Tödliches Twittern

“Twittern beim Autofahren! Jetzt kann man sogar mündlich zwitschern!” Das teilte ein guter Freund neulich der staunenden Umwelt in seinem Blog mit. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er denn noch ganz bei Trost sei. „Du hattest gleich zweimal Glück mit deinem Auto-Tweet. Erstens, dass du keinen Unfall gebaut hast und zweitens, dass du nicht in Großbritannien bist“, habe ich ihm gesagt. Er hat den Zusammenhang aber nicht sofort verstanden.

Es geht um das Thema „Smsen und Twittern am Steuer“. Tatsächlich beobachte ich immer mehr Leute im Straßenverkehr, die entweder an der Ampel oder – schlimmer noch! – beim Fahren versuchen, empfangene Kurznachrichten auf dem Minibildschirm ihrer Mobiltelefone zu entziffern oder sogar Texte über die winzige Handy-Tastatur einzugeben.

In den angelsächsischen Ländern ist das Thema “texting while driving” in der öffentlichen Diskussion etwa auf die gleiche emotionale Ebene angelangt wie “drinking and driving”. Erst kürzlich wurde eine 22jährige Frau zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie während der Fahrt auf der Autobahn A40 eine SMS geschrieben und dabei ein liegengebliebenes Fahrzeug übersehen hatte. Das Ergebnis war eine Tote und mehrere total demolierte Autos. Die Staatsanwaltschaft hielt das Urteil übrigens für viel zu mild und kündigte Berufung an. Sie will die Texterin für  5 bis 7 Jahre hinter Gitter bringen.

In diesem Zusammenhang weisen britische und amerikanische Verkehrspsychologen darauf hin, dass jede Ablenkung des Fahrers, sogar das Telefonieren mittels Freisprecheinrichtung, die Aufmerksamkeit so stark reduziert wie ein Vollrausch. Und Smsen und Twittern sind noch viel schlimmer! Eine Studie  der Royal Automobile Club Foundation hat ergeben, dass die Reaktionsgeschwindigkeit bei Menschen, die am Steuer Textnachrichten lesen oder schreiben um 35% herabgesetzt ist. Zum Vergleich: Wer unter dem Einfluss von Marihuana fährt, reagiert im Durchschnitt 21% langsamer, bei Alkohol (Fahrer “legally intoxicated”, also knapp jenseits der Promillegrenze) sind es nur 12%.

Mein Freund rechtfertige sich damit, dass er die Twitter-Nachricht ja nicht eingetippt habe, sondern diktiert. Die junge deutsche Firma  Dictocom hat mit „ssms.com“ einen Dienst vorgestellt, der es einem erlaubt, einfach ins Telefon zu zwitschern. Eine schlaue Software wandelt das Gesprochene in einen geschriebenen Tweet um, den er auch gleich an die richtige Adresse absetzt .

Mag ja sein, dass die Leute von ssms.com mit der Idee der Spracheingabe das Risiko etwas reduzieren. Ich kann aber nun wirklich keinem raten, den Service beim Autofahrern zu benützen. Sonst ist es vielleicht der letzet Tweet seines Lebens. John Perry Barlow von den „Grateful Dead“ hat sehr schön beschrieben, worum es geht, als mal gebeten wurde, den Begriff „Cyberspace” zu definieren. Das sei „der Ort, an dem du dich befindest, wenn du telefonierst.”

Anders ausgedrückt, wenn man telefoniert, ist man woanders, aber auf jeden Fall nicht bei der Sache. Da sollte man besser sein, wenn man sich ans Steuer setzt.

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