales Problem für die weitere Existenz der jüdischen Gemeinden“ hierzulande, sagte Ratspräsident Pinchas Goldschmidt. Was mich ein bisschen an die Headline in der London „Times“ erinnert, als einmal dichter Nebel über dem Ärmelkanal wabberte: „Continent cut off“, lautete die Schlagzeile damals. Das ist einerseits lustig, weil es den insularen britischen Größenwahn so schön dokumentiert, andererseits aber wegen des Wortspiels: Auch im vorliegenden Fall geht es ja ums Abschneiden, allerdings eines Stückchen recht überflüssiger Haut am Gliedende von Kleinstknaben. Muslims und Juden praktizieren diesen Brauch gleichermaßen, letztere angeblich zum Angedenken an einen mysteriösen „Bund“, den einst Abraham mit Jehova schloss und der dem Volk Israels einen gewissen Alleinstellungsanspruch unter den Völkern der Erde gewährleisten soll.

Als erklärter Religionshasser bin ich natürlich dafür, solche barbarischen, auf Irr- und Aberglaube beruhenden Gebräuche mit Stumpf und Stiel (pardon…) auszurotten. Sich auf „Religionsfreiheit“ zu berufen klingt für mich so, wie wenn ein Anstaltsinsasse sich auf die „Freiheit der Geisteskrankheit“ beruft.

Wenn ich aber andererseits bei der Morgentoilette an mir herab blicke, sehe ich immer ein beschnittenes Glied, denn ich bin Amerikaner, und dort gehört das Entfernen der Vorhaut in den ersten Lebensstunden genauso selbstverständlich zum Geburtsvorgang wie das Abschneiden der Nabelschnur – ein Brauch, mit dem sich meines Wissens noch kein deutsches Gericht auseinander gesetzt hat. Allah und Jehova sei Dank! (weiterlesen …)

Bayerisch, bissig – blöd?

Mittwoch, 04. Juli 2012

A Moß Apfelschorle, bittschön! (Foto: BR)

 

Helmut Markwort gibt gerne den Bayern, obwohl er, wie alle Welt weiß, im hessischen Darmstadt geboren wurde. Aber als langjähriger Chef von Burdas “Focus”, deren Redaktion in München sitzt, ist er natürlich entsprechend bayerisch sozialisiert, und so nimmt ihm auch keiner übel, dass er in der Sendung “Sonntags-Stammtisch” den Oberbayer raushängt und zwischendurch auch mal kräftig an der Maß zieht. Darin befindet sich, so denkt man als Fernsehzuschauer, natürlich auch richtig gescheites bayerisches Bier, gebraut nach dem Reinheitsgebot, dass unser guter Herzog Wilhelm IV. 1516 auf dem Bayerische Landständetag zu Ingolstadt verkünden ließ. Und so erklärt es sich, dass es in den Diskussionen am Fernseh-Stammtisch (Motto: “bayerisch, bissig, bunt!”) manchmal genauso hoch hergeht wie in einem oberbayerischen Wirtshaus, was der Sendung im Übrigen offenbar sehr gut tut, denn zur großen Überraschung selbst der Fernsehmacher ist die Sendung mittlerweile zu einem echten Quoten-Renner geworden. Man munkelt etwas von 14 Prozent, was einem solchen Nischensender wie dem Bayerischen Fernsehen auch nicht alle Tage gelingt.

Man könnte also eigentlich ganz schön stolz sein auf sich und Herrn Markwort. Tatsächlich aber macht sich zumindest ein Teil der Redaktion Sorgen um den Ruf des Senders, der sich ja schließlich “öffentlich-rechtlich” nennt und daraus auch einen so genannten “Programmauftrag” ableitet. Was der genau ist, weiß niemand, denn der Begriff ist recht schwammig. Klar ist nur, dass darin eine Verpflichtung zur Ausgewogenheit der Berichterstattung (was immer man darunter verstehen mag) sowie die Achtung der Menschenwürde zu subsummieren ist.

Manche legen den Programmauftrag aber auch sehr viel weiter aus und sehen es deshalb als Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders an, die Zuschauervor sich selbst zu schützen und sich zur moralischen Instanz aufzumanderln. Und so berichten zuverlässige Quellen, dass es in der letzten Redaktionskonferenz des Bayerischen Fernsehens ähnlich hoch herging wie an einem Wirtshaus- oder einem Fernseh-Stammtisch. (weiterlesen …)

Selbstjustiz 2.0

Sonntag, 01. Juli 2012

Alle Welt beneidet Frankreich bekanntlich um seine Bürokraten. Fleißig sind sie, sparsam und vor allem einfallsreich. Eine Kostprobe ihres Könnens haben sie soeben mit der Einführung des Selbsttests für Alkoholsünder am Steuer geliefert. Wie Bild gestern vermeldete müssen Auto- und Motorradfahrer ab heute neben Warndreieck, Erste-Hilfe-Kasten und grellbunter Pannenweste auch einen Alkohol-Testset im Handschuhfach mit sich führen. Den “Ethylotest” (“a usqage unique”) gibt es in Frankreich landauf, landab  in Supermärkten und Apotheken zu kaufen (in Deutschland allerdings erst ab Herbst) und kostet 1,50 Euro. Sie bestehen aus einem Röhrchen und einem Plastikbeutel, in das man bei Aufforderung durch einen nicht minder fleißigen französischen Ordnungsbeamten hinein zu blasen hat um festzustellen, ob man im Urlaub seinem Wunsch, wie Gott in Frankreich zu leben, womöglich zu sehr ausgelebt und dabei allzu tief in sein Glas Burgunder, Bordeaux oder Cognac geschaut hat.

Die Idee mit dem Self-Service für Alkoholsünder ist ein genialer Zug der Gallier, und er ist nachahmenswert. Er sollte vor allem unseren deutschen Bürokraten, die ja nicht minder fleißig, sparsam und einfallsreich sind, als Ansporn dienen, sich selbst kreativ dem Thema Selbstbedienung im Öffentlichen Dienst zu nähern. (weiterlesen …)