Das allsehende Auge von KI

The Privacy Risks of smart glasses: AI and the Loss of Personal SpaceSollen Smart Glasses verboten werden? Darüber machen sich  Informatikprofessor Patrick Glauner am Deggendorf Institute of Technology und Philipp A. Rauschnabel von der Universität der Bundeswehr in der FAZ Gedanken. Ihr Fazit: Smart Glasses schaffen neue Chancen und Herausforderungen. Europa sollte sie mit technischen Standards beherrschbar machen, statt eine neue Computing-Plattform mit der Logik der Minispione zu regulieren.

Was uns zur Frage führt: Was spricht eigentlich für oder gegen Smart-Brillen? Modelle mit Kamera und KI sind längst keine Science Fiction mehr. Hersteller wie Meta, Ray-Ban und anderen haben daraus längst mehr als eine technische Spielerei gemacht. Sie könnten sich zu einer neuen Form des Computers entwickeln, die wir ganz selbstverständlich im Alltag nutzen werden. Dafür gibt es einige gute Argumente, aber auch berechtigte Einwände.

Es gibt eine Menge Argumente dafür. Sie bieten zum Beispiel  Zugriff auf Informationen, ohne die Hände frei machen zu müssen. Das erinnert mich an den berühmten Satz „Schau mal, Mama, keine Karies!“, der aus der legendären Werbekampagne von Crest aus dem Jahr 1958, auf den klassischen Kinderspruch „Schau mal, Mama, ganz ohne Hände“ anspielte, um zu zeigen, wie Kinder dank Fluorid stolz ihre gesunden Zähne präsentierten.

Wer eine Smart-Brille trägt, muss tatsächlich nicht jedes Mal das Smartphone aus der Tasche holen. Man kann einfach eine Frage stellen, sich den Weg erklären lassen, einen Text übersetzen oder einen Gegenstand erkennen lassen – und dabei beide Hände frei behalten. Das ist besonders unterwegs oder bei Tätigkeiten, bei denen man nicht ständig auf ein Display schauen kann, praktisch.

Smart Brillen bilden eine natürlichere Schnittstelle zur KI. Anstatt etwas einzutippen, genügt eine Frage wie „Was sehe ich da gerade?” oder „Wie heißt diese Person noch gleich?” Die KI könnte dabei nicht nur die gesprochenen Fragen verstehen, sondern auch berücksichtigen, was die Kamera der Brille gerade erfasst. Dadurch würde die Interaktion mit einem digitalen Assistenten wesentlich unmittelbarer wirken.

Außerdem sind sie praktisch auf Reisen und bei der Navigation. Sie können Schilder übersetzen, Sehenswürdigkeiten erkennen oder Informationen über einen Ort liefern. Auch bei der Navigation wären sie hilfreich. Anstatt ständig auf das Smartphone zu schauen, könnte man sich die nächste Abzweigung einfach ansagen lassen. Wenn sich die Technik weiterentwickelt, könnten Navigationspfeile und andere Informationen sogar direkt ins Sichtfeld eingeblendet werden.

Für Menschen mit Seh-, Hör- oder Mobilitätseinschränkungen können Smart-Brillen beispielsweise Schilder vorlesen, die Umgebung beschreiben, Personen oder Gegenstände erkennen oder gesprochene Sprache als Untertitel darstellen. Was für den einen eine technische Spielerei ist, könnte für den anderen eine echte Alltagshilfe sein.

Gerade für Fotografen und Filmer bieten Smarte Brillen völlig neue Möglichkeiten. Mit einer Kamera auf Augenhöhe lassen sich Momente festhalten, ohne dass man erst das Smartphone hervorholen und auf das Display richten muss. Die Aufnahme entspricht dabei ungefähr dem, was der Träger selbst sieht, was spontane Fotos und Videos deutlich einfacher macht.

Es mag vielleicht zunächst paradox klingen, aber Smart-Brillen könnten dazu beitragen, dass wir unsere Smartphones weniger oft benutzen. Für eine kurze Frage, eine Nachricht, ein Foto, eine Übersetzung oder eine einfache Navigationsanweisung muss nicht jedes Mal auf einen Bildschirm geschaut werden. Dadurch könnte das Smartphone wieder stärker zu einem Gerät für Aufgaben werden, die tatsächlich einen größeren Bildschirm erfordern.

Und zuletzt können soziale Interaktion natürlicher werden. Anstatt während eines Gesprächs auf ein Smartphone zu starren, könnte der Nutzer Informationen diskret per Audio oder später über ein transparentes Display erhalten.

Argumente spricht jedoch auch eine ganze Menge. Das Datenschutzproblem ist enorm und muss dringend gelöst werden. Eine Person, die eine gewöhnliche Brille trägt, hat plötzlich eine Kamera und ein Mikrofon dabei, mit denen sie alle Menschen in ihrer Umgebung aufzeichnen kann, ohne dass die das überhaupt merken. Die Menschen wissen möglicherweise nicht, wann sie aufgezeichnet oder von einer KI analysiert werden. Dadurch entsteht eine grundlegend andere soziale Situation als bei einem bewussten Foto mit einem Smartphone.

Die ständige Überwachung wird durch die Integration von Gesichtserkennung und KI in die Brillen möglich. Diese können dann Personen identifizieren, Dokumente lesen, Gespräche analysieren und die Umgebung kontinuierlich interpretieren.

