Mit ‘Marathon’ getaggte Artikel

Das Märchen vom Marathonsterben

Freitag, 25. Mai 2012

Ganz Berlin ist eine Endorphin-Wolke!

Golf ist, wie man weiß, keine Sache von Leben und Tod – es ist viel wichtiger als das. Ähnliches könnte man auch vom Marathonlaufen sagen: Fast immer, wenn ich Leuten erzähle, dass ich Marathons laufe, kommt früher oder später die Frage, ob ich denn keine Angst habe, dabei zu sterben.

Meine Standard-Antwort darauf ist, dass wir damit ja nur unserem großen historischen Vorbild folgen würden. Der Athener Pheidippides soll nach der Schlacht gegen die Perser im Jahr 490 vor Christus die Siegesbotschaft im Laufschritt und unter voller Rüstung bis zur Akropolis gebracht haben, wo er mit dem Ausruf „Wir haben gesiegt!“ tot zusammenbrach.

Die Angst vor dem plötzlichen Herztod beim Langstreckenlauf ist vor allem unter Nichtläufern weit verbreitet. Politiker und Sportfunktionäre, die vermutlich schon nach 500 Metern reif wären für den Notarzt, fordern immer wieder verpflichtende Gesundheitschecks für die Teilnehmer an großen Lauf-Events. Als ich mich vor ein paar Jahren online für den Rom-Marathon anmelden wollte, verlangte man von mir ein Attest meines Hausarztes, das ich gefälligste auf dem Postweg einzusenden hätte. War mir zu kompliziert, also lief ich lieber anderswo, was schade ist, denn gerade der Lauf ums Kapitol soll besonders interessant sein.

Vor ein paar Tagen ging die Meldung über den Ticker, dass der amerikanische Ultra-Marathoni Micah True bei einem Trainingslauf in New Mexico offenbar an Herzversagen gestorben sei. Micah lief jeden Tag mindestens einen Marathon und schrieb darüber ein äußerst erfolgreiches Buch, „Born to Run“, das für manche Läufer eine Art von Marathon-Bibel geworden ist. Sein Lebensmotto lautete  „Ándale!“  („Na, los!“), und er hat damit so manchen dazu gebracht, sich  vom Fernsehsofa zu erheben und loszulaufen in eine – hoffentlich – bessere und gesündere Zukunft. Dass ausgerechnet so einer vom Herzkasperl hingerafft wird, dient den Kommentarschreibern und anderen Couchkartoffeln nun als willkommenen Anlass, moralinsauer über Selbstüberschätzung und übersteigerten Leistungswahn zu fabulieren. (weiterlesen …)

Die Hälfte wäre geschafft!

Sonntag, 06. Mai 2012

Langsam, aber sicher

All denjenigen, die Anteil genommen haben an meinen Gesundheitsproblemen (Vorhofflimmern, Ablation) und die mir Glück beim Comeback als Läufer gewünscht haben, denen sei gesagt, dass ich mein Zwischenziel erreicht habe: Gestern bin ich zum ersten Mal nach der Herz-OP wieder 21,2 Kilometer gerannt, also die klassische Halbmarathon-Distanz. War ein Test um zu sehen, ob ich es a) überhaupt kann und b) in welcher Zeit.

Frage a) ist zufriedenstellend beantwortet, und so kann ich jetzt halbwegs erleichtert dem Stadtlauf am 24. Juni entgegensehen. Aber wenn ich auf die Zeit blicke, wird mir ganz anders: Mehr als zweieinhalb Stunden – das ist ja eine halbe Ewigkeit. Dabei hatte ich mal den Ehrgeiz, den “Halben” unter zwei Stunden zu laufen. Da werde ich noch viele Trabkilometer zurücklegen müssen, und vielleicht sollte ich auch öfter mal ins Kraftstudio gehen.

Denn noch immer ist ja das große Ziel der Berlin-Marathon im September. Wenn ich so laufe wie gestern, brauche ich ja fünf Stunden oder sogar noch länger. Das ist kein Marathonlaufen, das ist Marathongehen!

Aber vielleicht sollte ich mich lieber mit der Erkenntnis trösten, dass der Weg das Ziel ist, und es nur darauf ankommt, anzukommen. Vor allem nach dem, was mir letztes Jahr alles passiert ist. Wenn Ihr Zeit habt, könnt Ihr mir ja den Daumen drücken!

Weg mit dem Butterberg!

Sonntag, 01. April 2012

Und das in knapp zwei Wochen!

Die Männer in meiner Familie neigen dazu, sich mit der Zeit ein kleines Fettbäuchlein anzufressen und zu -saufen. Bei meinem Vater war das so, aber der war ja auch ein echter Schwerenöter. Nach dem dritten Herzinfarkt schloß er mit seinem Arzt einen Deal. Der sagte ihm, er müsse unbedingt kürzer treten, denn das Rauchen verenge die Blutgefäße. Und den Alkohol solle er auch einschränken. Daddy wollte wissen warum. “Weil es die Blutgefäße erweitert”, meinte der Medikus. Von da an soff mein Vater nur, wenn er gleichzeitig auch eine Zigfarette rauchte, und er hielt sich eisern daran, bis ihn das Herzkasperl mit 77 Jahren hinwegraffte.

Bei mir ist das etwas anders: Ich trainiere täglich und laufe jedes Jahr im Herbst einen Marathon. Leider esse und trinke ich auch gerne, aber diese beiden Hobbys gleichen sich sehr schön aus. Ja, ich habe normalerweise ein kleines Biergeschwür, aber es hält sich noch in Grenzen, und wenn es auf den Herbst zugeht, komme ich normalersweise runter in die Nähe von 85 Kilo, was bei einer Körpergröße von 180 und einem Alter jenseits der 60 ganz in Ordnung ist, meint mein Arzt.

