Ehrenmann 2.0

Nachdem sich so ziemlich jeder zur Causa Hoeneß zu Wort gemeldet hat, bin ich wohl jetzt dran. Für mich ist klar: Der Mann ist ein Verbrecher und wandert zu Recht für dreieinhalb Jahre hinter Gittern.

Aber andererseits: Der Mann ist ein Vorbild für uns alle, vor allem aber für die Jugend. Oder er war es jedenfalls mal, bis ihn der Spieltrieb packte. Der Rest ist bekannt.

Die Frage, die mich beschäftigt ist aber eine andere, nämlich: Warum hat er auf Rechtsmittel verzichtet und sich sozusagen in vorauseilendem Gehorsam zum Strafantritt angemeldet? Ich bin ja Berufszyniker, und ich unterstelle Menschen wie ihm, die sich bis an die Spitze von Politik, Wirtschaft oder eben auch von Sport emporgewurschtelt haben, dass sie es vor allem mit den Ellenbogen geschafft haben, also über eine gehörige Portion Rücksichtslosigkeit und Eigennutz verfügen. Da passt eine solche Geste so gar nicht ins Bild, oder?

Oder vielleicht doch? Denn ein Mann wie Uli Hoeneß hat sozusagen eine geschichtliche Dimension, und der ist er sich vermutlich durchaus bewusst. Als was will ein 62jähriger, dem klar sein muss, dass er sich im letzten Lebensabschnitt befindet (ich weiß, wovon ich rede: er ist Baujahr 1952, ich 1950), später in Erinnerung bleiben? Als Steuerbetrüger? Oder als netter Kerl, der halt mal einen kapitalen Fehler gemacht hat, aber durch tätige Reue gezeigt hat, das in ihm doch noch echte Werte stecken?

Ich denke Letzteres. Und damit taugt er in meinen Augen doch noch ein bisschen als Vorbild – sozusagen als Ehrenmensch 2.0. Denn welches schmutzige Bild von Dementitis und Wirklichkeitverklitterung erleben insbesondere junge Menschen heute von denjenigen, die beim schamlosen Ausnutzen einer gehobenen oder verantwortungsvollen Stellung ertappt worden sind? Hoeneß, das wird die Nachwelt über ihn sagen, war keiner von denen. Er ist mutig ins Gefängnis gegangen, er hat seine Strafe abgebüßt und sich so wieder einen  vielleicht nicht mehr ganz so exaltiereten, aber dennoch einen Ehrenplatz in der Geschichte verdient.

Aber ich habe ja noch einen Ruf als Zyniker zu verteidigen, also denke ich noch an folgendes Szenario: Vielleicht hat Hoeneß auch einen guten SEM-Berater. Im Fachbereich “eReputation Management” erzählt man uns bei jedem Seminar, dass man sein Ranking bei Google verbessern und schlechte Nachrichten wieder wegbekommen kann, indem man möglichst viele positive Nachrichten hinterherschiebt. Nein, nicht selbst : Google merkt sowas. Das müssen schon andere machen – und das werden sie bei ihm auch, jede Wette!

Ein Blick auf Google, Stand heute Morgen, zeigt, wie gut das funktioniert. Unter den ersten 10 Meldungen ist nur noch einer (Bild: “Eiskalte Spekulation oder wilde Zockerei”), die sich explizit auf die Steueraffäre bezieht. Alle anderen beschäftigen sich mit dem Revisionsverzicht, beziehungsweise mit dem Strafantriff (spiegel-online: “Was ihn als Häftling in der JVA-Landsberg erwartet”).

Man kann sich vorstellen, was noch kommen wird. “”Was Hoeneß heute in Landsberg zum Frühstück bekam”, “Hoeneß besucht Töpferkurs für Knastis”, “Hoeneß will Fußballmannschaft der JVA in die Bundesliga bringen”. Da wird man kräftig scrollen müssen, um überhaupt noch das Wort “Steuerbetrug” bei Google zu finden. Und dann kommt der Tag der Entlassung. “Hoeneß isst das erste Würstchen in Freiheit”, “Hoeneß steigt auf: Ehrenpräsident neben Beckenbauer”, “Hoeneß wird Fußball-Botschafter”, „Hoeneß als Papstnachfolger im Gespräch”. Die Liste der Frohbotschaften wird lang und länger.

Ich denke, darauf lohnt es sich, dreieinhalb Jahre zu warten, oder?

 

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Eine Antwort auf Ehrenmann 2.0

  1. Wir sollten putativ einfach mal davon ausgehen, dass der Mann, der dachte, er käme über die im Bundesrat gescheiterte Anonym-Lösung elegant davon, eine Menge zu verbergen hat. Schon die Herkunft des Geldes ist nicht geklärt. Selbst dann nicht, wenn man die Geschichte akzeptiert, wonach ihm ein anderer französischer Ehrenmann ganz ehrenhaft Millionen geschenkt hat, damit er ein bisschen zocken kann.
    Man darf davon ausgehen, dass diese milde Gabe nicht versteuert wurde (das Problem ist verjährt). Und man sollte ebenfalls davon ausgehen, dass sie eine Rolle spielte beim Einstieg einer gewissen Firma im Fußball-„Verein“ Bayern München (mit all den Nebengeräuschen wie Ausstattungsverträge etc.). Man sollte ebenfalls davon ausgehen, dass dieser Slush Fund in der Schweiz eine gute Quelle gewesen sein kann, um ein paar fußballbezogene Geschäfte an den offiziellen Stellen vorbei zu erledigen.
    Mich würde deshalb schon sehr interessieren, wohin die Auszahlungen der beiden Konten geflossen sind. Und zwar nicht als Gossip-Konsument, sondern als Journalist, der sich immer wieder mit Korruption und Betrug im Sport beschäftigt. Die Amigo-Mentalität in Bayern (auch Spezl-Wirtschaft genannt) dürfte nicht ausgestorben sein. Dass derlei Aktivitäten über fremde Länder abgespult werden, ist doch par for the course. Ich warte nun auf die nächste Ausgabe des „Stern“ und hoffe, dass das Magazin die Ergebnisse seiner Recherchen auf den Tisch legt. Nicht so’n Empörungszeug wie bei Brüderle, sondern schwerwiegende Fakten. Dann sehen wir weiter.

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