Das wirft unangenehme Fragen auf: Wem gehören diese Daten? Wo werden sie gespeichert? Wer hat Zugriff darauf?

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Abendessen jemandem gegenüber, der eine KI-Brille trägt. Da könnten Sie sich zu Recht fragen: „Hören Sie mir zu?” Nehmen Sie mich auf? Analysiert mich eine KI?” Selbst wenn der Träger nichts Unrechtes tut, kann allein die Unsicherheit das soziale Vertrauen untergraben.

Smart-Brillen lenken ab. Einer der Vorzüge gewöhnlicher Brillen ist, dass sie es ermöglichen, die Welt direkt zu betrachten. Smart-Brillen schalten eine weitere Ebene digitaler Informationen zwischen Sie und diese Welt. Das könnte im Straßenverkehr zu verhängnisvollen Situationen führen,

Außerdem kann sich KI irren. Ein KI-Assistent, der Ihnen selbstbewusst mitteilt, was er sieht, kann Halluzinationen haben oder Dinge falsch identifizieren. Das ist lediglich ärgerlich, wenn man nach einem Restaurant fragt, aber potenziell katastrophal, wenn es um die Interpretation von Verkehrszeichen, Medikamentenetiketten oder medizinischen Symptomen geht.

Und was ist, wenn der Smart-Brille auf einmal der Strom ausgeht?  Kameras, Mikrofone, Prozessoren, drahtlose Kommunikation und Displays verbrauchen alle Energie. Je leistungsfähiger die Brillen werden, desto schwieriger wird es, die Größe, das Gewicht und die Akkulaufzeit miteinander abzustimmen.

Stellen Sie sich vor, Sie blicken auf ein Restaurant und die Brille zeigt sofort eine gesponserte Empfehlung an: „Probieren Sie unser Partnerrestaurant 50 Meter weiter vorne aus.“ Das Gerät könnte potenziell wissen, was Sie gerade betrachten, wo Sie sich befinden, was Sie tun und was Sie interessiert. Dadurch ergeben sich weitaus größere Werbemöglichkeiten – und Datenschutzbedenken – als bei einem Smartphone. Der Benutzer wird zu einer lebenden Litfaßsäule.

Und schließlich gibt es auch ganz praktische Probleme mit der Privatsphäre. Wenn Smart-Brillen allgegenwärtig werden, können sich Menschen, die keine tragen, sich zunehmend aufgezeichnet und abgehört fühlen. Restaurants, Arbeitsplätze, Schulen und Behördengebäude werden sich fragen müssen, ob sie diese neue Technologie nicht letztendlich verbieten müssen. Und wer kontrolliert das? Smart-Brillen nicht alle sofort als solche erkennbar.

Aber bei der Debatte um Smart-Brillen geht es nicht wirklich um Brillen, sondern darum, ob sich die Datenverarbeitung von etwas, das wir bewusst betrachten, zu etwas entwickeln sollte, das die Welt gemeinsam mit uns kontinuierlich beobachtet.

Das Smartphone funktioniert größtenteils nach einem „Pull“-Modell: Ich möchte Informationen → Ich schaue auf mein Handy → Ich fordere sie an.

Smart-Brillen schaffen ein kontinuierliches Datenmodell: Der Computer sieht, was ich sehe, hört, was ich höre, versteht meinen Kontext und bietet Informationen an, wenn es angebracht ist. Das ist zwar enorm leistungsfähig, greift aber potenziell auch viel tiefer ein.

Für Glauner und Rauschnael ist die Antwort klar: Die Menschen müssten für Smart Glasses und deren Nutzung sensibilisiert werden. Die spanische Datenschutzbehörde hat einen entsprechenden Erlaß aufgesetzt und argumentiert so: „Das Bild einer identifizierbaren Person stellt eine personenbezogene Angabe dar, und generell ist es nicht zulässig, das Bild Dritter im öffentlichen Raum wahllos, in großem Umfang oder fortlaufend aufzunehmen – schon gar nicht, wenn diese Aufzeichnung erfolgt, ohne dass die betroffenen Personen sich dessen bewusst sind.“

Für sie ist die Sache nicht so einfach. „Die Kamera wird damit zum Sinnesorgan des Computers und in gewisser Weise zum erweiterten Sinn des Menschen“, schreiben sie. Aus einzelnen Missbrauchsfällen darf kein Generalverdacht gegen eine Technologie entstehen. Wer deswegen eine ganze Geräteklasse verbiete, trefft am Ende nicht diejenigen, die heimlich filmen wollen. Er trifft diejenigen, die Technologie und Innovation benötigen und sinnvoll und rechtmäßig nutzen – und diejenigen, die sie in Europa entwickeln wollen.

Ich vermute, dass sich diese Technologie letztendlich durchsetzen wird, jedoch nicht primär, weil die Menschen ein weiteres Gadget wollen. Sie wird sich durchsetzen, wenn sie so nützlich wird, dass die Menschen sie als normalen Bestandteil ihrer alltäglichen Interaktion mit einem KI-Assistenten betrachten – so wie Smartphones schließlich zu einer Erweiterung unserer selbst geworden sind.

Die entscheidende Frage lautet daher vielleicht weniger „Sind Smart-Brillen nützlich?“, sondern vielmehr: „Fühlen wir uns wohl damit, dass eine KI den ganzen Tag lang mit uns die Welt sieht und hört?“

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