Und dann kam letztes Jahr dieses blöde Vorhofflimmern (siehe: “Mit dem Laser nach Berlin”). Blöd deshalb, weil ich genauso gut hätte draufgehen können, blöd aber vor allem deswegen, weil ich ein gutes halbes Jahr komplett mit dem Lauftraining aussetzen musste. Und da ich mit einer Gorumetköchin verheiratet bin und einen wohlgefüllten Weinkeller mein eigen nenne, konnnte ich richtiggehend zuschauen, wie mein Bauchumfang wuchs. Irgendwann hatte ich Angst davor, mich auf die Waage zu stellen, denn der Zeiger rückte immer näher an meine persönliche “Angstmarke”, nämlich 100 Kilo. “Du wirst niemals ein Ühu”, hatte ich mir mal geschworen – also jemand, der über Hundert auf den Rippen hat. Und jetzt war es fast soweit. (weiterlesen …)

Mit dem Laser nach Berlin

Sonntag, 30. Oktober 2011

Vorher, nachher?

Je nachdem, welcher Statistik man glaubt, leiden in Deutschland schätzungsweise zwei bis drei Millionen Menschen an so genannten „Herzvorhofflimmern“. Wer das nicht kennt, dem sei gesagt: Dir geht es schlagartig ganz furchtbar schlecht. Du bekommst keine Luft, es ist so, als würden sie dir einen Gürtel um die Brust schnüren, der dir die Luft abdrückt. Das ist schlecht, wenn du so wie ich auf den jährlichen Marathonlauf trainierst, denn auf einmal fühlst du dich so schlapp wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Vor allem aber ist es nachts schlimm, wenn du mit dir ganz alleine bist und hörst, wie dein Herz auf einmal verrücktspielt, plötzlich ganz schnell schlägt und dann auf einmal gar nicht mehr. „Ist das das Ende?“, fragst du dich da unwillkürlich, und die Todesangst raubt dir den Schlaf, so dass du am nächsten Morgen tatsächlich glaubst, das Ende sein zumindest nahe.

Ich habe das Problem lange vor mich hergeschoben, wie das wohl die meisten tun. Aber irgendwann habe ich meinen Hausarzt angerufen und gefragt, ob ich mal vorbeikommen soll, damit er mich anschaut. „Sie lassen jetzt alles stehen und liegen und kommen sofort her!“, befahl er mir. Ich sei hochgradig Schlaganfall gefährdet, da müsse man sofort etwas tun. Und zum Glück empfahl er mir den vielleicht besten Kardiologen Deutschlands, Prof. Thomas Ischinger in München, der mich zunächst auf Blutverdünner setzte, dann zu einer Herzkatheder-Untersuchung vorlud, bei der zumindest das Schlimmste ausgeschlossen werden konnte, nämlich ein Koronarverschluss , also die Verstopfung der Herzkranzgefäße durch Blutfette und Kalkablagerungen. Dann wäre ich nämlich bestenfalls ein Bypass-Kandidat, schlimmstenfalls demnächst tot gewesen.

Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Um das Flimmern loszuwerden, müsste ich zeitlebens Beta-Blocker nehmen. Dann könnte ich allerdings meine Laufschuhe an den Nagel hängen, denn mit der Langstrecke sei dann nichts mehr.

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Twitter-Marathon: Ein Feldversuch

Montag, 21. September 2009

Der finale Tweet

Über den Langstreckenlauf ist schon viel geschrieben worden, allerdings meistens erst nach dem Laufen. Beispiele für eine zeitgleiche schriftliche Aufarbeitung der Eindrücke und Empfindungen beim Absolvieren längerer Laufstrecken sind eher selten, und zwar aus naheliegenden praktischen Gründen. Das Hantieren mit Stift und Notizblock setzt in der Regel stationäre Bedingungen voraus, weil man das Gekraxel hinterher sonst nicht mehr entziffern kann. Die gängige Kompromisslösung besteht im Mitführen eines Tonbandgeräts, mit dessen Hilfe man seine ins Mikrofon gekeuchte Kommentare anschließend auf Papier oder in den Computer übertragen kann.

Wir leben aber in einem neuen, dem Twitter-Zeitalter, und da sind neue Kommunikations- und Ausdrucksformen gefragt. Weshalb sich der Autor dieser Zeilen am gestrigen Sonntag zu einem ungewöhnlichen Selbstversuch entschloss, der sich am besten mit dem Begriff: „Twitter-Marathon“ umschreiben lässt. Nein, es ging nicht darum, einen Rekord im Absetzen möglichst vieler 140 Zeichen-Nachrichten innerhalb einer bestimmten Zeit aufzusetzen. Die Absicht war vielmehr, eine Art „Live Tweet-Feed“ von der 36ten Ausgabe des legendären Berlin-Marathons abzusetzen und damit ein neues Feld für die digitale Spontankommunikation zu eröffnen und damit meinen „Followers“ sozusagen die Gelegenheit zu einer digitalen Verfolgungsjagd zu geben.

Um zu prüfen, ob es überhaupt möglich ist, beim Laufen zu twittern, habe ich während des Abschlusstrainings entlang der Isarauen versuchsweise meiner Frau ein SMS geschickt, was erstaunlich gut gelang. Ich verwendete dazu mein Standard-Handy, ein Palm Centro, das über eine Minaturtastatur (vulgo: „Mäuseklavier“) nach dem deutschen QWERTY-Schema verfügt. Als langjähriger Tastaturverwender bin ich in der Lage, Texte auf einem normalgroßen Tastenfeld weitgehend blind einzugeben. Beim Winzling dagegen ist eine ständige Sichtüberprüfung der Eingabe erforderlich, weil man häufig zwei oder sogar drei Tasten gleichzeitig erwischt, was zu oft interessanten, für den Empfänger aber kaum verständlichen Ergebnissen führt.

