Computer lügen nie

Mein Freund Franz-Peter ist heute 60 geworden. Ich habe ihm gratuliert, aber er war ganz erstaunt. Er dachte, er wäre 59 geworden. Ich konnte ihm jedoch den Beweis präsentieren in Form einer E-Mail, die mir des Internet-Portal „Xing.com“ vor ein paar Tagen geschickt hat. Wir sind beide Mitglied bei Xing, und ich bekomme eine Menge solcher „Geburtstagserinnerung“ mit den namen von Leuten, die ich eigentlich gar nicht lkenne, mit denen ich aber über Xing „vernetzt“ bin. Ab und zu ist auch ein vertrauer Name darunter, und in diesem Fall habe ich deshalb ganz, ganz genau hingeschaut, und da steht klar und deutlich: „Franz-Peter Strohbücker, F.P.S!-Redaktionsbüro, 17.09.1950, Alter: wird 60“.

Da ein Computer bekanntlich niemals lügt, muss Xing also Recht haben und Franz-Peter muss sich irren. Ich gebe zu, dass es schwer ist, den kindlichen Glauben an die Unfehlbarkeit des Elektronenrechner aufrecht zu erhalten angesichts des offensichtlichen Rechenfehlers: Wenn einer im Jahr 1950 geboren ist, und wir schreiben heuer das Jahr 2009, dann sind 2009 minus 1950 nach Adam Riese 59, nicht 60.

Eine Erklärung wäre, dass der Computer von Xing so schlau ist, dass er in die Zukunft blicken und voraussagen kann, was beispielsweise in einem Jahr sein wird. Denn dann würde es ja stimmen: „Wird 60“ bedeutet, Franz-Peter schafft es wirklich! Er wird nicht ein zweites Mal von einem vertrotttelten Autofahrer, der bei Rot über die Ampel fährt, gerammt, nur diesmal noch heftiger. Er wird nicht an der Schweinegrippe verenden oder über das Ausscheiden des VfB aus der Champions League so verzweifelt sein, dass er sich vom Stuttgarter Fernsehturm stürzt.

Aber halt, es gibt ja noch eine andere denkbare Erklärung. Wie war es doch damals zur Jahrtausendwende? Da haben doch jede Menge sehr ernsthafte Menschen glatt bestritten, dass wir im Jahr 2000 überhaupt das zweite Millenium feiern. „Ein Jahr zu früh!“,behaupteten sie. Wenn Christus im Jahre Null zur welt kam, dann wären erst 2001 die zweiten Tausend voll.

Nun, es sind dennoch am 1.1.2000 die Knallkörper und die Sektkorken geflogen wie nie, und die Computer sind auch nicht abgestürzt, allen Unkenrufen bezüglich des „W2K Bug“ zum Trotz. Aber vielleicht wurde der Computer von Xing ja von einem Anhänger der „Mellenium plus eins“-Schule der Zeitrechnung programmiert. Denn es stimmt natürlich: Strenggenommen war der Tag, an dem Franz-Peter zur Welt kam, sein erster – strenggenommen sogar sein einziger – Geburtstag. Seitdem feiern wir ja nur die Wiederkehr dieses freudigen Ereignissen. Und Xing feiert mit. Aber eben ganz, ganz ganau – so wie die Computer eben sind.

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Sykpes grosse Preisfrage

Für zwei Milliarden Dollar muss eine alte Frau lange stricken. Und selbst unbedarfte Beobachter des Verkaufs von Skype durch eBay haben sich verwundert gefragt: Wieso ist Skype noch so viel wert? Dass sich die ehemalige eBay-Chefin Meg Whitman 2005 von den Skype-Gründers Janus Friis und Niklas Zennstrom über den Tisch ziehen ließ, als sie ihnen 3,1 Milliarden für den Internet-Telefondienst gab, wusste außer ihr eigentlich jeder. Und dass die vier Jahre, in denen eBay eine Chance nach der anderen verpasste, den Sprach-Dienst sinnvoll ins eigene Geschäftsmodell zu integrieren, auch nicht gerade wertsteigernd waren, ergibt sich bei einigem Nachdenken fast von selbst.

Frau Whitman hat sich denn auch innerhalb von kürzester Zeit mit den beiden Skype-Buben überworfen, die nach zwei Jahren den Bettel hinwarfen und sich ihrem nächsten Projekt, joost.com, zuwandten (BTW: Was ist eigentlich daraus geworden – man hört so gar nichts…).

Wie sehr sich Whitman hat düpieren lassen, wurde allerdings ernst mit der Zeit klar. Die schlauen Nordlichter hatten ihr nämlich offenbar verschwiegen, dass die Basistechnologie von Skype eigentlich gar nicht Skype gehört, sondern einem anderen Unternehmen der beiden namens JoltID. Friis und Zennstrom hatten ja schon einmal für Furore in der Branche gesorgt mit Kaaza, einer Musik-Tauschbörse, die so lange als „Piratensender“ von der internationalen Musikindustrie, bis die beiden die Lust verloren und die Firma verscherbelten. Vorher haben sie aber die Patente für den Kaaza-Code in JoltID ausgelagert. Und dort blieben sie, auch als das Finnen-Duo Skype ins Leben riefen, das in seinem Kern auf der alten Kaaza-Technologie basiert. So lange die beiden selber Eigentümer von beiden Firmen waren, fiel das niemandem weiter auf, in den ersten beiden Jahren der anfangs harmonischen eBay-Ehe auch nicht. Aber als der Hausfrieden zerbrach und die beiden weg waren, ging der Streit los. Ergebnis: Inzwischen ist in London ein Rechtsverfahren anhängig, das aller Voraussicht nach 2010 zur Verhandlung kommen wird. Und wenn die Sache dumm läuft, kann Skype danach den Laden zumachen. So, wie sich die Beteiligten ineinander verhakt haben, ist wohl kaum von einer gütlichen Einigung auszugehen.

