Mit ‘Kambodscha’ getaggte Artikel

Ein anderes Bild von Kambodscha

Samstag, 29. Mai 2010

Immer lächeln – auch wenn’s schwer fällt

Ein paar Tage in Phnom Penh genügen, um dem Kambodscha-Besucher die letzten Illusionen zu verhageln. Schuld sind die Hilfsorganisationen, von denen es angeblich über 2.000 hier gibt, und die zusammen ungefähr so viel zum Bruttosozialprodukt des Landes beitragen wie der Rest der Wirtschaft. Anders ausgedrückt: Kambodscha hängt am Tropf der „NGOs“, der non-government organizations“, deren westlichen Mitarbeiter von morgens bis abends die vielen Cafes und Bars entlang des Mekong zu bevölkern scheinen, wo sie den Neulingen ihre immer gleichen Geschichten erzählen von Korruption, Zwangsenteignung und Landvertreibung, von Militäreinheiten im Sold von Konzernen und krummen Politikern, von Menschen- und vor allem Mädchenhandel und von einem verstarrten System der Vetternwirtschaft. Nein, in Kambodscha bewegt sich nichts, sagen sie, und bestellen sich noch einen Latte.

Sok Siphana erzählt eine ganz andere Geschichte. Zum Beispiel diese: „We don’t need another economist, we need business people.“ Seitdem das Pol Pot-Regime die Elite des Landes in den 70er Jahren in die Killing Fields getrieben und damit das Land mehr oder weniger führungslos zurückgelassen hat, streiten nämlich Volkswirtschaftler und Unternehmensberater darüber, wie der Übergang von einer kaputten Planwirtschaft zu einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft zu bewerkstelligen sei. Sie kommen damit nicht weiter, weil sie regelmäßig an den Eigeninteressen der mächtigen Familienclans scheitern, die alle Schaltstellen von Politik, Bürokratie und Wirtschaft unter sich aufgeteilt haben.

Auch Sok Siphana gehört zu einem solchen Familienverbund. Seine Frau ist die Schwester eines Ministers, er selbst war eine Zeitlang Regierungsmitglied, verhandelte erfolgreich den Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO. Aber dann stieg er aus und ging nach Genf zum Internationalen Handelszentrum der UNO, ging noch einmal zurück an die Uni in Neuseeland und schrieb seine zweite Doktorarbeit zum Thema „Role of Law and Legal Institutions in Cambodia Economic Development: Opportunities to Skip the Learning Curve”, in dem er argumentierte, dass Kambodscha eine Abkürzung nehmen soll auf dem Weg zu einem stabilen Rechtsstaat, indem es auf den Lehren anderer aufbauen soll statt erst mal selbst alle typischen Anfängerfehler zu machen – ein ehrgeiziges Ziel in einer Region, die von mehr oder weniger „benevolent autocracies“ – wohlmeinende Alleinherrschaften – umgeben ist.