Die ersten Testergebnisse waren durchwachsen, und ich dachte anfangs daran, das Problem der mobilen Dateneingabe sozusagen per Delegation zu umgehen, etwa die Texte per Telefon an meine mich nach Berlin begleitende Ehefrau durchzugeben, die sie dann per Laptop an Twitter absetzen könnte. Doch ein solcher Medienbruch, so meine Überlegung, würde die gewünschte Unmittelbarkeit des Kommunikationsvorgangs unterbrechen und wurde deshalb am Ende fallen gelassen.

Ich beschloß also am Sonntag mit dem Handy in der Hand an den Start zu gehen, gemeinsam mit rund 40.000 anderen Menschen, die mit dünnen Kurzarmhemden und Läufer-Shorts bekleidet und finster entschlossen waren, zu Fuß und gemeinsam eine Strecke von 42,195 Kilometer durch die Straßen der Hauptstadt in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen.

Eigentlich hatte mein Twitter-Marathon schon am Vortag begonnen, als ich auf dem Weg zum Münchner Flughafen folgende halbverschlafene Meldung absetzte:

„Frühflieger nach Berlin (gähn!). Grauer Himmel in München. Hoffentlich scheint in B die Sonne – aber bitte nicht zu heiss… #berlinmarathon“.

Abends folgte die Meldung: „Sitze mit @pundp im “Pan degli Angeli” in B-Charlottenburg – Pasta bis zum Abwinken! #berlinmarathon“. Das aber waren nur leichte Fingerübungen, die zudem unter normalen Umeltbedingungen (fester Untergrund) zustande kamen.

Der erste Tweet am nächsten Morgen fand schon unter verschärften Versuchsbedigungen statt, nämnlich aus dem wartenden Pulk der Mit-Läufer in Block „G“ am „Kleinen Stern“ zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, wo ich tippte:

„Start zum Marathon0- wird schon schief gehen. 40000 unterwegs – und icke mittendrin. Erste rempler. Twitterrer eher sekten.“

Als Leser könnten man sich hier gefragt haben, ob es beim Marathonstart womöglich schon Sekt zur Antriebsunterstützung gibt. In Wirklichkeit liegen eben die Buchstaben „l“ und „k“ nebeneinander, was zum ersten wirklich verständniserschwerenden Typo des Tages führte. Ihr folgte gleich nach dem Start die nächste, als ich nämlich schrieb:

„Ssiegessauele! Nur noch de.f km“

Der Sinngehalt der Botschaft erschließt sich erst, wenn einem klar wird, dass beim Palm zum Umschalten zwischen Buchstaben und Zahlen eine spezielle Taste gedrückt werden muss, was in diesem Fall verabsäumt wurde, sonst hätte es „41,5 km“ geheißen.

Es folgten mehr oder weniger gelungen abgesetzte Meldungen über Beobachtungen rechts und links der Strecke, wie beispielsweise:

„G:dc die ersteñmachen pinkelpause #twittermarathon“

Wieder das Zahlen-Problem: Eigentlich sollte es „6:48“ heißen sollen. Und auch die Nachricht:

„km t – heute wirds heiss!“

Ist nur durch Ersetzen von „t“ durch „3“ vollinhaltlich zu verstehen. Ich bilde mir aber ein, dass der eigentliche Inhalt der Botschaft durchaus angekommen ist – nämlich dass sich bereits kurz nach dem Start Temperaturen abzeichneten, die eher dem Langstreckenlauf unzuträglich sind (was später dazu führen sollte, dass Berlin-Dauersieger Haile Gebrselassie den eigenen Weltrekord doch nicht, wie erwartet, unterbot, sondern „nur“ nach 2:06:08 ins Ziel kam).

Es folgten mehr oder weniger erhellende – und entzifferbare – Momentaufnahmen wie:

„Wurde etade von nein 2 meter-mann im nonnenkostuem ueberholt #twittermarathon“

Gelegentlich aber führte die Kombination von dauernder Erschütterung und der Notwendigkeit, den dichten Läuferverkehr um mich herum im Auge zu halten, zu echten Rätseltexten wie dieser;

„Rc:0d mir kommt eib “geiszerlaeufer” entgegen. Ixj sag “da gehts lang”. rr lacht und kaeuft weiter in die falsche richtung.“

Hier sei deshalb die Übersetzung nachgeliefert: „28:04 mir kommt ein ‚Geisterläufer‘ entgehen. Ich sag „da geht’s lang“. Er lacht und läuft weiter in die falsche Richtung.“

Die Tweets von den ersten Kilometern durch Alt-Moabit und durch das Regierungsviertel zeugen noch von einem unbeschwerten Läufervergnügen und der Fähigkeit, auch an andere Dinge als an den Zustand des eigenen Gehapparats zu denken, etwa:

„Kanzleramtk ob angie rausgucktn wir sind das laeufer-volk!“

Auch Texte wie:

„#twittermarathon: 10 km, 1?03 – und ich bin noch frisch wie der junge tag (keusch)“

Zeugen noch von einer gewissen Unbekümmertheit. Doch schon kurz darauf die erste Warnung:

„#twittermarathon: rechtes knie sagt: mach langsam. Schnauze!“

Es sollte ein Dauerthema werden, denn ungefähr ab Kilometer 15 machten sich Beschwerden im rechten Knie bemerkbar, die mich bis ins Ziel begleiten und die sowohl den Spaß wie auch die Endzeit deutlich dämpfen sollten. Gut: Schmerzen sind der ständige Begleiter des Langstreckenläufers, und man hat mit den Jahren gelernt, die Zähne zusammen zu beißen. Aber es gibt solche Schmerzen und solche, und diese waren eindeutig diese. Aufgeben wäre vielleicht vernünftiger gewesen (bin gespannt, was der Arzt morgen sagt; ich habe gleich heute früh einen Untersuchungstermin vereinbart), aber Aufgeben ist für den echten Marathonläufer keine wirkliche Option…