Die große Preisfrage lautet nun: Haben Netscape-Gründer Marc Andreessen und seine Mitstreiter von Index Ventures, Silver Lake Partners und der kanadische Pensionsfond, keine Zeitungen gelesen? Dass es im Falle einer Verurteilung von Skype ans Eingemachte gehen wird, stand längst zumindest in obskuren Branchendiensten und Blogs. Gut, Andreessen ist kein ganz armer Mann: Seine Venture Capital-Firma verwaltet 300 Millionen Dollar, da ist sein persönlicher Anteil am Skype-Deal in Höhe von 50 Millionen vielleicht noch zu verkraften. Aber wie ist es mit den kanadischen Rentnern und den anderen Anlegern?

Und so wird jetzt kräftig spekuliert. Wissen Andreessen & Co. vielleicht etwas, das wir nicht wissen? Zum Beispiel, dass Friis und Zennstrom ihr Einlenken bereits signalisiert haben? Da ist es interessant zu erfahren, dass Michelangelo Volpi, ein ehemaliger Cisco-Manager, seit kurzem im Verwaltungsrat von Index Ventures sitzt. Liest man in seiner Biographie weiter, erfährt man, dass er auch schon im Aufsichtsrat von Skype saß. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Allem Anschein aus den vergangenen Krisenmonaten zum Trotz sind Investmentbanker in der Regel keine Zocker. Und so können wir getrost davon ausgehen, dass die Anleger, die sich mit zwei Milliarden Scheinchen an Skype beteiligt haben, gewusst haben, was sie taten. Ob es wirklich so ist, werden wir anderen erst wissen, wenn es so weit ist.

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Politik durch den Sehschlitz

Nur das Fehlen eines echten Wahlkampfs hat uns in Deutschland bislang vor einem Aufflammen der Diskussion um einen Verbot des Burka bewahrt, wie er gerade in Frankreich tobt. Nicolas „Sarko“ Sarkosy, der kleinste französische Staatschef seit Napoleon, macht sich dafür groß und sagt: „Die Burka ist auf dem Gebiet der französischen Republik nicht willkommen.“

Der konservative dänische Politiker Naser Khader, selbst syrisch-palästinensischer Herkunft, stößt ins gleiche Horn und will das Tragen einer Burka in der Öffentlichkeit verbieten lassen. In der Schweiz, in Holland, und in Großbritannien schwelt der Streit seit Jahren, wobei es interessanterweise einen „Channel Gap“ zu geben scheint, wie Frans Timmermans, der niederländische Sozialdemokrat und Europaminister, undlängst konstatierte: In Frankreich gelte es als “links”, für ein Burkaverbot einzutreten, während dies in Großbritannien als “rechts” bewertet werde. Diesseits des Ärmelkanals gehe es darum, in republikanischer Tradition die Religion aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, Jenseits davon, werde der Religionsfreiheit und der individuellen Entscheidung der Vorrang eingeräumt.

Bis auf ein leises Grummeln aus Wiesbaden, wo Roland Koch vor zwei Jahren eine „Geisterdebatte“ um den Ganzkörperschleier vom Zaum brach, ist es bislang in Deutschland still geblieben zu diesem Thema. Das könnte sich vielleicht ändern, wenn Angela Merkel und die CDU angesichts der multiplen Wahlschlappen vom Sonntag plötzlich beschließen sollten, vor dem 27. September doch noch Wahlkampf machen zu wollen (statt zuzuschauen, wie die SPD sich selbst ein Messer nach dem anderen in die Brust rammt). Deshalb wollen wir an dieser Stelle vorsorglich darauf hinweisen, dass es zumindest in Frankreich beim Burka-Verbot gar nicht um die Burka (laut Wikipedia eigentlich Burqu, aus arabisch ‏برقع‎; in Pakistan auch als Barq) geht, sondern um den Niqab, der auf Türkisch peçe heisst und meist in Verbindung mit einem Tschador, dem Çarşaf oder einem anderen, zumeist schwarzen Gewand getragen wird. Im Gegensatz zum Burka lässt der Niqab einen Sehschlitz frei, durch den die Augen der Trägerin zu erkennen sind, während beim Burka das Sichtfenster durch eine Art Gitter aus Stoff oder Rosshaar verdeckt ist.

Beide Kleidungsstücke sind keineswegs traditionelle islamische Gewänder. Der Niqab kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Regierungszeit des reaktionären Sultan Abdülhamid II. (1876-1908) in der Hauptstadt Konstantinopel auf, um westliche Einflüsse abzuwehren, und setzte sich von dort vor allem in entlegenen Landesteilen des damaligen Osmanischen Reiches wie etwa dem Jemen durch. Der Burka wurde von Frauen in Afghanistan ursprünglich nur in der Stadt getragen, im Dorf gingen sie dagegen unverschleiert. Erst die Taliban machten das Tragen der Burka Mitte der 90er Jahre zur Pflicht.

