Gehen wie Hans

Ich gebe zu: Ich habe Angst vor dem Sterben. Diese Furcht teile ich mit vielen Menschen, aber nicht mit seinem Freund Hans.

Ich habe ihn heute in im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Nymphenburg in seinem schönen, hellen Zimmer im Sterbehospiz besucht. Die Möbel sind aus warmem Holz, vorm Fenster klettert ein Eichhörnchen emsig den Baum rauf und runter, und Hans freut sich darüber wie ein kleines Kind. Er ist ganz klein geworden, seitdem der Krebs an seinem Körper nagt. Die drei Chemotherapien haben ihn zusätzlich ausgemergelt, aber aus seinem schmalen Kopf zwischen den eingefallenen Wangen blitzen zwei wache Augen, die vor Lebensfreude funkeln.

Er ließt gerade den schwedischen Krimiautoren Stieg Larrson. „Nein, ich lese ihn nicht – ich habe ihn verschlungen“, sagte er mir. [Mehr …]

Ich habe ihm einen Bartschneider gebracht, weil er immer noch ein bisschen eitel ist und das Leben gerne gepflegt zu Ende bringen will. Als ich ins Zimmer kam, hörte er gerade einen gregorianischen Cantus-Chor, aber irgendwie klang es gar nicht traurig, nur erhaben.

Hans hat jahrelang den „tazblog“ geschrieben, aber damit hat er Schluss gemacht. E-Mails will er nicht mehr lesen, er will auch keinen Computer haben. Er sei mit anderen Dingen beschäftigt, sagt er, aber es klingt nicht resignierend, sondern ganz vernünftig, so wie er es sagt. Sein Netzwerk ist ganz, ganz klein geworden, und es besteht aus Menschen, die ihn lieben und die er liebt. Er erzählt voller Begeisterung von dem Pater und den Schwestern, die ihn pflegen. „Man lernt hier so interessante neue Menschen kennen“, sagt er lachend.

Er will keine vierte Chemo, weil er nicht glaubt, dass er das überlebt. Wenn er sie nicht macht, hat er auch keine Chance mehr, aber das stört ihn nicht.

In „Cabaret“ singt Liza Minelli von einer Freundin namens Elsie, mit der sie „assorted rooms in Chelsea“ geteilt hat und die mit einem Lied auf den Lippen starb. „When I go, I’m goin‘ like Elsie“, singt sie. Ich möchte wie Hans gehen.

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