Gut, dass die Berliner so ein tolles Publikum sind. Mehr als eine Million von ihnen säumen ja jedes Jahr die Strecke und feuern die Läufer mit aufmunternden Zurufen („Gib‘ alles!“) und zahlreichen musikalischen Darbietungen an. Wie wichtig solche psychologische Unterstützung ist, zeigt folgender Tweet, der irgendwo vor Kilometer 20 abging:

„#twittermarathon: big band sound in der yorckstrasse. kann ich jetzt gut bauchen.“

Doch kurz darauf ist der Twitterer nur noch mit sich selbst, beziehungsweise mit seinem nunmehr wichtiugsten Körperteil beschäftigt:

„#twittermarathon: halbzeit! (21 km) das rechte knie will nicht mehr. Lauf halt auf dem linken weiter…“

Aber immer wieder schaffen es die Zuschauer, den drohenden „Tunnelblick“ durch eine plötzlich aufblitzende Impression aufzuhellen, wie beispielsweise kurz nach der „Halbzeit“ (Kilometer 21), als ein hochgehaltendes Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich zog und zu folgendem digitalen Kommentar führte:

„#twittermarathon: hrosses schild;lauf, berti, lauf! ich fuehl mich angefeuert. Komisch: ich heiss doch gar nicht berti…“

Die inzwischen brütende Berliner Hitze begann sich langsam ernsthaft auf die Läuferschaft auszuwirken, aber das ist man in Berlin bereits gewohnt, und man hat entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Ich habe noch nie so viele Labestationen auf einer Marathonstrecke erlebt, und folgender Tweet zeugt von der Dankbarkeit, die wir Läufer für die Berliner Feuerwehren empfanden, die immer wieder ihre Schläuche auf die Vorbeilaufenden richteten und damit für vorübergehende Abkühlung sorgten:

„#twittermarathon: achtung – feuerwehrdusche voraus!“

Die Mischung aus Hitze und Schmerz begann sich offenbar auf meine Konzentration auszuwirken, denn kurz darauf folgende Schreckensnachricht:

„#twittermarathon: fast #twitterunfall gebaut. Handy fiel aus der tasche. Blieb stehen, um aufzuheben – bad idea!“

Tatsächlich hat ein Läuferfeld beim Marathon große Ähnlichkeit mit einer durchgebrochenen Rinderherde in alten Westernfilmen, und gnade Gott demjenigen, der plötzlich und unvermittelt mitten im Pulk anhält. Nun, irgendwie habe ich das fallengelassene Gerät wieder ergattert, und der Twitter-Marathon konnte weitergehen. Allerdings unter zunehmender Pein: Ungefähr ab Kilometer 30 fühlte sich das Knie an, als ob es auf die Größe eines Basketballs angeschwollen wäre. An jeder Labestation kippte ich 2 bis 3 Becher kaltes Wasser drüber, und irgendwie ging es weiter. Die per Twitter geäußerten Gedanken allerdings werden ab diesem Zeitpunkt zum teil ziemlich wirr. Oder was soll das hier eigentlich heißen:

„#twittermarathon: km 29 “es tut weh” -&63 1@?1 !)?61052&). “ws faengt erst an weh zu tun…” sag ich. Siérkt verunsichert.“

Keine Ahnung. Dafür müssen aber meine oleofaktorischen Funktionen noch in Ordnung gewesen sein, wie folgender Kommentar aus der Schlußphase des Laufs beweist:

„#twittermarathon:roseneck: ob ich auch so muffel wie der haarige0typ vor mir“

Zunehmend aber wird die Doppelbelastung von Laufen und Twittern zur Qual, was schließlich zu der angsterregenden Meldung führt:

„#twittermarathon: 35 km: ich kann nichtmehr (twittern – laufen schon) #twitterpause

Danach herrscht 5 Kilometer lang Funkstille, die endlich unterbrochen wird von dem getwitterten Freudensschrei:

„#twittermarathon: km 40 – Mitte. Jetzt pack’ ich’s!“

Und nun beginnt sich die von körpereigenen Rauschstoffen induzierte Euphorie, die der wahre, selbstinduzierte Lohn des Langstreckenläufers sind, auch digital durchzuschlagen, zum Beispiel in:

„#twittermarathon: brandenburger tor in sicht! #runnershigh

Und am Ende gipfelt alles in einem hastig, aber dafür erstaunlich fehlerfreien Tweet:

„#twittermarathon: WOW! ‚Chariots of Fire‘ beim Zieleinlauf. Dagegen ist Fliegen nix (von Sex wollen wir gar nicht reden…)“

Danach ist erst mal Schweigen, denn nach 42 Kilometern will der Marathonläufer nur eines: Sich an ein Gitter lehnen und schnaufen, schnaufen, schnaufen! Auf wackeligen Beinen geht’s dann Richtung Ausgang, wo man die Medaille um den Hals gehängt bekommt und wo die liebreizendste Gattin der Welt, wie es inzwischen unsere gute Marathon-Familientradition ist, mit einem randvollen Glas Weißbier steht und mich empfängt. Und hier, endlich, bricht sich die Gefühlsaufwallung wieder digitale Bahn in dem tiefempfundenen Abschieds-Tweet:

„#twittermarathon: In Berlin gibt’s das beste Bier der Welt. Keine Ahnung, welche Marke. Aber nach 42 km ist JEDES Bier das beste!“

Einen grundsätzlichen Nachteil hat diese Form des Twitter-Marathons per Handy natürlich schon: Der Läufer ist zwar auf Sendung, kann aber nichts empfangen. So erklärt sich auch die von irgendwo unterwegs geäußerte bange Frage (”ob wohl jemand mitliest?”) mit der noch größeren Einsamkeit des Langstreckenläufers, sobald er die zusätzliche Dimension des Cyberraums betritt.