Im Übrigen sollte die Auseinandersetzung um den Ganzkörperschleier nicht mit dem ähnlich gelagerten Streit um ein etwaiges Kopftuchverbot verwechselt werden. Als Frau den Kopf zu bedecken, ist nämlich keineswegs eine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein Tuch oder eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch. Und bei einer Papstaudienz werden Frauen grundsätzlich nur mit Kopfbedeckung oder Schleier empfangen.

Burka, Niqab und Kopftuch werden hierzulande von Islamkritikern gerne als Mittel zur Unterdrückung beschrieben. Von manchen Frauen dagegen heißt es, sie hätten gar nichts dagegen, verhüllt herumzulaufen; ja, sie empfänden die Tuchbarriere sogar als Schutz ihrer Persönlichkeit. Andere sehen darin sogar einen „Fashion Statement“. Na ja, über Modegeschmack lässt sich ebenso wenig streiten wie über irgendeinen anderen. Und ich erinnere mich an eine Dame aus meiner Bekanntschaft hat mal die Anonymität des Internet als den „digitalen Burka“ bezeichnet. Sie empfand das durchaus als Erleichterung und Befreiung im Umgang mit Mitgliedern des anderen Geschlechts. Konkret meinte sie: „Wenn der Kerl beim Chatten anfängt, unangenehm zu werden, dann kann ich ihn wegklicken.“

Zum Glück ist uns der Stich ins dieses ganze Wespennest zumindest im aktuellen (Nicht-)Wahlkampf erspart geblieben. Sollte er aber doch noch aufflammen, dann wäre es hilfreich, wenn wir wenigstens alle über das Gleiche reden würden, wenn wir über einen Verbot von diesem oder jenem Kleidungsstück streiten.

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Brauchen wir ein Gesetz gegen Unlautere Blogger?

Blogger investieren viel Zeit und Gehirnschmalz in ihre Online-Tagebücher, und man fragt sich manchmal warum. Ich blogge jedenfalls seit vielen Jahren und habe noch nie einen Pfenning – Verzeihung, einen Cent – dafür bekommen. Und so geht es fast allen Bloggern, die ich kenne.

Gut: Robert Basic hat es geschafft, seinen Blog „basicthinking“ für knapp 47.000 Euro über eBay zu versteigern. Und hier und dort sieht man ein einsames Werbebanner auf einer Blogsite. Aber reich werden tut keiner davon.

Das könnte auch daran liegen, dass die Werbefinanzierung von Blogs anders funktioniert als in anderen Medien, unauffälliger, vielleicht sogar heimlich. Der Blogger steckt nämlich in einem Zwiespalt: Lässt er Werbung zu, leidet seine Glaubwürdigkeit. Er hat das gleiche Problem wie ein guter Journalist, dessen Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit sozusagen sein Markenzeichen sind. Lässt er sich auf irgendwelche Schweinedeals ein, dann ist sein Ruf ganz schnell ruiniert und damit sein Wert für denjenigen, der ihn bezahlt.

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Test bestanden – Patient tot

Hurra – ich werde 83 Jahre alt! Oder 78. Vielleicht auch nur 77. Kommt darauf an, welchen Lebenserwartungs-Test ich im Internet mache.

Es gibt sie zuhauf, die mehr oder weniger ernstgemeinten Online-Fragebögen die vorgeben, mir die Lebenszeit zu verraten, die noch vor mir liegt.

Am längsten würde ich wohl in der Schweiz leben: Die von der Eduard-Auermann-Stiftung betriebe Website test.gesundheit.ch bescheinigt mir „mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit“ etwa 26 weitere Jahre – vorausgesetzt, ich befolge ein paar gutgemeinte Ratschläge. So hat meine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Alkoholgenuss – 4 Glas Bier (2,5 dl) oder Schnaps (2 cl) normalerweise pro Tag – sofort zu einer Negativbewertung geführt: „Ihre mutmaßliche Lebenserwartung könnte höher sein, wenn Sie Alkohol nur in geringen Mengen konsumieren würden. Versuchen Sie Ihren Konsum auf drei Glas täglich zu beschränken.“ Außerdem soll ich weniger Fett essen. Dafür bekam ich Lob dafür, das „Sie schon längere Zeit nicht mehr rauchen“ und dass ichj (als Marathonläufer) „sich regelmäßig intensiv bewegen.“

Die kürzeste Lebenserwartung habe ich in Deutschland. Die vom Bankhaus August Lenz in München Testseite (die allerdings auf Englisch als „longevitytest“ firmiert) gibt mir noch 20 Jahre, macht sich aber Sorgen, ob ich „auch über die finanziellen Mittel“ verfüge, um meinen bisherigen Lebensstandard unbeschwert und in Ruhe genießen zu können. Ganz klar, also, welche Interessen hier vertreten werden: Die wollen nur mein bestes – und davon so viel wie möglich…

Ähnlich offensichtlich ist die Agenda bei dem – im Übrigen sehr lustigen – „Longevity Game“ der Northwestern Mutual, einem Finanzdienstleister und Versicherer aus dem US-Bundesstaat Wisconsin. Das Spiel hat außerdem den Vorteil, sehr schnell gespielt werden zu können: Es werden gerade eben ein Dutzend Fragen nach Gewicht, Trink- und Rauchgewohnheiten, Stressmanagement und Autofahrergewohnheiten („Schnallen Sie sich regelmäßig an?“) gestellt, dazu allerdings die für einen Mitteleuropäer eher ungewöhnliche nach dem Konsum von „Unterhaltungs-Drogen“ („recreational drugs“). Na ja, München gilt schließlich als Koks-Hauptstadt Deutschlands, aber woher wissen die das denn? Immerhin: Bis 77 müsste ich deren Meinung nach durchkommen, bevor ich den Hintern zukneife.

