Mit dem Laser nach Berlin

Vorher, nachher?

Je nachdem, welcher Statistik man glaubt, leiden in Deutschland schätzungsweise zwei bis drei Millionen Menschen an so genannten „Herzvorhofflimmern“. Wer das nicht kennt, dem sei gesagt: Dir geht es schlagartig ganz furchtbar schlecht. Du bekommst keine Luft, es ist so, als würden sie dir einen Gürtel um die Brust schnüren, der dir die Luft abdrückt. Das ist schlecht, wenn du so wie ich auf den jährlichen Marathonlauf trainierst, denn auf einmal fühlst du dich so schlapp wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Vor allem aber ist es nachts schlimm, wenn du mit dir ganz alleine bist und hörst, wie dein Herz auf einmal verrücktspielt, plötzlich ganz schnell schlägt und dann auf einmal gar nicht mehr. „Ist das das Ende?“, fragst du dich da unwillkürlich, und die Todesangst raubt dir den Schlaf, so dass du am nächsten Morgen tatsächlich glaubst, das Ende sein zumindest nahe.

Ich habe das Problem lange vor mich hergeschoben, wie das wohl die meisten tun. Aber irgendwann habe ich meinen Hausarzt angerufen und gefragt, ob ich mal vorbeikommen soll, damit er mich anschaut. „Sie lassen jetzt alles stehen und liegen und kommen sofort her!“, befahl er mir. Ich sei hochgradig Schlaganfall gefährdet, da müsse man sofort etwas tun. Und zum Glück empfahl er mir den vielleicht besten Kardiologen Deutschlands, Prof. Thomas Ischinger in München, der mich zunächst auf Blutverdünner setzte, dann zu einer Herzkatheder-Untersuchung vorlud, bei der zumindest das Schlimmste ausgeschlossen werden konnte, nämlich ein Koronarverschluss , also die Verstopfung der Herzkranzgefäße durch Blutfette und Kalkablagerungen. Dann wäre ich nämlich bestenfalls ein Bypass-Kandidat, schlimmstenfalls demnächst tot gewesen.

Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Um das Flimmern loszuwerden, müsste ich zeitlebens Beta-Blocker nehmen. Dann könnte ich allerdings meine Laufschuhe an den Nagel hängen, denn mit der Langstrecke sei dann nichts mehr.

Laufen ist vielleicht nicht alles im Leben, aber wenn du mal Marathon gelaufen bist, dann ist es fast das Gleiche: Das tägliche Training geht in Herz und Blut über, und wenn du im Sommer nicht deine 10 bis 15 Kilometer abgelaufen bist, dann fehlt dir etwas. Ich erwarte nicht, dass  jemand das versteht, der nicht selber Läufer ist, aber nehmt es einfach mal so hin: Ich laufe um mein Leben gerne, und ich laufe auch um mein Leben, denn es war anfangs der Bluthochdruck und der Rat eines Arztes, der mich überhaupt dazu gebracht hat. Jetzt ist es so nötig wie das Essen und der Schlaf: Wenn ich nicht laufen kann, bin ich unglücklich und unzufrieden. Nein, ich schlage deshalb meine Frau nicht, aber manchmal ist es kurz davor.  Meine Nerven leiden nämlich ebenfalls, ich bin unausgeglichen und marode.

Na ja, meinte Ischinger, es gäbe auch eine Alternative: die Ablation. Dabei dringt der Chirurg über die Leistenvene bis ins Herz vor und verödet dort ein paar Nervenenden, die dem Herz die Fehlsignale sendet, die ihn zum wilden Schlagen veranlassen. Die OP sei mit einem gewissen Risiko verbunden, wie jeder Eingriff, aber die Erfolgsaussichten seien gut. „90 Prozent“, meinte er. Wenn das ein alter, erfahrender Arzt sagt, dann heißt das in der Laiensprache: 100 Prozent. Du musst nur überleben…

Die große Gefahr der so genannten „artiellen Fibration“  ist nämlich, dass du einen Gehirnschlag bekommst. Mit dem Alter schwächt sich der so genannte Sinus ab, das Signal, das vom Sinusknoten im Gehirn ans Herz geschickt wird und der ihm sagt, wann er schlagen soll. Die den Vorhof umgebenden Nerveneden der großen Blutgefäße erzeugen nämlich auch, allerdings schwache, elektrische Signale, die das Herz im Zweifelsfall als Aufforderung versteht, einen Schlag zu setzen. Mir fiel das zum ersten Mal auf, als der Herzschlagzähler, den ich beim Laufen trage, auf einmal einen Puls von 220 Schlägen pro Minute meldete. Das ist schlechterdings unmöglich: Ich läge nach ein paar Minuten tot auf dem Asphalt, wenn ich in meinem Alter meinem Herzen eine solche Frequenz abverlangen würde.