Dass die Angst völlig unbegründet war, erschloss sich erst am Abend, als ich am Flughafen Tegel wieder wie gewohnt per Laptop online gehen und bei Twitter nachschauen konnte. Das Ergebnis war geradezu überwältigend: eine Flut von digitalen Anfeuerungsrufen, Durchhalteparolen und Gratulationen wie dieser von einem gewissen @Paniker:

“@TCole1066  Super! Komm gut ins Ziel! Dran bleiben!”

Offenbar hatte sich das Twitter-Projekt wie ein Lauffeuer herumgesprochen, unter anderem angestoßen von Tweets wie diesen von @pundp:

“Unbedingt mitlesen: Toller Twitter-Livestream vom Berlin-Marathon von Mitläufer @TCole1066  #Twittermarathon“

Meine Twitter-Freundin @PickiHH, die offenbar ständig online ist, meldete sich gleich zu Beginn mit:

“@TCole1066  Du läufst mit und twitterst dabei? Super! Durchhalten!! #berlinmarathon”

Vom fernen Rhein meldete sich chrisvollmert  mit:

“@TCole1066  hi tim – durchhalten … sind ja nur noch ein paar meter … grüße aus köln und viel erfolg …”

heidischall  gratulierte per Twitter ausdrücklich allen, die mitgelaufen waren:

“@TCole1066  zum Zieleinlauf beim Berlin Marathon und verneigt sich vor allen, die eine solche Leistung vollbringen. Bravo!”

Und der Münsteraner Michael Solder fasste das Resultat des Projekts auf unnachahmlich twitterhafte Art und Weise in weit weniger als die maximal zulässigen 140 Zeichen, nämlich:

“@TCole1066  das war eine saucoole Aktion”

Und damit wäre eigentlich alles gesagt…

Wann kommt der Jogger-Führerschein?

Donnerstag, 28. Februar 2008

„Unbekannter Jogger stirbt nach Waldlauf“, titelte heute die „,“ im Münchner Lokalteil. Spaziergänger hätten einen unbekannten Sportler röchelnd am Wegrand liegend aufgefunden, der Mann sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, wohl an einem Herzinfarkt. Und nun rätselt die Polizei: Wer ist der Kerl?

Als meine Frau mir die Personenbeschreibung vorlas – etwa 50 Jahre alt, schlank, gepflegte Erscheinung, dunkelblondes Haar, an den Schläfen ergraut, dünner, graumelierter Vollbart, Laufschuhe Marke „Asics“ – war meine erste Reaktion: „Das bin ja ich!“ Nach kurzer Überprüfung meiner vitalen Funktionen war aber klar, dass es jemand anderer sein musste, den der Sensenmann da im Laufschritt ereilt hat.

„Aber du hättest es sein können“, wandte meine Frau ein, was stimmt. Und auch bei mir wäre die Polizei vor einem Rätsel gestanden, denn ich trage in der Regel keine Ausweispapiere mit mir, wenn ich durch den Englischen Garten laufe. Wenigstens war meine Frau so nett zu sagen, dass sie mich vermissen würde. Das heißt, sie sagte eigentlich: „Spätestens nach 14 Tagen würde ich mich schon mal fragen, was wohl aus dir geworden ist“.

Dieser Vorfall wirft sofort die Frage auf: Warum tragen Jogger keine Papiere bei sich? Nun, weil sie nach ein paar Kilometern vom Schweiß so durchtränkt wären, dass sie auseinanderfielen, natürlich. Also braucht man eine wasserdichte Tasche. Aber was, wenn ich die vergesse? Was, wenn der einsame Jogger alleine wohnt und niemand da ist, der nach ihm fragt. Wer bezahlt den Notarzt? Von wem bekommt das Krankenhaus sein Geld? Muss der Steuerzahler die Kosten für die vergebliche Personenermittlung der Polizei tragen?

Und selbst wenn der Mann Familie hat: Was ist, wenn die Angehörigen es ablehnen, die Leiche abzuholen? Schließlich weiß man ja, dass die Kosten einer Bergrettung von den Hinterbliebenen desjenigen zu tragen sind, der abgestürzt ist. Und so eine Beerdigung ist ja auch nicht gerade billig…

Zwei Lösungen dieses Problems bieten sich meiner Meinung nach an:

Erstens die Einführung einer Kennzeichnungspflicht für Hobbysportler. Jeder, der in seiner Freizeit die eigenen vier Wände zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung verlässt, sollte vom Gesetzgeber dazu bei Strafandrohung verpflichtet werden, Name, Adresse, Telefonnummer und Blutgruppe deutlich sichtbar in tättowierter Form auf dem rechten Oberarm zu tragen (Ausnahmegenehmigungen für Amputierte könnten ein Tragen des Tattoos auf der rechten Gesäßbacke vorsehen).

Wenn das nicht ausreicht, schlage ich zweitens die Einführung eines amtlichen Jogging-Führerscheins vor. Er besteht aus wasserfestem Kunststoff und ist mittels eines entsprechenden Stirnbands (nähere Ausführungen zu Größe und Beschaffenheit regelt eine Durchführungsverordnung) jederzeit deutlich sichtbar am Vorderkopf zu tragen. Dort, wo sich normalerweise das Gehirn befindet.

Marathon-Betrug

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Ich gestehe: Ich habe beim Marathon abgekürzt. Und ich bin damit offenbar in bester Gesellschaft.

