Wer hat Santa gestohlen?

Coca-Cola“-Werbung mit Weihnachtsmann, 40er Jahre. Vorherige Genehmigung zur Nutzung mit Coca-Cola erforderlich.

Und was hat Coca-Cola damit zu tun? Eine ganze Menge, wie wir sehen werden.

Am Ende des ersten Milleniums war der Heilige Nikolas bereits eine etablierte Figur im kanonischen Kalender. Pilger suchten sein Grab in Myra auf, einer Stadt in Anatolien etwa 100 km südwestlich von Antalya. Heute heisst sie Demre.

Myra ist nach Myrrhe benannt, ein aromatischer Harz des Myrrhenbaums (Commiphora myrrha), ein uraltes Heilmittel mit adstringierenden, entzündungshemmenden und desinfizierenden Eigenschaften, bekannt aus der Bibel (Geschenk der Heiligen Drei Könige) und heute für Mund- und Rachenentzündungen, Darmbeschwerden, Hautprobleme und als Räucherwerk genutzt, oft in Kombination mit Kamille und Kaffeekohle.

Der gute St Nikolas wirkte lange in seiner Heimatstadt und starb hochbetagt am 6. Dezember, nur sind sich die Quellen nicht einig, in welchen Jahr – 326, 345, 351 oder 365 sind die heißesten Kandidaten. Über die historische Person ist nicht allzu viel bekannt, nur dass er sein wohl erhebliches ererbtes Vermögen unter den Notleidenden verteilte. Mit der Zeit begannen sich verschiedene Legenden um ihn zu ranken, unter anderem, das er drei Goldklumpen über die Mauer in das Zimmer von drei Jungfern warf, die ihr Vater in die Prostitution verkaufen wollte, weil er sich ihre Mitgift nicht leisten konnte. Das kam heraus, und seitdem wird der Heilige Nickolaus oft mit drei goldenen Kugeln, Äpfeln oder Orangen als ikonografischem Heiligenattribut dargestellt.

Wie es oft von den Gräbern von Heiligen berichtet wird, begann nach einiger Zeit eine Flüssigkeit aus seinem Grab zu tropfen, das man als Myrrhe identifizierte. Ob die Leiche tatsächlich jahrelang Myrrhe sekretierte, oder ob die Priester gerne gelegentlich eine Kanne voll ins Grab gossen, ist nicht bekannt. Jedenfalls wurde sein Grabmal mit der Zeit zu einem beliebten Wallfahrtsort, wo sich die Menschen kleine Fläschen mit der Myrrhe des Heiligen abfüllten und nach Haus nahmen.

Irgendwann um 1087 eroberten die Seldschuken Myra, und eine Gruppe von italienischen Seeleuten aus Apulien raubten daraufhin die Gebeine des Heiligen Nikolas und brachten sie nach Bari, wo sie heute in der extra dafür erbauten Basilika zu sehen sind. Das war natürlich gut für die Kaufleute von Bari, denn der Pilgerverkehr wurde umgeleitet von Myra nach Bari und machte die Stadt stinkreich.

Ein paar Jahre später tauchte eine Gruppe von Venezianischen Seeleuten in Myra auf und fragten die dort lebenden Mönche, wo sie die Gebeine des Heiligen Nikolas wohl finden könnte. Dafür versprachen sie der Kirche eine namhafte Spende. Die guten Brüder zeigten auf eine Reihe von Sarkophargen und sagten im Endeffekt, sucht Euch eins aus.

Das taten sie, brachten die Knochen nach Venedig und behaupteten fortan, sie hätten die wahren Gebeine des Heiligen Nikolas. Außerdem verteilten sie Stücke davon in ganz Europa, wo angebliche Fingernägel des Heiligen an Orten wie Calais oder in der Normandie aufzutauchen begannen. Der Relikquienhandel breitete sich über ganz Europa aus. Ungefähr zu dieser Zeit entfürhten die Venezianer die Gebeine des Heiligen Marus aus Alexandrien, nach dem Motto: Doppelt genäht hält besser.

Die Verehrung des Heiligen Nikolas war inzwischen im ganzen Abendland etabliert und wurde langsam Teil der christlichen Weihnachtstradition. Oder sagen wir lieber, Traditionen, denn es gab und gibt davon eine ganze Menge.