Ich begab mich also in die Isarklinik in der Sonnenstraße, die ich bislang eher als Modekrankenhaus für reiche Araber angesehen hatte. Tatsächlich haben dort verschiedene durchaus angesehene Fachärzte ihre Praxen sowie Belegtbetten, darunter auch Prof. Thorsten Lewalther, der Spezialist für die Ablationstechnik ist. Wir vereinbarten einen Termin für den Eingriff, ich ging am Mittwoch hin zur Voruntersuchung, am Donnerstag sollte der Eingriff stattfinden, am Freitag würde ich vielleicht schon heim gehen können, hieß es.

Und dann passierte der „worst case“, nämlich das, was ich mit dem Eingriff unbedingt vermeiden wollte: Während der Voruntersuchung hatte ich auf einmal das Gefühl mein rechtes Auge spinnt. Ich konnte alles sehen, aber rechts oben im Blickfeld war alles etwas undeutlich. Ich sagte das dem Arzt, der plötzlich ganz hektisch wurde, mir eine Spitze in den Bauch rammte und sofort nach der CT rief. Man schob mich in die Röhre, und zehn Minuten später stand fest: Ich hatte einen leichten Schlaganfall erlitten. Das betroffene Gebiet lag im Sehzentrum, also im  hinteren  Bereich des Gehirns, und der Schaden hielt sich in Grenzen. Tatsächlich habe ich bis heute einen leicht vergrößerten „blinden Fleck“ im rechten Auge, von dem die Neurologen aber sagen, dass er sich bald legen wird, wenn andere Gehirnzellen die Funktion der abgestorbenen Zentren übernehmen. Mal sehen, sagte der Blinde…

Inzwischen vergingen ein paar Monate, in denen ich vor allem mit der Reha beschäftigt war und damit, mich mit Hilfe von Blutverdünnern gegen eine Wiederholung des Gehirnschlags zu wappnen. Für mich war aber klar, dass kein Weg an der Ablation vorbeiführen wird. Ein Leben mit Beta-Blockern ist für mich kein lebenswertes, ich will wieder auf die Piste oder gar nicht. Das ist meine Entscheidung – jeder möge eine andere treffen.

Jedenfalls habe ich mit Prof Lewalther einen Termin im Oktober vereinbart und mich darauf gefreut, endlich Gewissheit zu bekommen. Und dann rief er mich an und fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn bei meiner OP ein paar Journalisten anwesend sein würden. Die Isarklinik habe als erstes Krankenhaus in Süddeutschland und eines von nur einer Handvoll auf der Welt ein neuartiges System für die so genannte „Laser-Ablation“ angeschafft, und man wolle das jetzt auch der breiten Öffentlichkeit mitteilen, denn unter Umständen ließe sich das Leiden vieler Patienten damit dauerhaft lindern.

Dazu muss man wissen: Die Ablation ist eine durchaus bekannte und weitverbreitete Technik, die nur einen Haken hat: Der Arzt stochert dabei ziemlich im Nebel herum. Die Sonde mit dem Verödungswerkzeug wird über die Leistenvene bis ins Herz vorschoben, und der Arzt sieht auf dem Röntgenschirm nur ein ziemlich graues und zweidimensionales Bild. Er muss also ein bisschen raten wenn er versucht, die für die Fehlsignale ursächlichen Nervenenden zu treffen, weshalb auch etwa 50 Prozent aller Ablationspatienten mindestens noch einmal ran müssen.

Mit der neuen Methode wird ein aufblasbarer Ballon bis ins Herz geführt, der neben einem Laser auch einen Orthoskopen, also eine winzige Videokamera enthält. Der Arzt sieht also ganz genau, was er tut und kann mit Hilfe des Laserstrahls den kompletten „Funkverkehr“ zwischen den Herzgefäßen und der Vorhofkammer durch Verödung unterbinden.

Mein Freund Michal Kausch hat den Ablauf des Eingriffs ziemlich ausführlich hier auf czyslansky.net beschrieben und dabei auch den Begriff „Social Medica“ geprägt, eine Art „Social Media“ für die Medizin, nach dem Motto: Lade deine ganzen Freunde zu deiner OP ein!“ Es gab ausführliche Berichte in der BILD-Zeitung („Erste Live-OP mit Laser in München“) und in der Abendzeitung („Laserstrahlen gegen zuckende Herzen“). Online berichtete zum Beispiel das Fachorgan VitaFil aus Berlin („Tim Cole: Herz-OP vor Publikum“). Und es gab auf YouTube ein Video von der Pressekonferenz, in dem Prof. Lewalther  über meinen Fall, über die „Volkskrankheit Vorhofflimmern“ sowie über das neue Verfahren berichtet, mit dem Patienten wie ich angeblich dauerhaft geheilt werden können.

Ich habe jedenfalls ganz fest vor, in kommenden Jahr wieder auf die Piste zu gehen.  Ich bin sogar so fest davon überzeugt, dass ich mich gestern zum Berlin-Marathon 2012 angemeldet habe. Mal sehen, ob ich so lange durchhalte!

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2 Antworten auf Mit dem Laser nach Berlin

  1. Ich habe noch niemanden erlebt, der sich so cool und mit soviel (Galgen-) Humor einer Herz-OP unterzieht. Chapeau, Tim Cole! Und alles Gute für den Marathon in Berlin.

  2. Pingback: Web mit dem Butterberg! « www.cole.de

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