42 Kilometer sind lang, sehr lang sogar. Das spürst du jeden Meter in den Oberschenkeln und wünscht dir sehnlich, es wären ein paar weniger. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich in langen Kurven auf die Innenseite wechsele oder bei scharfen Abbiegungen ganz dicht an die Zuschauerreihe entlang renne. Es sind vielleicht nur Zentimeter, die ich dabei spare, aber die summieren sich im Laufe von vier und ein paar zerquetschte Stunden ja vielleicht doch. Hoffe ich, jedenfalls.

Ich gebe sogar zu, dass ich mich unterwegs ab und zu frage, wie man es am besten anstellen könnte, mal so richtig abzukürzen: Zum Beispiel so zu tun, als ob ich pinkeln müsste, mir irgendwas überstreifen oder die Startnummer abnehmen und dann in einer U-Bahn-Haltestelle verschwinden, um mich an der nächsten Station wieder in den Pulk zu schmuggeln. Oder irgendwo im Englischen Garten, wo ich täglich trainiere und mich deshalb besonders gut auskenne, ein Fahrrad abstellen und damit ans andere Ende des Parks zu radeln.

Dass ich nicht alleine bin mit meinen heimlichen Abkürzungsphantasien bin, weiß ich auch. In der Zeitung stehen immer wieder Stories eine Geschichte über Marathon-Mogler, die disqualifiziert worden sind, weil sie beim Schummeln erwischt wurden. Neben der U-Bahn-Nummer gibt es noch den Trick mit dem Chip-Tausch: Bei den großen Stadtläufen trägt jeder eine kleine Funk-Erkennungsmarke am Schuh, die die Zeit festgehalten, wenn man damit über eine mit Elektrodendrähten bespickte Matte läuft. Es gibt solche Matten an Start und Ziel sowie alle zehn Kilometer, um die Zwischenzeiten aufzuzeichnen.

Und weil man inzwischen weiß, dass manchmal auch Betrüger mitlaufen, gibt es meistens neben den offiziellen Zeiterfassungsstellen ein paar nicht angekündigte Kontrollstellen irgendwo entlang der Strecke. Wer da nicht drüber läuft, fliegt aus der Wertung raus. Sonst könnte einer ja einem Komplizen seinen Chip zustecken, der damit zum nächsten Kontrollpunkt radelt und ihn über die Matte trägt, während der Läufer eine Abkürzung nimmt und den Chip später wieder in Empfang nimmt.

Ich gebe zu, da gehört eine ganze Menge krimineller Phantasie dazu, sich solche Mogel-Szenarien auszumalen, und wie sonst im Leben auch sind die Bösewichte in der Regel den Ordnungshütern einen Schritt voraus (in diesem Fall sogar mehrere Schritte…). Manchmal aber ist der Betrüger der Dumme. So zum Beispiel der Mexikaner Roberto Madrazo, der beim Berlin-Marathon soeben disqualifiziert worden ist, weil er auf besonders dreiste Art und Weise betrogen hat. Der Schnauzbartträger kam am Brandenburger Tor mit einem strahlenden Lächeln und einer Fabelzeit von 2:41:12 an, womit er seine Alterklasse (55+) überlegen gewonnen hätte. Wenn den Offiziellen nicht aufgefallen wäre, dass er zwei Kontrollpunkte ausgelassen hatte und deshalb rein rechnerisch eine Teilstrecke von etwas mehr als 14 Kilometern Länge in 21 Minuten zurückgelegt hatte, was vor ihm noch kein Mensch geschafft hat: Der Weltrekord über 15.000 Meter liegt derzeit bei 41 Minuten.

Madrazo ist übrigens Politiker, hat sogar mal erfolglos für das mexikanische Präsidentenamt kandidiert, weshalb sich in seiner Heimat keiner darüber gewundert hat, dass er gemogelt hat. Schließlich gehört er der ehemaligen Regierungspartei PRI an, die in Mexiko geradezu als ein Sinnbild für Korruption und Gaunereien gilt. Und man kann sogar ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen für sein Tatmotiv: Madrazo wirbt seit Jahren in seinen Wahlkämpfen mit Plakaten, auf denen er als verschwitzter Ausdauertyp zu sehen ist. So was bringt Stimmen.

Madrazo ist überhaupt ein ziemlich schräger Vogel. Er wurde mal wegen illegaler Wahlkampfspenden im Millionenhöhe verklagt. Mitten in dem Verfahren wurde er angeblich gekidnappt und von seinen Entführern gefoltert. Allerdings wurden die Ermittlungen später eingestellt, weil die Polizei keine Spuren fand.

Erfindungsreich ist er also, der gute Roberto. Und vielleicht brauchte er wirklich ein neues Foto für sein nächstes Wahlkampfplakat. Aber was für eine Ausrede haben die anderen Marathonis? “Das ist ja schlimmer als beim Golfen”, sagte meine Frau, als sie das hörte. Ja, dass beim Kampf mit der kleinen weißen Kugel gelogen wird, bis sich die Balken biegen, ist bekannt. Aber offenbar liegt es in der Natur des Menschen, die eigene Leistung anderen gegenüber schönen zu wollen, nach dem Motto: mehr sein als scheinen. “Heute wieder das Handicap um drei unterspielt” klingt am Stammtisch gut, da erheben die anderen ehrfurchtsvoll das Glas und denken insgeheim: “der alte Lügenbold…”

Offenbar gehen Marathonläufer auch zum Stammtisch. Oder sie stellen sich zur Wahl. Und da helfen Abkürzungen vielleicht weiter.

Ich selbst laufe gegen einen Gegner, den ich sehr, sehr ernst nehme und der mich und vor allem jeden Meter kennt, den ich zurücklege oder auch nicht. Deshalb nehme ich keine Abkürzungen – oder wenn, dann nur ganz, ganz kleine…

Ich gestehe: Ich habe beim Marathon abgekürzt. Und ich bin damit offenbar in bester Gesellschaft.

