Porto ergo sum!

Bild: Oliver Ottitsch

Bild: Oliver Ottitsch

Von Max Rabe sind viele Werke mit schönen Titeln überliefert, zum Beispiel „Klonen kann sich lohnen“, vor allem aber mein Lieblingssong von ihm: „Kein Schwein ruft mich an“. Ich musste neulich an ihn denken, als mir eine Bekannte von ihrer Chefin erzählte, die eine kleine Agentur betreibt. Eines Tages war es besonders still in der Firma, kein Telefonklingeln, kein Kundenbesuch. Und auf einmal steckt die Chefin den Kopf durch die Tür uns sagt: „Du, würdest du mir bitte schnell eine E-Mail schreiben. Ich glaube, das Internet funktioniert nicht mehr, ich habe heute Morgen noch keine einzige Mail bekommen…“

Ja, E-Mail hat manchmal etwas Zwanghaftes an sich: Ich erwische mich selbst auch dabei, wie ich alle zehn Minuten den Smartphone rausziehe und meine Mailbox checke. Apropos: Ich habe ein Mauspad auf meinem Schreibtisch, auf dem mehrere Mäuse zu sehen sind, die gerade in einer Bäckerei arbeiten. Einer zieht einen Zettel aus einer Schublade, auf der „Mehl“ draufsteht, und sagt zu den anderen: „Hey, da ist ja Post in unserer Mehlbox!“

Manchmal glaube ich, wenn ich über die neue Kommunikationsvielfalt nachdenke, dass ich kurz vor einer großen philosophischen Erkenntnis stehe, so wie einst Descartes mit seinem „cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“). Wie wär’s zum Beispiel mit „porto, ergo sum“. „Portare heißt auf Latein schließlich nicht nur „bringen“, sondern auch „übertragen“. Und spätestens, seitdem die Deutsche Post den „E-Post Brief“ eingeführt hat, muss man für E-Mails auch Porto zahlen: 55 Cents, dafür weiß ich aber auch, dass die Mehl – äh, die Mail – beim Empfänger wirklich angekommen ist. Das ist so was wie ein digitaler Einschreibebrief.  Und wenn der Empfänger keine E-Post-Adresse hat, dann druckt die Post meine Mail sogar aus und stellt sie auf konventionellem Weg zu: als Brief.

Die gleiche Bekannte, die mir die Geschichte von ihrer Chefin erzählte, erinnerte sich im Lauf des Gesprächs daran, dass sie kürzlich einer Freundin, die in Wien wohnt, aus einer Laune heraus einen richtigen Brief geschrieben hat, nämlich mit der Hand. Und wir sinnierten darüber, ob unsere Urenkel in der Schule überhaupt noch die Handschrift lernen werden. Wozu eigentlich, wenn sie doch alles schnell in ihre Tablets oder Smartphones tippen können? Meine eigene Tochter hat ihren Namen zum ersten Mal auf der Tastatur meines PCs geschrieben, auf meinem Schoss sitzend. Und wir kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass es vielleicht auch gar nicht so schlimm wäre, wenn der Mensch die Kunst des mit der Hand Schreibens vergessen würde: Wer beherrscht denn schließlich heute noch die einst hochangesehene Kunst, Hieroglyphen in Steintafeln zu meißeln?

Die Freundin in Wien hat meine Bekannte übrigens angerufen und sich überschwänglich bedankt. Es sei so lange her, dass sie einen handgeschriebenen Brief erhalten habe, das sei heutzutage wirklich etwas ganz Besonderes.

Das mit der Echtzeitkommunikation ist ja schön und gut, aber manchmal will man schon ein bisschen mehr. Wer will schon einen Liebesbrief per E-Mail bekommen. Oder gar per Twitter: Wenn es einer schafft, sein Herz in 140 Zeichen auszuschütten, dann sind vermutlich Zweifel an seiner Gefühlstiefe angebracht.

Ich selbst habe mir übrigens vorgenommen, weniger zu Mailen und öfter mal zum guten, alten Telefonhörer zu greifen. Denn so viel Zeit, finde ich, muss es auch im Zeitalter der digitalen Beschleunigung sein.  Und Max Rabe wird es uns vermutlich auch danken.

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