Ein anderer Tester macht sich nicht nur darüber, wie alt ich werden könnte, sondern auch über das, was danach kommt. „Wie wir leben und glauben kann Einfluss haben auf unsere Lebensdauer“, schreiben die Betreiber von wholeperson-counseling.org, die nicht nur wissen wollen, ob ich gelegentlich – vermutlich als unrein angesehenes – Schweinefleisch esse, sondern auch, ob ich „sexuelle Sünden“ begangen habe und den Sabbat achte. Ob ich je den Heiligen Geist belüge, will man wissen, vielleicht um mir einen lebensverkürzenden Donnerschlag von oben androhen zu können. Übrigens war dieser Test der einzige, bei dem es am Ende kein eindeutiges Resultat gab. Um die Antwort zu bekommen, hätte ich zuerst meine Mailadresse abliefern müssen, was ich nicht getan habe. Womöglich stehen die plötzlich mit der Bibel vor meiner Haustür – oder eine geladenen Kalaschnikow…

Den mit Abstand ausführlichste (Über-)Lebens-Test fand ich übrigens bei der britischen Firma HB Health, die sich selbst als der „führende Spezialist-Provider von Anti-Ageing in Europa“ bezeichnet. Mit dem klaren Ziel vor Augen, „Gesundheit, Wellness und höhere Lebensqualität für Menschen jedweden Alters zu fördern”, vertreibt das Unternehmen allerlei Gesichtscremes („Lavender Satin Cleanser“), Analysemethoden („Biological Age Test“) und „Ästhetische Behandlungen“ wie „Mesotherapie“ und „nicht-chirurgische Gesichtsformung“. Der Online-Fragebogen geht denn auch in die Vollen: Der fünfteilige Test verlangt nicht nur detaillierte Auskunft über den derzeitigen Gesundheitszustand (Blutdruck, Cholesterinspiegel, „Taille-Hüft-Verhältnis“ und aktuelle Medikamentierung, sondern auch solche eher psychologischen Faktoren wie Anzahl enger Freunde, Hobbies und Autotyp. Ergebnis: Mit 78 ist bei mir eindeutig Schluss. Wobei am Ende der dezente Hinweis auf die diversen Dienstleistungen des Hauses und damit auf einen potenziellen Aufschub des Termins mit dem Sensenmann natürlich nicht fehlen darf.

Ob es wohl etwas bringt? Immerhin ist bekannt, dass die Zahl der Hundertjährigen in den entwickelten Ländern seit Jahren zunimmt. Königin Elisabeth von Großbritannien verschickt seit ihrer Inthronisierung 1952 persönliche Glückwünsche an so genannte Zentenare. Als sie damit anfing, waren es 255 im Jahr. 2005 musste sie genau 4.623 solcher Briefe unterschrieben. Mit irgendwo zwischen 77 und 83 sehe ich also (man verzeihe mir das plumpe Wortspiel) ziemlich alt aus.

Aber vielleicht mache ich auch nur die falschen Tests. Forscher um Richard Cawthon von der Universität Utah in Salt Lake City haben jüngst festgestellt, dass schrittweise Verkürzung an den Chromosomenenden, den so genannten Telomeren, für den Alterungsprozess beim Menschen verantwortlich sind, wie die britische Wissenschaftzeitschrift „The Lancet“ jetzt berichtet. Teile der Telomere, die – vergleichbar den Plastikringen an den Enden von Schnürsenkeln – die Enden der Chromosomen umschließen, gehen bei jeder Zellteilung verloren. Diese Abfall-Telomere können Chromosome zu Verbindungen verleiten und so Wucherungen hervorrufen. Eine Folge davon sind Krebserkrankungen oder Herzkrankheiten, die weitaus häufiger bei älteren Menschen auftreten als bei jungen Menschen.

Mit ihren Untersuchungen konnten die Forscher nun den Zusammenhang zwischen der Abnutzung der Telomere und solchen altersbedingten Krankheiten beweisen. Versuchspersonen mit längeren Telomeren lebten im Durchschnitt vier bis fünf Jahre länger. Die mit kürzeren Telomeren zeigten zudem ein mehr als dreimal so hohes Risiko, an Infektionskrankheiten zu sterben.

Leider fragen die Online-Tester, die mir Gewissheit über meine verbleibende Lebensdauer versprechen, nicht nach meiner Telomerenlänge. Wäre auch sinnlos: Der entsprechende Test ist online kaum durchzuführen. Jedenfalls noch nicht.

