Warum Menschen freiwillig ihre Freiheit aufgeben

Wieso sind so viele Deutsche für Verhandlungen mit Putin, obwohl der jüngste Krieg zeigt, dass er sich nicht an Verträge hält? Diese Frage auf Quora hat mich nicht losgelassen, und ich habe nach einer Antwort gesucht.

Die einfachste wäre: „Weil sie strohdumm sind“, aber das erfasst nicht die ganze Tragweite. Es gibt wohl etwas in manchen Menschen, das sie dazu bringt, gegen ihre eigenen Interessen zu entscheiden. Siehe die jüngsten Erfolge der AfD in Deutschland.

Das gehört zu den spannendsten Problemen der politischen Psychologie.

Sie wählen auch nach ihrer Identität, ihren Ängsten, ihren Wertvorstellungen, ihrem Vertrauen in Politiker und ihrer Vorstellung davon, wie die Gesellschaft aussehen sollte. Sie stellt sich besonders dann, wenn Menschen mit geringem Einkommen für Parteien stimmen, deren Politik ihnen möglicherweise finanziell schadet, oder wenn Arbeitnehmer politische Kräfte unterstützen, die Gewerkschaften schwächen oder Sozialleistungen kürzen wollen.

Das gilt besonders im Falle Putins, den sie als den sprichwörtlichen „starken Mann“ sehen, den sie mit ihrer eigenen Generation von politischen Schlappschwänzen à la Friedrich Merz & Co. vergleichen.

Es gibt in der Geschichte noch viele Beispiele. In den 1930er Jahren gab es die „America First“ Bewegung (nein, die hat Trump nicht erfunden!), die vom berühmten Flieger Charles Lindbergh angeführt wurde und die für eine strikte Neutralität gegenüber Hitlerdeutschland warb. Gleichzeitig gründete in Großbritannien Oswald Mosely die „Black Shirts“ und die dafür war, dass sich die Briten mit Hitler verbünden sollten, um gemeinsam gegen Stalins Russland zu kämpfen. Er wurde damit zur Symbolfigur für Beschwichtigungspolitik („appeasement“).

Warum also lehnen manche Deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine ab, geben der NATO eine Mitschuld oder vertreten Positionen, die mit den Zielen des Kremls übereinstimmen? Das liegt wohl an einer Mischung aus Geschichte, politischer Enttäuschung, Medien, Weltanschauung und dem Wunsch nach Frieden.

Eine wissenschaftliche Untersuchung von Lucca Hoffeller und Nils Steiner, veröffentlicht 2024 in der Politischen Vierteljahresschrift, kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Misstrauen gegenüber den eigenen politischen Institutionen und eine Neigung zu Verschwörungserzählungen gehören zu den stärksten Faktoren, die Sympathien für Putin erklären. Die Forscher untersuchten dazu Längsschnittdaten der German Longitudinal Election Study.

Man hält die Bundesregierung für inkompetent oder unehrlich und glaubt, die etablierten Medien verschwiegen wichtige Tatsachen. Empfindet man sich selbst als von den politischen Eliten missachtet, erscheint ein Gegner dieser Eliten plötzlich als möglicher Verbündeter, nach dem Motto: „Der Feind meines Feindes ist mein Verbündeter“.

Dass Putin selbst der Führer eines autoritären Systems ist, ist zweitrangig. Wer ihn dennoch als Gegenmodell zur deutschen Demokratie bewundert, beurteilt ihn häufig nicht nach denselben Maßstäben wie die eigene Regierung.

In der DDR gehörte die Sowjetunion offiziell zum politischen und gesellschaftlichen Bezugssystem. Eine repräsentative Infratest-dimap-Umfrage aus dem Jahr 2022 zeigte, dass sich 25 Prozent der Ostdeutschen kulturell eher Russland verbunden, gegenüber sieben Prozent im Westen.

Hinzu kommen Erfahrungen nach der Wiedervereinigung: Manche Menschen in Ostdeutschland empfinden ihre Lebensleistung als zu wenig anerkannt oder fühlen sich gegenüber Westdeutschen benachteiligt. Solche Erfahrungen können das Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen verstärken. Eine 2026 veröffentlichte Studie über pro-russische politische Erzählungen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg fand ebenfalls einen starken Zusammenhang mit geringem Institutionenvertrauen und Verschwörungsdenken.

Viele Menschen wollen, dass der Krieg endet. Das ist verständlich. Doch die entscheidende Frage lautet: Unter welchen Bedingungen soll Frieden erreicht werden?

Es gibt drei unterschiedliche Überzeugungen, die aber sehr ähnlich klingen. Die einen sagen: „Deutschland sollte keine weiteren Waffen liefern.“ Andere meinen, die Ukraine solle Gebiete abtreten, damit der Krieg endet. Die dritte Gruppe sagt, Russland trage weniger Verantwortung für den Krieg als die Ukraine oder der Westen.

Die erste Aussage ist eine Position zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Die zweite ist eine konkrete Forderung an die Ukraine. Die dritte ist eine Bewertung der Verantwortung für den Krieg. Keine dieser Positionen folgt zwangsläufig aus den anderen.