Als er die Abhandlung fertig hatte, ging er zurück nach Phnom Penh und gründete eine kleine Anwaltsfirma, um seine Theorie in die Praxis umzusetzen. Heute hilft er Firmen, ihre Rechtsansprüche in dem undurchsichtigen Geflecht von Abhängigkeiten und Beziehungen zwischen Richtern und Politikern durchzusetzen. Aber anders als die abgebrühten NGO-Typen in den Cafes strahlt Sol Siphana Optimismus und Aufbruchstimmung aus. „Let’s face it, we have a lot of crooks“, sagt er: Ja, es gibt bei uns einen Haufen Ganoven, aber die Zeiten seien vorbei, wo es genügte, einen Minister zu kennen und schon lief alles wie geschmiert. In den letzten Jahren seien eine Menge talentierter junger Menschen von den Unis gekommen, hätten Firmen gegründet und Geld verdient. „The time of opportunistic growth is over“, sagt er: Vorbei die Zeiten des Zusammenraffens und Schiebens, jetzt seien gezielte und langfristige Investitionen gefragt, echte Partnerschaften. Der Schwerpunkt verschiebe sich weg von Landbesitz und Immobilien hin zu richtiger Produktion. Die neuen Wirtschaftszonen, die an allen Ecken und Enden des Landes eingerichtet worden sind, seien ein deutlicher Fingerzeig, wohin die Reise geht. „Cambodia ist he most capitalistic country in the world after the United States“, sagt er, und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Sol Siphana sieht Kamboschas Zukunft darin, wieder als Drehkreuz Südostasiens zu fungieren, so wie es in den 50ern und 60ern war, als man hier noch Schwerindustrie hatte und sogar Automobilbau. „We are caught between two ideologies, but we’re also nicely caught between two huge markets“, sagt er – auf der einen Seite die aufstrebenden „small tigers“ wie Malaysia, Thailand, Indonesien und Vietnam, auf der anderen der riesige postkommunistische Moloch China mit seinen unersättlichen Märkten. Kambodscha könnte die Zwischenstation sein, der Service Provider, ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette und das Logistikzentrum der ganzen Region. Gut, der Tiefseehafen in Sianoukville hängt seit Jahren im Projektstadium fest, aber es gibt Straßen in alle Nachbarstaaten, die Transportkosten sind gering, die Mobilität hoch.

Das Haupthindernis ist, das weiß auch er, das Fehlen eines stabilen, verlässlichen Rechtssystems. Die Kambodschaner sind Buddhisten, für sie sind Familienstrukturen wichtig. Sie bilden die eigentlichen Beziehungsnetzwerke des Landes. Die Richter des Landes verstehen sich als verlängerter Arm der Regierung, eine Firma bekommt nur dann ihr Recht, wenn sie die richtigen Minister oder Staatssekretäre kennt. Es hat also keinen Sinn, vor Gericht zu gehen. „Okay, dann gehen Sie eben nicht vor Gericht. Es gibt andere Wege für mich, meine Anwaltsgebühren zu verdienen, nämlich durch direktes Verhandeln, oder indem ich mit den richtigen Leuten rede.“

Und das seien zunehmend nicht mehr die alten Männer an der Machtspitze, sondern die jungen Menschen, die inzwischen massenweise nachrücken. „Die Revolutions-Generation ist inzwschen über 70, die machen es nicht mehr lange“, sagt er. Ein paar Jahre noch, und dann werden sich viele Probleme des Landes von alleine lösen. Inzwischen mache der Wirtschaftswachstum, der sogar in den Krisenjahren angehalten hat, den Alten an der Spitze Mut zum Wandel: „Sie fühlen sich sicher und trauen sich deshalb, die Zügel ein wenig nachzulassen. Diese Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen, und das ist gut so.“

Das Gespräch mit Sol Siphana dauert zwei Stunden. Danach hat man ein ganz anderes Bild von Kambodscha. Ja, es wird einen Generationenwechsel brauchen bis sich wirklich etwas bewegt in diesem Land, das dabei ist, das Trauma der Killing Fields abzuschütteln und sein riesiges Potenzial endlich auszuleben. Nur kann das schneller gehen, als viele NGO-Vertreter sich in den Bars und Cafes in düsterem Ton zuraunen. Wie sagte er zum Abschied? „Kamboscha ist auf dem Weg, der nächste Tiger zu werden!“

 

Kämpferherz und Kokosmilch

Montag, 24. Mai 2010

Kek Galabru ist eine schmale, elegante Frau und einer etwas flachen Nase, von der sie ihre Abstammung von den Mongolen Dschingis Khans ableitet, die im 13ten Jahrhundert bis nach Kambodscha vorgedrungen sind. Von ihnen habe sie wohl auch ihr Kämpferherz geerbt, meint sie lächelnd. Denn Kek ist eine echte Kämpfernatur, auch wenn es bei ihr beim Boxen vermutlich nicht einmal für die Federgewichtsklasse  reichen würde. Ich könnte jedenfalls ihren Unterarm mühelos mit Daumen und Zeigefinger umspannen.