 

 

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Aufstand der Avatare

Damit haben sie bei IBM bestimmt nicht gerechnet, wetten? Dass nämlich die Mitarbeiter virtuell auf die Straße gehen würden.

Ich kann mich noch gut an die stolzgeschwellten Brust erinnern auf der CeBIT, als mir einer der IBM-Oberen die Strategie erklärte, mit der sich der Big Blue ganz groß in der VR-Plattform „Second Life“ etablieren wolle. Auf den feinpixelig programmierten Bürotürmen virtueller Niederlassungen sollten künftig riesige IBM-Logos prangen, glückliche Mitarbeiter sollten durch die Office Parks zu virtuellen Meetings fliegen, wo sie sich unmittelbar, Avatar zu Avatar, gegenübersitzen und gewichtige Geschäftsentscheidungen treffen sollten, ohne dazu ein Flugzeug besteigen oder auch nur nach Nebenan in den Konferenzraum gehen zu müssen. Die schöne neue Welt der Arbeit war das, was sie mir in glühenden Farben ausmalten, und ich muss gestehen, dass mir bei dem Gedanken die Gänsehaut kam.

Nun, Second Life hat sich ja wohl als ziemliche Eintagsfliege erwiesen. Jedenfalls berichtet die Kultzeitschrift „Wired“ von leerem Luftraum, verwaisten Avataren und tapferen, aber einsamen Unbeirrbaren, die verloren durch die virtuelle Landschaft irren auf der Suche nach den vielen Millionen Gleichgesinnten, denen das hier und jetzt angeblich viel zu fad sei und die deshalb ins Land des ewigen Sonnenscheins und der unentwegten Interaktion ausweichen.

Ein bisschen Schadenfreude habe ich, ehrlich gesagt, bei der Lektüre schon empfunden, denn der Gedanke an den Nonstop-Cluburlaub im Cyberspace kam mir von Anfang an nicht besonders reizvoll vor. Meine eigenen Flugversuche mit dem Avatar endeten denn auch ziemlich bald, weil ich erstens nicht so recht den Anschluss fand und zweitens es im richtigen Leben so viel zu tun gab, dass ich wohl auch nicht den nötigen Zeitaufwand betreiben konnte.

Ich hatte das Thema Second Life also eigentlich innerlich abgehakt, bis ich auf einer Tagung am Tegernsee den Welf Schröter kennenlernte.  Welf ist Gewerkschaftler, Mitbegründer und Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung des DGB Baden-Württemberg und ein außerordentlich intelligenter und witziger Typ. Gäbe es mehr von seiner Sorte in Second Life, ich ginge wahrscheinlich auch wieder öfter hin. Er referierte über die kommende totale Flexibilisierung von Arbeitsplätzen, die seiner Meinung nach mit einer zunehmenden Entbetrieblichung der Arbeit einhergehen und damit womöglich zum Ende der Festanstellung führen wird, was wohl mit erheblichen sozialen Konsequenzen verbunden sein wird. Er warnt im übrigen davor, in der Diskussion um mobile Arbeit einfach das traditionelle Verständnis von Arbeits- und Arbeitsplatzverhältnissen aus dem 20sten Jahrhundert ins 21ste zu übernehmen und das Wörtchen „mobil“ davor zu setzen. Unter anderem wäre damit ein massiver Einflussverlust sowohl der Gewerkschaften als auch der A
rbeitgeberverbände verbunden. Der Mitarbeiter im virtuellen Raum wäre in der Lage, sich zu emanzipieren und sozusagen selbst für Rationalisierung seiner Arbeitswelt zu sorgen, statt immer nur umgekehrt.

Es war aber ein Nebensatz von ihm, der mich besonders faszinierte, denn er zeigte, dass die Zukunft wieder einmal bereits begonnen hat, bevor ich es überhaupt mitbekommen habe. IBM-Mitarbeiter in Italien haben nämlich Second Life als Mittel im Arbeitskampf entdeckt und gehen dort dieser Tage auf die virtuelle Strasse, um gegen eine von der Geschäftsleitung jüngst beschlossene Kürzung ihrer Gewinnbeteiligungen zu protestieren – und alle, alle sollen mitmachen!

Wer will, kann sich einfach einen virtuellen Körper überstülpen und sich den kunterbunten Demo-Gruppen anschließen, die den Bossen auf Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und vermutlich auch in jeder anderen gewünschten Sprache die Meinung sagen wollen und die Stimme gegen Ausbeuterei und soziale Ungerechtigkeit erheben wollen. Der internationale Gewerkschaftsbund hat sich solidarisch erklärt und bietet auf seiner Website sogar Anleitung und Aufmunterung für alle, die den Aufstand der Avatare unterstützen wollen.

Ob ich allerdings selber mit demonstrieren werde, weiß ich noch nicht. Das ist wie früher im Heidelberg der 68er, als wir uns in unserer Stammkneipe getroffen  und überlegten haben, ob wir  zur Demo gehen sollten oder lieber doch ins Kino. Merke: Es gibt im Leben immer attraktive Alternativen, im richtigen ebenso wie im zweiten.

