Pursuadables: die schwankende Mehrheit und das drohende Ende der Demokratie

Dieser Beitrag erschien am 29.7.2019

Ich habe mir gestern auf Netflix The Great Hack reingezogen, in dem es um Facebook und Cambridge Analytica geht. Wenn du vorher nicht paranoid bist, nach diesem Film wirst du es ganz bestimmt sein. Wahnsinn, was die Jungs aus scheinbar harmlosen Daten rauskitzeln können! Wie wär’s mit einem detaillierten Persönlichkeitsprofil jedes amerikanischen Wählers, inklusive private Vorlieben und Abartigkeiten? Aber vor allem geht es um eines: deine Beeinflussbarkeit!

Ich habe auch ein neues Wort gelernt. Es geht um die demografische Gruppe der „Pursuadables“. Es macht aus Sicht der Manipulatoren gar keinen Sinn, einen überzeugten Wähler mit Fake News zu überschwemmen in dem Versuch, ihn umzustimmen. Das heißt: Vielleicht würde es Sinn machen, wäre aber viel zu teuer. Man konzentriert sich deshalb auf diejenigen, die entweder auf der Kippe stehen oder gar keine richtige Meinung haben. In unseres polarisierten Gesellschaften genügt es in der Regel, eine Handvoll Wähler zu überzeugen, sagen wir 4 oder 5 Prozent.

Der Film erzählt haargenau, wie CA nacheinander den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und die Brexit-Abstimmung entschieden haben. Das habe ich gewusst, aber was ich nicht wusste ist, dass die Jungs vorher schon jahrelang in demokratische Prozesse auf der ganzen Welt reingepuscht haben. Das waren für sie, wie CA-Mitarbeiter in der Doku freimütig zugeben, nur Fingerübungen, durch die sie Erfahrungen gesammelt haben, die 2016 zu den beiden großen Coupes geführt haben.

Ausführlich wird zum Beispiel die Geschichte erzählt von der Wahl im Jahr 2010 in dem karibischen Inselstaat Trinidad und Tobago. Die Bevölkerung dort besteht zu jeweils ungefähr der Hälfte aus den Nachkommen schwarzafrikanischer Sklaven und zugewanderter Inder, die sich spinnefeind sind. Zusammen mit der indischen Oppositionspartei kochte CA eine Kampagne aus, die „DO SO“ hieß und die darauf abzielte, junge Schwarze davon abzuhalten, wählen zu gehen. Das Ganze war als Protest gegen die ach so korrupte Kaste der Politiker jedwelchen Couleurs getarnt. Und es funktionierte: Die von den Indern unterstützte Oppositionspartei UNC gewann bei einer Wahlbeteiligung von nur 60 Prozent 27 von 41 Parlamentssitzen und löste die (schwarze) Regierungspartei PNM nach neun Jahren erstmals ab.

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, geneigter Leser, aber ich konnte mir bislang nicht so recht vorstellen, wie das gehen soll. Offenbar fliegen da draußen im Social Web Milliarden von falschen Posts herum – aber ich selbst sehe gar keine! Wenn es wirklich so schlimm wäre, müssten meine Facebook- und Twitter-Accounts doch prallvoll davon sein. Fehlanzeige! Im Gegenteil: Ich sehe überwiegend Sachen, die bei mir ein leises Kopfnicken auslösen.

Klar: Ich bin eben kein Pursuadable. CA und die anderen Manipulatoren haben mich genau analysiert und herausgefunden, dass ich ein überzeugter Sozialdemokrat bin. Okay, das liegt an meiner stürmischen Jugend als 68er und an so überlebensgroßen Figuren wie Willi Brand und Helmut Schmidt, den ich sogar persönlich mit seiner Frau Lokki kennenlernen durfte. Mit den Parteien in Deutschland und Österreich, die das „S“ im Namen tragen, hat „meine“ Sozialdemokratie nicht die Spur einer Ähnlichkeit, das sind Witzfiguren. Aber jemand könnte mir noch so viele Mails, Tweets oder YouTube Videos schicken, sie hätten keine Chance, mich von meinem sozialliberalen Standpunkt zu bewegen. Also probieren sie es gar nicht.

Aber in Deutschland wie in Österreich sind die Nichtwähler bekanntlich die stärkste Partei. Dabei war die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen 2019 sogar ungewöhnlich hoch: Sie stieg von 48,1 auf 61,4 Prozent. Hätte irgendeine Partei, sagen wir mal die AfD, es geschafft, nur 10 Prozent dieser 38,6 Prozent durch eine ebenso gezielte wie erlogene Hetzkampagne zu den Wahllokalen zu treiben, wäre sie als stärkste Partei in Europaparlament eingezogen.

Wenn Sie, lieber Leser, es noch nicht getan haben: Schauen Sie sich bitte The Great Hack an. Und seien Sie auf der Hut: Unsere liberale Demokratie westlicher Prägung ist in höchster Gefahr. Und die Gefährlichsten sind die, die sich keine Meinung bilden können oder wollen – denn die sind kinderleicht zu manipulieren!

Dieser Beitrag wurde unter An American in Austria, Pursuadables veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.