Mein Zeitungssterben

Zeitungssterben by Tim Möller-Kaya

Ich hatte ja gehofft, dass ich es noch bis zum Ablaufdatum schaffe, ohne auf elektronisches Papier umsteigen zu müssen. Aber dann kam es alles ganz anders. Es fing damit an, dass ich mir so einen schicken kleinen Kindle von Amazon zugelegt habe, um auf Reisen nicht mehr diese wuchtigen Schmöker mitschleppen zu müssen. Jetzt trage ich eine ganze Bücherei in der Westentasche mit mir herum und lese im wahrsten Sinne des Wortes wo ich geh‘ und steh‘: In der Straßenbahn, beim Zahnarzt (im Behandlungsstuhl!), auf dem Zugklo. Ich lese sogar heimlich im Flieger während Takeoff und Landung. Man muss nur aufpassen, dass es die Stewardess nicht mitkriegt, aber die streiken ja sowieso…

Aber meine Tageszeitung, die sollte mir das Schicksal eigentlich schon aus der toten, klammen Hand reißen müssen. So hatte ich mir das jedenfalls gedacht. Ja, ich weiß: Den Zeitungshäusern weht der Wind hart ins Gesicht. Im Juni stellte die „Times-Picayune“ ihre Printausgabe ein und erscheint nur noch online, womit New Orleans die erste amerikanische Großstadt ohne eigene Tageszeitung wurde. Erst Katrina, dann das! Aber meine verbleibenden Jahre, so dachte ich, würde ich schon noch das schöne haptische Gefühlserlebnis des Blätterns in toten Bäumen mir bewahren können.

Doch dann kam der Umzug. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Das digitale Ich | 1 Kommentar

Ein Computer zum Küssen

Lieben Sie Ihren Computer? Ich meine: Lieben Sie ihn wirklich? Haben Sie ihn zum Beispiel so gerne, dass Sie ihm gelegentlich einen zarten Kuss auf den Bildschirm setzen würden? Dann sind Sie Ihrer Zeit voraus, jedenfalls laut Christian Lamprechter, Deutschlandchef von Intel, dem Halbleiter-Riesen, der uns so Dinge beschert hat wie Moore’s Law (verdoppelte Chipleistung alle 18 Monate), die „Wintel-Allianz“ mit Microsoft und den schon fast ubiquitären Werbespruch „Intel inside“.

Lamprechter ist eigentlich eher ein ruhiger, kopfgesteuerter Typ. So wirkt er jedenfalls auf mich. Kein feuriger Südländer, schon eher der kühle Klare aus dem Norden, der sein Gefühlsleben gut im Griff hat. Aber in seinem tiefsten Innern scheint wohl ein Vulkan zu brodeln.

Das wurde überdeutlich bei der Vorstellung der neuen ultraflachen, ultraschnellen und folglich auch „Ultrabook“ genannten Laptop-Generation im Münchner Haus der Kunst. Nun ja, es sind ja auch schicke Teile, die kleinen Dinger, fast so schön wie die legendären Eierbücher von Apple, die bislang als das Nonplusultra in der Laptop-Couture galten. Toshiba, Acer, Dell, Samsung, Asus, Lenovo und Sony waren in München mit ihren neuesten Kreationen vertreten, die nur noch so flach sind wie ein Essteller (mit 15 mm nennt sich der „Aspire S5“ von Acer denn auch „the world’s thinnest ultrabook“) und teilweise in modischen designerfarben glänzen – der Computer wird eben immer mehr zum Lifestyle-Accessoire. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

You can get there from here!

Okay, so the Lungau, or new home, isn’t exactly a roaring metropolis. But as this sign clearly shows, it lies right smack in the center of civilization as we know it!

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Da hätte der Schaffner ja vielleicht ein Auge zudrücken können, oder?

Zwei Meldungen von Google News, durch ihr Proximität eine ungenahnte Brissanz entwickeln, Normalerweise liest man von Schülern, die irgendwo unterwegs abgesetzt werden, weil sie nicht das nötige Fahrgeld im Sack haben. Und jetzt trifft es sogar die Bundeskanzlerin.  Sind die deutschen Statsfinanzen schon so verschüttet, dass es nicht mal mehr für ein Bahnticket reicht nach Hause oder zur Wahlkampfveranstaltung in Castrop-Rauxel . Ja, es ziehen die dunklen Wolken der Götterdämmerung der Christliberalen Koalition auf und vor uns tut sich ein rieseiges schwarzes Loch auf, in die sie abtauchen werden Richtung Höllenfeuer.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

The only thing that will save the world is decency, tolerance and humorous scepticism (Anthony Burgess)

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Twitter-Spiele mit Hindernissen

 

Es sollten die ersten „conversational games“ werden, wie die Organisatoren der Olympischen Spiele in London anfangs stolz behauptet haben. Dank Twitter & Co. sollten Spieler und Zuschauer aus aller Welt zusammenrücken und sich gegenseitig austauschen: Völkerverständigung 2.0, sozusagen.

Doch es kam ganz anders. Statt sich gegenseitig aufzumuntern haben zumindest einige Athleten die Sozialen Medien vorwiegend dazu verwendet, die andere Seite madig zu machen, was die Ober-Olympikonen mit einem unerbittlichen Bannstrahl geahndet haben: Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Warum laufen Sie eigentlich, Herr Cole?