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Die Ente Daisy

Die zwischenmenschliche Begegnung per Computer und Internet kann ebenso befriedigend und lohnenswert sein wie die Begegnung auf der Straße, im Café oder im Büro – geschweige denn über das Telefon, bei dem wir uns nicht sehen, dennoch aber glauben, eine unmittelbare und intensive Kommunikation betreiben zu können. Wer das nicht glaubt, der muss sich nur in den Chat-Foren, den Diskussionsgruppen oder  den Online-Communities im Internet umsehen und erleben, was dort abgeht.

Ein Beispiel aus der Praxis kann das verdeutlichen: Beim Hochwasser der Isar im Frühjahr 1995 brachte unsere damals zehnjährige Tochter eines Tages ein winziges Entenküken mit nach Hause. Das Tier war offenbar von den Wassermassen fortgeschwemmt worden. Jedenfalls war es, als es gefunden wurde, bereits unterkühlt und apathisch.

Unsere Tochter schaute mich mit großen Kinderaugen an und sagte: „Papi, was machen wir damit?“ Als begeisterter Hobbykoch hätte ich ihr zwar ein paar Rezepte für Enten sagen können, nicht aber, wie man eine wenige Tage alte Ente füttert oder großzieht. In unserer Not beschlossen wir, gemeinsam ins Internet zu gehen und Hilfe zu holen. Schließlich soll es ja Online-Foren zu jedem erdenklichen Thema der Welt geben, warum also nicht auch zu diesem? Tatsächlich fanden wir nach wenigen Minuten eine Diskussionsgruppe, die sich rec.pets.birds nannte und in der sich Menschen treffen, um sich per E-Mail über das Halten von Vögeln als Haustiere auszutauschen. Wir schrieben eine kurze Mitteilung, etwa folgenden Wortlauts: „Hilfe – was machen wir mit einem zehn Gramm schweren Entenküken, das von seiner Familie getrennt worden ist?“

Was dann geschah, war überwältigend. Innerhalb von einer Stunde waren bereits Antwortschreiben im elektronischen Briefkasten, das erste witzigerweise aus unserem Wohnort München (so viel zur Aufhebung von Zeit und Raum …). Innerhalb von 24 Stunden kamen rund 400 Mails zurück, teilweise von Spinnern, teilweise auch nur von Leuten, die uns (und natürlich dem Tier) Glück wünschen wollten. Es waren aber auch eine Handvoll ernstgemeinter Antworten dabei, darunter eine mehrseitige „Gebrauchsanweisung für junge Enten“, die eine Tierpflegerin aus Santa Monica in Kalifornien für uns geschrieben hatte und in der sie detailliert beschrieb, wie man ein Entenküken füttert und wie man den Käfig einrichtet („unbedingt eine Infrarotlampe über den Käfig hängen, sonst bekommt es wahrscheinlich eine Lungenentzündung, wenn es alleine ist ohne die Körperwärme der Mutter“). Außerdem riet sie uns, einen Spiegel in den Käfig zu stellen, weil Enten gesellige Wesen seien, die Spielkameraden brauchen, sonst würden sie Verhaltensstörungen entwickeln.

Daisy, wie wir die kleine Ente genannt haben, ist übrigens groß und fett geworden. Wir haben sie nicht in Orangensauce serviert, sondern gemeinsam wieder an der Isar ausgesetzt, wo sie sich gleich zu einer Gruppe von anderen Entenweibchen gesellt hat. Natürlich haben wir die Leute, die uns geschrieben haben, auch zurückgeschrieben. Zu einigen von Ihnen habe ich heute noch Kontakt, elektronisch und auch sonst. Die Tierpflegerin beispielsweise hat uns ein Jahr später bei einem Europaurlaub kurz besucht, und wir schreiben uns immer noch regelmäßig Mails, wobei es da längst nicht mehr um Daisy, sondern um ganz andere Dinge geht.

Wenn dieses Beispiel etwas zeigt, dann doch dies: Das Internet ist als Mittel zwischenmenschlicher Kommunikation genauso geeignet wie andere, die längst akzeptierter Bestandteil unseres Alltags geworden sind wie Telefon oder Briefe. In E-Mails feiert sogar die verloren geglaubte Kunst des Briefeschreibens fröhliche Auferstehung. In Communities und Chat-Foren treffen Gleichgesinnte aufeinander, lernen sich kennen, reden, diskutieren, streiten, schimpfen. Das ist soziale Interaktion in einem Ausmaß und einer Qualität, die weit über das ein¬fältige Kneipengespräch über Fußball oder über die einsilbige Kommunikation von „Couch Potatos“ über das kümmerliche TV-Programm hinausgeht.

Diese Wiedergeburt der Schriftsprache, deren Niedergang von Philologen seit Jahrzehnten beklagt wird, steht im Zusammenhang mit dem Verdrängungswettbwerb der Medien, den Forscher in Amerika bereits deutlich ausgemacht zu haben glauben. Dort verbringen junge Menschen zwar immer mehr Zeit vor dem Bildschirm, sehen dafür aber weniger fern. Das Internet kann zumindest in dieser Zielgruppe zu Lasten des Konkurrenzmediums Fernsehen gehen, was man nun beklagen oder begrüßen mag: Auf jeden Fall ist klar, dass durch die Ausbreitung des Internets die Anzahl der Alternativen größer geworden ist – und damit die Wahlfreiheit des mündigen Bürgers.