 

42 Kilometer sind lang, sehr lang sogar. Das spürst du jeden Meter in den Oberschenkeln und wünscht dir sehnlich, es wären ein paar weniger. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich in langen Kurven auf die Innenseite wechsele oder bei scharfen Abbiegungen ganz dicht an die Zuschauerreihe entlang renne. Es sind vielleicht nur Zentimeter, die ich dabei spare, aber die summieren sich im Laufe von vier und ein paar zerquetschte Stunden ja vielleicht doch. Hoffe ich, jedenfalls.

 

Ich gebe sogar zu, dass ich mich unterwegs ab und zu frage, wie man es am besten anstellen könnte, mal so richtig abzukürzen: Zum Beispiel so zu tun, als ob ich pinkeln müsste, mir irgendwas überstreifen oder die Startnummer abnehmen und dann in einer U-Bahn-Haltestelle verschwinden, um mich an der nächsten Station wieder in den Pulk zu schmuggeln. Oder irgendwo im Englischen Garten, wo ich täglich trainiere und mich deshalb besonders gut auskenne, ein Fahrrad abstellen und damit ans andere Ende des Parks zu radeln.

 

Dass ich nicht alleine bin mit meinen heimlichen Abkürzungsphantasien bin, weiß ich auch. In der Zeitung stehen immer wieder Stories eine Geschichte über Marathon-Mogler, die disqualifiziert worden sind, weil sie beim Schummeln erwischt wurden. Neben der U-Bahn-Nummer gibt es noch den Trick mit dem Chip-Tausch: Bei den großen Stadtläufen trägt jeder eine kleine Funk-Erkennungsmarke am Schuh, die die Zeit festgehalten, wenn man damit über eine mit Elektrodendrähten bespickte Matte läuft. Es gibt solche Matten an Start und Ziel sowie alle zehn Kilometer, um die Zwischenzeiten aufzuzeichnen.

 

Und weil man inzwischen weiß, dass manchmal auch Betrüger mitlaufen, gibt es meistens neben den offiziellen Zeiterfassungsstellen ein paar nicht angekündigte Kontrollstellen irgendwo entlang der Strecke. Wer da nicht drüber läuft, fliegt aus der Wertung raus. Sonst könnte einer ja einem Komplizen seinen Chip zustecken, der damit zum nächsten Kontrollpunkt radelt und ihn über die Matte trägt, während der Läufer eine Abkürzung nimmt und den Chip später wieder in Empfang nimmt.

 

Ich gebe zu, da gehört eine ganze Menge krimineller Phantasie dazu, sich solche Mogel-Szenarien auszumalen, und wie sonst im Leben auch sind die Bösewichte in der Regel den Ordnungshütern einen Schritt voraus (in diesem Fall sogar mehrere Schritte…). Manchmal aber ist der Betrüger der Dumme. So zum Beispiel der Mexikaner Roberto Madrazo, der beim Berlin-Marathon soeben disqualifiziert worden ist, weil er auf besonders dreiste Art und Weise betrogen hat. Der Schnauzbartträger kam am Brandenburger Tor mit einem strahlenden Lächeln und einer Fabelzeit von 2:41:12 an, womit er seine Alterklasse (55+) überlegen gewonnen hätte. Wenn den Offiziellen nicht aufgefallen wäre, dass er zwei Kontrollpunkte ausgelassen hatte und deshalb rein rechnerisch eine Teilstrecke von etwas mehr als 14 Kilometern Länge in 21 Minuten zurückgelegt hatte, was vor ihm noch kein Mensch geschafft hat: Der Weltrekord über 15.000 Meter liegt derzeit bei 41 Minuten.

 

Madrazo ist übrigens Politiker, hat sogar mal erfolglos für das mexikanische Präsidentenamt kandidiert, weshalb sich in seiner Heimat keiner darüber gewundert hat, dass er gemogelt hat. Schließlich gehört er der ehemaligen Regierungspartei PRI an, die in Mexiko geradezu als ein Sinnbild für Korruption und Gaunereien gilt. Und man kann sogar ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen für sein Tatmotiv: Madrazo wirbt seit Jahren in seinen Wahlkämpfen mit Plakaten, auf denen er als verschwitzter Ausdauertyp zu sehen ist. So was bringt Stimmen.

 

Madrazo ist überhaupt ein ziemlich schräger Vogel. Er wurde mal wegen illegaler Wahlkampfspenden im Millionenhöhe verklagt. Mitten in dem Verfahren wurde er angeblich gekidnappt und von seinen Entführern gefoltert. Allerdings wurden die Ermittlungen später eingestellt, weil die Polizei keine Spuren fand.

 

Erfindungsreich ist er also, der gute Roberto. Und vielleicht brauchte er wirklich ein neues Foto für sein nächstes Wahlkampfplakat. Aber was für eine Ausrede haben die anderen Marathonis? “Das ist ja schlimmer als beim Golfen”, sagte meine Frau, als sie das hörte. Ja, dass beim Kampf mit der kleinen weißen Kugel gelogen wird, bis sich die Balken biegen, ist bekannt. Aber offenbar liegt es in der Natur des Menschen, die eigene Leistung anderen gegenüber schönen zu wollen, nach dem Motto: mehr sein als scheinen. “Heute wieder das Handicap um drei unterspielt” klingt am Stammtisch gut, da erheben die anderen ehrfurchtsvoll das Glas und denken insgeheim: “der alte Lügenbold…”

 

Offenbar gehen Marathonläufer auch zum Stammtisch. Oder sie stellen sich zur Wahl. Und da helfen Abkürzungen vielleicht weiter.