Ab hier wird es kompliziert. Von Skandinavien breitete sich die Verehrung des Sinterklaas bis nach Holland aus, wo der Heilige von einem Diener Schwarte Piet die Weihnachtsgeschenke brachte. Den Kindern erzählte man, dass sie, wenn sie nich brav wären, vom schwarzen Mann in einen Jutesack gesteckt und nach Andalusien gebracht würden, wo es überhaupt nur schwarze Männer gab, allerdings auch Orangen, die man dort bis heute als Weihnachtsgeschenke benützt in Erinnerung an die drei Goldklumpen, die Nikolas den drei Jungfern zugeschanzt hatte.

Die Holländer etablierten 1624 die Kolonie Nieuw Amsterdam und brachten natürlich auch ihre Weihnachtsbräuche mit. Als die Engländer die Kolonie 1667 übernahmen und in New York umbenannten, änderte sich daran nicht sehr viel. Der Nikolas ritt zu dieser Zeit noch auf einem weißen Hengst bei den Weihnachtsprozessionen mit. Die Puritaner versuchten zwar, Heligenverehrungen grundsätzlich zu verbieten, aber der Brauch war zu tief verwurzelt und überstand die Zeit von William Cromwell unbeschadet.

Die Amerikaner anglisierten den Namen Sinderklaas in Santa Claus. Aus dieser Zeit stammt der Brauch, an Weihnachten Lebkuchen zu backen, denn als die Behörden versuchten, die Bewohner von Neuengland das Backen von entsprechenden Kuchen zu Ehren von Santa Claus  zu verbieten, lösten sie fast eine verfrühte Revolution aus.

New York ist bekanntlich ein riesiger Schmelztiegel, und die verschiedenen Einwanderergruppen brachten ihre eigenen Weihnachtsbräuche mit. Aus Skandinavien kam die Sage, dass der Heilige Nikolas Geschenke durch den Kamin herunterließ, weil der oft der einzige offene Zugang war, wenn die Haustür verschlossen war. Auch feierte man das Fest des Heiligen Nikolas an verschiedenen Tagen. Vom 6. November verschob man das Fest zunächst auf Neujahr und dann später auf den Heiligen Abend.

Daran war vor allem ein Dichter namens Clement Clarke Moore schuld, der ein berühmtes Kindergedicht darüber schrieb, dass Santa Claus am Abend vor Weihnachten seine Runden machte und Geschenke hinterließ. Moore erfand auch die Sache mit den Rentieren, die in den USA so gut wie unbekannt waren.

Wie auch immer, Moores Gedicht hatte riesigen Einfluss auf die Art und Weise, wie in Amerika heute Weihnachten gefeiert wird. Um diese Zeit waren die Amerikaner von einer Art Polarmania erfaßt: Jeder der konnte wollte den Nordpol erreichen, wer amerikanische Ingenieur Robert Perry angeblich im April 1909 geschafft hat. Allerdings sind auch daran Zweifel angebracht.

Jedenfalls war der Nordpol der logische Ort für Santa Claus, um seine Weihnachtswerkstatt zu errichten, um von dort aus mit einem von Rentieren gezogenen fliegenden Schlitten die Kinder der Welt mit Weihnachsgeschenken zu beglücken.

Zu dieser Zeit trug Sinterklaas, oder Santa Claus, noch einen grünen Umhang. Das änderte sich 1931, als die Firma Coca Cola eine Werbekampagne startete, um die Menschen davon zu überzeugen, ihre Brause lieber eisgekühlt zu trinken. Die Plakate zeigten einen Santa Claus in einem roten Gewand, das mit weißem Fell an den Ärmeln verziert war, der gut zu seinem wallenden weißen Bart passte. Auch der Hut des Santa Claus ist eine Erfindung der Werbeabteilung von Coca Cola.

Wie das picksüße Rülpswasser breitete sich das Bild von Santa Claus und seinem Renntierschlitten mit den Jahren rund um den Globus aus, so dass Menschen in Russland, Griechenland oder Indien bald begannen die religöse Verehrung des Heiligen Nikolas ganz von der weltlichen Verehrung von Santa Claus im Coca Cola-Gewand zu trennen. Santa wurde mit der Zeit eine ähnlich mythologische Figur wie der Osterhase und verlor seinen religiösen Bezug fast vollständig.

Wie im Übrigen das Weihnachtsfest selber. Darauf sollten wir alle zu Ehren des Heiligen Nikolas ein Glas Coca Cola heben – Prosit!

 

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