You Can Say Thou To Me

Ob Helmut Kohl tatsächlich denIrrsinnssatz „you can say you to me“ von sich gegeben hat, ist wohl kaum schlüssig nachzuweisen. Auf jeden Fall aber gilt es seit ich denken kann als Standard-Beispiel dafür, wie sich Deutsch- und Englischsprechende bei der Anrede verhauen können. Wir Angelsachsen kennen nur das „you“, was von unseren deutschen Gegenüber als ein Ausdruck des hemdsärmeligen betrachtet wird, ein Grad an Informalität, um die man uns wahlweise beneidet oder verdammt, weil es als Ausdruck von Oberflächlichkeit angesehen wird.

Jetzt stolperte ich zufällig über einen Beitrag auf philognosie.net, in dem behauptet wird:

„Das Englische ‚you‘ bedeutet nicht ‚Du‘, sondern entspricht eher einer Anredeform, die der altdeutschen Form ‚Ihr‘ näherkommt, einem Plural, der Respekt bezeugt.“

Wenn das stimmt, lag Kohl ja noch weiter daneben, als ich dachte. Hätte er das gesagt, dann hätte er damit ja versuchen wollen, das Eis zu brechen und sein Gegenüber auf eine persönlichere Gesprächsebene zu führen.

Tatsächlich war „you“ früher eigentlich eine Höflichkeitsanrede, die benützt wurde, um Distanz zu schaffen. Wer seiner Liebsten etwas Zärtliches ins Ohr hauchen wollte, verwendete das intimere „thou“. Im Französischen hat sich diese Dualität mit „tu“ und „vous“ ja auch bis heute erhalten.

Ich kenne viele Deutsche, besonders solche, die für multinationale Konzerne arbeiten, die ihre Kollegen mittlerweile mit Vornamen anreden, aber die „Sie“-Form verwenden. Mir ging das vor 30 Jahren selbst so, als ich eine Woche lang bei Reader’s Digest in Stuttgart den Job des  Stellvertretender Chefredakteur machen sollte  (und sofort den Bettel wieder hinwarf, aber das ist eine andere Geschichte) und von der Chefredakteuse gleich mit „Tim“, aber auch mit „Sie“ angesprochen wurde. Allerdings wusste ich, dass sie mich hasste, weil ich ohne ihr Zutun angeheuert worden war und für sie eine offensichtliche Bedrohung darstellte. So ziemlich das Letzte, was sie wollte, war mich sprachlich oder sonst wie in ihren Intimbereich einzuladen. Aber so waren dort nun mal die Gepflogenheiten, zumal wir ja in ständigem Kontakt mit unseren amerikanischen Kollegen waren und dort Vorname und „you“ verwendet wurden.

Das mit „Du“ und „Sie“ ist für einen Amerikaner oder Engländer ja auch verwirrend. Amerikanische Freunde meiner Mutter, die jahrelang in Mannheim wohnten und gelegentlich uns besuchen kamen, haben konsistent und beharrlich meine Großeltern geduzt und uns Kinder gesiezt. Wir waren alle zu höflich, sie auf ihren Irrtum hinzuweisen.

Weil sie ihr altes „thou“ verloren haben, fehlt dem Anglophilen leider auch ein sehr nützliches Stilmittel, um Leute auf Distanz zu halten, die man eigentlich nicht mag oder denen gegenüber man seine gesellschaftliche oder berufliche Überlegenheit demonstrieren möchte. Der alte Herr Kock, der bei Karmann in Osnabrück die Reisemobilabteilung leitete, pflegte Anzeigenvertreter, die ihm lästig waren, von oben herab anzusehen und zu fragen: „Muss ich Sie kennen?“ Klingt halt doch ganz anders als „muss ich dich kennen?“ Wie ja auch „Sie Arschloch!“ eine viel größere Trefferwirkung erzielt als „du Arschloch!“

Ich werde jedenfalls meine englischsprechenden Kontakte animieren, wieder das alte „thou“ einzuführen. Ich höre schon meine liebe Gattin mahnend aus der Küche rufen: „wouldst thou take out the garbage, dear?“

Oh Helmut, was hast du da bloß angezettelt…

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3 Antworten auf You Can Say Thou To Me

  1. Robin Wilton sagt:

    Another wonderfully perceptive article, Tim. English may have lost its handy ‚thou‘ and ‚ye‘, but you need only read, say, the ‚Cecily and Gwendoline‘ scene from Wilde’s ‚The Importance of Being Earnest‘ to see how the language still provides many opportunities to use politeness as a weapon…

  2. Mein Lieblingserlebnis, als ich bei einem internationalen Verband in London gearbeitet habe: Ein deutscher Kollege, zwei Jahrzehnte älter als ich, meinte bei einem Abendessen: „Wenn wir uns auf Englisch die ganze Zeit mit Vornamen ansprechen, können wir doch auch auf Deutsch zum ‚Du‘ übergehen. Aber bitte nicht, wenn Mitarbeiter von mir in der Nähe sind.“

  3. Tim Cole sagt:

    @andreas: Ich hatte einen Vorgesetzten bei den „Stuttgarter Nachrichten“, mit dem ich mich privat geduzt habe und im Laden gesiezt. Ich fand das damals schon doof und finde es heute pevers.

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