 

Ich selbst laufe gegen einen Gegner, den ich sehr, sehr ernst nehme und der mich und vor allem jeden Meter kennt, den ich zurücklege oder auch nicht. Deshalb nehme ich keine Abkürzungen – oder wenn, dann nur ganz, ganz kleine…

Der Frauenversteher

Dienstag, 11. September 2007

Mein Freund und Kollege Jupp Suttner gilt als Frauenliebling. Ehrlich gesagt, ich verstehe es nicht ganz, denn er ist von eher kurzer Gestalt und wie ich auch nicht mehr ganz der Jüngste. Aber Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, und überhaupt: Wer versteht schon die Frauen?

Jedenfalls verdanke ich ihm jetzt die Erkenntnis, dass die Frauen dabei sind, eine weitere Männerbastion einzunehmen, nämlich den Marathonlauf. Jupp macht die Pressearbeit für den München-Marathon, und heute flatterte mir seine Meldung ins elektronische Postfach, wonach der Frauenanteil unter den Startern bei den großen Dauer-Läufen steigt und steigt: In Berlin und München soll sie schon um die 20 Prozent betragen, in New York 32,6%, in Honolulu sogar 47,5%.

Der gute alte Philippides (der wahrscheinlich Thersippos hieß, oder vielleicht Eukles, das sind sich die historischen Quellen nicht ganz einig; Herodot schweigt sich sogar ganz aus über die Legende von angeblichen Boten, der 490 v. Ch. die frohe Kunde vom Sieg über die Perser vom Fischerdörfchen Marathon nach Athen brachte, also wurde die ganze Geschichte vermutlich im 4. Jahrhundert einfach erdichtet) würde sich heute vermutlich im Grabe drehen bei dem Gedanken, dass die Frauen ihm und seinen Geschlechtsgenossen langsam den Rang ablaufen.

Ein bisschen abenteuerlich fand ich allerdings Jupps Ableitung. Frauen finden Marathon angeblich vor allem deshalb sexy, weil sie beim Laufen die Augen aufhalten. Als “Genußläuferinnen”, so zitiert Jupp den ehemaligen Olympiateilnehmer und heutige Marathon-Experte Manfred Steffny, würden sie weitaus mehr wert legen auf das Rahmenprogramm sowie auf “das, was die Stadt sonst noch zu bieten hat.”

Und das sind für sie nicht etwa die strammen Wadeln der männlichen Marathonis, sondern vor allem die Einkaufsmöglichkeiten vor und nach dem Lauf. “Laufen & Shoppen” lautet jedenfalls, so Jupp, die Devise.

Nun, da die Rennen meist am Sonntag stattfinden, sind die Einkaufsmöglichkeiten eigentlich eher begrenzt. Aber ich kann bestätigen, dass meine Frau deshalb gerne mit zu den Käufen fährt, weil wir meistens ein oder zwei Tage vorher anreisen, und da wird die Kreditkarte dann schon ein wenig überstrapaziert. Aber dafür läuft sie auch nicht selber mit, sondern steht nur am Streckenrand und feuert mich an.

Mich hat es aber schon erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit Jupp so etwas behauptet. Ich dachte jedenfalls, solche Unterstellungen würden heute als sexistisch gelten, auf jeden Fall aber als politisch unkorrekt. Ich höre meine Damen – Mutter und Tochter sind sich da immer schnell einig – schon  “Stereotyp!” und “Macho!” rufen.

Aber Jupp darf das. Und sie finden es auch noch nett. Was hat er, was ich nicht habe? Ich werde meine Frau mal fragen…

Lasst uns Läufer sterben!

Mittwoch, 20. Juni 2007

Die Marathon-Saison ist in vollem Gange, und die Kritiker laufen wieder mal zur Hochform auf. Weil es immer wieder Todesfälle auf Laufveranstaltungen zu beklagen gilt (in diesem Jahr angeblich schon acht Stück!) fordert Dr. Winfried Kindermann, Chefmediziner der deutschen Olympiamannschaft, einen Gesundheitspass für Hobbyläufer. Andere Länder sind da schon einen Schritt eiter: Wer sich heuer online zum Rom-Marathon anmelden wollte, musste vorher einen ärztlichen Attest einreichen. Bequemerweise gab es ein entsprechendes Formular zum Herunterladen, das nur noch vom Hausarzt unterschrieben werden musste.

Blödsinn, sage ich! Lasst die Läufer sterben! Schließlich wissen sie, was sie tun, denn sie eifern einem großen historischen Vorbild nach: Der allererste Marathonläufer, Pheidippides, der 490 v.Chr. die Nachricht vom Sieg gegen die Perser nach Athen im Laufschritt sowie in voller Rüstung bei brütender Hitze überbrachte (über seine Schlusszeit schweigt sich Herodot allerdings aus), brach bekanntlich auch am Ziel zusammen.

Im Ernst: Ein Marathon zu laufen ist eine ungeheurere körperliche Anstrengung, für viele die größte ihres Lebens. Ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich bislang mit einer Bestzeit 4:13 eher zu den „Marathon-Gehern“ gehöre.  Aber ich weiß genau, was ich tue: Ich laufe um mein Leben! Als mein Arzt mir extremen Bluthochdruck sowie erste sichtbare Arterienveränderungen attestierte, habe ich die Konsequenz gezogen und bin losgelaufen.

Hätte ich es nicht getan, wäre ich vielleicht schon tot. Aber das war und ist meine ureigene Entscheidung. Wer sich darin einmischt, nimmt mir etwas von dem, wofür ich laufe, nämlich meine Entscheidungsfreiheit. Und wenn ich es eines Tages mit dem Leben bezahlen muss: Sterben muss ich so oder so. Einen schöneren Tod aber als einen aus vollem Lauf heraus kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.