Der Trottel im Trend

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg? Falsch! So zwingend geflügelte Worte oft klingen – in diesem Fall darf gezweifelt werden. Denn Fehlschläge sind nicht nur häufiger, sie sind auch häufig gerade die Folge des Erfolgszwangs.

Die Beweise für diese These sind Legion und sichtbar. Wo sollen sonst all die Versager, Stümper und Trottel herkommen? Abgesehen von den seltenen Supersportlern, Molekularphysikern und Schachgroßmeistern stellt sich die Menschheit doch ziemlich dämlich an. Der Verdacht, die Natur hätte das extra so eingerichtet, liegt(natürlich) nahe. Die Beispiele großer Versager scheinen jedenfalls zu beweisen, dass man auch mit Misserfolgen zu Reichtum, Glück, Ansehen und – Erfolg kommen kann.

Nehmen wir mal Charlie Chaplin. Er scheffelte Millionen mit seiner Hilflosigkeit. Sicher, sein Tramp war eine Kunstfigur, genauso wie Woodie Allens Stadtneurotiker. Doch beide Komiker waren und sind deshalb so erfolgreich, weil sie ihre Leinwandtrottel direkt aus dem vollen Leben schöpften. Und das wiederum brachte genug echte Genies hervor, die wahrscheinlich keine geworden wären, hätten sie nicht als Versager begonnen.

So der Schüler Albert Einstein, dem sein Oberschullehrer mitteilte: „Aus Ihnen wird nie etwas!“ Oder jener Kompositeur, dem Jais Joseph II. nach der Uraufführung von Figaros Hochzeit die kritische Anmerkung zuraunte: „Viel zu laut, mein lieber Mozart, und zu viele Noten.“

Nirgendwo finden sich so viele Versager wie im Sport, weshalb ja auch der Spruch vom Dabeisein erfunden wurde, das wichtiger sei als Siegen. Legendär auf diesem Gebiet war der Boxer Ralph Walton. Er war bei seinem Kampf gegen Al Couture genau zehneinhalb Sekunden dabei, bevor der durch K.o. verlor – die zehn Sekunden mitgerechnet, die der Ringrichter zum Auszählen brauchte.

Auch die darzustellenden Künste bieten dem Versager ein weites Betätigungsfeld. Man muss gar nicht an die vielen Zugaben denken, die hocherfreute Zuschauer aus absolut unmusikalischen Künstlern herausapplaudierten. Sogar auf dem nicht gerade von Talenten überschwemmten „Gran Prix Eurovision“ gibt es noch ungerühmte Ausnahmestümper: den Norweger Jan Teigan zum Beispiel. Für sein Liedchen Mile After Mile bekam er 1978von der internationalen Jury keinen einzigen Punkt. „Es war mein schönster Erfolg bisher“, gab der Meister später zu. „Ich konnte mich anschließend kaum vor Fototerminen, Interviewern und Einladungen zu Fernsehshows retten.

Die ernste Muse hat ebenfalls ihre talentierten Versager. Den Namen des Dirigenten José Serbrier spricht man in einschlägigen Kreisen nur mit Ehrfurcht aus. Er schaffte es, sich bei einem Konzert in Mexico City 1975, den Taktstock durch die Hand zu rammen. Großartig auch jener kleiner Angestellte der renommierten Londoner Requistenfirma Richard Keen Ltd. Dort war der Stoffdrache für die Bayreuther Festspiel-Premiere der Wagner-Oper Siegfried angefertigt worden. Der Kopf und Rumpf des Gewürms kamen zwar rechtzeitig auf dem Grünen Hügel an, der lange Hals blieb jedoch verschwunden. Der für den Postversand zuständige Herr hatte, wie sich Wochen später herausstellte, den verbindenden Hals nicht nach Bayreuth, sondern nach Beirut adressiert.

Verständlich, dass selbst auf dem Felde der Ehre Versager erfolgreich sind. Vor allem jener draufgängerische deutsche Jagdflieger sei erwähnt, der am 22. Februar 1940 vor Borkum zwei Zerstörer sichtete, im Alleingang angriff, sie schwer beschädigte und zum Abdrehen zwang. Erst später stellte sich heraus, dass er zwei deutsche Kriegsschiffe in die Flucht geschlagen hatte.

Ein leuchtendes Beispiel für eklatante Fehleinschätzung des Gegners lieferte zum Beispiel der Nordstaatengeneral im amerikanischen Bürgerkrieg, John Segwick. Seine letzten Worte bei der Schlacht von Spotsylvania 1864 lauteten: „Auf diese Entfernung können die nicht einmal einen Elefanten treff…“

Unvergessen wird wohl auch der amerikanische UNO-Botschafter Warren Austin bleiben, der 1848 Juden und Araber aufforderte, ihre Dofferenzen friedlich „wie gute Christen“ beizulegen.

Viele Naturtalente auf dem Gebiet des Versagens fristen verständlicherweise ein einsames Dasein im verborgenen. Keiner kennt den Namen des Beamten der Verkehrsbetriebe von Staffordshire in England, der den Linienbusfahrern die Anweisung gab, lieber den Fahrplan einzuhalten als unterwegs Gäste aufzunehmen. Auch jener Journalistenkollege von den Arab News in Dschidda blieb anonym. Er rückte nach sintflutartigen Regenfällen folgenden Wetterbericht ins Blatt: „Da der Flughafen heute geschlossen blieb, können wir Ihnen leider keinen Wetterbericht geben. Ob wir Ihnen morgen das Wetter bringen können, hängt vom Nachlassen der Regelfälle ab.“

Überliefert wurde jedoch der Name des stümperhaften Selbstmprder aller Zeiten. Abel Riuz aus Madrid wollte 1978 seinem Liebeskummer unter einem Schnellzug ein Ende bereiten. Er geriet zwischen die Schienen und wurde mit leichten Abschürfungen ins Hospital eingeliefert. Wenige Stunden später warf er sich vor einen Laster. Ergebnis: ein paar Prellungen. Im Krankenhaus redeten ihm die Ärzte dann seine Selbstmordabsichten aus. Voller Lebenslust verließ Senor Ruiz die Klinik, um nach wenigen Metern Weges von einem ausgerissenen Pferd niedergetrampelt zu werden. Schwerverkett wurde er zum dritten Mal eingeliefert.

Nicht jeder Fall von Versagen führt jeden zu spektakulären Ergebnissen. Die Buchdrucker Robert Barker und Martin Lucas aus London bereiteten ihren Mitmenschen viel Freude mt ihrer Bibelausgabe aus dem Jahr 1631. Beim siebten Gebot holte der Druckfehlerteufel das winzige Wörtchen „nicht“. Die Gläubigen wurden in dieser unheiligen Schrift also aufgefordert, nach Herzenslust die Ehe zu brechen.

Korrekt wiedergegeben wurde dagegen Matthäus 19, Vers 30: „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Generationen von Versagern holen sich aus dieser Zeile Trost und Zuspruch. Und wir dürfen weiterhin annehmen, dass ER auf der Seite der Stümper, Trottel und Versager steht. Kein Grund also, bei der nächsten Fehlleistung wieder zum Psychiater zu rennen, der dann mit vielen lateinischen Fachausdrücken erklärt, dass man an ausgeprägter, natürlicher Mittelmäßigkeit leidet. Nein, fügen wir uns in der Lauf der Dinge: Der Trottel ist die wahre Krönung der Schöpfung!___________________________________________________

Dieser Artikel erschien 1978 im deutschen Playboy.

 

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