Warum Island ins Endspiel kommt

Immer mit den Stutzen unten!

Immer mit den Stutzen unten!

Wahrscheinlich weil alle so überrascht waren, wie gut Island bei dieser EM spielt, habe ich mich an meinen Besuch im Jahr 1984 auf den Westmännerinseln (Vestmannaeyjar) erinnert, eine kleine Inselgruppe ungefähr 20 Kilometer südlich der Hauptinsel. Und der Mann, der mich dorthin brachte, hieß Ásgeir Sigurvinsson, den sie in Stuttgart, wo ich damals lebte, wahlweise den „Eismeer-Zico“ oder – zumindest hinter seinem Rücken – den „Island-Aasgeier“ nannten.

Sigurvinsson war 1955 hier zur Welt gekommen und hatte zwei Spielzeiten für ÍBV Vestmannaeyjar gekickt, dem in seiner Geburtsstadt ansässigen Erstligisten. Woraus wir lernen: Island hat mehr wie eine Liga! Danach ging er als einer der ersten isländischen Fußballspieler ins Ausland zu Standard Lüttich, wo er belgischer Pokalsieger wurde. Später wechselte er für ein Jahr nach Bayern und kam dann für die damalige Sensationssumme von einer Million D-Mark zum VfB.

Es waren wunderbare Jahre, nämlich die Jahre von „Wundermann“ Jürgen Sundermann und seinem legendären „100-Tore-Sturm“, mit dem er den VfB Stuttgart ein Jahr nach dem Abstieg 1977 aus der Zweitklassigkeit geholt hatte. Ich sehe sie alle noch vor mir, die jungen Wilden um den Ausnahmestürmer Hansi Müller, der so aussah, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Es gab die beiden „Förster-Buben“, Bernd und Karlheinz, die angeblich beim Training mit nackten Füßen gegen Eisenbahnschwellen traten. Es gab einen Ottmar Hitzfeld, der gegen Jahn Regensburg alleine sechsmal traf und bis heute den ewigen Torerekord hält. Dieter Hoeneß hatte damals schon die höchste Stirn von allen, das den anderen regelmäßig als Zielscheibe für Kopfballflanken diente.

Von Ásgeir Sigurvinsson sagten die Schwaben, er sei „gescheit“, und das ist so ziemlich das höchste Kompliment, dass man jemandem in Stuttgart machen kann. Der Isländer war für den VfB das, was Franz Beckenbauer für die Bayern war: Der geniale Lenker und Leiter, die zentrale Anlaufstelle im Mittelfeld. Er spielte immer mit heruntergekrempelten Stutzen und konnte die Bälle so gefühlvoll verteilen wie sonst nur ein Günter Netzer.

Sundermann war zwar ein Jahr zuvor geschasst worden, aber unter seinem kantigen Nachfolger Helmut Benthaus, den kühlen Klaren aus dem Norden, war sein VfB in der Bundesliga bis ganz an die Spitze gekommen.

Ich entstieg auf der Hauptinsel Heimaey dem kleinen zweimotorigen Inselhopper und ging zur Baracke, das als Flugterminal diente. Und dort grinste mir der Island-Aasgeier von einem Plakat entgegen. Einem Einheimischen habe ich voller Stolz gesagt, dass ich aus der Stadt käme, wo Sigurvinsson jetzt spielt. Und sofort war ich von einer Menschentraube umringt. Fragen prasselten auf mich ein: Wirklich wahr? Kennst du ihn persönlich? Und vor allem: Fliegst du auch mit zum Spiel?

Welches Spiel? Na, das Meisterschaftsspiel, natürlich! Eigentlich war es ja bedeutungslos, denn der VfB hatte durch einen 2:1-Sieg bei Werder Bremen eine Woche vorher schon alles klargemacht. Die letzten 90 Minuten gegen den HSV hatte nur noch statistische Bedeutung, denn die Nordlichter hätten mit 5 Toren Abstand gewinnen müssen, um noch Meister zu werden, und das im alten Neckarstadion. Eher gefriert die Alster im August.

„Wir fliegen trotzdem hin“, sagten alle rings um mich herum. Die Westmänner hatten sogar eine Sondermaschine gechartert, und da sei auch noch ein Platz für mich frei.

Nach höchstens einer Viertelstunde hatten sie mich weichgeklopft: Ich bin in einer Maschine voller fußballbegeisterter Isländer heimgeflogen, habe mir auf dem Schwarzmarkt für damals sagenhafte 250 Mark ein Ticket für die Haupttribüne gekauft und habe zugeschaut, wie der VfB gegen den HSV die wohl fröhlichste Niederlage seiner Vereinsgeschichte einfuhr: In den allerletzten Minuten, als sich die Fans auf den Rängen schon längst in den Armen lagen, hat noch so ein Fischkopf das einzige Tor zum 1:0 Endstand geschossen.

Als VfB-Fan hat man es heute ziemlich schwer. Aber als alter Island-Fan ist es eine Freude! Deshalb gebe ich hier und heute mein Tipp ab: Island schlägt im Halbfinale Deutschland und wird anschließend im Endspiel Europameister! Wer wettet dagegen?

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2 Antworten auf Warum Island ins Endspiel kommt

  1. Tim Cole sagt:

    Aber trinken tun wir ihn schon hier im Lungau, gell?

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