Wenn Kek bei uns nicht so bekannt ist wie ihre burmesische Kollegin Aung San Suu Kyi, dann vielleicht deshalb, weil man sie in Kambodscha noch frei herumlaufen lässt. Der Staat ist dringend auf das Wohlwollen der internationalen Gebergemeinschaft angewiesen. Bis zu 50% des Bruttosozialprodukts des Landes stammen, so wird gemunkelt, aus Spendentöpfen fremder Regierungen und Hilfsorganisationen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber das ist nicht weiter verwunderlich in einem Land, das laut offizieller Statistik nur 3,7% Arbeitslosigkeit hat, in dem aber Menschen unweit der Hauptstadt Phnom Penh verhungert in ihren Hütten aufgefunden werden. „Die echte Zahl dürfte wohl eher bei über 50 Prozent liegen“, sagte mir ein junger Deutscher, der an einem Hilfsprojekt im Hinterland arbeitet.

Kek Galabrun hat in Paris Medizin studiert und floh 1971vor den Mörderbanden der Khmer Rouge mit ihrer Familie wie viele Kambodschaner nach Kanada. Nach dem Abzug der Vietnamesen, die Pol Pot und seine Schergen vertrieben und das Land zehn Jahre lang besetzt hatten, war sie eine der wichtigsten Vermittlerinnen zwischen Hun Sen, dem durch Putsch an die Macht gekommenen Ministerpräsidenten, und König Norodom Sihanouk, was zum Ende des Bürgerkriegs führte. Hun Sen ist heute nicht sehr gut auf sie zu sprechen, denn mit ihrer Menschenrechtsorganisation LICADRO ist die kleine Kambodschanerin zu einem der laustärksten Gegner seines Regimes geworden, dem sie vorwirft, zum Teil an dem Handel mit jungen Frauen und Kindern beteiligt zu sein, die vor allem den ländliche Gebieten des Lande von ihren Familien vor allem nach Thailand und Malaysia als „Maids“ – in Wahrheit in die Prostitution – verkauft werden.

Kek wirkt alles andere als kämpferisch, wenn sie zu Tisch bittet. Es gibt eine kalte Suppe, aus der ich Kokosmilch und Koriander hervor schmecken kann. Ob das ein typisches kambodschanisches Gericht sei? Nein, lacht sie, das hat mein Mann gerader erfunden. Francois Torres ist Franzose, die beiden haben sich in den Studentenzeiten in Paris kennen- und lieben gelernt. Er ist ganz der Grandsigneur, öffnet mit gekonnter Bewegung eine Flasche Cote du Rhones.

Die anderen Gäste an diesem Abend – ein deutsches Ehepaar, das für eine Hilfsorganisation arbeitet, der amerikanische Militärattaché und seine Frau, der Anwalt ihrer Stiftung, der ebenfalls aus Deutschland stammt, diskutieren bei Fish Amok und französischem Weichkäse über die Verstrickung bestimmter Armeeeinheiten in Landvertreibung und Drogenhandel. Beim Dessert – frische Papaya, eine Art Kürbis, die mit Kokospudding gefüllt ist – kommt das Tischgespräch auf Mord. „Ein Menschenleben ist hier nur ein paar Dollar wert“, sagt Kek. Sie lächelt, als sie das sagt, aber sie lächelt eigentlich immer. Das ist wahrscheinlich asiatische Höflichkeit, vielleicht ist es auch ein Ausdruck von Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit. Die Freundin des Ministerpräsidenten soll von gedungenen Killern erschossen worden sein, angeblich im Auftrag seiner Frau. Alle wissen das, keiner regt sich sonderlich auf. So ist das nun mal.

Vor Kek Galabrus Haus stehen Wachposten. Sie sollen sie beschützen, angeblich jedenfalls. Sie wurde schon für den Friedensnobelpreis nominiert. Hoffentlich lebt sie lange genug, um ihn entgegen zu nehmen. Das ist nämlich ´Grundvoraussetzung: Die Preisrichter in Stockholm vergeben die Auszeichnung niemals postum.