Und noch eins: Im Internet sind alle gleich. Gerade die vielbeklagte Anonymität des Computerbenutzers ist für manche der eigentliche Reiz. Hier gibt es nicht groß und klein, arm und reich, hübsch und hässlich, krank und gesund. Man(n) kann frau sein oder umgekehrt, je nach Belieben. Der Ängstliche produziert sich als Draufgänger.  Der Scheue spielt den Salonlöwen. „If you can imagine it, you can do it“ („wenn du’s dir vorstellen kannst, dann kannst du es auch tun“) sagt der Zukunftsforscher Paul Saffo. Er meint aber nicht irgendein fernes Morgen, sondern das Hier und Heute im Internet. Das ist ja in erster Linie ein Kommunikationsmedium, doch den wenigsten ist klar, was das wirklich bedeutet.

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Im Internet und auf hoher See ist der Mensch alleine

Sich wie ein Seemann auf Landgang aufführen war früher schon sprichwörtlich. Doch heute haben die armen Schweine von den Containerriesen nicht einmal mehr Zeit, sich ordentlich voll laufen zu lassen.

So ein Riesenpott ist schon eine imposante Erscheinung. Gestern Abend standen wir – Teilnehmer einer hochinteressanten Kundenveranstaltung von HansaCom – auf der Terrasse des vornehmen Hamburger Restaurants „Tafelhaus“ und schauten champagnernippend zu, wie die „Cosco Guangzhou“ aus dem Umschlaghafen hinaus Richtung Nordsee geschleppt wurde, an Bord rund 4.500 Container, jedes davon 12 Meter lang, die sich bis auf Brückenhöhe stapeln. Einer der Gäste ein Einheimischer, überraschte die Runde mit der Feststellung, dass zum vollständigen Ent- und Beladen eines solchen Trumms (die „Cosco Guangzhou“ war für kurze Zeit das größte Containerfrachtschiff der Welt, bis sie im letzten September von dem noch viel größeren „Emma Maersk“ überholt wurde) nur ganze vier Stunden benötigt werden. Danach geht es – Zeit ist Geld, gerade auf hoher See – wieder weiter Richtung anderes Ende der Welt.

Unsere Gruppe erging sich in der Folge in Spekulationen darüber, wie es den Seeleuten wohl ergehen muss, denen nur ein kurzer Blick auf ihren Heimathafen vergönnt ist. Mehr als ein kurzer Einkaufstrip zum Supermarkt und ein Anruf bei den Lieben daheim sei da wohl kaum drin, wurde gemutmaßt. Auf keinen Fall bleibe da genügend Zeit für eine ordentliche Nummer im Puff von St. Pauli, geschweige denn für ein richtiges Besäufnis. Tja, so geht er hin, der Jugendtraum vom wilden Seemannsleben. Der Alltag auf einem Containerfrachter dürfte demnach ungefähr so aufregend sein wie der eines Controllers bei MAN.

Und wie die Gespräche an einem solchen Abend manchmal seltsame Wendungen nehmen kamen wir gleich darauf auf „Second Life“, wo Menschen angeblich ein erfülltes und befriedigendes Zweitleben in der Welt hinter dem Bildschirm führen. Und zum ersten Mal hatten einige bei uns am Tisch das Gefühl zu verstehen, was zumindest manchen Zeitgenossen dazu bringen könnte, eine digitale seiner analogen Wirklichkeit vorzuziehen. Mit der möglichen Ausnahme des Puffbesuchs sei ja fast jede Form der zwischenmenschlichen Interaktion auch per Avatar denkbar. Den Einwand, ein virtuelles Bier schmecke nicht, konnte ich kontern mit einem Hinweis auf die seit vielen Jahren erfolgreich durchgeführten virtuellen Weinproben, zu denen sich Menschen in verschiedenen Erdteilen verabreden: Alle besorgen sich eine Flasche des gleichen Weins, öffnen sie zur vereinbarten Zeit (Achtung: Zeitunterschied beachten!) und tauschen beim Trinken ihre Geschmackserfahrungen aus.

Ich finde das Beispiel sehr erhellend. Denn immer noch herrscht bei vielen die Fehlannahme vor, übermäßige Internet-Nutzung führe direkt in die Vereinsamung. Das Gegenteil ist der Fall, zumindest auf hoher See: Die armen Schweine sind diejenigen, die dort keinen Online-Anschluss haben.

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Geisterläufer

Es ist mir egal, dass wir in einem Land mit Rechtsverkehr leben: Laufen tut man links!

Meine tägliche Laufstrecke in den Maximiliananlagen rechts der Isar ist wunderbar, grün so weit das Auge reicht, gepflegte Kieswege, keine Autos.  Einen Nachteil hat sie aber schon: Mir kommen dauernd Geisterläufer entgegen. Hunderte!

Zur Erklärung: Ein Geisterläufer ist einer, der rechts läuft. Und das tun fast alle. Nun kommen Sie mir jetzt mit dem Argument: Leute, esst Scheiße – hundert Millionen Fliegen können sich nicht irren! Denken Sie vielmehr zurück an Ihre Schulzeit. Da kam doch der nette Polizist in die Klasse und hat mit Ihnen Verkehrsunterricht gemacht. Gut, das ist ewig lange her, aber erinnern Sie sich zurück. Wo läuft ein braves Kind auf einer Straße ohne Gehweg? Richtig! Auf der linken Seite – damit es die entgegenkommenden Autos sehen und notfalls ausweichen kann.

Genauso ist das an der Isar, nur sind nicht Autos, sondern die vielen Radfahrer die Gefahr. Offenbar schauen die alle zu viel Tour de France, jedenfalls rasen sie gerade in den letzten Tagen besonders wild und rücksichtslos auf die Fußgänger und Dauerläufer zu, weichen im allerletzten Moment aus und pfeifen nur ein paar Millimeter neben mir vorbei, den stieren Blick nach vorn gerichtet, als müssten sie den Armstrong einholen.

So einen will ich sehen, und zwar lange vorher. Wenn er erst mal an mir vorbei ist, nützt mir diese Information überhaupt nichts mehr.

Jeder halbwegs intelligente Mensch begreift das. Sind Läufer also alle dämlich? Denken sie nicht nach? Oder ist das Rechtsfahrgebot derart tief in ihr Subcortikales verankert, dass sie gar nicht anders können?

Am schlimmsten sind die Typen, die MICH beschimpfen, weil ICH angeblich auf der falschen Seite laufe. An Hubris ist das kaum zu überbieten. Heute hatte so ein hirnlos joggender Mensch Pech: Er sah mich kommen, bekam diesen verkniffen Gesichtsausdruck von einem, der notfalls mit dem Kopf durch die Wand geht, und blieb stur auf der rechten Außenspur. Ich merkte im letzten Moment: Der lässt es jetzt drauf ankommen, und ich tat, was jeder vernünftige Mensch in einer solchen Situation tut – ich blieb stehen. Leider direkt neben einem der schönen, grünen Alleebäume, für die unsere Maximilananlagen so berühmt sind.  Mein Geisterläufer lief weiter, versuchte noch, sich zwischen mir und den Baum zu quetschen  – und prallte gegen den Stamm.

Er war anschließend stinksauer und hatte eine Beule am Kopf. Macht nichts. Es hat bei ihm keinen wichtigen Körperteil getroffen.

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Von wegen einzigartig!

Welchen Tim Cole hätten Sie gerne?

Tim Cole ist ein ziemlich schlimmer Mensch. Er sitzt deshalb hinter Gittern, und zwar in der Todeszelle. 1987 hat er einen 66 Jahre alten Mann erwürgt, der ihn bei einem Einbruch überrascht hatte. Auf seinem Foto starrt er feindselig in die Kamera. Die Nase ist verbogen, die Augenbrauen wuscheln, die Haare sind zerzaust. Abstehende Ohren hat er auch. Nein, kein sympathischer Mensch, dieser Namensvetter von mir.

Wie die meisten Menschen habe auch ich mich bisher immer für einmalig gehalten, ein ganz seltenes Exemplar der Spezies Homo sapiens, eine Einzelkreation, sozusagen. Das war, bis ich kürzlich Google nach „Tim Cole“ fragte und mehr als 3,6 Millionen Fundstellen zurück bekam. Mein einziger Trost: Google spuckt mich wenigstens auf Platz eins aus (Tim Cole – Publizist für Wirtschaftstechnik, Text, Moderation, Training.
www.cole.de). Sogar die ersten sieben Plätze beziehen sich auf mich, den „wahren“ Tim Cole.

Anders sieht die Sache aus, wenn ich nach Bildern von mir suche. Da komme ich erst als Dritter an die Reihe. Nummer eins ist ein nett aussehender junger Schwarzer, der aber leider ebenfalls mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.  Timothy Cole wurde 1985 von einer rein weißen Jury in Austin, Texas, wegen Vergewaltigung einer weißen Frau namens Michelle Maulin  zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl er immer wieder seine Unschuld beteuerte und sogar das Angebot einer milderen Bestrafung ablehnte, wenn er gestehen würde.

Vier Jahre später starb er im Gefängnis, weil der Gefängnisarzt sein Asthmaleiden nicht richtig behandelt hatte. Fünf Jahre später gestand der mehrfach vorbestrafte Sexualverbrecher Jerry Wayne Johnson, die Frau vergewaltigt zu haben. 2009 wurde Tim Cole schließlich von einem Berufungsgericht in Texas postum für unschuldig erklärt.

Es gibt unter meinen viele, vielen Namensvettern eine Menge höchst ehrbarer Leute: Pfarrer, Lehrer, Basketballtrainer, Toningenieure, Fußballspieler, Universitätsprofessoren, Rockmusiker, Unternehmensberater und Autotuner. Ein Tim Cole ist Chief Registrar Liaison bei ICANN, einer anderer sammelt Klapperschlangen, wieder ein anderer ist mit einem riesigen toten Fisch auf einer Webseite über das Karpfenfangen zu sehen. Ein Tim Cole ist „Indesign-Evangelist“ bei Adobe, ein anderer ist Golflehrer in Kanada.

Es wäre mal eine Reise wert, zumindest mal die interessantesten Typen unter ihnen zu besuchen. Ich stelle mir das witzig vor, wie wir da sitzen und uns gegenseitig ins Gesicht schauen und denken: „So sieht also Tim Cole auch aus. Wer hätte das gedacht…“

Auf jeden Fall hat mich das Ganze eines gelehrt: Demut. Ich bin nicht so einzigartig, wie ich dachte. Im Gegenteil: Ich bin einer von vielen…

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