Das Metaverse steht vor dem Aus

Wann haben Sie das letzte Mal etwas von Metaverse gehört, das Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor fünf Jahren verkündete und das sich um eine auf riesige, auf Virtual Reality basierende, immersive digitale Welt sein sollte, in der Menschen arbeiten, spielen und sich treffen könnten. Es sollte eine Parallelwelt entstehen, voller Läden, Konferenzräume und Freizeitparks, wo Menschen immer mehr ihrer Zeit verbringen sollten.

Inzwischen ist es irgendwie still geworden um Metaverse, finden Sie nicht?

Der Begriff hat seinen Ursprung in dem Cyberpunk-Roman Snow Crash von Neal Stephenson aus dem Jahr 1992. Darin teilen sich alle Menschen auf der Welt einen „imaginären Ort“, der der Öffentlichkeit über ein weltweites Glasfasernetz zugänglich gemacht und durch eine Virtual-Reality-Brille projiziert wird.

Online-Communities gibt es mindestens seit Mitte der 1980er Jahre, aber das Metaverse könnte eine ganz neue Dimension eröffnen, oder das glauben jedenfalls die Anhänger.  Zuckerberg ging noch vor vier Jahren so weit ging, sein Unternehmen in die sich in Meta Platforms Inc. umzubenennen und es ab 1. Dezember unter dem Kürzel MVRS an der Tech-Börse NASDAC listen zu lassen.

Die hochfliegenden Träume haben sich inzwischen weitgehen verflüchtigt. In den letzten Monaten hat Meta 10 Prozent seiner Mitarbeiter in dem Geschäftsbereich entlassen, der am Metaversum arbeitet, und erklärt, dass seine Flaggschiff-App Horizon Worlds – ein digitales Universum, in dem Menschen über ihre Avatare miteinander interagieren – ihren Fokus von der virtuellen Realität abwenden werde.

Diese Woche versetzte Meta dem Projekt einen fast tödlichen Schlag. Am Dienstag teilte das Unternehmen mit, dass Nutzer ab dem 15. Juni nicht mehr über Virtual-Reality-Headsets auf diese immersive Welt zugreifen könnten.

Am Mittwoch ruderte Meta dann zurück – allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Es hieß, dass einige bestehende VR-Apps in Horizon Worlds weiterhin unterstützt würden, neue jedoch nicht mehr hinzukämen.

Mit anderen Worten: Zuckerbergs ursprüngliche Vorstellung vom Metaversum ist praktisch vorbei.

Ich selbst habe 2024 geschrieben: „Wird das Metaverse das neue Internet, oder wird es ein Flop wie Second Life?“

Für die jüngeren unter Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser: Second Life war ein sozialer Echtzeit-Raum, in dem Menschen über anonyme Avatare interagieren können. Es wurde 1999 von Linden Labs ins Leben gerufen und verfügte in seiner Blütezeit über eine eigene Währung, die Linden-Dollar, und finanzierte sich weitgehend durch den Verkauf von Mieten für virtuelle Immobilien und die Einnahmen aus Premium-Mitgliedschaften. Im Jahr 2013 hatte das System rund 36 Millionen registrierte Nutzerkonten, aber eine Reihe von Skandalen, darunter die Vergewaltigung virtueller Kinder, ließ die Nutzerzahlen einbrechen.

Zwar sind solche Skandale bisher im Metaverse nicht bekannt geworden. Aber offenbar hat Zuckerberg die Lust an seiner schönen Scheinwelt verloren. Den Menschen gefällt es, allen schlechten Nachrichten zum Trotz, immer noch am besten in ihrer realen Welt.

Meta hat bei diesem Vorhaben rund 80 Milliarden Dollar in en Sand gesetzt, da muss selbst Mark Zuckerberg lange für stricken. Das Metaversum und die virtuelle Realität bleiben Nischeninteressen unter Nerds  und einigen Unternehmen, die dringend eine Alternative zum herkömmlichen Geschäft suchen. Andere digitale Konkurrenten von Meta  wie Roblox und Fortnite sind reine Spielewelten, gewannen in letzter Zeit allerdings  an Popularität.

Inzwischen setzt Meta voll und ganz auf künstliche Intelligenz. Im vergangenen Jahr verkündete Zuckerberg – erneut – eine neue Zukunft, deren Mittelpunkt die „Superintelligenz“ bildet, eine gottgleiche Form der KI, die zum ultimativen persönlichen Begleiter werden kann. Sein Unternehmen rechnet damit, in diesem Jahr mindestens 115 Milliarden Dollar auszugeben, vor allem für KI, einschließlich des Baus riesiger Rechenzentren, die diese Technologie betreiben sollen.

Doch im September, auf derselben Entwicklerkonferenz, auf der er 2021 die Umbenennung seines Unternehmens angekündigt hatte, verwendete Zuckerberg den Begriff „Metaversum“ nur zweimal, beide Male in den letzten Minuten einer einstündigen Präsentation. Er erwähnte KI 23 Mal.

Die größte Schwierigkeit bestand darin, dass nicht genügend Menschen von Herrn Zuckerbergs Vision überzeugt waren. Virtual-Reality-Fitnessspiele wie „Supernatural“ und „Beat Saber“ erreichten nie die kritische Masse, die für einen vollständigen Durchbruch erforderlich gewesen wäre.

„Im Grunde genommen fahren sie dieses ganze Experiment zurück, weil sie erkennen, dass der Versuch, VR als eigenständige Plattform zu etablieren, noch viele weitere Jahre und viele weitere Hardware-Generationen in Anspruch nehmen würde“, sagte Eric Seufert, ein unabhängiger Mobilfunk-Analyst, neulich in einem Interview der New York Times.

Meta ist nicht aus dem Metaversum ausgestiegen. Horizon Worlds ist weiterhin auf Mobiltelefonen verfügbar. Das Unternehmen betreibt ein florierendes Geschäft mit Augmented-Reality-Brillen, die Videos aufnehmen können und es Nutzern ermöglichen, mit einem KI-Assistenten zu sprechen.

Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Metaverse, genau wie Second Life vor ihm, nur noch ein Avatar-Friedhof sein wird.

 

 

 

 

 

 

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