Russische Staatsmedien und kremlfreundliche Netzwerke behaupten, der Westen habe den Krieg provoziert, dass die Ukraine von Nationalisten beherrscht werde oder Russland besonders friedensbereit sei. Eine Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung von 2025 kommt zu dem Schluß, dass solche Botschaften in Deutschland auf ein aufnahmebereites Publikum treffen.

Manche Menschen übernehmen diese Deutungen, weil sie ihnen bereits vertraute Überzeugungen bestätigen. Andere lehnen Waffenlieferungen schlicht aus Angst vor einer Eskalation ab, ohne Putin zu unterstützen. Beide sind nicht miteinander zu verwechseln.

Für manche Putin-Sympathisanten verkörpert Russland Werte, die sie in Deutschland bedroht sehen: nationale Souveränität, traditionelle Familienbilder, eine starke Führung und Widerstand gegen vermeintliche Bevormundung durch die EU oder die USA. Diese Sicht findet sich sowohl bei Teilen der politischen Rechten als auch bei bestimmten antiwestlich orientierten Linken. Ihre Weltbilder unterscheiden sich ansonsten erheblich. Was sie verbinden kann, ist die Überzeugung, dass die westliche Ordnung heuchlerisch, aggressiv oder moralisch unglaubwürdig sei.

Der Pyschologe Erich Fromm erklärte das Phänomen in seinem 1941 erschienenen Buch Die Furcht vor der Freiheit so: Die moderne Freiheit erzeugt ein psychologisches Dilemma weil der Mensch unabhängiger wird von traditionellen Bindungen und erlebt sich als isoliert, unsicher und machtlos. Unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen versucht er, dieser Angst zu entkommen – indem er sich einer Autorität unterwirft oder sich mit einer mächtigen Bewegung identifiziert.

Freiheit bedeutet, eigene Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen zu müssen. Das kann Unsicherheit und Einsamkeit erzeugen. Wer sich überfordert fühlt, kann versuchen, diese Belastung loszuwerden, indem er sich einer mächtigen Gemeinschaft unterordnet.

Warum unterstützten Menschen also eine Politik, die ihren eigenen Interessen widerspricht? Hier liegt eine besonders wichtige Einsicht Fromms. Er argumentierte, dass Menschen nicht ausschließlich nach ihrem materiellen Vorteil handeln. Menschen können materielle Interessen zurückstellen, wenn eine politische Bewegung Bedürfnisse nach Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Macht anspricht.

Ein wirtschaftlich bedrängter Kleinunternehmer konnte beispielsweise eine Partei unterstützen, deren Politik langfristig die wirtschaftliche Macht großer Unternehmen stärkte. Psychologisch konnte er dennoch etwas gewinnen: das Gefühl, wieder zu einer angesehenen nationalen Gemeinschaft zu gehören, einem starken Führer zu folgen und sich gegenüber vermeintlichen Feinden überlegen zu fühlen.

Russische Einflusskampagnen müssen nicht erst Unzufriedenheit erzeugen. Es genügt häufig, vorhandene Konflikte zu verstärken. Besonders wirksam sind Botschaften, die an tatsächliche Sorgen anknüpfen, wie „Die Regierung verschwendet Ihr Steuergeld“, „die Sanktionen schaden Deutschland mehr als Russland“, oder „die Ukraine will den Krieg gar nicht beenden.“

Die aktuellen Zahlen zeigen, dass man zwischen Putin-Sympathie und Ablehnung deutscher Ukrainepolitik unterscheiden muss. Laut ARD-DeutschlandTREND 2026 fanden 42% der Befragten, Deutschlands Waffenlieferungen an die Ukraine gingen zu weit. 47% der Wahlberechtigten in Ostdeutschland hielten die Bedrohung durch Russland für gering oder nicht vorhanden; im Westen waren es nur 36 Prozent.

Man sieht: Manche Menschen sehen Putin als Beschützer ihrer Freiheit, obwohl sein politisches System gerade jene demokratischen Kontrollmechanismen unterdrückt, die es Bürgern ermöglichen, ihre eigene Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an der Bundesregierung falsch oder jede Forderung nach Verhandlungen russische Propaganda wäre. Im Gegenteil: Gerade eine offene Demokratie muss ihre eigene Außenpolitik kritisch prüfen können.

Die entscheidende Frage ist, ob man beide Seiten mit der gleichen Latte messen muss. Darf Russland seine Sicherheitsinteressen geltend machen, während der Ukraine dieselben Rechte abgesprochen werden? Ist militärische Gewalt verwerflich, wenn sie der Westen einsetzt, aber akzeptabel, wenn Russland sie einsetzt? Und bedeutet Frieden lediglich das Ende der Kämpfe – oder auch, dass ein Land nicht durch Gewalt über das Schicksal seines Nachbarn bestimmen darf?

Fromm meinte, dass Demokratie nicht allein an wirtschaftlichen Krisen oder politischen Fehlern scheitert. Sie kann auch daran scheitern, dass Menschen die mit Freiheit verbundene Unsicherheit als unerträglich erleben und deshalb freiwillig nach Autorität, Unterordnung und kollektiver Macht suchen.

Es wäre also falsch, alle über einen Kamm zu scheren. Da hilft nur Diskussion und Überzeugungsarbeit. Und selbst die wird nicht alle wirklich überzeugen.

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