Warum zogen die Iren die Arschkarte?

Große Hungersnot: 1845 stürzt die Kartoffelfäule Irland ins ElendGute Frage auf Quora: „Inwiefern trugen die Lebensmittelexporte aus Irland während der Hungersnot zur Hungersnot bei, und warum wird dies in gängigen Darstellungen oft ausgeklammert?“

Als allererstes muss ich feststellen: Sie wird selten ausgeklammert, jedenfalls in seriösen Publikationen zu dem Thema. Es ist allgemein bekannt, dass vor allem Englische, meist abwesende Grundbesitzer in Irland während der Hungersnot Hunderte Tonnen Weizen und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse exportierten. Während in den 1840er Jahren Millionen Iren hungerten, liefen regelmäßig mit Getreide, Vieh und Milchprodukten schwer beladene Schiffe aus irischen Häfen in Richtung England aus.

Das Scheitern der Kartoffelernte bedeutete nicht, dass es in Irland keine Nahrungsmittel gab, sondern vielmehr, dass die produzierten Nahrungsmittel den Menschen, die sie am dringendsten benötigten, systematisch unzugänglich gemacht wurden. Deshalb ist die Hungersnot bis heute politisch und historisch so ein Streitthema.

Während England fleißig Lebensmittel außerlandes brachten, lebten die meisten Iren ausschließlich von Kartoffeln, die durch die aus Amerika eingeschleppte Kartoffelpest vernichtet wurden. Sie verwandelten sich in der Erde in eine schleimige, stinkende Masse, die nicht für den menschlichen Verzehr taugte.

Als Königin Victoria von der Notlage ihrer Untertanen erfuhr, bot sie 1.000 Pfund als Hungersnot-Hilfe an. Als sie dafür kritisiert wurde, erhöhte sie diesen Betrag auf 2.000 Pfund.  Prinz Albert spendete separat 500 Pfund.

Es gibt eine berühmte Geschichte über den Osmanischen Sultan Abdülmecid I. Er wollte eigentlich 10.000 Pfund für die Iren spenden, reduzierte seinen Beitrag jedoch auf 1.000 Pfund – angeblich auf diplomatischen Druck der Briten hin, da es peinlich gewesen wäre, wenn ein ausländischer Herrscher mehr gespendet hätte als Königin Victoria.

Während der großen irischen Hungersnot (1845–1852) starben etwa 1 Million Menschen, die meisten von ihnen an Hunger und hungerbedingten Krankheiten. Weitere zwei Millionen waren gezwungen, nach Amerika und in andere Länder auszuwandern. Irlands Bevölkerung sank um etwa 20–25 %. Sie hat bis heute nicht wieder ihren Stand von 1841 mit etwa 8,2 Millionen Einwohnern erreicht.

Die Gleichgültigkeit der Engländer gegen die Iren, die immerhin ihre Landsleute waren, ist von manchen Autoren als versuchten Genozid bezeichnet worden. Andere sehen darin eine Bestätigung für die Thesen von Thomas Robert Malthus, einem englischen Geistlicher, Ökonom und Autor, der in seinem 1798 veröffentlichten Buch „An Essay on the Principle of Population“ behauptete, die Bevölkerung wachse tendenziell schneller als die Nahrungsmittelproduktion. Er empfahl dagegen sexuelle Enthaltsamkeit, bzw. spätere Heirat und weniger Kinder.

Wenn Ihr mehr über die Irish Potatoe Famine erfahren wollt, empfehle ich das National Famine Museum in Strokestown Park, County Roscommon, auf halbem Weg zwischen Athlone und Sligo, eine riesiger Prunjkkasten von Bildern, Dokumenten und Emigrationspapieren in einem 2022 eröffnten Prachtgebäude, das 5 Millionen Euro gekostet hat. Etwas kleiner und übersichtlicher ist das Famine Museum in einer ehemaligen Kirche in Louisburgh, County Mayo, wo die Hungersnot am schwersten zugeschlagen hat.

 

 

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