„Das Laufen ist Gelegenheit, zu sich zu kommen und Dinge zu realtivieren, die einen aufregen oder beschäftigen. Aber vor allem bringt es einem dieses unbeschreibliche Runner’s High: Du biegst um die Ecke und siehst das Ziel. Plötzlich ist die ganze Müdigkeit weg, die ganzen Schmerzen. Der Körper beginnt, sein eigenes Rauschgift zu produzieren. Du scheinst die letzten paar Meter wie auf einer Wolke zu schweben. Okay, hinterm Ziel brichst du antürlich ein bisschen zusammen, aber da wartet ja schon die Ehefrau mit dem Bier…“

(O-Ton aus dem Interview, das ich im Ziel beim Müchner STadtlauf 2012 gegeben habe und das inzwischen aufYouTube zu sehen ist.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Jeezebel ist vorübergegend nicht erreichbar

Für Charles Wilson und seine Braut Te’Andrea sollte es der schönste Tag in ihrem Leben werden. Sie wollten sich am Altar des First Baptist Church in ihrer Heimatstadt Crystal Springs im US-Bundesstaat Mississippi, wo sie seit vielen Jahren jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen, das Jawort geben. Sie hatten schon die Einladungen gedruckt und verschickt, die Gäste waren angemeldet, der Tisch im Lokal für die Brautfeier gebucht. Aber am Tag vor der Trauung rief ihr Pfarrer, Dr. Stan Weatherford, an und sagte ab. Sie mögen sich bitte einen anderen Ort für ihre Trauung aussuchen. Wenn er ein schwarzes Paar in seiner Kirche trauen würde, dann wäre er seinen Job los.

Ich schäme mich als Amerikaner, diese Zeilen schreiben zu müssen. Aber ich bin stolz auf das, was dann kam: Es brach ein Sturm der Entrüstung über die kleine Kirche aus rotem Backstein herein, wie ihn höchstens seinerzeit Jonas erleben durfte, als Gott sauer auf ihn war und die Elemente so lange wüten ließen, bis ihn die Seefahrer über Bord und geradewegs ins Maul des Walfischs warfen, woraus sich die Wogen schlagartig wieder glätteten. Pass bloß auf, wenn du ans Wasser gehst, Pater Weatherford! Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nur Bares ist Wahres – oder?

Wo bleibt mein Caramel Mocha Frappuccino?

Eine Bekannte erzählte mir, sie habe neulich aus einer Laune heraus einer Freundin in einer anderen Stadt einen Brief geschrieben, und zwar mit der Hand! Das habe sie seit Jahren nicht mehr getan, und auch die Freundin war wohl überrascht; jedenfalls bedankte sie sich am Telefon ganz, ganz herzlich. Es sei halt doch eine andere Qualität der Kommunikation.

Am gleichen Tag las ich inder New York Times einen Artikel mit der Überschrift: „Pay by app: No cash or card needed.“ In den USA, so der Technikredakteur der NYT, David Pogue, zeichne sich langsam das Ende von Bargeld ab. Nun sind meine Landsleute ja schon lange ausgewiesene Kartenzahler: Man bezahlt auch schon längst in New York am Zeitungskiosk per Karte für seine Times-Ausgabe. Aber bislang war das eine recht einseitige Sache, denn nur Händler, die mit einer Kartenfirma einen Vertrag hatten, konnten Plastikgeld kassieren. Wer beispielsweise seinen Babysitter bezahlen musste, tat das mit Münzen und Scheinen. Zumindest in Amerika hat jeder Taxifahrer einen Kartenleser, aber der freundliche Hotelportier, der einem beim Aussteigen aus dem Taxi half, erwartete sein Trinkgeld in bar. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Pinchas Problem

Klarer Fall von geistiger Vorhautverengung

Der Europäische Rabbinerrat hat gegen das Kölner Beschneidungsurteil protestiert und indirekt mit einem Exodus aller Juden aus Deutschland gedroht, wenn sich diese Rechtsauffassung durchsetze. Das sei ein „fundamentales Problem für die weitere Existenz der jüdischen Gemeinden“ hierzulande, sagte Ratspräsident Pinchas Goldschmidt. Was mich ein bisschen an die Headline in der London „Times“ erinnert, als einmal dichter Nebel über dem Ärmelkanal wabberte: „Continent cut off“, lautete die Schlagzeile damals. Das ist einerseits lustig, weil es den insularen britischen Größenwahn so schön dokumentiert, andererseits aber wegen des Wortspiels: Auch im vorliegenden Fall geht es ja ums Abschneiden, allerdings eines Stückchen recht überflüssiger Haut am Gliedende von Kleinstknaben. Muslims und Juden praktizieren diesen Brauch gleichermaßen, letztere angeblich zum Angedenken an einen mysteriösen „Bund“, den einst Abraham mit Jehova schloss und der dem Volk Israels einen gewissen Alleinstellungsanspruch unter den Völkern der Erde gewährleisten soll.

Als erklärter Religionshasser bin ich natürlich dafür, solche barbarischen, auf Irr- und Aberglaube beruhenden Gebräuche mit Stumpf und Stiel (pardon…) auszurotten. Sich auf „Religionsfreiheit“ zu berufen klingt für mich so, wie wenn ein Anstaltsinsasse sich auf die „Freiheit der Geisteskrankheit“ beruft.

Wenn ich aber andererseits bei der Morgentoilette an mir herab blicke, sehe ich immer ein beschnittenes Glied, denn ich bin Amerikaner, und dort gehört das Entfernen der Vorhaut in den ersten Lebensstunden genauso selbstverständlich zum Geburtsvorgang wie das Abschneiden der Nabelschnur – ein Brauch, mit dem sich meines Wissens noch kein deutsches Gericht auseinander gesetzt hat. Allah und Jehova sei Dank! Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar