Archiv für Januar 2010

Der Newton lässt grüssen!

Donnerstag, 28. Januar 2010

Das wird Frank Schirrmacher gefallen: Das neue Wundergerät von Apple, der “iPad”, kann kein Multitasking! Und da Multitasking ja nach Ansicht des “wilden Mannes vom Main” (Hans-Olaf Henkel) bekanntlich Körperverletzung ist, können wir alle den Tafel-PC, den Steve Jobs gestern Nacht so stolz in die Höhe hob, durchaus auch als einen großen Schritt nach vorne in der Verbrechensbekämpfung ebenso wie im Gesundheitswesen feiern.

Ansonsten quälen sich nicht nur die Schreiber von “Chip” mit der Frage herum: Was soll das Ganze? Ist der iPad nun einMacBook mit Touchscreen, ein erweiterter Newton oder eine völlig neue Evolutions-Stufe des iPhones? Vor allem der Newton-Kommentar erfüllt mich mit banger Vorahnung. Schließlich war ich auch einer der Allerallerersten, die sich 1993 von dem legenadären beligischen Schlitzohr Gastron Bastiaens (er kam später als Chef von Lernout & Houspie in Belgien wegen milliardenfacher Luftbuchungen in den Knast) von dem backsteingroßen Schreib-Gerät begeistern ließ. Was habe ich stundenlang gesessen und versucht dem Ding meine Handschrift beizubringen? Am Ende habe ich ihn in den Mülleimer befördert, aber vorher habe ich erst mal versucht, alle meine Freunde zu Newtonianer zu bekehren. Die waren aber klüger als ich.

Nun, ich bin jetzt auch 20 Jahr älter und erfahrener, vielleicht sogar ein bisschen weiser. Und so schnell lasse ich mir von den Gauklern aus Cupertino kein Flachstück mehr andrehen. Und denjenigen, die gestern Nacht aufgeblieben sind, um die Präsentation nicht zu verpassen, wünsche ich viel Spaß. Genießt es – denn die Ernüchterung wird folgen…

Palm adé

Donnerstag, 14. Januar 2010

Ich habe es getan. Ich habe die Nabelschnur gekappt und mich auf die lange Reise in die Zukunft gemacht – ohne meinen Palm.

Mehr als ein Jahrzehnt waren die Produkte dieser Firma im wahrsten Sinne des Wortes meine engsten Begleiter, vom allerersten „Palm Pilot“, den ich 1996 in den USA erstand, über zahllose Gerätegenerationen, erst der Palm V, dann der formschöne „Tungsten“, zwischendurch den kleinen „Zire“, dann die erste Kombi Telefon/Organizer, der Treo 650 und zum Schluss der handliche kleine Centro, mit dem ich sogar ins Internet konnte und E-Mails ziehen.

Ich hab‘ sie alle durchgemacht, ich habe sie geliebt, ich habe sie verflucht. Eine Zweitlang hatte Palm furchtbare Qualitätsprobleme, und es stapelten sich zeitweise bis zu sechs kaputte PDAs gleicher Bauart auf meinem Schreibtisch. Aber ich bin der Marke trotzdem treu geblieben, weil sie eines besser verstanden hatten als jeder andere, nämlich ein einfaches, fast schon idiotensicheres Betriebssystem zu bauen. Ich sage „fast“, weil Idioten bekanntlich erfinderisch sind, und auch ich habe gelegentlich nur durch einen Anruf bei der stets exzellent funktionierenden Journalistenbetreuung von Palm heraus bekommen, was ich falsch gemacht habe.

Das heißt: Sie hat so lange funktioniert, bis Palm den neuen „iPhone-Killer“ namens „Pre“ herausbrachte und ich dort anfragte, ob ich mal so ein Ding zum Ausprobieren haben könnte. Natürlich hatte ich vor, darüber zu schreiben, aber noch viel mehr wollte ich wissen, ob der „Pre“ womöglich mein neuer Partner für den nächsten Lebensabschnitt sein würde. Leider habe ich nie wieder von denen gehört, und betteln will man als Mensch ja auch nicht.

Anderseits wurde der Druck ständig größer. Um mich herum liefen diese iPhone-Typen herum und zeigten mir stolz, wie man mit einem Fingerschnippen zwischen Hunderten von nützlichen oder auch nur verrückten „Apps“ hin und her wechseln kann, Videos und YouTube-Filme in erstaunlicher Qualität anschauen, im Auto navigieren, die Kinderwindeln wechseln, das Geschirr abspülen und weiß ich sonst noch so alles kann. Und ich stand völlig bedrömmelt daneben mit meinem Steinzeit-Palm und konnte nur mit den Zähnen knirschen.

Und dann habe ich es getan. Ich bin zum Media Markt gegangen und habe mir von einem freundlichen jungen Verkäufer ein iPhone samt Vertrag andrehen lassen. Ich konnte gar nicht anders. Das Ding liegt ja so weich in der Hand, es sieht so sexy aus, es macht so tierisch Spaß, mit dem Zeigefinger lässig runter zu scrollen oder mit einem kurzen Antippen mit dem Fingernagel die Funktion zu wechseln. Ich ertappe mich dabei, wie ich in der Straßenbahn sitze und dien Neid meiner Mitfahrer genieße.

Gut, das Ding ist von Apple, und ich habe mir mal geschworen, nie wieder ein Produkt dieses Herstellers zu kaufen. Das kam so: Ich besaß Anfang der 90er Jahre einen wunderbaren Laptop namens „Powerbook Duo“ den ich auch sehr geliebt habe. Eines Tages gab es ein Betriebssystem-Update – nichts Dramatisches, kein Generationenwechsel oder so, nur eine Aktualisierung von 7.4 auf 7.5 oder so. Ich rief beim Apple-Kundendienst an und fragte, wo ich das Update denn her bekäme, der junge Mann am anderen Ende fragte, was ich denn für ein Gerät hätte. Als er „Duo“ hörte, wurde er etwas kleinlaut und meinte: „Für den Duo wird es leider kein Update geben.“ Als ich ihn völlig verdutzt fragte, was ich denn jetzt machen solle, versuchte er mich mit einer witzig gemeinten Bemerkung zu trösten. Er sagte: „Sie können’s ja immer noch als Briefbeschwerer verwenden.“

Witzig gemeint oder nicht, ich bin am gleichen Tag in den Computerladen gegangen und habe mir meinen ersten Windows-PC gekauft. Und eigentlich wollte ich nie wieder … siehe oben.

Aber der Mensch mag willig sein, nur ist das Fleisch halt schwach. Und da mich die Firma Palm ja offenbar nicht mehr will, war ich plötzlich ein Heimatloser geworden, entwurzelt, ziellos treibend im weiten Meer der Marken und Modelle. Das Ergebnis: Ich habe zwar in meiner Selbstachtung etwas gelitten, freue mich aber dafür wie ein kleines Kind über mein neues digitales Spielzeug.

Allerdings fange ich schon wieder an, mich über die Firma Apple zu ärgern. Wie kann ein Unternehmen, in dem doch überwiegend zumindest durchschnittliche begabte Menschen arbeiten, eine so katastrophal schlechte und menschenfeindliche Software wie „iTune“ bauen? Ich dachte, wir wären uns inzwischen einig, dass das Ziel von Softwaredesign nicht mehr darin besteht, dem Menschen entgegen zu kommen und ihn nicht mehr zu zwingen, wie ein Computer zu denken. iTunes kann nur jemand lieben, der wie ein Apple-Designer denkt. Es ist umständlich, unübersichtlich, klobig und wahnsinnig langsam! Und niemand sagt einem, wie es funktioniert.

Ich habe ein Video („Der rote Baron“ heruntergeladen, um es im Flugzeug nach Mallorca anzuschauen. Hat prima geklappt, aber als ich den Film später wieder löschen wollte, bin ich gescheitert. Was ich auch tat – Häkchen wegklicken, ein ums andere Mal synchronisieren. Immer blieb der blöde Film auf dem Gerät. Schließlich bin ich – Google sei Dank – in eine Online-Selbsthilfegruppe namens „iSzene“ geraten, wo man mir des Rätsels Lösung erklärte („Geh ins iPhone Menü. Dort streichst du mit dem Finger von links nach rechts über das Video und es müsste dann rechts eine Schaltfläche ‚Löschen‘ auftauchen.“). Die Jungs, die da posten, sind eingefleischte Apple-Fans, aber selbst dort liest man virtuelle Seufzer  wie diesen: „It´s so simple! Aber ist das irgendwo dokumentiert, oder “ahnt” man(n)/frau das einfach so?“

Ja, das ist Apple. Ich erinnere mich an einen „Praxistest“ einer PC-Zeitschrift, die herausfinden wollten, wie lange ein Laie braucht, um einen Computer auszupacken, anzuschließen, einzuschalten, hoch zu fahren und wieder auszuschalten. Die Testpersonen bestanden aus Teams von Vater und Sohn, und der Apple hätte natürlich mit riesigem Abstand gewonnen. Nur konnten die Tester ihn nicht ausschalten (die Funktion versteckte sich irgendwo in einem Untermenü) und mussten erst im Handbuch nachschauen.

Nun, vielleicht werde ich ja jetzt mit der Zeit lernen, nicht mehr wie ein Palm sondern wie ein Apple zu denken. Aber ein bisschen wehmütig ist mir dabei schon. Es ist weniger ein Abnabeln, mehr ein Gefühl wie bei einem Ehepaar, das sich nach vielen Jahren scheiden lässt und beschließt, nochmal ganz neu anzufangen. Irgendwie fehlt einem was.

Wohnen auf Teilzeit

Freitag, 08. Januar 2010

Im Winter zieht es den Deutschen in den Süden, und so sind auch meine Frau und ich vor dem Schnee zum Golfen auf die Sonneninsel Mallorca geflohen; eine Wahl, die uns umso leichter fiel, als mir im November ein Werbeflyer der Hotelgruppe Marriott ins Haus geflattert war mit einem Angebot, das man – wie Marlon Brando sagen würde – nicht ablehnen konnte: 145 Euro für 4 Übernachtungen in einer Ferienvilla am Golfplatz, Mietwagen inklusive. Ich habe also zugeschlagen, noch bei Air Berlin zum Pressetarif zwei Flüge gebucht, und so fanden wir uns am Fest der heiligen Drei Könige plötzlich im “Vacation Club Son Antem” wieder.

Natürlich hat ein solches Angebot einen Pferdefuß. In unserem Fall bestand er in der Verpflichtung, einer angeblich rund 90-minütigen Präsentation zum Thema “Time-Sharing” beizuwohnen. Die mehr als 250 Villen werden nämlich von der Marriott-Tochter wochenweise an Club-Mitglieder vergeben, die dafür allerdings erst mal abstecken müssen. Wie viel, darüber hüllt sich der Club zumindest auf seiner Webseite und in den verschickten Prospekten in Schweigen.

Wir sind also zur verabredeten Zeit ins “Clubhaus” marschiert, wo uns ein freundlicher junger Mann in Empfang nahm. Er hieß Christian und arbeitet seit acht Jahren auf der Insel. Früher hat er offenbar recht erfolgreich Immobilien verkauft, aber der Markt sei vergangenes Jahr komplett eingebrochen, und so versucht er jetzt Ferienwillige von den Vorzügen der Teilzeit zu überzeugen.

Er macht das auch wirklich sehr gut. Jedenfalls hätte er mich fast überzeugt. Als Mitglied stünde mir pro Jahr eine komplette Woche in meinem “Heimatclub” Son Antem oder wahlweise, gegen “einen geringen Aufpreis”, in Dutzenden von ähnlichen ferienanlagen auf der ganzen Welt. Er hat viel über die Freuden des Clublebens erzählt und davon, wie werthaltig so eine Investition sei, da ich bis an mein Lebensende die Vorzüge genießen und das Wohnrecht anschließend sogar an meine Tochter vererben könne.

Alles ganz starke Argumente, wie gesagt. Aber irgendwann kam dann der spannende Moment, an dem der Elefant sein Wasser lassen und Christian die Zahlen auf den Tisch legen musste. Und da war das Gespräch dann auch ganz schnell wieder zu Ende. Denn für diese eine Woche in Teilzeit-Eigentum sollte ich 20.300 Euro bezahlen. Wohl gemerkt in der Nebensaison, im Ferienverkäuferjargon “Silber-Zeit” gnannt. Es gibt noch Gold und sogar Platin. Das ist dann zur Haupt-Ferienzeit.

Dann schob Christian noch ein “paar kleine Details” nach. Zum Beispiel die Nebenkosten. Die würden für meine Silber-Woche satte 780 Euro betragen. Auf 7 Tage umgelegt sind das ja mehr als 110 Euro. DSafür gibts allerdings auch Service wie im Marriott-Luxushotel nebenan: Zimmermädchen, die Betten machen und die Spülmaschine einräumen, zweimal die Woche durchputzen und den Müll raustragen. Inbegriffen wären auch Wasser, Strom und Gärtnerarbeiten, also tatsächlich eine ganze Menge. Abe rtrotzdem ganz schön viel Geld für eine Woche, für die ich schon 20 Riesen hingeblättert habe.

Wir haben jedenfalls dankend abgelehnt, was Christian mit Fassung trug. Er hat sich sogar noch ein bisschen zeit genommen, mit uns über das Inselleben eines Expatrioten zu reden. Er lebt gerne auf Mallorca, spielt Bass in einer AC/DC-Band, hat viele Freunde. Wie lange er sich dieses Leben noch wird leisten können wiß er nicht, hängt wohl davon ab, wie die Geschäfte mit dem Teilzeit-Wohnen laufen.

Ich kann nur hoffen, dass keiner seiner Kunden so spitz rechnen kann wie meine Frau. Die meinte später: “Eine Woche kostet 20.300 Euro. Mal 52 Wochen im Jahr, dann kostet die Burg ja insgesamt über eine Million!” Nicht schlecht für zwei Stockwerke in einem Reihenhaus. Ja, das Wohnzimmer ist groß und hell, durch einen Tresen von der sehr schön eingerichteten Küche abgetrennt. Oben gibt es zwei Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad und Toilette. Ich schätze das Ganze auf eine Grundfläche von 80 bis 100 Quadratmetern, macht also 10.000 Euro pro Quadratmeter. Da kommen nicht einmal die Münchner Innenstadtpreise mit. Und ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber ich bin wohl in der Minderheit, denn laut Christian sind zumindest die schönsten Wochen im jahr alle schon verkauft, hauptsächlich an Deutsche.

Die lassen sich ihren Zugvogel-Instinkt offenbar gerne etwas kosten.